Global denken - lokal handeln

Irgendwie ist sie doch ein wenig durcheinander geraten in letzter Zeit - unsere gute, alte Erde. Zeit für eine kurze, dadurch etwas plakative Standortbestimmung des Weltgeschehens aus anarchistischer Perspektive.

Die bleiche Fratze der Herrschenden

Wie vieles in der Entwicklung der Menschheitsgeschichte ist auch die jetzige Situation widersprüchlich. Einerseits gibt es vermeintlich fortschrittliche Tendenzen, andererseits glaube ich mich ins Mittelalter versetzt zu sehen, wenn ich mir die Begräbnisfeierlichkeiten und die Massenekstase um den Tod Kohmenis vor Augen führe. Die einfachste und brutalste Möglichkeit eine Gesellschaft kurzfristig zu befrieden, nämlich die Ermordung von zehntausenden Oppositionellen im Iran, wird ohne Skrupel vor der Weltöffentlichkeit vorgeführt. Ja, sogar noch eins oben drauf, gehen Mordaufrufe und Killerkommandos durch die Welt.

Ebenso ist in China eine Mörderclique an der Regierung, die tausende von Studentinnen und ArbeiterInnen niedermetzeln läßt und das Land jetzt mit einer riesigen Unterdrückungswelle überzieht. Die Reaktionen der internationalen Öffentlichkeit sind der KP-Spitze wohl genauso egal, als wenn irgendwo in der BRD ein Sack Kartoffeln um fallen würde.

Und schon wieder verrecken im Sudan hunderttausende von Menschen vor Hunger, nur weil die internationalen Konzerne - und als deren Instrumente IWF (internationaler Währungsfond) und Weltbank-Profite noch aus den ärmlichsten Regionen dieser Weit ziehen wollen. Dabei wird auf die nicht ausbeutbaren Menschen in diesen Regionen - kalt kalkuliert - einfach verzichtet.

Nahrungsmittel gibt es genügend für die sechseinhalb Milliarden Menschen der Erde, doch die großen Nahrungsmittel- und Saatgutkonzerne der westlichen Industriestaaten bestimmen, wer genug zu fressen kriegt und wer eben nicht (Getreide-, Butter- und sonstige Lebensmittelberge gibt‘s immer noch).

Dies waren nur drei Beispiele, wie krass Mensch en mit Menschen umgehen und wo sich leicht ohnmächtige Wut in uns breit macht, weil‘s uns in diesem deutschen Kaltlande doch immer noch besser geht und wir auf die Schnelle keine effektive Solidarität hinkriegen, die sichtbar was verändert.

Ost-West gegen Nord-Süd - die alte, neue Konfrontation

Offensichtlich hat sich der West-Ost-Konflikt in den letzten Jahren entschärft. Es findet wohl eine Angleichung der sog. “kommunistischen“ Staaten, an das westliche Weltwirtschaftssvstem statt. Mit westlichem Wissen und Kapital (und unter Anleitung von IWF und Weltbank) findet ein gigantischer Anpassungs- und Modernisierungsprozeß statt. Das mag wohl mehr Meinungs- und politische Freiheiten in den “Ostblockstaaten“ bringen, aber die Versorgung der Bevölkerung mit den Gütern des täglichen Bedarfs ist dadurch noch lange nicht gesichert. Im Gegenteil die Lage verschärft sich zur Zeit sogar.

Zudem wird das Arbeitstempo und die Arbeitshetze in den Betrieben vergrößert werden. So ist das eben in einer Marktwirtschaft, die auf egoistischer Konkurrenz aufbaut.

Und zuguterletzt ist auch keine Lösung in der “Nationalitätenfrage“ in Sicht. Wobei das Einfordern des nationalen Selbstbestimmungsrechts von Völkern in den Vielvölkerstaaten Jugoslawien und Sowjetunion nicht gleich positiv bewertet werden kann, wie die blutigen Ereignisse in letzter Zeit gezeigt haben. Religiöse und reaktionäre Tendenzen können hier zu neuen Bevormundungen beitragen.

Wie schon seit langer Zeit prophezeit, kündigt sich durch die Angleichung der Wirtschaft und der Lebensstile in Ost und West eine sich stetig verschärfende Nord-Süd-Konfrontation an. Die reichen Länder werden immer reicher und die armen Länder immer ärmer.

Die hemmungslose Ausbeutung der Natur (z. B. Abholzen des Regenwaldes), die immer enger werdende Schuldenschlinge und die Aufrüstung der sog. Dritte-Welt-Länder lassen die Lebensbedingungen der Menschen in diesen Ländern immer unerträglicher werden. Militärregierungen, Familienclans und Bonzencliquen leben dort unter Einsacken westlicher Entwicklungshilfe nicht schlecht und werden halt, wenn‘s gar nicht mehr anders geht, wieder durch neue Regierungen ersetzt. Dies geschieht meistens unter Mitwirkung der westlichen Industriestaaten und deren Geheimdienste. So kann die Wut und Empörung der Menschen sich immer wieder an den korrupten Regierungen abreagieren und die Drahtzieherlnnen und Profiteurlnnen bleiben im Hintergrund.

Optimal für die kapitalistischen Staaten sind dann natürlich Kriege wie der zwischen Irak und Iran. Da läßt sich viel Schotter mit Rüstungsgütern verdienen, neue Waffen können unter Kriegsbedingungen getestet werden und zwei Staaten sind mit sich selbstbeschäftigt. Diese können sogar noch ihre inneren Konflikte mit der eigenen Bevölkerung auf das Feindbild des Nachbarstaates ablenken.

Lebenslust und Widerstand

Doch nur Mut, nichts bleibt wie es war.

Weltweit organisieren sich Menschen gegen Ausbeutung und Unterdrückung, leisten auf vielfältigste Art und Weise Widerstand, erkämpfen sich Freiräume.

In diesen versuchen sie ihre Utopien nach einer gerechteren‚ menschlicheren Zukunft schon jetzt zu leben. Sei es in den befreiten Gebieten in El Salvador oder trotz vielen Widersprüche in dem nicaraguanischen Staat, sei es daß Menschen in Argentinien die Lebensmittelmärkte plündern, damit sie sich richtig satt essen können oder seien es die Selbstorganisationen der Schwarzen in Südafrika gegen das Regime der Apartheid, sei es die Organisierung des Volksaufstandes in Palästina oder der Kampf der australischen UreinwohnerInnen gegen die immer noch stattfindende Kolonialisierung und Ausbeutung ihrer Heimat, seien es die kämpfenden ChinesInnen oder die nach mehr gesellschaftlicher Mitbestimmung rufenden Menschen in den osteuropäischen Staaten.

Und sind es natürlich auch wir hier in den Herzen der kapitalistischen Staaten, die wir nicht auf die Propaganda der Pseudo-Demokratien hier hereinfallen und uns nicht mit politischer Mitbestimmung in Form von alle vier Jahre Kreuzchen machen zufrieden geben, sondern Selbstbestimmung und Selbstverwaltung vor allem in wirtschaftlichen, aber auch allen anderen gesellschaftlichen Bereichen fordern und erkämpfen wollen.

Durch die immer stärker werdende Vernetzung der Welt mittels Massenmedien, Dezentralisierung und Ausbreitung der multinationalen Konzerne in die letzten Winkel der Erde und dem Vorandringen der Coca-Cola-Fast-Food-Kultur in die letzten Nischen findet auch gleichzeitig eine oft, unbewußte Vereinheitlichung des Widerstandes statt. Ob Lohnabhängige in Chicago, Rio de Janeiro, Seoul, Johannisburg oder in Rüsselsheim am Autofließband stehen oder andere Akkordarbeiten erledigen müssen, ist einerlei. Die Arbeitshetze, die miese Bezahlung, die Ausbeutung ist kaum unterschiedlich, so daß eine internationale Solidarisierung erleichtert wird.

Arbeitslose in den Slums der südamerikanischen Großstädte verstehen nur zu gut die Sprache der Revolte aufgrund der Erhöhung der Lebensmittelpreise in nordafrikanischen Staaten in den letzten Jahren. Sie wissen, daß sie nicht wehrlos zu verhungern brauchen.

Frauenoffensive

Quer zu diesen ganzen Entwicklungen in der Welt steht der Kampf von Frauen, aber auch immer mehr Männern gegen das weltweit herrschende Patriarchat. In sämtlichen Staaten stellen wir hier wohl vor dem gleichen System.

Egal wie Politik gemacht wird, es haben die Männer das Sagen. Traurige Ausnahmen wie Frau Thatcher in Großbritannien bestätigen die Regel und kratzen nicht am patriarchalen Lack. Doch läßt sich international ein ständig wachsendes Selbstbewußtsein von Frauen feststellen, Verantwortung in allen gesellschaftlichen Bereichen sich zu erkämpfen und sich nicht durch die SelbstHERRlichkeit der Männer an Heim auch Herd zurückdrängen zu lassen. Die Bewegung von Frauen hat gute Chancen die weltweit größte soziale Bewegung zu werden (vielleicht ist sie es schon). Doch Frausein allein ist kein Programm und so kommt es denn auf die inhaltliche Auseinandersetzung und Qualität der Diskussionen und Aktionen an, damit HERRschaftsfreiheit und Selbstbestimmung aller Menschen jenseits von Ausbeutung und Unterdrückung erreicht werden kann.

Lokal handeln

Und was hat das alles mit uns zu tun?

Ich denke vor diesem Hintergrund wird klar, daß sowohl Frauen als auch Männer in solch einem Staat wie der BRD, in solch einer Metropole wie Frankfurt mit dem Einzugsgebiet Rhein/Main Widerstand mit internationalem, besser noch antinationalem Bezug leisten können. Denn grundlegende Veränderungen lassen sie sich wohl nur noch weltweit durchsetzen.

Ob Flüchtlinge aus Ländern, StudentInnen aus China, ob ausländische ArbeiterInnen aus Südeuropa oder aber auch US-Soldatlnnen und japanische Banker - alles trifft sich hier und wir werden mit diesen Menschen konfrontiert. Wir werden zu ihnen ein Verhältnis entwickeln, sie nach den Gründen ihres Hierseins fragen müssen und Solidarität entwickeln, lernen oder sie in ihren Funktionen bekämpfen müssen(US-Militär, KapitalistInnen, FaschistInnen). aber nicht aufgrund eines Rassismus sondern dadurch, daß wir jegliche Art von Unterdrückung und HERRschaft bekämpfen.

Die Grenze verläuft nicht zwischen den Völkern, sondern zwischen oben und unten.