Nur eine Raumbesetzung?

Während des Unistreiks haben wir uns einen Raum für uns Studentinnen erstreikt (Uni Frankfurt, Wintersemester 1988/89, romanistisches Institut, d. Red.), in dem wir uns treffen können. Der Raum ist nicht groß noch dazu ein Bibliotheksraum mit Bücherregalen an allen Wänden. Aber jetzt UNSER Raum. Und auch wieder nicht: denn wir haben keinen Schlüssel dazu und sollten auch keinen bekommen, denn als Studentinnen   haben wir kein Recht darauf, bestimmen zu können, wann und wozu wir uns an der Uni treffen wollen. Meinen diejenigen, die Schlüssel haben, nämlich die Profs. Wir meinen: wir haben ein Recht darauf. Fast ein halbes Jahr lang haben wir es auf dem Weg über die Gremien, brav nach den “demokratischen“ Spielregeln versucht. (Die Demokratie besteht darin, daß die StudentInnen als größte Gruppe an der Uni die wenigsten Stimmen haben.)

Fast ein halbes Jahr lang haben wir uns hinhalten, belügen, vertrösten, nicht ernstnehmen lassen. So lange haben wir gebraucht, um zu erkennen, was für eia Spiel da eigentlich gespielt wurde, ein Spiel nach allen Kunstregeln der Bürokratie, das uns als Gruppe lähmte und unsere Aktivitäten behinderte. Doch schließlich hatten wir die Schnauze voll vom “Dialog“ mit den ach so liberalen Herren und Damen ProfessorInnen. Und haben den Raum für eine Nacht demonstrativ besetzt. Die Besetzung hatte Erfolg. Ende Juni werden wir den Schlüssel endlich haben. Aber sie HATTE nicht nur Erfolg - sie WAR auch selbst schon einer. Davon handelt dieses Gedicht.

Donnerstag, halb sechs, in ner halben Stunde
ist sonst immer Sense hier, Feierabend. Nicht heute.
Müde von VorlesungenSeminarenSeminaren
kommen wir in unsern nichtunsern Raum.
Schlafsäcke, Saft, Brot, Bier, Kekse irgendwohin
füllen den Raum mit ein paar Fetzen Leben.
Ruhe vor dem Sturm. Plaudern, rauchen und lachen.
(Draußen ein warmer stürmischer Sommertag. Drin
stickige Luft: hier wird auch im Sommer geheizt hier gibt es
keine Jahreszeiten)

Sechs Uhr: Wir stehen in der Tür, damit sie
nicht abgeschlossen wird. Wir stehen einfach da. Die Tür
bleibt offen.
Zwei Stunden später
taucht der verantwortliche Prof auf,
nach einer Weile reden wir mit ihm.
Heute abend hat er kein Heimspiel, er ist auf Niemandsland, unserem Land
und WIR reden, nehmen uns
das Wort,
löchern Autorität, die Mauer, mit Witz und Ironie.
Er merkt: wir wissen was wir wollen, wünscht uns eine gute Nacht und geht.

Ähnliche Szenen später mit Hausmeistern und Unikanzler.
Dann sind wir unter uns und reden über das was war
und wie es weitergehen soll.
Mitternacht. Wir legen, erschöpft vom Diskutieren, Musik
zum Tanzen auf. Die Nacht fängt an.

Von dem bißchen Bier kann ich
so besoffen nicht sein wie ich mich fühle.
Vielleicht liegt es daran daß ich
mit jemanden reden konnte vertrauter als sonst an der Uni vielleicht daran
daß die Besetzung gut läuft vielleicht an der Musik.
Im Dunkeln verschwinden die Bücherregale.
Der Bibliotheksboden ist glatt, gut zum Tanzen,
die Luft voll Blütenstaub, ich muß niesen
von aufgestapeltem Wissen, Rio singt

wann wenn nicht jetzt
wo wenn nicht hier
wie wenn ohne Liebe
wer wenn nicht wir

Vier Uhr, Morgengraun, Vogelgezwitscher.
Noch Musik auf dem Flur.
Wir in den Schlafsäcken, müde und wach
lauschen dem Märchen vom cappucetto rosso
das eine auf italienisch erzählt. Sie ahmt die Stimmen nach
von Rotkäppchen, Großmutter, Jäger und Wolf.
Ich kann kein Italienisch. Ich versteh jedes Wort
das sie sagt.

Rosa Roterpanther