Schreibwerkzeugkiste

"Wir versuchen eine neue Zeitung herauszubringen!"

Als wir mit diesem Satz mehr oder weniger um-süchtig in der Szene debütierten, rollte uns zunächst einmal eine Welle von Papiermüdigkeit entgegen.

“Was? ne neue Zeitung?, wie denn, warum denn, ... wie stehts denn mit der Klassenbestimmung?“
“Ey, was solln des, gibt doch eh schon genuch Papier...“
“Was denn noch...“
usw.

Das mit dem Papier stimmt auffallend, davon gibt es nun wirklich tonnenweise was die Müdigkeit erklärt. Wir sitzen, selig über die Gewißheiten, die damit verknüpft sind, auf unseren Flugblattstapeln und können uns beruhigt zurücklegen. Papiere für jedes Thema, Papiere und Sicherheiten. Die Welt ist zu Ende gedacht.
Alles erklärbar?
Papiere also!

Durchsetzungspapiere, wo steht, was durchgesetzt werden soll, Standpapiere, wo steht, wo wir stehen, Wegepapiere, wo steht; wo‘s lang geht, Bestimmungspapiere, wo steht, wo wir im Hier und Jetzt stehen, Wir-haben-Heute-Papiere, wo steht, wo wir wieder entscheidend zugeschlagen haben, Kommt-Alle-Papiere, Seid-Kollektiv-Papiere, Hinterfragtpapiere und vieles mehr und all dies ist eminent dringend, alles notwendig und von äußerster Wichtigkeit.

Alle diese Papiere, Artikel, Reden, Flugblätter und sonstigen öffentlichen Äußerungen der “Szene“ sind an einigen “wesentlichen Merkmalen“ erkennbar. Sie sind kämpferisch, voll des Inhalts, fordernd, anklagend, aufdeckend, aber oft sterbenslangweilig.

Ganz, ganz selten schimmert, und sei es auch nur zwischen den Zeilen, die vielbeschworene “Lust am Leben“ hindurch. Gemessen an den Texten der “Szene“ dürfte die Lust am Leben nicht sonderlich groß sein.

Es sind oft Texte (Ausnahmen gibts vor allem in der “Unzertrennlich“ und im “Schwarzen Faden“) vom Trockendock unserer Träume und es läßt sich beinahe vermuten, daß die “Kraft zum Träumen“ (die ja bekanntlich notwendig ist, um kämpfen zu können) erst umständlich herbeidiskutiert werden muß, bevor aus ihr dann so was ähnliches wie langfristige Power kommt.

Nun, vielleicht soll und kann die Lust auch nicht sein, bei so viel inhaltlicher Schwere, die unsere Worte tragen müssen, vielleicht sogar unmöglich, bei einer Sprache, die wir auch zur Abgrenzung brauchen, zum Schutz, zum Angriff, krasse Bedingungen schaffen auch eine krasse Sprache.
Natürlich lesen wir, was geschrieben wird, da wird sich durchgemüht, wegen der Information, der analysierten Wahrheit und weil ja mitgeredet werden will, nachher in den Diskussionen. Mit Lust lesen aber delegieren viele in den (notwendigen?) Privatbereich. Da flüchten einige (viele?) von uns zu Büchern und Texten, die uns als Gesamtpersonen umfassender ansprechen. Dann darfs Jorge Semprun sein, oder Peter Paul Zahl, Christa Wolf oder Simone de Beauvoir?
oder...?

Da auf einmal verschafft uns Sprache Lust, Leselust, die so lang vermißte, in unserem Diskussionszusammen-Hängen?

Die Zeitung soll da eine Ausnahme werden (im Lauf der Zeit), denn es geht noch weiter. Menschen empfinden nicht nur beim Lesen Un-Lust, es gibt tatsächlich auch welche, die gerne schreiben, oder sich über einen Text in einer Zeitung in eine Diskussion einbringen möchten. Trotz allen Kampfes leben in einigen von uns noch Gelüste, am Schreiben, an Fotos, an Collagen, Bildern, Satiren, Globalanalysen und sonstigen Lebensäußerungen. Diesen Leuten soll über die Zeitung Mut gemacht werden, sich zu äußern.

Schreiben kann befreien, kann und soll Spaß machen, kann angreifen, entleeren, selbsttherapieren, sprengen.

Für Leute also, denen es mit dem Schreiben um mehr geht, als zu informieren, ist die Schreibwerkstatt bzw. Schreibwerkzeugkiste gedacht. Möglichkeiten, mit Sprache zu arbeiten, mehr damit zu erreichen, als mit persönlicher Betroffenheit für andere er fahrbar wird.

Vor allem wenn das zu Schreibende tatsächlich verstanden werden soll, reicht manchmal persönlicher Stil und einfach mal so runterschreiben, nicht aus. Anhand vieler Diskussionen und Gespräche läßt sich schon bemerken, wie schwer es sein kann, manchmal sogar unmöglich vom Gleichen zu reden, ganz abgesehen von, "verstehen, was gemeint war“. Jede/r weiß, wieviele Mißverständnisse sich in Diskussionen und Gesprächen ergeben. Genausoviele entstehen durch geschriebene Texte, wenn die Worte unglücklich gewählt sind, wenn zum Schreiben vielleicht kein so guter Bezug existiert, diese Leute aber trotzdem etwas zu sagen haben. Auch Briefe aus den Knast können oftmals mißverstanden werden, da sie die einzige Möglichkeit der Kommunikation darstellen Die oft vermittelnde Körpersprache fehlt völlig und es liegt an den Worten, an den Sätzen, ob auch genau “rüberkommt“, nach draußen, was drinnen empfunden und gedacht wird.

Texte haben dem Gespräch gegenüber auch einen Vorteil. Es kann überlegt, durch Wortwahl, Wortklang und vieles mehr einiges deutlicher gemacht werden, als durch Redewendungen. Die Schreibwerkstatt ist für Menschen gedacht, die sich in dieser Hinsicht etwas beibringen wollen. Also nicht falsch verstehen, es geht nicht um Leistungsdruck im Schreiben, es geht um Schreiblust und Verständlichkeit. Kein Gedanke also an ein Schreibseminar oder gar Belehrung.

Die Idee ging davon aus, daß schon mehrfach Leute, die in Zeitungsprojekten mitarbeiten gefragt wurden, wie das denn ginge, dieses Artikelschreiben. Leute, die sich unsicher fühlen und dennoch etwas zu einem Thema sagen wollen, denen es wichtig ist, richtig verstanden zu werden, aber an dem “Wie?“ scheiterten, was nun wirklich keine leichte Frage ist.

Wie gestalte ich einen Artikel?

Wie baue ich das verständlich auf? Wie kann ich meine Gedankengänge genau vermitteln? Welche Form des Textes ist angebracht? (Erlebnisbericht, Analyse, Satire, einfach runterschreiben?) Wie ausführlich? Welche Worte spiegeln in etwa meine Empfindungen wieder? Gibt es solche Worte überhaupt? Oder muß ich welche neu erfinden bzw. verändern?

Was überhaupt ist politisches und was ist privates Schreiben?

Diese Fragen stellen sich bei jedem öffentlichen Auftreten, ob in Form von Text oder Rede und solche Fragen könnten in der noch zu gründenden Schreibwerkstatt der Zeitung diskutiert werden (anhand von eigenen Ideen und Texten).

Ein Werkzeug, auch ein sprachliches, nicht mehr und nicht weniger als ein Hilfsmittel. Es kann keinesfalls Inhalte ersetzen So ein Werkzeug dient zur Untermalung, Verschärfung, Assoziation und kann nicht anstelle von Kritik stehen. Es verdeutlicht allzu Verschrobenes, entkompliziert Verworrenes, läßt Schwerstwiegendes verdaulich werden.

Viel Spaß und Ernsthaftigkeit also beim Fabulieren, sprachlichen Possenreißen, treffsicherem Verfälschen all der so heißgeliebten Floskeln, Parolen und Ton-Steine-Scherben-Hymnen, sowie beim Spannen sprachlicher Zwillen, damit der Haß nicht in bewegungslosen Anti-Schweinesprüchen nur noch dem Lächerlichkeit preisgegeben ist.

Das Spiel mit Worten

V e r d i c h t u n g e n

Verdichtungen sind sprachliche Abenteuer Blitze, Boshaftigkeiten, Verdeutlichungen, die mehr auslösen als langatmige, umständliche Erklärungen. Sie sprechen direkt an, ohne komplizierte Umwege.
Ein Wort wird geringfügig geändert und erfährt dadurch mehrere, weitergehendere Bedeutungen, es wird “dichter“, führt zu Assoziationen, verhöhnt, lässt stolpern.

Ein Beispiel für die Verwendbarkeit von Verdichtungen ist der "Beweisermittlungsantrag“ vom 27. Mai 1980, den Fritz Teufel nach fünfjährigen U-Haft anläßlich seiner Verurteilung wg. der Entweltlichtung des Kammergerichtspräsidenten v. Drenckmann und der Entführung des Berliner CDU-Vorsitzenden Lorenz aus dem Hut zog. Teufel Fritz, wie er sich selbst nannte, war hier sehr erfindungsreich, seine Texte voll offener und versteckter Bezüge:

"Wie Sie sehen, habe ich mich nach den Blödojes der Bundesanwälte rasiert und mir die Haare schneiden lassen, um der Welt die FRATZE DES TERRORS zu zeigen..."

‘‘Teufel Fritz‘‘ hätte natürlich das Wort Plädoyer benutzen können, mit der sprachlichen Richtigstellung von Plädoyer zu Blödoje (Blöd oje) trifft er die Wirklichkeit selbstverständlich sehr viel genauer.

Oder weiter...

“Nach allen Regeln der juristischen Haarspalterei müssen sie Gründe für die Haftfortdauer und Höchststrafen finden. So wills angeblich das Volk. So wollen die Politücker, von denen sie unabhängig sein sollen..."
Ferner spricht er von A-Libi und B-Libi:

“Damen und Herren, sehen Sie:
Fritz Teufel hat auch ein B-Libi!
Was aber ist ein B-Libi?
Davon handelt mein heutiger Vortrag.
Es folgt das B-Libi:
Das B-Libi ist kein Witz.
Das B-Libi ist ein Wort, das ich erfinden mußte, um die Schwierigkeiten meiner Lage zu erklären, die nur der kennt, der selbst einmal steckbrieflich gesucht wurde und im sogenannten Untergrund gelebt hat. (...)
Ein Alibi ist der unumstößliche, mit amtlichen Dokumenten und dem Zeugnis guter Bürger erhärtete Nachweis der sogenannten Unschuld. Ein solcher Nachweis, den auch das hohe Gericht (etwa 2m über dem gemeinen Volk thronend) zähneknirschend akzeptieren mußte. (...) Das B-Libi ist kein A-Libi, sondern sozusagen ein Alibi minderer Qualität. Das B-Libi ist eine Geschichte, die der Angeklagte nicht beweist und die das Gericht nicht widerlegen kann.“
"Es steht im Be-Lieben des Gerichts, ein B-Libi zu akzeptieren oder zu verwerfen. Darin steht die unheimliche Macht des in der bürgerlichen Verfassungs-Theorie “unabhängigen“ Richters dieser Gesellschaft.“

Soweit Fritz Teufel zur “Be-Liebigkeit“ der Justiz.

Am einfachsten lassen sich Verdichtungen schon durch bloße Großschreibungen, mit Trennungsstrichen am richtig-falschem, Platz bilden. Das kennen wir ja schomn aus diversen Flugblättern.

"... beHERRschen ... ver-HERRlichen ... ERnährer ... ReGlERungen ... NachHILFE ...“

Besser und treffender sind minimale Verfälschungen über die sich erst mal hinweglesen läßt, die aber einen kleinen Stoß versetzen und zum nochmaligen Lesen zwingen. So verwendete Arno Schmidt den Begriff der

“bundesdeutsche Nazion“.

Dann weiter, läßt sich mit Worten und Verfälschungen mehr und mehr aussagen, je nach Phantasie, Laune sowieso und Zweck.

Was in der würgerlichen Fresse steht sind ausgesprochene Leidartikel, der größte Teil einer einstmals heftigen Bewegung ist zur (im) Alter-Naiv-Bewegung degeneriert und einige kleine Zirkelchen huldigen noch immer denn hysterischen Materialismus.
Um dem Sozialabbau schon jetzt, also vor der Revolution, begegnen zu können, wäre organisiertes Einklaufen angesagt, während die eiterlich-demographische Grunzordnung seit vierzig Jahren Ausbeutung absichert. Und was die politische Bewegung überhaupt nicht gebrauchen kann sind Mehrtürer und überhaupt, seit die Rollen durcheinanderrollen, sind wir alle wieder sehr zerrrtlich zueinander.

Die Verdichtung des Jahres (im Sinne von etwas sagen, wie es ist, ohne es zu wollen) kam von Bundesanwalt Pflieger im Startbahnprozeß. Die Verteidiger beschwerten sich über die Sperren, die sie zu durchlaufen hatten, von Betreten des Gerichtssaals und beantragten, diese Sperren sofort entfernen zu lassen Bundesanwalt Sowieso entgegnete darauf: “Ich denke nicht, daß diese Sperren der Wahrheitserfindung hinderlich sind.“

Treffender und wahrheitsgetreuer hätte selbst “Teufel Fritz“ es nicht formulieren können.

Die Bundesanwaltschaft sprach tatsächlich von “Wahrheitserfindung“ und ließ sich nicht einmal vom ansetzenden Lachsturm aus der Fassung bringen. Schließlich ist das auch ihre Aufgabe, Wahrheit zu erfinden. Das Lachen bleibt im Halse stecken, denn bei dieser Wahrheitserfindung geht es um Menschen, zuletzt Ingrid Strobl, die für erfundene Wahrheiten fünf Jahre Knast bekam.
Eine einzige Silbe (er..), eingefügt in das richtige Wort zur richtigen Zeit, entlarvt die Lüge vom Rechtsstaat besser, als das dicke Bücher und gewichtige Flugblätter hätten tun können.

Zum Schluß dieses Abschnitts soll noch ein schönes Beispiel von Erich Mühsam angeführt werden, (in “Abrechnung“, 1918, Aufbau-Verlag, Berlin, 4. Kap.) der schrieb:

"...aber das Volk fühlt sich doch vertreten und ahnt gar nicht, mit wie tiefer Berechtigung diesen Ausdruck vom Wortstamme Tritt abgeleitet wird.“

Mühsams Gedanke läßt sich auch ganz einfach durch eine Silbentrennung und Großschreibung wie “Parteien ver-Treten das Volk“ oder der/die “VolksverTreter“ ausdrücken und damit auch, was ganz allgemein von einem demokratisch-bürgerlichen Parteiensystem zu halten ist.

B e i m  W o r t  n e h m e n
(absichtliche Konkretisierungen)

Damit ist eigentlich alles gesagt, nicht wahr?
Interessant wird das ‘‘Beim Wort nehmen‘‘ immer darin, wenn dadurch ein, entgegengesetzter Sinn entsteht, dann vielleicht auch ein Angriff:

Da gibt es das Beispiel des Hauptmanns, der den Soldaten fragt bzw. anbrüllt (während des politischen Unterrichts):
"Soldat, wozu brauchen wir die Bundeswehr?‘‘ (Und damit eine konkrete Antwort hören will, wie etwa Verteidigung oder den Schmonses von der Friedenssicherung) und die Antwort erhält: ‘‘Jawohl, Herr Hauptmann, frage mich auch ständig, wozu eigentlich!!!“

Eine weitere absichtliche Konkretisierung wäre beispielsweise so ein Wörtchen wie "wohnhaft in...". Im Stadtteil Gallus in Frankfurt steht an einer den unsäglichen kasernenähnlichen “Sozialwohnblöcke" der Hellerhofsiedlung groß das Wort “Wohnhaft“ gesprüht. Knapper, deutlicher hätte die Wohnsituation der Menschen dort nicht ausgedrückt werden können. Kein großes Wort vom Lohnklau durch Miete usw. hätte verständlichen die Enge, Unterdrückung, Wut über die Wohnsituation be-greifen können, wie dieses eine Wort an genau dieser Wand.

Als letztes Beispiel, gewissermaßen um denn Appetit anzuregen, selbst solche Begriffe aufzustöbern, nochmal ein Abstecher in die tristen Gefilde den Politik. Wie jede/r weiß, lebt die “Politik“ von Phrasen, Unüberlegtheiten und sprachlichen Unsäglichkeiten, und da ist keine Partei, keine Bewegung, keine politisch sich äußernde Initiative ausgenommen. Da trifft entweder meterdickes Pathos, schlichte Lügerei oder ganz einfach befremdliche Selbstüberschätzung. Am dreistesten sind hierbei natürlich die Parteien, und Sprüche wie “Wir sind Europa“ liegen einfach nur schmerzhaft im Magen.

Aus der linksradikalem, Ecke kommen manchmal Sätze, vor allem in BekennerInnenschreiben, die von entscheidenden Schlägen gegen das imperialistische System reden, von Erschütterungen, vom Stand des Kampfes.
Natürlich müßte an dieser Stelle ein ellenlanger Exkurs beginnen, warum es meiner Meinung nach völlig daneben gegriffen ist zu glauben, dieses weltweit operierende, in abertausend miteinander verzahnten Organisationseinheiten strukturierte und von daher sehr flexible kapitalistische System wäre erstens “lokal“ und zweitens durch einen einzigen Angriff auch wirklich “entscheidend“ zu treffen. Die Betonung liegt hier ganz ausdrücklich auf dem Wörtchen "entscheidend“.
Die Fehleinschätzung, die in einem Satz steckt wie: "... wir haben heute dem imperialistischen System einen entscheidenden Schlag versetzt...“, läßt sich auch ohne viele Worte darstellen. Diesem Satz, eingefügt in einen anderen thematischen Zusammenhang, beispielsweise als Erklärung für eine völlig (in “revolutionärer“ Hinsicht) belanglose Aktion, ist dann seine Absurdität leicht abzulesen.

Das Verzerren einen solchen Parole ins Groteske ist unbedingt solidarisch gemeint. Es geht ja gerade darum, Angriffe zu starten, es geht ja darum, das auch sprachlich zum Ausdruck zu bringen.

Es gibt durchaus Texte, die den “Herrschenden“ weitaus mehr Kopfzerbrechen bereiten dürften, gerade weil diese Texte nicht in völlig unzulänglichen Weise von ‘‘entscheidenden Schlägen“ reden, sondern von ganz konkret machbarem Möglichkeiten etwas durchzusetzen, (z. B. die Angriffe auf Adler), hier und heute.

Genau diesen Verzerrungsversuch unternahm ein “Volkszählungsboykottberater Alois Mieselprim" ‘in der Aktion Nr. 28:

"Wir haben heute den Kampf in der Metropole zu einer neuen Qualität verholfen. Im Frontabschnitt Gutleutviertel haben wir dem militärischen Sektor einen entscheidenden, teilweise sogar proletarischen Schlag versetzt. (..) Wir haben nämlich die 3. US-Panzerdivision in die Flucht geschlagen... nun ja... vorerst... als Übung gewissermaßen... real nur deren Musikkapelle, die einen Umzug durch das Wohnviertel veranstalten wollte."

Und ähnlich, ein Stück weiter, wird mit absichtlichen Konkretisierungen die Isolation dargestellt, in dem sich linksradikale Politik befinden kam:
‘‘Endlich, endlich, endlich...
Ahlen Unkenrufen zum Trotz... sie ist da, bei uns,
will wiederkommen,
die Arbeiterklasse
kam heute, in Gestalt zweier Menschen, Bögen hatten sie keine dabei, aber Fragen, wie das ginge, mit denn Boykott, und ob wir eine Fußballmannschaft hätten. Wir haben sie sogleich über den historischen Materialismus und die Rolle des Metropolenproletariats im Emanzipations- und Befreiungskampf auf der Straße und in der Fabrik aufgeklärt. Natürlich auch über die Formen der Erweiterung des erkennenden Subjekts in Relation zur Selbstbefreiung durch identitätsbezogene Provokationen des sich transformierenden Ichs.

Sie meinten, daß das klar ginge, und daß sie es weitersagen würden.“

E r f i n d u n g e n
(Klangassoziationen, Wiederholungen)

Es gibt Situationen, die machen einfach sprachlos! Es fehlen buchstäblich die Worte, so etwas beschreiben zu wollen, ist dann auch meist maßlos und schwer möglich.

Wenn sie in ihrem Dunst
öffentlich Worte gegen uns tappen
springen manchmal Schatten
voraus stolpern
aus dem versprecher
verbrecher

Christian Geissler

Dann hilft es vielleicht weiter, Worte zu erfinden und mit dem Klang eines Wortes oder Wortaneinanderreihungen bzw. auch Satzaneinanderreihungen bestimmte Gefühle zu erzeugen. So läßt sich eine langweilige Stimmung provozieren durch Verwendung immer des gleichen Worts und des gleichen Satzbaus, dann... dann... Die DadaistInnen arbeiteten mit diesen Formen, wie etwa die Musikgruppe “The Blech“ rausschreit: Verbrennt, verfluut, des Schweines... “, diesen Satz immer lauter werdend wiederholt, was letztlich in ein Gewirr von herausgeschrieenen Silben übergeht. Silben, die frieren machen.

Wortklänge können Gefühle, Bilder hervorrufen. So benutzen Autoren und Autorinnen in ihren Romanen oft klang-volle Namen, um allein mit dem Klang schon eine Vorstellung beim lesenden Menschen hervorzurufen.

So Heinrich Mann in, dem Abitursklassenquälroman “Der Untertan“, dem Untertan den Namen Diederich Heßling gibt. Was läßt sich unter Heßling vorstellen? Etwas kleines, feistes, unterwürfig-autoritäres, wie es gedacht war? Bei mir hat der Name diese Vorstellung jedenfalls hervorgerufen.

Peter Paul Zahl arbeitet in seinem Buch “Die Glücklicher“ (Schelmenroman) sehr häufig mehr Klangassoziationen um spezifische Stimmungen darzustellen. So beispielsweise die folgende Situation, die den meisten, die in Wohngemeinschaften gelebt haben, bekannt sein dürfte und durch die Verwendung des immergleichen "Stell dir vor‘‘ in ihrer Tristheit auch sehr gut übermittelt wird:

“Stell dir Jörg von, der mahnt und schließlich selber aufräumt, stell dir Ilona vor, die mahnt und dann die Kinder selbst in den Kinderladen bringt, stell dir Jörg vor, der den Obergenossen mit Bakunin schlägt und abwäscht, stell dir Ilona vor, die gerade gelesene Ideen aus rundum anerkannten Bücher (Schwarzer Umschlag) mit der kruden Wirklichkeit vergleicht und Fenster putzt, stell dir Jörg vor, der zum Hausmeister rennt, vier Mal, und mahnt die Heizung auch an den Wochenenden anzulassen, da Kinder in der Etage seien sie doch mal Mensch, stell dir Ilona vor, die sich trotz Reichlektüre weigert, mit denn Obergenossen zu schlafen, mit jedem anderen, jeder anderen hier gern, aber nicht mit dem, stell dir Jörg vor, der Katzenstreu kauft und Eier, der Brot kauft und Nudeln, Reis und Tomaten, Speck, Butter und Mehl und Milch, stell dir Ilona vor, die dem Obergenossen und den Untergenossinnen und den Untergenossen die jüngst gelesenen und nur zu gut verstandenen Theorien vor Augen führt, ihre Praxis damit zu vergleichen, stell dir Jörg vor, der den Bulli repariert und die Küche schrubbt, (...) stell dir Hans vor, die von Ausbeutung durch Genossen spricht, stell dir einen Obergenossen vor, der daraufhin nichts besseres weiß, als darauf hinzuweisen, daß schließlich er das meiste Geld in die Kommune eingebracht, stell dir Jörg vor, der von Tauschwertcharakteren spricht, stell dir Untergenossen vor, die gegen ihre eigenen Interessen den Obergenossen verteidigen und von marxistischer Terminilogie angewidert sind, wie sie sagen. Stell dir Ilona und Jörg vor, wie sie ihre riesige Matratze zusammenrollen, ihre Habe in einen großen Sack stecken, die Kinder noch einmal füttern, die Katzen zum Abschied streicheln, drei Treppen im Hinterhaus eines Gebäudes in den Waldemarstraße hinunterwanken und davonfahren.“

schreiben können
wär eine prima
alternative
dem kitsch
ein hart entgegentreten

der eispickel
- dahinter weiß ich
authentisches -
der watte trifft.

rauswühlen

schreien
wär eine prima
alternative
maxie.
schreien.
beschreiung
befreiung. dann:

leben

Mit diesem etwas ausführlichen Beispiel wird die Schreibwerkzeugkiste für heute geschlossen. Ich wäre den Menschen, die sich bis hierher durchgelesen haben, dankbar, wenn sie schreiben würden, ob sie mit der Idee der Schreibwerkstatt bzw. Werkzeugkiste etwas anfangen konnten, was verbesserungswürdig wäre usw. Am Erfreulichsten wäre es natürlich, wenn andere Leute diese Werkzeugkiste mit vervollständigen, wenn Anregungen z. B. auch zu Artikeln in diesem Heft kämen.

Die Schreibwerkzeugkiste soll im nächsten Heft fortgesetzt werden und dazu wäre es gut, wenn mehrere Leute sich daran beteiligen.

Sumsel Bobbeck