Zwischen Schwarzem Block und Grauen Panthern

Vom Altern der Chaoten

“Du bist und bleibst ein Chaot‘, sagt der langjährige Freund und frühere “Mitchaot“, der heute eine mäßig florierende Werbeagentur betreibt. So etwas wie Zärtlichkeit durchzieht die Kritik und ein wenig Herablassung. “Was bringt Dir nur dieses Engagement ein? Was kommt für dich dabei heraus und darin: “In deinem Alter sollte man sich doch in realistischeren Kategorien bewegen, was das Politische angeht.“ So spricht der grüne Realo. Spätestens bei der letzten Bemerkung durchfährt es mich heißkalt, im nächsten Jahr werde ich 40, in Worten, vierzig. Ein bis vor kurzem für mich noch nicht vorstellbares Alter. Ich verband mit diesem Alter stets alles, was ich auf dieser Welt nicht ausstehen konnte. Den Vater, gegen den sich meine erste Rebellion richtete, die Lehrerinnen und Vorgesetzten, die einem das Leben versauten, wo immer sie Gelegenheit dazu bekamen und vor allem: stromlinienförmige Karriere, Daddys in Anzügen auf dem Weg in Büros. Dies war mein Hauptfeindbild der vergangenen Jahre der Rebellion.

Nun bin ich selbst hart an der Schallmauer und immer noch ein "Chaot". Eigentlich ein Grund zum Freuen meinen einige meiner Freundinnen. Aber bei mir selbst will sich die richtige Freude nicht einstellen. Zu wenige Altersgenossinnen gibt es in der Szene. Zu viele sind unterwegs verlorengegangen durch Knast, Drogen oder, wie das Gros, in der zuvor heftig bekämpften bürgerlichen Gesellschaft. Die Einstiegsdroge heißt hier “Die Grünen“. Beteiligung an der Macht und Geld ist es, was selbst ehemalige StreetfighterInnen euphorisch und abhängig macht, wie von Kokain. Was einen ihres Alters bei “denen“ hält, ist für sie meist nicht begreiflich. Irgend etwas kann da nicht stimmen.

Das Fehlen der Mit-Vierziger und Spät-Dreißiger führt zu paradoxen Reaktionen. So stellte ich vor kurzem bei einer Veranstaltung im H VI (Uni Ffm.) fest, daß ich mich über das Erscheinen einiger Leute kindlich freute, die ich noch vor einigen Jahren ideologisch auf das unsachlichste bekämpft hatte. Und jetzt diese Wiedersehensfreude.

Alte Kategorien geraten ins Wanken! Die alte Ordnung ‘‘unserer‘‘ Szene ist im Schwinden begriffen.

Aber halt!
Ist sie nicht schon vor fast 10 Jahren verschwunden? Das war die Zeit als wir, damit meine ich die “Nach 68er“, endlich unsere K-Gruppen-Traumata überwunden hatten und dabei waren, uns in den diversen Nischen und Ecken des Kapitalismus einzunisten. Es war die Zeit der Projekte und des Wortes “Alternativ“, bei dem heute fast alle anfangen zu gähnen. Eine schöne und gemütliche Zeit. Eine Zeit des in der Kneipesitzens und einer nach allen Seiten offenen Solidarität.

In diese wohlige Atmosphäre, in die wir uns vor dem deutschen Herbst (1977) gerettet hatten, platzten nun zwei Dinge. Erstens tauchten in unseren bevorzugten Plätzen (Batschkapp, etc.) plötzlich seltsam zurechtgemachte Jugendliche auf, die in Permanenz schnorrten und auch sonst ziemliche “GeistgeherInnen“ waren.

“Punks“ nannten sie sich, und ihr Hauptanliegen war, uns, die wir diese Subkultur miterschaffen hatten und uns als originären Teil ihrer selbst fühlten, klarzumachen, daß wir eigentliche der Entfaltung “ihrer“ Rebellion im Wege standen. Es war ein Schlüsselerlebnis für Leute, die es bislang gewöhnt waren zu rebellieren, daß hier eine Revolte im Gange war, die sich auch und •im speziellen gegen sie selbst richtete. Ihre Hauptwaffen waren eine ziemlich schwer zu ertragende Musik und das Wort “Hippie“ als Schimpfwort. Eine Zeit der widerwilligen Anpassung begann. Haare fielen und im Plattenregal standen Platten mit den seltsamsten Namen. Im Gegenzug übernahm ein großer Teil dieser Punks, unter denen es viele, wie wir heute sagen würden „Marginalisierte“ gab, unsere Ideologien. Diese Synthese aus kampfbereiten Punk-Jugendlichen und den kampferprobten Siebziger-Anarchaos, der Frankfurter “Szene-Chronist“ Horx nennt sie “Polit-Freaks“, schuf das Phänomen der achtziger Jahre: "Die Autonomen".

Diese, schon wegen ihrer Herkunft ziemlich resistent gegen fast jedes gängige Mittel wie Wasserwerfer, Knüppel, etc., hatten sich, mit einigen Einkreuzungen rnarxistisch-leninistischer Ideologien (vor allem in Kreuzberg oder Hamburg), bis heute auf der Szene gehalten und die Kämpfe der letzten Jahre bestimmt. Daneben entstanden zur gleichen Zeit, z. B. in Berlin sogen. "Anti-lmperialistische" Gruppen. In ihrem Selbstverständnis militante KommunistInnen. Zwischen ihnen und den mehr anarchistisch geprägten Autonomen entwickelte sich im Lauf der Zeit eine Rivalität (es geht doch hier nicht um bloße Rivalitäten, d. T.), die dem Kampf gegen den gemeinsamen Gegner Staat keinen Abbruch tat. In der letzten Zeit beginnen sich die Grenzen zu verwischen. Auch und vor allem bedingt durch die Kampagne zum Hungerstreik der politischen Gefangenen in diesem Jahr. Wer weiß, vielleicht wird diese Synthese das politische Subjekt der neunziger Jahre!

Alle diese Veränderungen der Achtziger Jahre erlebte ich schon mehr als Zuschauer, denn als handelndes politisches Subjekt.

Die Demo, sie war uns in den Siebzigern wichtigstes Ritual, gleichzeitig Kampfmittel und Kommunikationsmittel, begann uninteressanter zu werden. Man/Frau traf nicht mehr dort die alten MitkämpferInnen aus 78 und 79 (Antifa/El Salvador). Auch auf der Straße hatte sich ein Generationenwechsel vollzogen. Die neuen Leute, die Autonomen, waren kompromißloser als wir, und vor allem als es die Studies und Spontis waren. Anders als ihre VorgängerInnen hatten die meisten von ihnen nicht die Möglichkeit des Rückzugs in eine bürgerliche AuffangstelIung. Das machte ihren Widerstand härter, aber auch authentischer.

Zu dieser Zeit zog ich mich und mit mir noch viele andere in ein neues Phänomen zurück, es hatte den seltsamen Namen “Bürgerinitiative“ kurz BI genannt. Hier war die Welt wieder überschaubaren und hier trafen sich auch wieder viele der ehemaligen NischenbewohnerInnen.

Um die wichtigsten zu nennen: Startbahn BI und Antifa BIs. Diese BIs waren zu einem Teil, ich will nicht behaupten nur, Rückzugsplätze und Reservate der nun auch vom biologischen Altern erfaßten Anarchaos der Siebziger. Das Auftreten von Leuten wie Alexander Schubart, der schon über 50 war, machte auch dem, von einer Vorahnung der “Midlife Krise“ heimgesuchten Dreißiger wieder Mut. Da hatte man/frau ja noch gut 20 Jahre in Petto.

Als sich aus den BIs und anderen Inis dann schließlich die “Grünen“ herauskristallisierten, verlor ich einen Gutteil meiner MitchaotInnen. Zumindest die PädagogInnen sahen nun endlich die Möglichkeit, sowohl radikal zu sein als auch Beamte. Für mich war dies keine Alternative. Es war mir, mittlerweile ein Altanarcho, zu unehrlich und dazu stehe ich heute noch. Für meine FreundInnen war die Ablehnung schwer nachvollziehbar, bot sich ihnen doch hier ein Ausweg aus einer Sackgasse. Der bekämpfte Staat, offensichtlich ein Masochist, war bereit, via Grüne, die verlorenen Söhne und Töchter in bester christlicher und auch sozialdemokratischer Tradition, ungeachtet ihrer Verachtung für ihn, wieder in seine patriarchalen Arme zu schließen.

Für die Übriggebliebenen begann eine trübselige Zeit. Auf den Demos lief ich einsam herum, von den Autonomen beargwöhnt als Zivi (man/frau hatte da so ihre Vorstellung). Die Staatsmacht wiederum pflegte jeden älteren Anarchisten a priori als RZ-verdächtig einzusortieren. Hin- und hergerissen zwischen der Resignation und dem “Ausstieg“ aus der Politik des Widerstandes und einer diffusen Sehnsucht nach Erneuerung beschloß ich Mitte der Achtziger Jahre nunmehr Mitte Dreißig noch einmal einen Versuch zu machen.

Schnell mußte ich jedoch feststellen, daß meine Erfahrungen, die ich so gerne in den “Dienst der Sache“ gestellt hätte keinen interessierten. Die Skala der Ablehnung reichte von Gähnen bis hin zu manchmal absolut miesen Bemerkungen. (Liegt das wirklich an den Erfahrungen, d. T.?)

Ich stellte fest: Die Leute mochten nicht zuhören, und es dauerte lange bis ich in der Lage war, dies zu begreifen. Wo ich erwartet hatte, als verdienter “Anarchist“ geachtet zu werden, fand ich mich auf einmal als eine Art Don Quichote wieder, der mit wehenden schwarzer Fahne immer noch die gleichen Angriffe gegen immer noch die gleichen Windmühlen ritt wie von zehn Jahren. Eine Erkenntnis, die weh tat. Nach einem kurzen Zwischenhoch bei den Libertären Tagen beginnt nun wieder das Nachdenken über die Verknüpfung der eigenen Zukunft mit der Zukunft der Bewegung des Anarchismus, des Anarchosyndikalismus. Wobei für mich die Kernfrage ist: Sind wir eine Jugendbewegung? Ist es wie bei den Jusos und bei 35 ist Schluß. Oder - und das ist für mich persönlich wichtig - kann man in der Szene auch noch 40-50jährige verkraften.

Für mich als Älteren ist der Balance-Akt zwischen Erfahrung vermitteln und belehrenden Klugscheißerei natürlich immer schwierig. Auch ist es mir nicht mehr möglich, mich einer Szene-WG anzupassen und deren Lebensstandard zu teilen. Warum auch? Wollten wir nicht besser leben? Warum soll ich dann schlechter leben? Auch Armut sollte für Anarchistinnen und Autonome kein Dogma sein. Daß die Armen die besseren Menschen sind, glaubt heute nicht einmal der verbohrteste Pietist.

Geblieben ist mir eine tiefsitzende Abneigung gegen Pünktlichkeit, Anweisungen, Befehle und Ungerechtigkeiten jeglicher Art. Es ist dies, was uns alternde ChaotInnen für den Kapitalismus gleichzeitig so unbrauchbar und wichtig macht. ChaotInnen findet man/frau bevorzugt bei Zeitungen, in Werbung, Funk und Fernsehen, völlig klar fast immer als freie MitarbeiterInnen. Jegliches Korsett ist ihnen verhaßt, dafür sind sie kreativer. Die weitaus meisten findet man/frau jedoch auf den Arbeits- und Sozialämtern. Sie hangeln sich von “Maßnahme zu Maßnahme“, halten sich mit “Projekten“ über Wasser oder arbeiten ungarantiert in sogenannten Alternativbetrieben (Bioläden/Kneipen, etc.) Auch sie sind, wie die jüngeren Autonomen, mit ihrem Status und ihrer Lebenssituation alles andere als zufrieden. Mit diesen zusammen hat die Kumpanei der Mächtigen in diesem Staat, was alle Parteien (auch die Grünen), die Gewerkschaften und die Kirchen einschließt, sie in das letzte Drittel der Gesellschaft gedrängt, das nicht vom “Aufschwung“ der Achtziger Jahre profitiert. Aus ihren früheren Hochburgen, den WGs in der Stadt verdrängt und geistig beklaut von den Yuppies und zumeist ohne Aussicht auf Rente oder ähnliche Wohltaten, wäre es an der Zeit, daß auch diese Altersgruppe sich noch einmal auf ihre Tradition der Rebellion besinnt und mit den Jüngeren in den Ring steigt, in dem zur Zeit die nächste Runde für die neunziger Jahre eingeläutet wird. Es geht gegen Nazis, Sozialabbau, Patriarchat, Repression. Zu gewinnen gibt es für uns eine bessere Zukunft für die Kinder und die Einlösung einiger Utopien. Hören wir also auf Vergangenes aufzuarbeiten, beenden wir die Trauerarbeit um Verlorenes und wenden wir uns endlich der Zukunft zu, die auch für uns immer wieder beginnt, wenn wir nicht aufhören, dafür zu kämpfen.

Willie


Wer nach diesen« Artikel noch nicht genug von der Vergangenheit hat, dem empfehlen wir das Buch “Aufstand im Schlaraffenland“ von Matthias Horx. Horx früher und heute "Pflasterstrand-Mitarbeiter" mit einem Intermezzo als Yuppie und Zeitgeistlicher bei Dekadenz-Illustrierten “Tempo“ (taugt nicht zum Nasenputzen und auch sonst zu nicht viel, kostet aber fünf Mark), vermittelt in diesem Buch “Selbsterkenntnisse einer rebellischen Generation“. Ein Buch bei dem man/frau trotz einigen Magenschmerzen unter dem Strich das Gefühl hat, etwas zu erfahren. Für jüngere ein voyeuristisches Vergnügen, für die Älteren ein permanentes Deja vu Erlebnis. Vor allem die geschilderten Charaktere sind sauber herausgearbeitet. Viele von uns können sich unschwer erkennen. Einzusortieren wäre nur noch der Autor. Er war und ist einer von denen, die es verstehen zuzuhören, wenn sich andere gerne reden hören, aber am Ende aufstehen und das Gesagte zusammenfassen, was ihm den Beifall einbringt ohne große Denkleistung. Ein Chronist im besten Sinne also. Trotzdem: Empfehlung.

“Aufstand im Schlaraffenland“, Verlag Carl Hanser, 19,80 DM