»Voraussetzung dafür, daß wir uns wehren, ist daß wir Gewalt erkennen...«

Am 6. Juni 89 wurde an der Frankfurter Uni von Frauen das Kommunikationszentrum (Koz) im Studentlnnenhaus besetzt. Das Koz ist seit vielen Jahren Treffpunkt der linken Studie-Szene.

Zuerst dokumentieren wir das Flugblatt der Frauen zur Besetzung. Danach folgt der Bericht einer Frau  als “Innenansicht“, dem sich die “Außenansicht“ eines Mannes anschließt. Die Artikel entstammen der gemeinsamen Nachbesprechung der beiden AutorInnen.

Frauen besetzen das Uni-Koz

Frauen werden durch direkte bzw. unterschwellig immer vorhandene Gewalt aus Räumen wie z. B. dem Koz ausgeschlossen. Deshalb schliessen wir heute Männer aus.
Das Koz ist dabei nur ein Symbol für andere öffentliche Orte, aus denen Frauen herausgedrängt werden. Das passiert durch subtile Gewalt wie Anstarren, Anquatschen, aber auch verstärkt durch direkte Gewalt wie Angrabschen, frauenfeindlichen Äußerungen oder eine Gestik, die Erniedrigung von Frauen und Vergewaltigung simuliert. Auch wenn sich nicht alle Männer offen frauenfeindlich verhalten, stört sie das Verhalten ihrer Geschlechtsgenossen offenbar nicht. Viele Männer zeigen durch ihre fehlende Reaktion, daß sie die Anmache nicht als Gewalt gegen .Frauen empfinden bzw. daß sie stillschweigend damit übereinstimmen. Das Koz ist ebenso ein Feizeitraum für Frauen wie für Männer.
Während sich Männer dort “ungezwungen“ verhalten, wird die ritualisierte Gewalt, die im Koz stattfindet, für Frauen zum Spießrutenlauf. Deshalb erobern wjr Frauen uns heute das Koz zurück!

Gewalt findet nicht nur im Koz statt. Für Frauen ist sie ebenso präsent in Aufzügen, langen Gängen usw. Oft steigen Frauen eher aus, wenn sie alleine mit einem Mann im Aufzug fahren, weil sie sich bedroht fühlen. Diese Bedrohung muß nicht immer durch eine real vorhandene Gefahr bedingt sein, sondern erwächst auch der subjektiven Wahrnehmung, die geprägt ist durch tatsächliche Erfahrungen bzw. die allseitige Möglichkeit von Gewalt.
Gewalttätig ist ebenso das typische Redeverhalten von Männern in Seminaren. Durch ein aggressives Redeverhalten oder durch Pseudowissenschaftlichkeit von Redebeiträgen werden Frauen aus Diskussionen verdrängt. Zusätzlich verschleiert die sogenannte Allgemeingültigkeit der Lehrinhalte, daß Wissenschaft, wie sie jetzt stattfindet, zumeist von Männern sowohl in der Wissenschaftsproduktion als auch in ihren Untersuchungsobjekten geprägt ist. Die Lebensrealität von Frauen kommt in der Wissenschaft nicht vor.
Weil Gewalt durch Männer Alltag für Frauen ist, ist es für uns oft umso schwerer Gewalt überhaupt als solche zu erkennen. Viel eher zweifeln wir an unserer eigenen Wahrnehmung oder an unseren Fähigkeiten, uns durchzusetzen.
Voraussetzung dafür, daß wir uns wehren ist, daß wir Gewalt erkennen, daß wir darüber reden. Deshalb laden wir alle Frauen ein; ins Koz zu kommen, mit uns zu reden und zu feiern.

Die Besetzerinnen

Eindrücke einer Besetzerin

Aufgrund bekannt gewordener Vergewaltigungen während des Unistreiks im Winter 1988 in Berlin (darunter mindestens eine während des UNi-MUT-Kongresses vom 6. bis 9.1.89) mußte Gewalt gegen Frauen sowohl in Berlin direkt als auch an der Frankfurter Uni thematisiert werden. In Berlin sprengten Frauen den Kongreß und in Frankfurt fanden sich Frauen zusammen, um eine Vollversammlung zu organisieren. In einzelnen gemischten (Frauen und Männer) Gruppen fanden ebenfalls Diskussionen dazu statt.
In der Vollversammlung wurden zunächst Redebeiträge verschiedener einzelner Frauen und Frauengruppen gehalten (dazu gibt‘s ein Reader, der über den AStA, Jügelstr. 1, 6000 Frankfurt  bestellt werden kann).

In der Vollversammlung, die zunächst Frauen das alleinige Rederecht einräumte, aber Männer zuließ, orientierten sich die Diskussionen letztendlich immer wieder am Verhalten der Männer, stillschweigende Unterstützung usw.
Und als dann auch Männer sprechen durften, gingen die Beiträge von "Ich bin kein Vergewaltiger“ bis hin zu “Ich bin das Schwein“ und “Ich habe viel von Frauen gelernt".
Letztendlich fand keine Auseinandersetzung statt - weder unter den Frauen als auch unter den Männern.
Die Nachbereitungsgruppe der Vollversammlung entwickelte sich zur Vorbereitungsgruppe für einen Aktionstag von Frauen gegen Gewalt gegen Frauen.

Warum wurde das Koz besetzt?

Orte, an denen sich unsere Ängste und unsere Strategien der Verdrängung festmachen, gibt es viele. An der Uni sind es der Turm, das Koz, der Campus... Vor allem in der Nacht, aber eben auch tagsüber in der Öffentlichkeit, die eben nicht unsere Öffentlichkeit ist. Männer bestimmen das Bild, die Stimmung und auch unser Verhalten. Die Koz-Besetzung am 6.6.89 ist eine Antwort auf die vielen Situationen, in denen wir uns hilflos fühlten, oder die wir gar nicht mehr wahrnehmen, weil wir eh nicht mehr alleine irgendwo sind. In der Regel beziehen wir uns als Männer, weil dann ‘‘wirken“ wir auch “besetzt“. Kein Mann nimmt uns mehr als “allein“ war, sind wir mit Frauen unterwegs.

Das Koz ist an der Uni der Ort, wo sich zumindest ein Teil der “Szene“ trifft. Die Leute, die in "freierer" Atmosphäre als beispielsweise in der Cafeteria Kaffee trinken und dort auch länger sitzen wollen. Andererseits ist es ein öffentlicher Raum, der nicht Nische ist, unbemerkt sowohl von Frauen als auch von Männern.

 

Verlauf der Besetzung

Die Besetzung begann am 8.30 Uhr mit 20/30 Frauen, die voller Tatendrang und guter Laune begannen, die Örtlichkeiten in und um das Koz umzugestalten. Fenster wurden verhängt, Transparente gemalt, Flugblätter auf dem Campus verteilt. Als dann die ersten Männer kamen, gingen die Reaktionen von Erstaunen über “was geht mich das an“ bis “wo soll ich meinen Kaffee trinken?“. Die meisten nahmen das Flugblatt und gingen wieder.
Je mehr Männer vorm Koz zusammenkamen, desto mehr veränderte sich die Situation. Nachdem sie sich in ihrer Selbstherrlichkeit gegenseitig bestätigen konnten, wurden auch die Angriffe massiver. Triumphierend ließen sie Frauen Kaffee aus dem Koz rausholen und machten Frauen so zu ihrem Dienstmädchen. Ihrem Stolz, damit die Absichten der Besetzerinnen zu unterlaufen, ließen sie freien Lauf.
Gegen 12 Uhr begannen im Koz Selbstverteidigungsvorführungen, bei der ca. 70 Frauen anwesend waren. Jede Möglichkeit von außen zu spannen, ein Blick zu erhaschen, wurde genutzt. Man(n) war sich nicht zu schade durch die kleinste Ritze zu spähen. Die Kommentare drückten letztendlich aus, was viele wohl dachten: Jetzt rüsten die Frauen...
Danach begann die Frauenvollversammlung, die von Anfang an gestört wurde, indem es draußen immer lauter wurde, und drinnen das Gefühl der Bedrohung aufkam. Ein Gespräch kam nur schleppend in Gang, einige Frauen wollten, sind vor die Tür, suchten damit auch die Konfrontation.
Der permanente Angriff, der sich optisch daran festmachte, daß 20-30 Frauen direkt vorm Eingang wich bereit machten, Frauen vom Campus aus sich zunächst durch eine aggressive Männermasse quetschen mußten, die sexistischen Sprüche immer massiver wurden, immer wieder versucht wurde, einzelne Frauen zu verunsichern.
Bei uns entwickelte sich ein/e extreme Wut/Hass bis hin zu denn Gefühl, die Männer zum Schweigen bringen zu müssen. Wegen anderer Frauen mußten wir unsere Wut aber zurücknehmen, auch lernen damit umzugehen.
Die erste positive Solidarität kam von einem ausländischen Kommilitonen, der unser Recht auf Selbstbestimmung als politische Gruppe hervorhob und sich damit einer Militanzdiskussion von seiten anderer Männer aussetzte. Immer wieder wurde uns vorgeworfen, Diskriminierung mit Diskriminierung zu beantworten. Gewalt gegen Frauen würde durch Gewalt von Frauen ausgetauscht.
Letztendlich liefen fast alle Gespräche, Sprüche und Kommentare darauf hinaus, uns Frauen spalten zu wollen: wir sollten uns von Militanz distanzieren, die Anspielungen auf Ansehen, Schönheit, Attraktivität sollten uns verunsichern.
Unsere Stärke ließ ihnen wohl keine andere Wahl.

Die Vorbereitungsgruppe hatte sich den Dienstag gewählt, weil abends im Koz Kneipenabend ist, eine selbstorganisierte Möglichkeit, sich auch abends zu treffen. Obwohl wir es uns ursprünglich abends härter vorgestellt hatten als tagsüber, fanden wir abends eine Atmosphäre vor, in der wir uns mit anderen Frauen, die wir zum Teil kaum oder gar nicht kannten, unterhalten konnten. Schade war, daß das Fest so nicht stattgefunden hat- die meisten von uns waren schlichtweg erschöpft. Die wenigen Männer, die abends kamen, griffen unserer Wahrnehmung nach zur Selbsthilfe und hielten sich abseits. So konnten wir damit leben. Gerüchteweise haben wir gehört: auch dieses Verhalten hatte eine Provokation sein sollen...

Die Koz-Besetzung ist für uns eine gemeinsame Antwort auf die permanente Gewalt gegen Frauen. Sie war bestimmt als Möglichkeit, Männer mit unserer Wut zu konfrontieren, uns offensiv zu verhalten und uns nicht in unsere von Männern zugestandener Nischen zurückzuziehen. Auf daß wir uns nicht mehr in unsere Nischen zurückziehen und uns die Räume nehmen, die wir wollen!

Schwarze Fee

Draußen vor der Tür

Warum ich als Mann mit anarchistischem Anspruch zur Koz-Besetzung was schreibe? Ganz einfach, weil die Aktion der Frauen gegen ein bestimmtes Männerverhalten gerichtet war und sie dadurch unser Männeralltagsverhalten an das Licht der Öffentlichkeit zerrten.
Und es ist bei weitem nicht so, daß sich alle Männer in ihrer traditionellen Männer/Mackerrolle wohl fühlen.

Deshalb habe ich mich spontan gefreut, als ich sah, daß die Frauen das Koz besetzt hatten, aber ich wußte auch gleichzeitig, daß das eine Kritik auch an mir selbst bedeutete.
Ich stellte mich also flugs unter .die abgewiesenen Männer vor dem Koz, um die Reaktionen mitzubekommen.
Zuerst mußte ich innerlich grinsen, wie jämmerlich einige Männer reagierten, sich aufplusterten, aus ihrer gewohnten Rolle geworfen zum Teil deftige Witze über die Frauen rissen. Sie spielten sich aber auch als Frauenbeschützer auf und schickten, ganz hinterhältig befreundete Frauen zum Kaffee holen ins Koz und amüsierten sich noch darüber, daß diese Frauen die Frauensolidarität dadurch durchbrachen (“den Emanzen haben wir‘s aber gezeigt“).
Es gab aber auch erstaunlich viele Männer, die verwirrt das Flugblatt der Frauen entgegennahmen, es in Ruhe lasen und noch etwas irritiert durch die Gegend schauten, aber dann doch die Besetzung akzeptierten bzw. tolerierten und sich wortlos von dannen trollten.
Als allerdings gegen Mittag eine größere Menge Männer vor dem Koz standen, schaukelten sich diese durch markige, sexistische Sprüche gegenseitig hoch (“komm, wir Stürmen den Laden“, “wie sieht denn die aus", “eigentlich geh‘ ich nie in‘s Koz, aber heute will ich rein“), so daß die Stimmung laut und aggressiver wurde. Einige überlegten gar, das Koz zu stürmen.

Als ich diese Entwicklung mitbekam, schlug bei mir die freudige Stimmung in Wut um und ich spürte, daß ich mich dazu verhalten mußte, nicht als Beschützer der Frauen, sondern aus dem ureigenen Bedürfnis heraus, diesen Knalltüten ein anderes Männerbild/verhalten entgegenzusetzen.
Da noch einige andere Männer aus der Männergruppe des Plenum von AnarchistInnen und Autonomen and der Uni Frankfurt anwesend waren, denen es genauso ging wie mir, stürzten wir uns in die verschiedenen Grüppchen, die immer noch erregt gegen die Besetzerinnen polemisierten. So erreichten wir zumindest, daß ein Teil der Aggressionen abgezogen wurden, die sich dann aber zum Teil auf uns richteten. Wie tief die Verunsicherung der Männer durch die Kritik von uns Männern saß, läßt sich daran erkennen, daß z. B. ein Mann einen von uns als Schwulen bezeichnete. Ein altes Klischee, das ein bezeichnendes Bild über sein Verständnis von Sexualität zeichnet. Zudem müssen ja Männer, die sich so verhalten schwul sein, und wenn sie dann noch eine Männergruppe machen erst recht.
Ich traf aber auch auf ein kumpelhaftes Anbiedern, in dem der Sexismus verteidigt wurde (“jeder Mann guckt doch ‘ne Frau von oben bis unten an, was sie dran hat“). Und außerdem seien die Frauen heutzutage so selbstbewußt, daß sie den Männern in den Discos in den Arsch kneifen oder gar an die Eier gehen. Was für Männerphantasien, die zugegebener Maßen auch von Frauen verinnerlicht werden können. Aber was sind das für zwischenmenschliche Verhaltensweisen, was für eine Sexualität oder gar Erotik!
Am schwierigsten fand ich die Diskussion mit einer Frau, die die Männer verteidigte und die Frauenaktion angriff und ich mich in eine Frauenverteidigungsposition drängen ließ. Verkehrte Welt!
Als sehr selbstbewußt und dominant auftretende Frau wollte sie sich von keinem/r vorschreiben lassen, was sie zu tun oder zu lassen hat (sie wollte Kaffee für ihren Freund holen und wurde dabei von Frauen angerempelt, ob aus Absicht oder nicht, konnten wir nicht klären, doch so verkehrte sich ihre anfängliche Sympathie für die Besetzung in das Gegenteil). Mit Mühe konnte ich ihr erklären, daß ihre Wut, ihr persönlicher Frust sich nicht gegen die Aktion an sich bzw. gegen das Ziel (das Thematisieren von Männergewalt) richten dürfe.
Was für mich in den ganzen Diskussionen wichtig war, ist das Zurückgreifen können auf Diskussionen, die ich in verschiedenen Männerzusammenhänge schon geführt hatte. Und so konnte ich auch ein Verständnis dafür entwickeln, daß Männer sich teilweise so beschissen verhalten können. Das hat natürlich viel mit Eigenbeobachtung zu tun, wie man(n) als Mann, auch wenn man(n)‘s nicht will, immer wieder in patriarchale Verhaltensweisen zurückfällt.
In einer Männergruppe lassen sich diese Probleme und die Suche nach einer neuen, HERRschaftsfreien Männeridentität besser angehen. So kann dann auch eine Männersolidarität mit Frauen geleistet werden, ohne sich an Frauen anbiedern zu wollen.
Wir Männer haben, wenn auch wohl etwas spät, aktiv in das Geschehen vorm Koz eingegriffen. Wir haben klar als Männer gegen Männergewalt Position bezogen, uns und andere durch Erfahrungen und Diskussionen verändert. Was wir uns gewünscht gehabt hatten, es aber nicht gepackt hatten zu organisieren, wäre eine Männer-Vollversammlung zur gleichen Zeit gewesen als sichtbares Zeichen der Solidarität von Männern und als Bedürfnis zur eigenen Veränderung.
Ich denke und hoffe, daß etliche Männer durch diese Aktion der Frauen zum Thema “Männergewalt“ und daher auch zu sich selbst sensibilisiert wurden. Auf daß es noch viele weitere Frauenbesetzungen gibt und daß auch mal Männer Aktionen zu diesem Thema machen.

Thomas Mann