Editorial

Von den vielen Reaktionen auf die erste Nummer der AFAZ sind wir recht angetörnt und haben uns mit Elan auf die Produktion der Nr. 2 gestürzt.

Dabei haben wir den guten Rat einer Leserin beherzigt, die uns empfahl, uns mit der Nr. 2 lieber etwas Zeit zu lassen. Die Artikel haben ein halbes Jahr gereift, gegärt und sind nun (hoffentlich) schmackhaft. Natürlich haben wir jeden Satz auch genau diskutiert. Spaß beiseite: Etliche Grundsatzdiskussionen, z. B. über das Zeitungskonzept und ein bißchen Pech mit der Technik nahmen soviel Zeit in Anspruch, daß die Zeitung eben erst jetzt erscheint.

Zudem müssen wir fast alle arbeiten, und die meisten RedakteurInnen sind auch noch Eltern. Kinder und unser Alltag haben bei uns Vorrang. Schließlich wollen wir nicht nur von einem anderen Leben schreiben, sondern dies auch praktisch umsetzen. Kampf den Ansprüchen und dem Leistungsdruck! Wir haben auch mal schlechte Tage und keinen Bock.

Die erste Nummer der AFAZ ist, ohne daß wir groß Werbung gemacht haben, fast ausverkauft. Daher haben wir die Auflage erhöht und wollen nun verstärkt die Zeitung auch in die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen hineintragen. Wir hoffen, daß so die AFAZ weiter Kreise erreicht.

Dazu brauchen wir natürlich auch die Hilfe von euch LeserInnen und WiederverkäuferInnen. Die beste Werbung ist immer noch die Mund-zu-Mund-Propaganda und natürlich überzeugende und ansprechende Inhalte.

Fragt doch auch bei eurem Buchladen, Cafe, Zentrum, Bibliothek, Kiosk..., ob sie nicht die AFAZ verkaufen wollen. Auch auf Demos könnt ihr mit der AFAZ präsent sein.

An dieser Nummer haben wieder einige Leute mitgeholfen beim Setzen und Drucken, mit Fotos, Artikel, Gedichte, Comics, eben mit Rat und Tat. Dafür möchten wir uns bedanken. Dies kommt zwar unserer Vorstellung vom Zeitungsmachen entgegen, aber trotzdem sind wir noch zu wenig Leute, um die AFAZ auf Dauer fortführen zu können.

Übrigens schöne Grüße an‘s Kollektiv KRASS nach Kiel.

Zum Vertrieb der AFAZ im deutschsprachigen Gebiet (Schweiz, Österreich, DDR...): Unsere bestehende Kontakte über die Region hinaus werden wir zwar nutzen, doch liegt unser inhaltlicher Schwerpunkt im Rhein-Main-Gebiet. Wir wollen aber die Themen so aufarbeiten, daß sie allgemein verständlich sind. Daß also Ereignisse aus der Region zum Anlaß genommen werden, unsere Kritik an den herrschenden Verhältnissen zu erläutern und Alternativen für ein freies, lustbetontes Leben aufzuzeigen.

Für in Gefängnissen, Psychiatrien, Heimen... gefangengehaltenen Menschen gibt‘s die AFAZ natürlich umsonst.

Aufrufe und ähnliches drucken wir nur ab, wenn wir auch inhaltlich voll dahinter stehen, sie also mittragen und unterschreiben können. Bei euren Zuschriften schreibt immer bitte dazu, was veröffentlicht werden soll/kann und überlegt euch, ob ihr den Beitrag mit eurem Namen oder sonstwie unterschreiben wollt.

Da der Umfang dieser AFAZ von den geplanten 40 Seiten auf 60 Seiten gewachsen ist, müssen wir den Preis auf 5.- DM erhöhen. Für die Abos bleibt der alte Preis.

Redaktionsschluß für die AFAZ Nr. 2 ist der 1. April 1990. Erscheinen soll die Nummer dann im Mai.


Selbstverständnis

Wir versuchen jeglicher Herrschaft ein Leben in Lust und Freiheit entgegenzusetzen. Wir, Frauen und Männer, begreifen uns den feministischen bzw. anarchistischen und autonomen Bewegungen nahestehend oder sind darin aktiv. Wir meinen, daß wir und diese Bewegungen sowohl in der Theorie als auch in unserem alltäglichen Leben viel voneinander lernen können.

Dazu soll die AFAZ Informationen, Gedanken und Gefühle an Menschen, die sich angesprochen fühlen, vermitteln und Mut machen, sich selbstbewußt für eine freie Gesellschaft einzusetzen. Hauptbezugspunkt wird für uns das Rhein-Main-Gebiet sein, da wir hier leben und Kontakte zu verschiedenen Menschen und Gruppen haben bzw. suchen wollen.


Zum Namen der Zeitung

Konkretes Ergebnis unserer nach der ersten Nummer wieder aufgenommenen Diskussion über den Zeitungsnamen war, daß wir in Zukunft zwar den Namen "afaz" beibehalten wollen, (damit keine allzu große Verwirrung bei den KäuferInnen und Abonnentlnnen entsteht), die Bezeichnung "anarchistisch feministisch autonome Zeitung" aber nicht mehr auf die Titelseite soll. Stattdessen soll die Zeitung von Nummer zu Nummer wechselnde Untertitel bekommen, wie in dieser Nummer auch schon. In Selbstdarstellungen, Werbeanzeigen usw. bezeichnet die afaz sich künftig als "Zeitung für ein HERRschaftsfreies, selbstbestimmtes Leben". Im Folgenden kurz die Gründe dafür, wie sie sich im Laufe unserer Diskussion (vor allem über die Leserlnnenbriefe zum Thema) ergeben haben:

Mit den "Etiketten" auf der Titelseite (anarchistisch, feministisch, autonom) wollten wir zum Ausdruck bringen, in welche Richtung wir mit dieser Zeitung arbeiten wollen. Menschen, die mit diesen drei Begriffen oder nur einem oder zweien von ihnen etwas anfangen können, würden sich von dem Titel angesprochen fühlen, dachten wir. Gleichzeitig aber hatten und haben wir den Anspruch, gerade auch Leute zu erreichen, denen diese Begriffe gar nichts sagen bzw. für die diese Begriffe negativ besetzt sind (z. B. Anarchie = Chaos.) Wie nun diese beiden Absichten zusammenbringen? Daß wir in der Zeitung, durch die Zeitung diese drei Begriffe neu mit Inhalt füllen wollen, darin waren wir uns einig. Aber sie weiterhin auf der Titelseite zu lassen, so vielbenutzt und dadurch sinnentleert oder sogar in ihr Gegenteil verkehrt, wie sie nun mal sind, schien uns nicht mehr sinnvoll, wenn wir wirklich den Versuch machen wollen, mit dieser Zeitung auf neue Leute zuzugehen.


Zum Zeitungskonzept

Klar ist es so, daß die Zeitung oder ihre Redaktion nicht "anarchistischfeministisohautonom" (uf) ist, sondern nur in diese Richtung arbeitet, mit allen Schwierigkeiten, wie sie im Leserinbrief beschrieben sind. Daß der Untertitel von seiner Formulierung her in dieser Weise mißverstanden werden konnte, war ein weiterer Grund, ihn von der Titelseite zu nehmen.

Ebenfalls einleuchtend die Kritik (die mehrfach kam), ein gemischtes Zeitungsprojekt könne sich nicht "feministisch" nennen. Zumal von den männlichen Redaktionsmitgliedern sich keiner als "feministisch" bezeichnet, kamen wir zu dem Schluß, daß "antipatriarchal" das passendere Wort für die Zielrichtung der Zeitung ist.

Problematischer sehen wir den Vorwurf der "fehlenden Verankerung in der Bewegung". Wir interpretieren diesen Vorwurf so, daß eine politische Zeitung nur dann entstehen kann/darf, wenn es vorher in einer oder mehreren politischen Gruppen Diskussionen gab, aus denen heraus sich der Wunsch nach einer Zeitung entwickelte. Obwohl alle von uns (Redakteurlnnen) auch in anderen politischen Gruppen aktiv sind, finden wir, daß eine Zeitung-machen sehr wohl auch aus dem individuellen Bedürfnis danach legitimiert werden kann, ohne daß alle möglichen Gruppen dazu befragt werden müssen. Wir möchten auch nicht, daß die individuelle Kreativität des/der einzelnen durch eine Art "Bewegungs-Ober-Ich" eingeschränkt wird, was leider nur zu oft der Fall ist. Wie viele Artikel und Leserlnnenbriefe werden nicht geschrieben, oder - wenn geschrieben - nie abgeschickt, weil sie dem/der VerfasserIn "nicht politisch genug" erscheinen!"

Die Redaktion