Schon"wieder"vereinigung: Toleranz statt Dogmatismus

Mit diesem Beitrag soll weniger das konkrete Verhältnis zwischen BRD und DDR beschrieben werden. Vielmehr ist die "Wieder"vereinigungsdiskussion nur ein Aufhänger für grundlegendere Gedanken um Demokratie und Anarchie, Toleranz und Vorurteile.


Ehrlich gesagt, auch mir standen Tränen in den Augen, als ich am 9. November 1989 die Bilder aus Berlin nach Öffnen der Mauer sah. Jenseits von allen politischen Wertungen und Analysekategorien spielte sich dort vor allen Augen der Welt zu tiefst menschliches ab. Fremde Menschen vielen sich an den Grenzübergängen um den Hals, weinten, waren glücklich, diesen Tag zu erleben. Das einander Trennende - eine Grenze, eine tödliche Mauer - war durch den Auf-Stand einer jahrzehntelang unterdrückten Bevölkerung durchlöchert worden.

Der Gang der Dinge

Wir hier im Westen können es wohl schlecht nachempfinden, was dieser Tag für die Menschen in der DDR bedeutete. Die meisten sind in totalitären Regimen aufgewachsen, sei es die Nazi-Diktatur oder die Diktatur des "Proletariats". Sie wurden gegängelt und bevormundet, bespitzelt und in den inneren Rückzug getrieben. Und nun packten sie ihre historische Chance, um einen großen Schritt in Richtung Freiheit zu machen, nicht unbedingt die Freiheit, die die Regierung der BRD und die Konzerne hier meinen. Beeindruckend für mich war, wie das Ganze ins Rollen kam: Nicht durch irgendeine "revolutionäre" Partei, es sei denn als Gegenreaktion zur Diktatur der SED, auch nicht durch irgendwelche "FührerInnen"persönlichkeiten. Nein, die Menschen selbst hatten es satt, so zu leben und suchten sich ihre Trampelpfade hin zu einer für sie besseren Perspektive. Und die hieß erst einmal Flucht. Zuerst über Ungarn und die Botschaften der BRD in Warschau und Prag. Als diese Fluchtbewegung dann nicht mehr verheimlicht werden konnte, entstand dann der Druck von der Straße her in vielen Städten der DDR, aber besonders in Leipzig. Das Selbstbewußtsein und die Selbstsicherheit der DemonstrantInnen wuchsen von Aktion zu Aktion. Frei nach dem Motto: Wer die Freiheit einmal gerochen hat, kann nicht mehr zurück.

Was wollen die DDR'lerInnen

Das Spannende ist aber zu sehen, daß die meisten Menschen in der DDR, über die Zustände in der BRD doch sehr gut informiert sind. Zumindest besser als umgekehrt. Auf dieser Basis entwickelte sich eine zweischneidige Gefühlslage. Einerseits: wer in der zentralen Planwirtschaft jahrelang den Mangel und die schlecht Versorgungslage miterlebt hat, ist erst einmal von der westlichen Warenflut überwältigt. Nach dem ersten Tag in Westberlin konnten die wenigsten BesucherInnen aus der DDR ihre Eindrücke in Worte fassen. Andererseits wissen sie auch, daß das Leben in der BRD kein Zuckerschlecken ist. Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot und Obdachlosigkeit, Leistungsdruck und Ellenbogenmentalität sind nicht gerade positive Merkmale einer kapitalistischen Gesellschaft. So ist es für mich kein Wunder, daß viele Menschen in der DDR in die BRD mal gerne zu Besuch kommen, doch ansonsten vom Wiedervereinigungsgeschwafel die Nase voll haben. Was zählt sind praktische Verbesserungen in ihrem Alltag. Und die DDR als Kolonie der BRD - das ist nicht das, für was sie in so beeindruckender Weise gekämpft haben.

Trotzdem bricht sich bei einem kleineren Teil der Bevölkerung jahrzehntelang unterdrückter Nationalismus, ja sogar Neonazismus die Bahn. Mit voller Wucht drängen diese Menschen an die Oberfläche der Öffentlichkeit und bestimmen die Diskussionen. Doch ist die zentrale Frage nicht die "Wieder"vereinigung - da gibt es in allen politischen Lagern die unterschiedlichsten und schwammigsten Ansichten. Viel eher geht es doch darum, daß sich die Menschen gegen autoritäre Tendenzen in einer Gesellschaft wehren und die Perspektive einer sozial gerechten und ökologisch orientierten Gesellschaft ohne Herrschaft weiterentwickeln, egal ob in einem "wieder"vereinigten Deutschland oder in zwei unabhängigen Staaten oder auch in einem "Gesamteuropa". Denn, wie schon so oft gesagt: Die Grenze verläuft nicht zwischen Staaten, Völkern und Nationen, sondern zwischen oben und unten.

So wird denn in der DDR jetzt nicht die Anarchie - also eine herrschaftsfreie Gesellschaft - entstehen. Zu sehr sind die Menschen noch in ihren alten Denk- und Handlungsstrukturen verfangen. Sie wollen jetzt erst einmal einen besseren Staat mit Leuten, die ihr Vertrauen genießen, d. h. auch freie Wahlen. Und auf jeden Fall ist dies für die Menschen dort ein großer Fortschritt und eine bessere Basis, um hin zu mehr Gerechtigkeit und Solidarität zu kommen. Was dies konkret bedeutet, wird sich erst im Laufe der Zeit zeigen. Wichtig scheint mir, daß, solange die Menschen noch mobilisiert sind, möglichst viele Formen der Kontrolle des öffentlichen Lebens durch basisdemokratische Strukturen eingerichtet werden. Nur dadurch kann verhindert werden, daß sich wieder die SED, irgendeine andere Partei oder irgendwelche Führungspersonen in Machtpositionen festsetzen und nicht mehr zu vertreiben sind.

Demokratie und Anarchie

Als Linke in der BRD können wir hierzu einen Beitrag leisten, indem wir uns von dem frischen Wind aus der DDR antörnen lassen. Denn gerade hier wird es jetzt nötig sein, Druck gegen die WiedervereinlerInnen und AbsahnerInnen zu entwickeln. Wir müssen denen genau auf die Finger schauen und auch draufhauen. Und vor allem müssen wir sie beim Wort nehmen, wenn sie Demokratie schreien. Sogar der Begriff ist widersprüchlich. Demokratie bedeutet Volksherrschaft, doch wer ist das Volk - "Wir sind das Volk!" - und wer herrscht dann noch über wen und warum überhaupt? Ist das dann Basisdemokratie? Und wenn's niemand mehr gibt, über den geherrscht wird, dann haben wir doch auch keine Demokratie mehr, sondern wohl Anarchie (= Herrschaftsfreiheit). So wäre doch Anarchie die Utopie, das Ziel, an dem sich unser Handeln orientieren sollte und nicht Demokratie. Diese kann doch nur ein Zwischenschritt sein. Also stehen doch Demokratinnen unter dem Zwang, Herrschaft zu rechtfertigen, oder?

Wir wollen keine pseudo-politische, parlamentarische Demokratie, sondern Selbstbestimmung und -verwaltung in allen Bereichen, aber vor allem in der Wirtschaft. Wählen wir doch in Betriebsversammlungen in freien und geheimen Wahlen unsere Betriebsleitungen selbst. Bestimmen wir doch unseren Arbeitsplatz, die Arbeitszeit und die Arbeitsbedingungen selber. Produzieren wir doch gesellschaftlich und ökologisch sinnvolle Güter und keinen Militär- Konsum- oder sonstigen Schrott. All das nutzloses Rumsitzen von ParteifunktionärInnen, SoldatInnen, KapitalistInnen etc. könnten wir in Ruhe vergessen. Leisten wir das, was wir wollen, und nicht das, was uns abgezwungen wird. Welch ungeahnte Kreativitätspotentiale würden dabei freigesetzt werden. Wir sind doch nicht blöde, stumpfsinnige Maschinen! Neben dem Recht auf Arbeit könnte so auch das Recht auf Faulheit für alle seinen Sinn bekommen.

Vorurteile oder Toleranz?

Also, Auf geht's. Im Osten wie im Westen, im Norden wie im Süden. Zeigen wir den Herrschenden, daß der Wind gegen sie pfeift. Wir können von einander lernen, sollten uns aber in unserer Unterschiedlichkeit auch akzeptieren können. Wie schwierig das ist, ist mir allerdings schon vor dem großen Mauerdurchbruch aufgefallen. Mit welchen Vorurteilen auch bei Menschen mit linkem Anspruch gearbeitet wird, ist schon beachtlich. Jedoch, sind wir wirklich schon die besseren Menschen?

Eins fiel mir jedenfalls auf. Sitzend auf unserem Wohlstandsmüll wurden den DDR-Flüchtlingen, die schließlich alles ins Rollen brachten, Spott und Ängste entgegengebracht nach dem Motto: die sind doch eh alle Rep-WählerInnen, die kommen vor mir auf die Sozialwohnungsliste, die arbeiten für jeden Lohn, die wollen nur hier abstauben. Also, das Leben ist in der Regel etwas komplizierter. Klar sind bei den Ausreisewilligen auch Arschlöcher dabei, doch schauen wir mal in die eigenen Reihen?! Und wenn bei den ÜbersiedlerInnen Reaktionäre und Rechte dabei sind, sollen die dann in der DDR bleiben und die Linke dort sich mit denen rumschlagen. Die guten Linken - KünstlerInnen und Intellektuelle -, die dürfen kommen, der Rest soll in der DDR bleiben?

Und auf einmal das Argument, das seien alles Wirtschaftsflüchtlinge, welches in der Asyldiskussion von der Linken immer strikt abgelehnt wurde. Ich denke, was die Vorgänge in letzter Zeit gezeigt haben, ist, daß wir mit unseren Analysen etwas vorsichtiger sein müssen. Weder Rasse, Klasse, Religion noch politische Einstellung sagen wirklich was über die Eigenschaften und den Charakter eines Menschen aus. Vielleicht sollten wir die ganzen Kategorien etwas beiseiterücken und einfach mehr zuhören, was uns jeder einzelne Mensch von sich und seiner Geschichte zu sagen hat. Erst dann kommen wir weg von einem Vorurteil hin zu einem Urteil. Allerdings, wenn dann Menschen Ausbeutung und Unterdrückung verteidigen und auch ausüben, werden wir ihre Ansichten und Handlungen aktiv bekämpfen müssen.

Aktiv mitmischen

Zuletzt denke ich, daß wir in einer historischen Phase leben. Weltweit werden sich die Gewichte verschieben. In solchen Zeiten ergibt sich immer auch ein Vakuum, welches durch aktives Handeln gefüllt werden kann. Die Menschen suchen nach neuen Orientierungen. Wer da als AntiautoritäreR beiseite steht und zuschaut, wird erleben, wie reaktionär und nationalistisch gesinnte Menschen versuchen werden, wieder festen Fuß zu fassen. Sozialismus oder Barbarei? Solange es Menschen gibt, wird wohl auch beides möglich sein. In uns, in jeder Gesellschaft ist das Potential für Gut und Böse - oh wie pathetisch - immer vorhanden. So ist denn die alltägliche Auseinandersetzung mit sich und seiner Umwelt im Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung ein wichtiger Bestandteil unserer Utopie von einem besseren Leben. Und darum: leben, lieben, lachen und... kämpfen.