Interview Frauenbuchladen Frankfurt

Angeregt durch die Diskussion innerhalb der Frauengruppe des neuen Zentrums in Frankfurt haben wir uns wieder einmal gefragt: Wie war denn das damals bei den Anfängen der Frauenbewegung anfangs der 70er Jahre? Haben sich die Diskussionen oder Theorien seitdem geändert oder wie wurden sie weitergeführt. Was ist geblieben von den aus diesen Diskussionen entstandenen Frauenprojekten?

Naheliegend war es für uns in Frankfurt zu schauen, was es da noch so alles gibt. Spontan fiel uns dazu z. B. der Frauenbuchladen, das Feministische Frauengesundheitszentrum (FFGZ), das Frauenhaus oder das Frankfurter Frauenblatt ein. Wir haben gemerkt, daß wir nicht viel wissen über das Entstehen, den Verlauf und den Stand dieser Projekte, über ihre politischen Theorien und über ihre Praxis.

Kurzum haben wir uns deshalb entschlossen, die dort arbeitenden Frauen einfach einmal zu besuchen. Wir wollen sie fragen, ob sie Lust haben, ein Interview für die AFAZ zu geben. Angefangen haben wir mit einem Besuch im Frankfurter Frauenbuch laden.

Carmen und Ursel aus der Redaktion


Ulrike, mit der wir das Interview geführt haben, ist Soziologin, 33 Jahre und arbeitet seit 1980 im Frauenbuchladen.

Den folgenden kurzen Überblick über Entstehung, Geschichte und Organisation des Frauenbuchladens haben wir aus Teilen des Interviews und aus einem von Ulrike geschriebenen Kapitel aus dem Buch "Der große Unterschied - Die Frauenbewegung in den 70er Jahren" (Berlin: Elefanten Press 1988) zusammengestellt.

Der Frauenbuchladen in Frankfurt, Kiesstr. 27, wird 1976 von Frauen gegründet, die in der Frauenbewegung aktiv sind: teils in Frauengruppen innerhalb linker Organisationen ("undogmatischer" Revolutionärer Kampf, Uni-Spontis, Sozialistische Hochschulinitiative), teils im "Weiberrat oder im Frauenzentrum. Der Frauenbuchladen entsteht also in der Hochphase einer starken, lebendigen Frauenbewegung; zu einer Zeit, als in der ganzen BRD alternative und Frauenprojekte ins Leben gerufen werden. Die Buchladen-Frauen verstehen ihr Projekt als politisch, als Teil der Frauenbewegung, und nicht als Geschäft. Sie vertreten eine "explizit feministische Position" (Ulrike); dabei gibt es jedoch Verbindungen zur autonomen Linken und Spontis. Finanziert wird der Frauenbuch laden anfangs durch privat aufgenommene Kredite, Anleihen bei FreundInnen und Büchergutscheine. Der Buchladen wird anfangs als Kollektiv von 10-12 Frauen organisiert; jede soll alles machen bzw. lernen, alle bekamen gleich viel bzw. wenig Geld für ihre Arbeit, d. h. keine der Frauen kann von ihrer Arbeit im Buchladen leben. Es ist auch noch nicht viel buchhändlerisches Know-how erforderlich, da das Sortiment noch wenig umfangreich ist. 1978 zerbricht das Kollektiv an unterschiedlichen feministischen Ansätzen und Lebensentwürfen, die u. a. bei den Diskussionen um die Frage "Männer im Frauenbuchladen?" deutlich werden.

Die Auseinandersetzung endet mit dem Auszug derjenigen Frauen aus dem Kollektiv, die eine Öffnung des Buchladens auch für Männer ablehnt. Seitdem gilt bis heute die Regelung, daß Männer in den Buchladen kommen und dort kaufen können, der Buchladen aber trotzdem "vorrangig ein Ort für Frauen "ist.

Gleichzeitig ändern die Buchladen-Frauen das Organisationskonzept des Ladens. Sie richten eine feste, bezahlte und sozialversicherte Vollzeit-Stelle ein, die auf zwei Jahre befristet ist, d. h. alle zwei Jahre erhält eine andere Frau aus dem Kollektiv diese feste Stelle. Die anderen arbeiten unentgeltlich einen Tag pro Woche im Buchladen. Entscheidungen werden nach wie vor nach Diskussion im wöchentlichen Plenum getroffen. Die Absicht mit diesem neuen Konzept ist einerseits, eine langfristige Perspektive für den Laden aufzubauen, andererseits die Ladenorganisation besser in den Griff zu bekommen.

Anfang der 80er Jahre stellt sich heraus, daß auch diese eine feste Stelle dazu nicht mehr ausreicht. Das Sortiment ist vielfältiger geworden, mehr Arbeit fällt an, es wird immer mehr Erfahrungswissen notwendig, so daß 1984 zwei feste Stellen eingerichtet werden und die Rotationszeit auf 3-5 Jahre verlängert wird. Neben der Arbeit im Frauenbuchladen organisieren alle am Buchladen beteiligten Frauen noch Lesungen und Diskussionen, die abends stattfinden. Auf die Dauer erweist sich diese Doppelbelastung durch Arbeit im Laden und Veranstaltungsorganisation als nicht länger tragbar. Daher haben die Frauen, die bisher einen Tag unentgeltlich im Laden gearbeitet haben, damit aufgehört, und sind zur Zeit dabei, sich als "Frauenliteraturverein e.V." zu organisieren, der den Buchladen unterstützt. Die Ladenfrauen sollen so von der Organisation von Veranstaltungen entlastet werden; Lesungen sollen in Zukunft über den Verein laufen.

Ein Paradox des Frauenbuchladens ist bis heute, daß er finanziell von Männern, die dort Großbestellungen z. B. für Bibliotheken aufgeben, getragen wird, und nicht etwa von seinen Kundinnen. Gründe sind die Benachteiligung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt und ihre deshalb geringere Kaufkraft einerseits und die Tatsache, daß gutverdienende Frauen selten im Frauenbuchladen kaufen, andererseits.

Heute gibt es im Frauenbuchladen nicht nur eine große Auswahl an feministischer und antipatriarchaler Literatur, sondern auch eine kommentierte Frauenärztlnnenkartei, fortlaufend archivierte Frauenzeitungen und nicht zuletzt Raum für Diskussionen und Gespräche.


Carmen:
Wenn ich mir ansehe, was von einer ehemals großen Frauenbewegung übriggeblieben ist, sehe ich viele einzelne Frauenprojekte. Was mir fehlt, ist die Bewegung zwischen ihnen, die gemeinsame inhaltliche Auseinandersetzung.
Wie ist das bei euch, bezogen oder beziehen sich eure inhaltlichen Diskussionen außer auf den Buchladen und Frauenliteratur auch auf theoretische und praktische Ansätze anderer frauenbewegter Frauen?

Ulrike:
Es gab natürlich bei uns - genau wie in den anderen Projekten - so einen Eigenlaufeffekt, d. h. durch die massige Arbeit in den Projekten und die begrenzte Zeit, die da ist, konzentriert sich die Auseinandersetzung stark auf die eigenen Probleme und du hast irgendwann auch keinen Nerv mehr, dich kollektiv, global und intergalaktisch einzubringen. Auf der anderen Seite ist die Theoriedebatte auch durch den Fachbereich Frauenforschung an der Uni oder durch speziell dafür geschaffene Frauenprojekte, wie z. B. die Frauenschule, institutionalisiert worden.

Wir selbst haben innerhalb unsers Kollektivs schon breiter diskutiert, sei es darüber, daß wir z. B. zu den autonomen Frauen der Grünen Kontakt hatten oder was sich sonst so an aktuellen Themen stellte. Das konkrete politische Einlassen auf andere Gruppen hat nur individuell stattgefunden.

Zwischen den einzelnen Projekten lief nur wenig zusammen. Was z. B. zusammen lief, waren konkrete Verhandlungen über Gelder oder der allgemeine Informationsfluß.

Carmen:
Für mich zeigt das, daß es eine Frauenbewegung im Bewegungssinn so nicht mehr gibt. Die Arbeit in den Projekten hat sehr viel Kraft aufgesaugt. Es zeigt sich in ihnen auch die Gefahr, uns in diese Gesellschaft zu integrieren, unsere Nischen zu finden, und darüber zu vergessen, daß nur eine grundlegende Veränderung dieser patriarchalen Gesellschaft Feminismus möglich macht.

Ulrike:
So könnte man es sehen, andererseits verändert nicht immer das am meisten, was sich am lautstärksten und sensationellsten darstellt. Ich denke, die Frauenbewegung hat an schillerndem Auftreten verloren. Eine flatternde Hexendemo ist eine Sache, die andere ist die alltägliche Arbeit in einem konkreten Projekt, bei der es dann natürlich auch an vielem mangelt. Natürlich wird diese Arbeit auch immer ein Stück vereinnahmt, z. B. gerade die Arbeit zur Frauenforschung an der Uni, man sollte sich da auch nichts vormachen. Andererseits denke ich, daß man auch immer noch die Möglichkeit hat, individuell zu bestimmen, inwieweit man sich darauf einläßt und da sind Frauen eben immer noch leider zu anpassungsbereit. Zu sanft oder so. Und an diesem Punkt finden ja auch immer noch schwere Kämpfe statt. Eine Frau aus unserem Kollektiv hat von einem Seminar zum Thema "Frauen und Geld" erzählt, das sie gemacht hat.

Da rückten die unterschiedlichsten Frauen an. Da kam die arme Studentin mit 600,- DM im Monat, da kam aber auch die Managerin mit 10cm Stöckelabsätzen; und gerade die haben einigen Frauen noch was an Frauenbewußtsein und Feminismus vorgemacht. Die haben vielleicht eine andere Ideologie, und zu der stehen die auch; aber in Bezug auf Durchsetzungsvermögen und darauf, cool ihre Sachen klarzumachen, haben die schon einige Pluspunkte voraus.

Carmen:
Ich habe ein sehr zwiespältiges Gefühl zu dieser Art von Pluspunkten. Sich durchsetzen können, hat für mich nicht unbedingt etwas mit Feminismus oder Frauenbewußtsein zu tun. Für mich zählt nicht nur das Ergebnis, mich als Frau in einem patriarchalen System durchsetzen zu können. Ich möchte das Patriarchat abschaffen - von den Männern übernehmen oder in ihm gleichberechtigt behandelt werden. Ich habe die Befürchtung, daß in großen Teilen der Frauenbewegung dieses Gleichberechtigungsstreben innerhalb des Patriarchats immer mehr Bedeutung gewinnt gegenüber einer klaren antipatriarchalen Haltung. Diese Tendenz zeigt sich ja auch in der Frauenliteratur. Bücher zu "Die Frau als Chefin" oder "Anleitungen für Frauen im Management" werden immer häufiger.

Ulrike:
Von der Literatur her fördern wir das, schlicht und einfach weil Frauen, die diese Literatur verlangen, das Geld haben, Bücher zu kaufen, und sie daher für uns ein wichtiges Klientel sind. Es ist eben eine Tatsache, daß Frauen weniger Geld haben als Männer, und deshalb sind wir darauf angewiesen, daß auch Frauen mit Geld keine Scheu haben, ihre Bücher in einem Frauenbuchladen zu kaufen. Es gibt also kaum inhaltliche Begrenzungen für unser Sortiment, mit der Ausnahme von Mystik. Diesem Thema stehen wir sehr zurückhaltend gegenüber, denn das ist - wenn man es so nennen will - eine Form von Politik, die wir nicht unterstützen.

Carmen:
Ökonomisch leuchtet diese Einstellung ein. Kannst du aber in diesen Bestrebungen noch einen antipatriarchalen Kampf sehen?

Ulrike:
Tja, wenn du die Tatsachen unter die Lupe nimmst, wirst du sicherlich deine Schwierigkeiten haben. Da steht aber natürlich die Entscheidung dahinter, mit welcher Form von Politik man arbeiten will. Es ist die Frage danach, wie am meisten Einfluß gewonnen werden kann, oder wie man zu dem Geld kommt, daß einfach gebraucht wird, wenn Öffentlichkeitsarbeit gemacht werden soll. Denk nur mal an die Miete, die aufgebracht werden muß, wenn du z. B. ein Frauenzentrum machen willst. Da ist eben Demos organisieren nicht alles. Hier kannst du versuchen, über die Grünen, das Frauenreferat oder die Uni an Gelder zu kommen, in anderen Ländern, in der USA z. B. - läuft das auch ganz anders. Da gibt es ein weitverzweigtes Selbsthilfenetz, wo auch gerade Frauen, die Karriere gemacht haben, integriert sind. Die spenden dann auch, und da kann es locker sein, daß die für ein Frauenhaus oder Frauenzentrum mal ne halbe Million rüberschieben. Inwieweit diese Frauen dann antipatriarchal oder feministisch sind, darüber kann gestritten werden; aber ich sehe darin nichts verwerfliches, und ich finde es durchaus positiv, möglichst breit Ansprechpartnerinnen zu haben. Diesen Frauen sollte nicht von vorneherein vermittelt werden; igitt ihr seid ja nicht lupenrein, mit euch können wir nichts anfangen. Das schließt ja nicht aus, daß gleichzeitig auf einem anderen Weg auch andere Politik gemacht werden kann.

Ursel:
Zu Politik in der Frauenbewegung fällt mir auch der Emma-Boykott ein. Ihr habt wie andere Buchläden auch, den Verkauf der Emma für eine Nummer boykottiert, was lief da?

Ulrike:
Das beginnt damit, daß uns die Emma also schon seit Jahren ärgert, da sie mit Methoden arbeitet, die eigentlich die Springerpresse für sich reserviert hat. Die Emma hat die Eigenschaft, über die Frauen, die ihr eigentlich am nächsten stehen sollten oder von sich aus auch am nächsten stehen, nämlich aufrechte ernsthafte Feministinnen, am meisten herzuziehen, und die Frauen, die eigentlich nicht unser Mitgefühl pur verdienen sollten, wie Beate Uhse oder Frauenburschenschaften sehr wohlwollend darzustellen. So nach dem Motto "guck doch mal, was Frauen alles tolles können". Dann gab es diesen entscheidenden Artikel von der Alice Schwarzer über die Thürmer-Rohr. Thürmer-Rohr ist eine Feministin, den sogenannten Mittäterinnenansatz vertritt. D. h. die vertritt die These, Frauen als Mittäterinnen des Patriarchats zu sehen. Diese findet Alice Schwarzer unvereinbar mit Feminismus und bezeichnet sie als nur eine Variante des Partnerschaftsdenkens. Die patriarchale Schieflage zwischen Männern und Frauen würde dadurch verschleiert, wenn Frauen mit schuldig sein sollten.

Wütend hat uns nicht nur der Schmierenstil gemacht, in dem der Artikel geschrieben war, sondern auch die Tatsache, daß es Frauen nicht möglich sein soll, kritisch über das Verhalten von Frauen nachzudenken, ohne Angst zu haben, darüber gleich der Partnerschaft zu Männern in der Patriarchatsfrage beschuldigt zu werden.

Unverschämt fanden wir auch, daß die Emma zu dem Artikel ein Foto genommen hatte, auf dem die Thürmer-Rohr total zerknittert aussah, und es mit dem Untertitel "Die schöne Philosophin" versehen hatte.

Daraufhin haben wir beschlossen, die nächste Emma zu boykottieren, auch deshalb, weil wir gerade der Emma als einziges großes und damit vielgelesenes Sprachrohr des Feminismus das nicht durchgehen lassen wollten.

Daß die nächste Nummer nun gerade die war, die zu 50% von Männern mitgestaltet und mitgetragen wurde, war nicht der Boykottgrund, wenn das auch viele annahmen.

Momentan haben wir auch glücklicherweise die Frauenzeitung "An.schläge" aus Österreich aufgetrieben, die wir jetzt auch als Alternative empfehlen wollen.

Ursel:
Wie sieht es ansonsten mit eurem Sortiment aus - habt ihr nur Bücher, die ihr selbst empfehlen könnt, diskutiert ihr über das, was ihr anbieten wollt? Nach welchen Kriterien geht ihr bei der Auswahl vor.

Ulrike:
Das geht eigentlich ganz pragmatisch vor sich, für mehr bleibt auch kaum Zeit. Du blätterst die Prospekte und Angebote durch, läßt dir von den Vertretern was erzählen. Meistens kannst du dich auch schon darauf verlassen, daß die wissen, was sie empfehlen können. Unser Angebot an Büchern ist sehr breit gefächert. Das geht von der anspruchsvollen feministischen Literatur bis hinein in die Trivial-Literatur, wenn sie inhaltlich einigermaßen vertretbar ist. Wir haben auch Bücher zum Thema Frauen, die von Männern geschrieben sind, besonders halt die Klassiker. Bei der neueren Literatur beschränkt sich dieses Angebot allerdings nur noch darauf, wenn ein Beitrag wirklich wichtig erscheint. Was wir natürlich auch haben, sind Bücher von Männern über Männer, also aus der sogenannten Männerbewegung, die sich mit geschlechtsspezifischen Problemen auseinandersetzen.

Carmen:
Die Themenbereiche eurer Bücher sind also, wie du sagst, ziemlich breit gefächert. Wie haltet ihr es mit der Auswahl innerhalb dieser Themenbereiche? Ich meine damit: Geht ihr mit eurer persönlichen Meinung, die ihr dann auch gerne vermitteln wollt, an ein Thema oder versucht ihr, ganz "objektiv", die verschiedensten Ansichten zu vermitteln?

Ulrike:
Das ist auch gemischt. Zum Thema Gentechnologie z. B. haben wir schon in der Hauptsache Bücher von Frauen, die sich dagegen engagieren. Wir haben aber auch einige Bücher, die ganz neutral rangehen, so nach dem Motto, "was ist Gentechnologie . überhaupt?" Diese dann allerdings ausgewählt und sehr wenige. Das ist somit ein Thema, wo wir schon parteilich sind und dies auch am Sortiment sichtbar ist. In anderen Bereichen, z. B. Theologie, sind wir weniger parteilich, auch weil mich persönlich halt das Thema ziemlich kalt läßt.

Wir denken aber, es ist auch ein Thema, mit dem sich Frauen befassen, sogar ein sehr traditionelles und eines, über das viele Frauen schon eingestiegen sind und sich andere Frauenthemen erschlossen haben. Wir haben also so allgemein schon den Anspruch, auch verschiedene Sichtweisen zu zeigen, was halt mal mit mehr Grundparteilichkeit, mal mit weniger geht.

Ursel:
Zu Auswahlkriterien fallen mir spontan noch die Verlage ein. Seit das Thema Frauen und Feminismus breiteres Interesse findet, haben so ziemlich alle Verlage darin eine Marktlücke erkannt und sind mit einzelnen Büchern oder ganzen Buchreihen auf dem Markt erschienen. Wobei viele Bücher darunter sehr lesenswert sind. Was viele dieser Verlage sonst noch so an Papier produzieren, steht oft im krassen Gegensatz dazu und kann bis zum offenen Sexismus gehen.

Ulrike:
Ja, dazu fällt mir z. B. der Verlag Langenmüller ein, der die Neue Rechte auflegt, aber auch ein sehr gutes Buch "Rhetorik für Frauen" herausgebracht hat. Wir verkaufen dieses Buch trotzdem, denn es ist ganz gut. Wir wählen also nur nach den Büchern aus und boykottieren keinen Verlag wegen seines Gesamtprogramms. Wir sagen aber auch dazu, was der Verlag sonst noch verlegt.

Ursel:
Darüber, daß Frauenbücher heute auch auf breiteres Interesse stoßen als noch vor einigen Jahren, haben diese auch Einzug in die konventionellen Buchläden gehalten. Das heißt praktisch, wenn ich ein Frauenbuch will, muß ich nicht unbedingt in einen Frauenbuchladen gehen. Ich habe gute Chancen, es in jeder Buchhandlung zu bekommen.

Wie geht es euch dabei, positiv, weil Frauenliteratur dadurch mehr verbreitert wird? Oder empfindet ihr mehr die Konkurrenz?

Ulrike:
Manche haben ein Frauenregal, manche haben ein Fraueneckchen, es gibt aber nach wie vor nur einen Frauenbuchladen, und das ist ein großer Unterschied. Wenn Du ein Frauenbuch suchst von einer bekannten Schriftstellerin, über ein Thema, was gerade "in" ist, oder neuesten Bestseller, findest du das bestimmt in jedem Buchladen, auch mal ein einzelnes Buch zu einigen allgemeinen Frauenthemen. Wenn du aber einen Überblick bekommen willst, wieviel verschiedene Literatur es zu einem bestimmten Thema gibt, dann findest du nur bei uns die ganze Bandbreite. Du erfährst in einer normalen Buchhandlung durch die Anwesenheit eines Buches z. B. daß es Magersucht gibt, bei uns hast du ein ganzes Regal darüber, weil es eben ein ganzes Thema ist. D. h., wir haben mit der Zeit den Charakter einer Fachbuchhandlung angenommen. Sowohl vom Sortiment her, als auch vom Know-How. Wir sind ja hier sozusagen überqualifiziert, wir verfügen nicht nur über buchhändlerisches Fachwissen, sondern sind fast alle Sozialwissenschaftlerinnen und haben konkret an Frauenthemen gearbeitet. Du kannst deshalb bei uns eine Beratung bekommen, die du sonst suchen mußt. Oft ist es so, daß Frauen die einmal bei uns waren, schnell gemerkt haben, was für ein Vorteil das ist, und dann wissen die auch, was sie an uns anderes haben.

Ursel:
Wir wollten auch mal genauer wissen: Welche Frauen sind es, die das Angebot wahrnehmen, das ein Frauenbuchladen bietet? Habt ihr den Standort Uninähe mit Absicht gewählt?

Ulrike:
Ja, auf jeden Fall, woanders könnte der Buchladen nicht überleben. Also, so allgemein kann man nicht sagen, alle Frauen mit feministischem Bewußtsein kaufen ihre Bücher bei uns. Es sind viele Studentinnen, aber auch viele arbeitende Frauen, was nicht heißt Arbeiterfrauen. Es sind aber vor allem auch viele Männer, die bei uns kaufen, so dumm es auch klingen mag, aber ohne die könnten wir gar nicht überleben.

Zum Standpunkt, es ist klar, daß du hier in Frankfurt nicht viel Auswahl hast, und natürlich ist die Uninähe günstig, da von Studentinnen viel Bücher gekauft werden. Hätte ich einen Wunsch frei, würde ich aber gern mal für ein Jahr mit dem Frauenbuchladen auf die Zeil gehen und schauen, ob sich dann nicht einiges ändern würde, wenn wir uns anders präsentieren könnten. Wir haben die Erfahrung gemacht, daß bei vielen Frauen Angst besteht, in solch einen kleinen Laden zu kommen, da sie Angst haben, sich gleich am Eingang auf ihre feministischen Ansprüche hin begucken lassen zu müssen, und sagen zu müssen, was sie denn wollten.

Eine sehr schöne Erfahrung haben wir gemacht, als wir vor ein-zwei Jahren mit einem Bücherstand auf dem Evang. Kirchentag waren, allerdings nicht auf dem Messegelände, sondern in der Dornbuschgemeinde, wohin die Frauenveranstaltungen ausgelagert waren. Wir sind am ersten Tag dort mit einem Riesen-Sortiment von theologischer Literatur für Frauen aufgetaucht und waren schon am gleichen Abend radikal abgegrast. Wir haben dann, damit wir überhaupt noch etwas auszulegen hatten, Körperbücher, Bücher über Frauen und Sexualität und so was mitgebracht.

Die Frauen haben sich da drauf gestürzt, wie wir das nie erwartet hätten. Sie meinten zum Teil so ganz verschämt: "Wissen Sie, in unserer Stadt gibt es zwar auch einen Frauenbuchladen, aber da trau ich mich nicht so rein, ich bin ja nicht gerade Feministin". Oder da, wo die Frauen herkommen, gibt es keinen Frauenbuchladen - und wie eine Frau sagte, "ich wußte zwar, daß es dieses Buch "Ich und mein Körper" gibt, aber ich kann doch nicht in unseren Buchladen gehen, wo mich jeder kennt, und sowas bestellen. In einer halben Stunde wüßte es das ganze Dorf." Da wurde uns mal wieder ganz klar: Es gibt eine unheimliche Lust unter Frauen und auch ein Bedürfnis, Frauenliteratur zu lesen oder mal darin herumzustöbern, aber eine sehr starke Schwellenangst, und immer noch Angst vor "diesen Feministinnen". Wir sind also eigentlich ein Szeneladen. Ich kritisiere das auch.

Carmen:
Der Anspruch, den ich immer mit Frauenbuchladen verbunden habe, war auch der eines angstfreien Raumes, in dem ich eben ohne Scheu nach Literatur, die Frauen und ihre Ängste und Probleme mit sich, ihrer Stellung als Frau und ihrem Körper betrifft, suchen und fragen kann. Diese Möglichkeit besteht, wie du gerade beschrieben hast, für viele Frauen immer noch nicht oder kaum. Überlegt ihr, wie sich das ändern ließe?

Ulrike:
Ja, wie gesagt, denke ich, daß ein anderer Standort, andere Räume da schon etwas beitragen könnten. Andererseits haben wir unter diesem Aspekt auch versucht, etwas an unserem Sortiment zu verändern. Wir haben mehr Frauenromane, also leichtere Literatur, um eben nicht nur den an Theorie interessierten Frauen etwas bieten zu können. Wir haben unseren Themenkreis erweitert, um z. B. das Thema Älterwerden. Oder wir richten gerade ein Fach ein mit Großdruck, jetzt nicht nur im Bezug aufs Älterwerden, sondern auch für Behinderte. Mit was wir nur wenig arbeiten können ist Werbung. Das ist einfach zu teuer für uns, und wirtschaftlichen Spielraum haben wir keinen. Was wir überlegt haben, ist z. B. eine Fensteraktion unter dem Motto "tausend Gründe in einen Frauenbuchladen zu gehen" zu machen. Aber unsere Möglichkeiten sind begrenzt.

Ursel:
Für mich ist es auch ein Problem, daß ich zwar viele Bücher, die es bei euch gibt, gerne kaufen würde, es aber einfach nicht bezahlen kann. Habt ihr euch von diesem Gesichtspunkt aus mal überlegt, ein Antiquariat mit in den Laden aufzunehmen?

Ulrike:
Ja, wir haben das auch mal überlegt. Einmal ist ein Antiquariat ein unheimlicher Arbeitsaufwand, denn du mußt ständig unterwegs sein, um es zu füllen, und die Zeit kommt kostenmäßig nicht rein. Als Service nebenbei können wir es aber nicht leisten. Die andere Sache ist, daß gerade gängige Bücher bei uns auch immer noch neu gekauft werden und wir auf deren Verkauf auch angewiesen sind. Die ganze spezielle Literatur, die wir anbieten und auf Lager halten, die muß über den Verkauf gängiger Literatur mitfinanziert werden. Ein gut laufendes Antiquariat wäre der finanzielle Ruin des Buchladens.

Carmen:
Bei unserer ganzen Unterhaltung wird mir klar, daß auch bei euch der Anspruch und die Realität sehr schwer vereinbar sind. Wie schwer es ist, innerhalb dieses kapitalistischen Wirtschaftssystems eine Alternative zu bieten, wenn die Alternative in so vielen Punkten von diesem System abhängig bleibt. Das ist uns allen aber nichts Neues. Ich finde nur, daß viele selbstverwaltete Projekte sich hinter dieser Unmöglichkeit verstecken, anstatt immer wieder nach neuen Möglichkeiten zu suchen, die Ansprüche doch nicht fallen lassen zu müssen. Nach Möglichkeiten zu suchen, nicht letztendlich doch nur ein, eben auf etwas andere Weise, integrierter Bestandteil dieses kapitalistischen Systems zu sein. Wie ist das bei Euch? Sucht ihr nach neuen Möglichkeiten?

Ulrike:
Ein Ergebnis einer solchen Reflexion ist die Gründung eines Vereins zum Frauenbuchladen. Mit diesem Verein wollen Frauen versuchen, etwas mehr von dem wieder zu beleben, was innerhalb des Buchladens nicht mehr möglich ist. Der Verein, das sind Frauen, die nicht im Frauenbuchladen arbeiten, aber zum Teil früher dort mitgearbeitet haben oder Unterstützerinnen sind. Über den Verein soll versucht werden, wieder mehr Öffentlichkeitsarbeit zu machen und das, was diesen Frauen wichtig ist, auch wieder mehr in Form von Lesungen, Veranstaltungen oder Schriftlichem zugänglich zu machen.

Eine Möglichkeit, die ich gut finde, ist z. B. der Mailänder Frauenbuchladen. Da gibt es einerseits den Buchladen, der von einigen Frauen, die dort arbeiten, gemacht wird, andererseits einen Kreis Frauen, die den Laden zum Treffpunkt machen und in und um ihn herum politisch, theoretisch arbeiten.

Carmen:
Ich fände es toll, wenn auch ihr hier in Frankfurt den Frauenbuchladen mit einem solchen Projekt verbinden würdet und der Buchladen darüber auch wieder mehr ein Ort für politische Auseinandersetzungen von Frauen werden könnte.