GÜNTER SARE

NICHTS WIRD VERGESSEN!!!

 

Dieser Bericht schildert einen Eindruck von den Aktionstagen und der Demo anläßlich des 5. Todestages von Günter Sare, der am 28.9.1985 anläßlich einer NPD-Gegendemonstration vor dem Haus Gallus in Frankfurt von einem Polizeiwasserwerfer getötet wurde.
Obwohl dies nun schon einige Zeit her ist, bringen wir diesen Artikel, weil er persönliche Gefühle und Kritik von den Aktionstagen und der Demo enthält, die über die Tagesaktualität hinausreichen.


1.10.1985: Absolutes Demonstrationsverbot, Belagerungszustand über der Stadt. Polizeihubschrauber beleuchten das Gebiet um den Hauptbahnhof mit Suchscheinwerfern, dirigieren die wechselnden Polizeikessel; in der dunklen Poststraße und auf der Hauptbahnhof-Nordseite brutale Knüppeleinsätze.

Angst, Wut und das Gefühl: wenn dir heute nichts passiert, hast du einfach nur Glück gehabt.

Fünf Jahre später, Samstagmittag, rennen ca. 1.500 Menschen in einem revolutionären Zwischenspurt, unterstützt durch Pfeifen, Schreien und Trommeln durch dieselbe Gegend und ich fühle mich gut; spüre, wie gut es tut, sich in dieser Stadt "zu bewegen".

An dem 5. Todestag von Günter Sare sollte dieses Mal im Rahmen von antirassistischen Aktionstagen erinnert werden. Die Aktionstage sollten mit einer Kundgebung und Kulturprogramm in der Hufnagelstraße am Donnerstagabend beginnen.

Enttäuschend war, daß nur etwa 200 Menschen erschienen und so die Straße mehr schlecht als recht ausfüllten.

In den Kundgebungsbeiträgen wurde versucht das weltweite Auftreten und die Alltäglichkeit des Rassismus aufzuzeigen. Dem entgegenzutreten, reiche der traditionelle Antifaschismus nicht aus. Vielmehr müsse der Rassismus in den eigenen Köpfen bedacht werden. Aus dem Frauenwiderstandscamp an der Raketenbasis in Greenham Common (England) wurde berichtet, daß eine Frau bei einer Blockadeaktion von einem Polizeiauto frontal angefahren wurde und starb. Ein weiteres trauriges Beispiel dafür, daß das, was am 28.9.85 in Frankfurt geschah, überall in der Welt geschieht, daß der Tod von DemonstrantInnen kein Zufall ist.

Im Anschluß daran die Kultur in Gestalt einer kurdischen Theatergruppe, die die Situation während des Militärputsches in der Türkei und die Notwendigkeit des Kampfes dagegen darstellten.

Dabei passierte auch eine der Peinlichkeiten der Veranstaltung, als einer der Darsteller den Satz "wir sind keine Terroristen oder ANARCHISTEN, sondern Freunde des Volkes" von sich gab und von den Anarchistinnen auf dem Platz (mich eingeschlossen) keine den Mut zum Widerspruch fand.

Hier zeigt sich vielleicht auch ein Stück Rassismus in den Köpfen: unsere lieben ausländischen Genossinnen, laßt sie 'mal ruhig ihr Stück spielen, wir wollen doch nicht unsolidarisch sein!

Solidarität heißt aber auch, Kritik zu formulieren und Widersprüche zu benennen. Wir als Anarchistinnen sollten uns nicht scheuen, unserem Ruf als Querdenkerinnen in der Öffentlichkeit gerecht zu werden!

Den meisten Menschen schien es aber wohl gefallen zu haben und so wurden die hochgereckten Papp-MP's mit lautstarkem Ruf nach der internationalen Solidarität gefeiert. Die anschließende Stille nutzten dann Etliche mit der Parole "Solidarität ist Widerstand, Krieg dem Krieg in jedem Land", um sich bemerkbar zu machen.

Traurig, daß die Bewohnerinnen der Hufnagelstraße wenig bis keine Notiz von uns nahmen. Vielleicht hatten die Veranstalterinnen solches befürchtet, richtete sich doch kein Beitrag an diese. Wir blieben also unter uns, während die Rollos vor den Fenstern geschlossen blieben. Bleibt zu überlegen, wie wir solche Möglichkeiten, uns den Menschen in ihrem Viertel 'rüberzubringen, in Zukunft besser nutzen.

Zur Demo am Samstag

Laut, geschlossen und (für unsere Verhältnisse) bunt zogen über 1.500 Menschen durchs Gallus, über den Hauptbahnhof, das Gutleut- und das Bahnhofsviertel zum Theaterplatz. Im Gegensatz zu sonst sind kaum Bullen zu sehen und nicht wenige wundern sich, daß das Bullenspalier ausbleibt (dies war eine Absprache zwischen Polizeiführung und Demonstrationsleitung, d.Red.).

So konnten wir unbelästigt durch zumeist Wohnviertel ziehen. Die Flugblätter wurden von den Leuten gerne angenommen und es war allgemein gute Stimmung. Schade nur, daß aus den "Szene"-Wohnungen keine Fahnen, Transparente oder Musik die Demo begrüßten.

Gut und laut dagegen die Stimmung in der Demo. Immer wieder Sprechchöre, gute Musik und vor dem Interconti-Hotel noch eine kleine Feuerwerkseinlage, die lautstark begrüßt wurde.

Im Bahnhofsviertel wird der Redebeitrag der türkischen Genossin noch einmal, diesmal auf türkisch, gehalten. Und während viele erst einmal ihren Hunger mit Kebab stillen, kommen die einkaufenden Türkinnen näher und hören interessiert zu.

Auch wenn sich der Applaus in Grenzen hielt: solche Sachen sollten öfters laufen. Denn wir dürfen nicht einen großen Teil der Menschen durch die Sprache ausgrenzen. Demnächst auf der Demo also: kurze Redebeiträge auf englisch, türkisch, italienisch, spanisch, persisch, esperanto...

Nach der Demo gingen dann noch etwa 300 Leute auf das "wilde" Straßenfest an der Bockenheimer Warte. Zunächst ging auch der Versuch, "uns die Stadt zurückzuerobern", ganz gut los. Aber wie so oft: wenn Menschen ihren Spaß haben, vielleicht noch ein Feuerchen dazu anmachen und die triste Unifassade mit Farbe verschönern, fährt auch schon die Polizei und in ihrem Gefolge die Stadtreinigung auf.

Und wieder dieses miese Gefühl: Panik, als viele auf dem Campus stürmen. Und statt erst einmal dazubleiben, wurde den Bullen viel zu schnell das Feld überlassen. Dann wurde auf dem Campus in kleinen Gruppen diskutiert, was zu machen sei und danach auf dem Unigelände weitergefeiert, aber eben unter uns, wie bei der KOZ-Kneipe (selbstorganisierter Kneipenabend, dienstags abends im Kommunikationszentrum im StudentInnenhaus, d. Red.).

Beim nächsten Mal sollten sich mehr Leute überlegen, wie sie in so einer Situation sich verhalten. Dann könnte mensch erst einmal abwarten, was passiert, um dann den Bullen ein fröhliches "WIR BLEIBEN HIER" entgegenzubrüllen!

Pauline Panther