Gutleutviertel Frankfurt:
Im Sog der Umstrukturierung der Stadt

Wie ich in der AFAZ Nr. 1 geschildert habe, ist Stadtentwicklung, bzw. Stadtteilentwicklung kein Zufall, sondern wird genaustens geplant. Dahinter stecken zumeist Unternehmensinteressen, die in Frankfurt an der Bankenkonzentration, der Messe und dem Flughafen besonders deutlich werden. Für diese wirtschaftlichen Interessen stellt dann die Stadt Milliardenbeträge zu Verfügung, für Forderungen der in den Stadtteilen lebenden Menschen nach einer an ihren Bedürfnissen orientierten Verkehrs- und Wohnungspolitik gibt es dann kleine Häppchen - hier ein Fahrradweg und dort ein Baum. Was dies dann in der Praxis bedeutet, möchte ich am Beispiel des Gutleutviertels, in dem ich wohne, beschreiben.


Lage

Das Gutleutviertel ist begrenzt im Norden vom Hauptbahnhof mit seinen Gleisanlagen, im Osten durch die Hauptverkehrsstraße Baseler Straße - Friedensbrücke, im Westen durch das Heizkraftwerk und die Autobahn und im Süden durch die Westhafenbetriebe und den Main.

Die Nähe zur Innenstadt, zum Bankenviertel, zur Messe, zum Bahnhof und die günstige Verkehrsanbindung zum Flughafen macht das Viertel für Investoren interessant und lukrativ.

In deren Augen ist eine solche Gegend viel zu schade für billiges Wohnen. So wird durch das Campanile-Hochhaus deutlich, welche Kapitalmassen ins Viertel drängen (Voranschlag: 380 Millionen DM). Aber auch eine gewerbliche Nutzung von ehemaligen Wohnhäusern ist gewinnbringend.

Das Gutleutviertel steht hierbei erst am Anfang einer Entwicklung, die z.B. das Westend bereits vor einigen Jahren durchgemacht hat. Die schlimmsten Auswirkungen konnten dort zumindest vorübergehend verhindert werden, weil sich die BewohnerInnen dort gemeinsam gewehrt und es zuweilen geschafft hatten, einen starken politischen Druck zu erzeugen. Inzwischen regt sich auch hier wieder verstärkt der Protest gegen die zwei geplanten und vom rot-grünen Magistrat genehmigten Hochhäusern der BfG-Bank und der DG-Bank.

Soziale Situation

Im Gutleutviertel leben noch ca. 6000 Menschen. Der AusländerInnenanteil ist nach dem Bahnhofsviertel (über 80%) mit über 70% im Gutleut am zweithöchsten in Frankfurt.

Im Gutleut wohnen überdurchnittlich viele junge Menschen in der Altersgruppe zwischen 25 und 40 Jahren und unterdurchschnittlich wenige alte Menschen über 60 Jahren. Die soziale Lage der im Viertel wohnenden Menschen ist wesentlich schlechter als in der Gesamtstadt. Es gibt überdurchnittlich viele Arbeitslose, SozialhilfeempfängerInnen, JobberInnen, Großfamilien sowie niedrig- bzw. unqualifizierte ArbeiterInnen.

Im ganzen Viertel gibt es nur einen allgemeinpraktizierenden Arzt.

Wie wird geplant?

Grundlage für die Erstellung von Bebauungsplänen ist der Flächennutzungsplan. In ihm werden die Flächen des Stadtgebietes genau in Wohnbauflächen (W), gemischte Bauflächen (M), gewerbliche Bauflächen (G) und in Kerngebiete (Mk) eingeteilt. Diese Einteilung und ihre Fortsetzung in den Bebauungsplänen spielt eine entscheidende Rolle, da dadurch eine Unzahl von Vorschriften und Bestimmungen festgelegt werden. Diese wiederum beeinflussen die Entwicklung in bezug auf Wohnungen, Mieten und Verkehrsplanung. Ob diese Bestimmungen dann auch eingehalten werden, hängt dann von dem Willen der Stadtregierung bzw. den dahinter stehenden Interessen von Banken und Unternehmen ab.

Flächennutzungspläne sind öffentlich einsehbar und daher ein wichtiges Mittel, sich frühzeitig Informationen zu beschaffen, um Widerstand gegen menschenfeindliche Pläne entwickeln zu können.

Die Gesamtplanung im Frankfurter Westen

An den Gesamtplanungen im Frankfurter Westen sind neben der Stadt auch die Deutsche Bundesbahn, die Messe GmbH und das Land Hessen beteiligt. Da alle im Bau befindlichen oder geplanten Projekte Auswirkungen auf Verkehr, Stadtentwicklung und Infrastruktur haben, werden die einzelnen Maßnahmen der Beteiligten untereinander abgesprochen. Insgesamt werden sich die geplanten Investitionen auf über zwei Milliarden DM belaufen, wovon ganze 40 Millionen DM, also 2% der Summe, für die Verbesserung der Lebens- und Wohnqualität der Menschen im Gutleutviertel bereitgestellt werden - was immer das auch heißen mag.

Folgende Projekte sind im Viertel bzw. in der Umgebung fertiggestellt, in Bau oder in Planung:

- Bau des Messehochhauses
- Verlegung des Güterbahnhofs
- Ausbreitung der Messe nach Süden
- Ansiedlung von Speditionen und Betrieben auf dem Gelände des Güterbahnhofes
- Ausbau Hemmerichsweg
- Ausbau Camberger Brücke
- S-Bahn-Station "Messehochhaus"
- U-Bahn-Station "Messe"
- Ausbau des Hafentunnels
- Behördenzentrum auf dem Gelände der Gutleutkaserne
- Bau des Campanile-Hochhauses auf dem ehemaligen Khasana-Geländes
- Bau eines Dienstleistungs- und Behördenzentrums an der Güterstraße
- Bau von Bankhochhäusern entlang der Mainzer Landstraße
- Bau des "Intercity"-Hotels auf der Nordseite des Hauptbahnhofes
- Bau von Versicherungshochhäusern an der Friedrich-Ebert-Anlage
- Bau von Hochhäusern am Platz der Republik
- Planung der "City-West" an der Voltastraße
- Berufsschule mit über 3000 SchülerInnen an der Gutleutstraße neben dem Johanna-Kirchner-Altenhilfezentrum der Arbeiterwohlfahrt

Mit Grünflächen im Gutleut sieht es sehr schlecht aus. Am Rottweiler Platz und am Schönplatz ist etwas Pseudogrün vorgesehen. Zudem soll es etwas Alibi-Hinterhofbegrünung geben.

Verkehr

Mit dem Behördenzentrum an der Gutleutstraße (650 Parkplätze in der Tiefgarage), dem geplanten Campanile-Hochhaus an der Bahnhof Südseite (450 Parkplätze in der Tiefgarage), dem geplanten Ausbau der Camberger Brücke und des Hafentunnels sowie der Gutleutstraße wird es zu deutlich mehr Verkehr im Viertel kommen.

Dies ist vor allem auch Durchgangsverkehr zur Messe und den geplanten Hochhäusern an der Mainzer Landstraße sowie zum Autobahnanschluß Westhafen. Sogar eine neue Brücke über den Main in Verlängerung der Hafenstraße ist im Gespräch. Dies bedeutet natürlich noch mehr Lärm und Abgase (der Baseler Platz ist jetzt schon eine der am höchsten belasteten Stellen in der Stadt), Staus und Unfälle im Gutleut.

Mit der ausgebauten Camberger Brücke soll eine Hochleistungsverbindung von der Messe über die Emser Brücke, Camberger Brücke mit Anbindung an die Gutleutstraße bis zur Bürostadt Niederrad führen. Diese sogenannte "Westspange" wird parallel zur Autobahn A 5 verlaufen.

Die Arbeiten an dem vierspurigen Ausbau des Hafentunnel sollen Mitte 1990 begonnen werden. Sie werden voraussichtlich sechs Jahre dauern, während derer der Tunnel etwa zwei Jahre gesperrt sein wird. An der alten Unübersichtlichkeit, der mangelnden Beleuchtung und an dem hohen Sicherheitsrisiko vor allem für Frauen, ältere Menschen und Kinder wird sich nicht viel ändern. Der FußgängerInnen- und Radweg, der wieder überhöht und von der Fahrbahn nicht einsehbar sein wird, muß auf die andere Seite des Tunnels verlegt werden, da künftig eine Rampe vom Hafentunnel aus zur Mannheimer Straße in Richtung Hauptbahnhof führen wird.

Dazu müssen die Gebäude der Stadt Frankfurt für die Ausbildung der StaßenbahnerInnen und das Wohnhaus Mannheimer Str. 69 abgerissen werden.

Im Dezember 1989 tauchten nun Überlegungen von Seiten der Grünen auf, ob nicht doch nur ein zweispuriger Ausbau des Tunnels angebrachter wäre. Ob sie dies jedoch gegenüber SPD und Kapitalinteressen druchsetzen wollen und können bleibt mehr als fraglich.

Campanile-Hochhaus

Dieses soll nach Willen der Investoren das höchste Hochhaus Europas werden. Es soll auf dem ehemaligen Khasanagelände und dem jetzigen Bundesbahnparkplatz an der Südseite des Hauptbahnhofes entstehen. Jeweils zur Hälfte soll es als Luxus-Hotel und als Büroraum genutzt werden. Nach allen bisherigen Erfahrungen mit Hochhausbauten, insbesondere in Wohngebieten, sind erhebliche negative Auswirkungen für die AnwohnerInnen zu erwarten. So kommt es in dem näheren Umfeld eines Hochhauses zwangsläufig zu einer Grundstücksaufwertung und damit zu einem Steigen der Grundstückpreise und der Mieten. Gleichzeitig entstehen verschiedene Zulieferbetriebe (Delikatessen-Geschäfte, Boutiquen, Luxusgeschäfte...).

Dies führt zu Bodenspekulation, Umnutzung von Wohnraum und Verdrängung der ansässigen Bevölkerung.

Auch im ökologischen Bereich gibt es etliche Probleme bei Hochhäusern. So kommt es zu Veränderungen des Kleinklimas, Windwirbel, Schattenwurf, Probleme der Abwasserbeseitigung, Verkehrszuwachs...

Gegen dieses Hochhaus gibt es eine breite Ablehnung im Viertel von der Evangelischen Gemeinde, der Stadtteilgruppe, der SPD und den Grünen im Ortsbeirat, diverser unabhängiger Initiativen und Einzelpersonen bis hin zur inzwischen berühmt und bei den Investoren berüchtigt gewordenen Frau Kraus, die als Eigentümerin eines in der Nähe gelegenen Hauses trotz einer ihr gebotenen Millionensumme ihre Nachbarinzustimmung für den Campanile verweigert.

Durch öffentlichen Druck angespornt ließen SPD und Grüne ein Rechtsgutachten anfertigen. In diesem werden nun schwere rechtliche Mängel bei der Planung des Hochhauses festgestellt. Das ist dann die Grundlage, auf dem Ende Dezember 1989 nun der Beschluß im Magistrat fiel, die Planungen für den Campanile zu kippen und nach Alternativen Ausschau zu halten.

Die Investoren der Fay-Gruppe aus Mannheim haben zwar ein positives Gegengutachten erarbeiten lassen und mit Schadensersatzklagen von über 150 Millionen gedroht. Zudem soll der Bau im Januar 1990 begonnen werden, auch gegen den öffentlich erklärten Willen der Stadt. Der Magistrat scheint sich auf die öffentlichkeitswirksame Auseinandersetzung einzulassen, um der Bevölkerung weiszumachen, daß etwas gegen Spekulation und Stadtzerstörung gemacht würde. Dabei sind etliche Hochhäuser weiterhin in Planung. Hochhäuser unter 100 Meter sind sogar Dutzendware.

Der Kommentator der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) meint am 22.12.89 zu dem Ganzen: "Daß im Gutleutviertel die Nachricht vom Ende des "Campanile" wahrscheinlich mit großer Freude aufgenommen wird, ist verständlich. Zweifellos hätte sein Bau dieses wenig attraktive und verhältnismäßig preiswerte Wohnquartier - trotz der Belastung durch den Verkehr - sehr schnell in eine begehrte Adresse verwandelt. Eine Illusion dürfte es allerdings sein anzunehmen, der Bestand des Viertels sei nun gesichert. Trotz entsprechender Absichtserklärungen des Planungsdezernenten wird auch an diesem Viertel die Entwicklung der Stadt zu einem Finanz- und Dienstleistungszentrum nicht unbemerkt vorbeigehen. Die wegen der zentralen Lage zu erwartende Aufwertung wird nun nicht wie ein Wirbelsturm über den Stadtteil kommen, sondern sich eher schleichend durchsetzen - aber unaufhaltsam."

So weit der Kommentator. Wir werden ja sehen, wie's kommt.

Das Gutleutkasernengelände

Das Land Hessen und die Stadt Frankfurt einigten sich 1986 darauf, daß hier ein Behördenzentrum bestehend aus fünf Finanzämter sowie Teile der Verwaltungs- und Polizeibehörde mit 2000 Arbeitsplätzen entstehen soll. Dazu müssen auf dem Gelände ein halbes Dutzend neue Bürohäuser und eine Tiefgarage mit ca. 600 Parkplätzen gebaut werden.

Zugleich dient das Gelände bei Großeinsätzen der Polizei als Stationierungsstützpunkt.

Wohnen im Gutleut

Durch die Sanierungssatzung von 1985 wurde das Gutleutviertel bis Ende 1990 zum Sanierungsgebiet erklärt. Für die geplanten Maßnahmen wurden insgesamt knapp 40 Millionen DM bereitgestellt, woran der Bund und das Land Hessen mit 75% beteiligt sind. Ziel der Sanierung soll die "Erhaltung und die Fortentwicklung der Wohnnutzung, sowie eine Verbesserung des Wohnumfeldes" sein.

Die zentralen Maßnahmen hierbei sind die Neugestaltung des Rottweiler Platzes und des Schönplatzes. Im Rahmen der Bebauung des Rottweiler Platzes soll allerdings auch eine "Gewerbezeile" entstehen vor allem aus Handwerksbetrieben und produzierendem Gewerbe.

Ansonsten werden vorwiegend die EigentümerInnen bei Maßnahmen wie z. B. Renovierung der Fassade oder Begrünung von Hinterhöfen von der Stadt beraten und finanziell unterstützt.

Allerdings sind im Vergleich zum Stadtteil Bockenheim (160 Millionen DM) die bereitgestellten Mittel für die Sanierungsmaßnahmen im Gutleutviertel (40 Millionen DM) bedeutend geringer.

Weiter wurde durch die Festsetzung der Sanierung als "vereinfachtes Verfahren" auf eine Reihe von Vorschriften des Städtebauförderungsgesetzes verzichtet und der Umnutzung von Wohnraum nicht genügend vorgebeugt.

Für die Dauer der Sanierungsmaßnahmen wurde von der Stadt ein Sanierungsbüro in der Gutleutstraße 137, Tel. 25 19 23 eingerichtet. In erster Linie hat es die Aufgabe Haus- und GrundstückeigentümerInnen kostenlos zu beraten. Daneben sollen auch BürgerInnen sich dort "informieren" können. Dazu werden eigens farbige Pläne und Broschüren dort ausgestellt.

Ab Ende 1990 wird das Gutleut kein Sanierungsgebiet mehr sein. und im Zuge der gesamten "Aufwertung" des Viertels wird es zu verstärkten Boden- und Gebäudespekulationen, Umnutzung von Wohnraum und zu Mietsteigerungen kommen.

Grundsätzlich ist die Höhe der Miete in der "Tabelle für ortsüblichen Vergleichsmieten", dem sogenannten "Mietspiegel", festgelegt. Außerdem gibt es das 1. und 2. Wohnraumkündigungsgesetz, die u. a. eine Kündigung zum Zwecke der Mieterhöhung ausschließen und dem/r VermieterIn verbindliche Vorschriften machen. Auch muß der/die MieterIn einem Mieterhöhungsverlangen erst zustimmen, damit es gültig wird.

Es empfiehlt sich auf alle Fälle bei auftauchenden Probleme bei AnwältInnen oder MieterInnenschutzvereinen nachzufragen und möglichst gemeinsam Druck zu machen.

Vereine und Einrichtungen

Die Interessengemeinschaft Gutleut ist ein Zusammenschluß von Unternehmen im Gutleutviertel. Die meisten Planungsmaßnahmen werden von diesen begrüßt, ansonsten ängstigen sie sich davor, daß die Parkplätze für ihre KundInnenschaft knapper werden.

Das Jugendzentrum in der Gutleutstr. 110 ist eine Einrichtung des Jugendsozialwerks e.V. für Jugendliche ab 14 Jahren. Durch die formlose und offene Gestaltung, sowie durch das breite Angebot an Einrichtungen und Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung (Jugendtreff, Werkstatt, Fortbildungs- und Betreuungsmaßnahmen...) ist das Jugendzentrum eine wichtige Anlaufstelle im Viertel. Allerdings ist es nicht selbstverwaltet.

In der Karlsruher Straße 5 existiert ein Stadtteilbüro, welches "von Bürgern für Bürger" eingerichtet wurde. Es ist eine zentrale Anlaufstelle für Menschen unterschiedlichster Belange: Arbeitsloseninitiative, Ökumenische Thailandgruppe, HWG (Huren wehren sich gemeinsam) und die Stadtteilgruppe treffen sich dort. Das Haus ist in Besitz von oben genannter Hannelore Kraus.

Die Stadtteilgruppe ist ein "Zusammenschluß von engagierten Bürgern". Diese setzen sich für das Wohl aller sozialen Schichten ein, was durch die Umsetzung ihres Leitspruches: "Respekt der Menschenwürde ohne Vorurteile gegenüber Rasse, Religion, Nation, Partei und beruflicher Stellung" im Alltag verdeutlicht werden soll. Die Gruppe existiert seit 1983 und organisiert u.a. Straßenfeste, Flohmärkte und kleinere Kulturveranstaltungen.

Aktionen

Zum Schluß noch möchte ich noch -sicher unvollständige - Beispiele der Organisierung von Widerstand gegen die Umstrukturierung des Gutleutviertels erwähnen.

Im Herbst 1988 wurden in der Werftstr. 11 seit langem leerstehende Wohnungen (vier an der Zahl) besetzt und auf Antrag des Hausbesitzers, dem Apotheker Knück, gleich wieder von den (Un)"Sicherheits"kräften geräumt.

Ende 1988 gab es einen Versuch von verschiedenen WG's im Viertel ein regelmäßiges Treffen auf die Beine zu kriegen, um sich besser gegen Kündigungen und Sanierungen wehren zu können. Aufgrund diverser Probleme wurde dieses Treffen nach kurzer Zeit wieder eingestellt.

Rund 200 Menschen demonstrierten am 10.12.1988 durch das Gutleutviertel gegen die Stadtteilzerstörung u.a. durch das Campanile-Hochhaus.

Zwei Tage später kam es zu einem Go-In von ca. 120 Leuten bei einer Sitzung des Planungsausschusses des Magistrats mit einem Transparent "Direkte Aktion gegen Spekulation und Mietwucher". Die Antwort des Ausschusses: Räumung durch die Polizei.
Auf dieser Ausschußsitzung wurde dann per Handaufheben das Campanile-Hochhaus als vorletzte planungsrechtliche Hürde vor der endgültigen Baugenehmigung abgesegnet.

Am 25.2.89 veranstaltete das Frankfurter Bürger/innen und Initiativenplenum für alternative Stadtentwicklung eine Kundgebung auf dem Gelände des geplanten Campanile-Hochhauses wegen der Vorabgenehmigung des Hochhauses durch den damaligen CDU-Magistrat.

Am 20.5.89 veranstaltete das Frankfurter Bürger/innen und Initiativenplenum für alternative Stadtentwicklung eine weitere Kundgebung am geplanten Standort.

Während des Straßenfestes am 3.10.1989 wurde eine Wohnung in der Schleusenstr. 16 besetzt. Die BesetzerInnen verließen gegen Abend die Wohnung "freiwillig". Das ganze Haus, die Schleusenstr. 16 sowie Häuser in der Karlsruher Straße gehören dem Bauunternehmen Bilfinger & Berger (beteiligt u.a. am Bau der Startbahn West des Frankfurter Flughafen und des modernsten Knasts in Europa in Weiterstadt bei Darmstadt). Die Firma will die MieterInnen aus dem Haus heraus haben, wenn nötig mit Räumungsklagen. Sie wollen dort angeblich Werkwohnungen einrichten. Ob diese mit dem Bau des Campanile-Hochhauses zusammenhängen bleibt Spekulation. Aber auch so lassen sich nach einigen Jahren aus Werkwohnungen teuere Eigentumswohnungen machen.

Überall im Viertel, aber auch in der Stadt tauchen Sprühparolen zu den Themen Wohnen, Sanierung und Wahlen auf. "Wir brauchen keine Hausbesitzer, denn die Häuser gehören uns!", "Räumt die Knäste nicht die Häuser!", "Die Häuser, denen die darin wohnen!", "Miete ist Lohnraub!", "Von Miete war nie die Rede!", "Sanierung? - Mir wird übel!", "Diese Wohnung steht leer!", "Wahlboykott!", Europa 92 -nicht mit uns!", "Spekulanten vertreiben - Flüchtlinge bleiben!", "Makler verpißt euch!", an einem modellsanierten Haus "Modell für Vertreibung!"....

In diesen Aktionen wurden Forderungen von diversen Initiativen aufgestellt, die ich hier zusammengefaßt habe. Es sind sicherlich erst einmal Realforderungen, hinter denen aber die Utopie von einem anderen, selbstbestimmten und selbstorganisierten Leben in der Stadt steht.

- Ausbau der öffentlichen Verkehrs mittel mit gleichzeitiger Tarifsenkung bis hin zum Nulltarif
- Verkehrsberuhigungsmaßnahmen: Wohnstraßen, Tempo 30, Einbahnstraßen, Rückbau der vierspurigen Gutleutstraße, Parkplakettensystem, mehr und bessere Radwege...
- Aus- und Neubau von Wohnraum zu bezahlbaren Mieten vor allem für Wohngemeinschaften und Großfamilien
- Keine Wohnraumzweckentfremdung
- Kein Bau des Campanile-Hochhauses
- Umbau des Hafentunnels unter ökologischen und sozialen Gesichtspunkten (weiterhin zweispurig, auf jeder Seite ein von der Fahrbahn einsehbarer Rad- und Fußweg, ausreichende Entlüftung und Beleuchtung, Notruftelefone)
- Kindergerechte Umwelt, d. h. Kinderhorte, Spielplätze, Grünanlagen...
- Keine Nobelboutiquen, sondern Läden für den täglichen Bedarf

Wer an weiteren Informationen und Kontakten interessiert ist, kann sich an folgende Adressen wenden:

* Frankfurter Bürger/innen und Initiativenplenum für alternative Stadtentwicklung, c/o Mieter helfen Mietern, Große Friedberger Str. 16-20, Tel. 069-283549
* Stadtteilgruppe und Erwerbsloseninitiative Gutleut, Karlsruher Str. 4
* Fördergemeinschaft für Kultur und Kommunikation e.V. (FKK), Schleusenstr. 17


Dokumentation

"Was gehen mich die Hochhäuser im Westend an?"

...so fragen sich viele Frankfurter, die in Rädelheim, Sachsenhausen, Bornheim oder sonstwo wohnen. Und viele Bewohner des Westends glauben, daß zwei Hochhäuser mehr den Kohl nun auch nicht mehr fett machen. Außerdem denken viele, es sei Ja jetzt sowieso schon alles gelaufen.

Hochhäuser schaffen Wohnungsnot. Und die geht alle an.

Gibt es denn im Frankfurter Stadtgebiet noch genügend Wohnungen, die sich Normalverdienerlnnen leisten können? Stehen nicht zu jedem Semesterbeginn Tausende von StudentInnen auf der Straße? Vernichtet die rasende Bodenspe­kulation nicht auch Arbeitsplätze im gewerblichen Bereich? Diese Pracht-und Glitzerbauten, finanziert durch die gnadenlose Ausbeutung von Mensch und Natur hier und in der Dritten Welt, zerstören die gewachsene Struktur der ganzen Stadt. Machen sie zur Wüste, in der wir nur noch leben und ar­beiten können, wenn wir uns gegen jede menschliche Natur verbiegen und stauchen lassen.

Hochhäuser belasten Klima und Energiehaushalt unserer Stadt ohne Ende.

Für den Anschluß der neuen Hochhäuser wird eine vierspurige Stadtautobahn notwendig. Ganz abgesehen von den zusätzlichen Abgasen wird hier eine weitere Rennstrecke geschaffen, die Menschenleben fordert.

Der Anschluß der neuen Türme ans Ver- und Entsorgungsnetz wird Millionen kosten. Mehrjährige Bauarbeiten mit all ihren bekannten Folgen, Lärm, Staub, Verkehrsstaus kommen auf die Anwohner zu. Ein Hochhausgürtel schafft eine gigantische Totluftzone, in deren Dunstkreis die Krebsstatistik nie gekannte Höhen erreichen wird. Noch mehr kleine Kinder werden an Pseudokrupp, chronischer Bronchitis und Asthma-Anfällen leiden. Alte und wirtschaftlich Schwächere werden aus ihren Wohnungen in unwirtliche Randgebiete zwangsumgesiedelt, wo sie sozial verelenden.

Sind die Hochhäuser nun beschlossene Sache.

Fest steht: Entgegen ihren schriftlich im Wahlprogramm fixierten Zusagen, den weiteren Hochhausbau in Frankfurt zu verhindern, haben uns nun auch die koalitionsbesessenen GRÜNEN im Römer auf dem Altar ihrer Herrschaftslust geopfert. Trotz rechtswidrig erteilter Genehmigungen ist der Bau von BfG- und DG-Hochhaus von der rotgrünen Mehrheit abgesegnet worden. Zusätzlich sollen - wie erst jetzt bekannt wurde - noch zwei 20stöckige Türme in der Theodor-Heuss-Allee und zwei 30stöckige Bürotürme an der Emser Brücke die Entwicklung der “City West“ weiter vorantreiben. 20 neue Hochhäuser stehen uns Frankfurtern insgesamt bevor. Ist es jetzt überhaupt noch sinnvoll, weiter dagegen zu kämpfen?

Nun erst recht: Bürger werden sich ihrer Macht bewußt!

Spätestens jetzt wird klar, daß es falsch war, sich allein auf die Politiker zu verlassen. Aber es ist noch lange nicht zu spät, einer korrupten Clicque das wirksamste Machtmittel entgegenzusetzen. über das wir Bürger überhaupt verfügen:

Ziviler Ungehorsam - Wer mit dem Rücken zur Wand kämpft, fällt wenigstens nicht um.

Was noch vor wenigen Jahren in weiten Teilen der Bevölkerung als blanke Anarchie galt, findet jetzt auch Respekt und Unterstützung aus früher unvorstellbaren Lagern. Friedensketten, Manöverblockaden, Aktionen von Bürgerinitiativen einigten Bürgerliche, Liberale, engagierte Christen und Linke. Davon haben wir gelernt: Unser gemeinsames Interesse an einer lebenswerten Stadt ermöglicht sachbezogene Bündnisse, an denen auch die mächtigen Investoren und deren willfährige Helfer im Römer nicht vorbeikommen.

Unser Konzept: Lebensfreude gegen Betonterror.

Es gibt keinen Grund für Resignation und Weinerlichkeit. Ganz im Gegenteil: Auf geht‘s zum fröhlichen Kräftemessen, denn nie waren unsere Chancen besser. Den Auftakt bildet darum auch gleich ein Fest, bei dem wir einander besser kennenlernen und gleichzeitig integrative Stadt(teil)-Politik demonstrieren wollen.

BfG — dieses Mal heißt das: Bürger feiern gemeinsam.

Am 13.10.1989 geht‘s los: ab 16.00 h gibt‘s Live Musik, Gegrilltes und Getränke. Auf dem Gelände, das für das BfG-Hochhaus vorgesehen ist. Mit Zelten und angemessenen Sitzgelegenheiten machen wir die Bauwüste wieder für Menschen urbar.

Jeder bringt was mit: Salate, Brot, Getränke und etwas zum Auf-den-Grill-schmeißen. Für Kinder gibt‘s eine Spielecke. Wer Lust hat, bleibt sogar über Nacht. Schlafsäcke nicht vergessen!

B ürger f eiern G emeinsam

Freitag, 13.10.1989
BfG-Bauplatz (Zimmerweg/Mainzer Landstraße)
ab 16.00 Uhr

v.i.S.d.P.: Das Festkomitee