LeserInnenbriefe

Wir drucken hier Reaktionen und Kommentare der werten LeserInnenschaft z. T. in Auszügen.


Liebes AFAZ-Redaktionskollektiv,

die erste Ausgabe, und schon will ich die Chance nicht verpassen, eine produktive Auseinandersetzung mit euch zu beginnen. Hoffentlich versuchen es auch andere Menschen aus dem linksradikalen Spektrum.

Ich muß zugeben, daß ich skeptisch war, auch nach Lesen eures Konzeptes, nicht nur ob ihr alle eure Ansprüche erfüllen könnt, z. B. alle Artikel/Beiträge inhaltlich zu diskutieren, und auch ohne Rücksicht auf die Position des/der Schreibenden z. B. in eurer Redaktion. Dieser Anspruch dürfte in wenigen linksradikalen Zeitungen Fakt sein (damit meine ich erstmal das "antiautoritäre" Spektrum von anarchistischen, feministischen, autonomen, selbstorganisierten-unabhängigen Zeitungen bis zu Schülerlnnenblättchen).

Ein Großteil meines Mißtrauens beruhte auf meinen alten Bauchschmerzen mit der "AKTION"; daran werde ich immer schmerzhaft erinnert: die moralische und politische Selbstgefälligkeit von AnarchistInnen in der ‘AKTION, andere als "nicht-herrschaftsfrei" (z. B. Autonome) zu bezeichnen, die ständige Abgrenzereien und Konkurrenz, die einzig auf historischen Kostümen und einem anarchistischen Katechismus beruhte, bei gleichzeitiger oft (zu oft) inhaltlicher Schwäche und Nicht-Auseinandersetzung.

Hier noch einmal die Kritik an der "AKTION" aufzurollen, wäre ein eigenes Thema. Es soll nur meine "historischen" Erfahrungen als Hintergrund der aktuellen Kritik verdeutlichen.

Also, erstmal was mir gut gefallen hat: vom Layout die vielen eigenen Fotos und ab und zu die offene Gestaltung, die die Fotos eng mit dem Text verknüpft, Gefühle vermittelt (z. B. vorletzte Seite).

Auf der anderen Seite ist ein Verhältnis Text/Fotos/Layout aus den Sachzwängen von Seitenzahlen/Kosten oft einer bedrückenden Enge unterworfen, auch bei euch, aber das ist nix neues.

Gefreut habe ich mich auch über Gedichte, den Mut sie zu veröffentlichen, auch wenn ich mir hier (leider) eine künstlerisch/inhaltliche Kritik erstmal ausspare.

Es gibt auch Artikel über die mensch herzlich lachen kann, die voller Selbstironie und Empfindsamkeit sind, ohne ungenau oder unsolidarisch zu werden ("Schreibwerkzeugkiste", "Wie die AFAZ zu ihrem Namen kam").

Richtig finde ich auch, Konflikte in der Stadt aufzugreifen, genauere Auseinandersetzungen über Politik von unten zu führen (Krankenhausarbeiterlnnenstreik, Uni-Koz). Diese Ansätze in Richtung einer Stadtzeitung halte ich für wichtiger als eine bundesweite Verbreitung, gerade wenn dies mehr Intervention hier bedeutet.

Sicher kann Satire und Lebensgeschichten nicht radikale Kritik an den Diskussionen und Politik der sozialrevolutionären Linken ersetzen; aber sie können den Blick nachvollziehbar für "andere revolutionäre" Erfahrungen öffnen. Denn, wie Andi Semisch (Gefangener aus der Bewegung gegen die Startbahn West des Frankfurter Fughafens, d. Red.) in seinem letzten Brief formulierte, bestehen wir nicht nur aus der politischen Abteilung im Kopf.

Da soll keine Teilung in "privat" und "politisch" reproduziert werden, so als wäre die Satire, die Geschichte, der Witz frei und selbstlos und unterliegen keiner Anstrengung und Selbstkritik. Kompensieren sie doch oft nur, ohne ein autoritäres Verhältnis zu durchbrechen. Ein vorzügliches Beispiel die vielen Antiimpwitze (Antiimps sind marxistisch-leninistisch orientierte antiimperialistische RevolutionärInnen, d. Red.), die selten so sind, daß die Betroffenen darüber lachen könnten (wenn sie es können), sondern oft von Gehässigkeit und Arroganz strotzen. Sie zeugen eher von der Unfähigkeit, politische Grenzen zu ziehen und sich gegen Machtverhältnisse durchzusetzen (wie und wie schwer das ist, steht auf einem anderen Blatt).

Bei euch ist der Witz oft gelungen: erfolgreich nimmt das Wortspiel um anarchistische Autonome und autonome Anarchistlnnen die oft selten erfahrungsreichen sondern abstrakten Kategorien, Diskussionen und Begriffe auf den Arm. Und daß das "Metropolenproletariat" im alten Libertären Zentrum manchmal tatsächlich eintrudelte und trotz ausgiebiger Bemühungen verschiedener Obergenossen nicht blieb. Da sollte doch manchen zumindest ein Lächeln übers Gesicht huschen. Ich habe ausgiebig befreit gelacht.

Nun zur Kritik:

Geärgert habe ich mich über den Artikel zu den Hungerstreikbüroauseinandersetzungen (Frankfurt) "Kollektivität ist die Kraft, die uns treibt?!". Es wäre sinnvoller gewesen, die Einschätzung aus der Swing (autonomes Rhein-Main-Info, d. Red.) zu übernehmen, die eine produktive Kritik versucht und die inhaltlichen Widerspruche, die sich seit der Veranstaltung am 26.2.89 durchziehen, wiederzugeben.

Auf die Besetzerlnnen wurde nicht einfach Druck ausgeübt, wie im Artikel so dargestellt, auch wenn einige dies im Bewußtsein, in der Mehrheit zu sein, wollten (z. B. nach "Abstimmung" während der Beratungspause am 5.4.89, in der es darum ging, die BesetzerInnen von der Richtigkeit des Nachgebens im Konflikt mit der Kühl KG/KBW-Haus/Grünen zu überzeugen und nicht zu überstimmen).

So schwer und letztlich unmöglich es war, den Besetzerlnnen unsere Fassungslosigkeit über die "Ausrufung eines revolutionären Zentrums" zu vermitteln, und auch das Stöhnen in autonomen Zusammenhängen über die Redebeträge auf der 1.4.89-Demo anscheinend nicht verstanden wurde (abgesehen davon, daß uns jemand aufforderte "Jetzt könnt ihr Parolen rufen" und gleich einige auf Lager hatte; das war nicht mehr komisch), so richtig war es, die Auseinandersetzung zu suchen. Der Artikel bleibt verkürzt und enthält nur wenige neue Aspekte, sondern fällt hinter der Swing-Einschätzung zurück.

Bei mir entstand der Eindruck, daß der Autor deswegen so lieblos und oberflächlich mit dem Thema umging, weil für ihn diese Antiimps sowieso abgeschrieben sind, und die inhaltliche Konflikte äußerlich betrachtet werden. Es ist nicht so, daß es in der Solidarität mit den hungerstreikenden Gefangenen nicht um uns selbst ging, wie er es schreibt. Dieser Hungerstreik war auch eine Herausforderung an unsere Moral, unseren Kampfwillen als sozialrevolutionäre Linke, und unser Auseinandersetzungs- und Kritikfähigkeit. Und im Hungerstreikbüro ging es oft gerade nicht "nur" um uns selbst, wie der Autor behauptet, sondern um eine "Idee von sich selbst". Wer erinnert sich nicht daran, daß der Redner der Besetzerlnnen auf der Uni-Veranstaltung am 29.3.89 von revolutionären Widerstand und Bewegung redete, im Selbstbewußtsein, daß er Teil der "Avantgarde" wäre und diese so ist und nicht als Aufgabe und Verantwortung. Und den Einwurf der Frau vom Hafenstraßeninitiativkreis, daß es in der BRD keine revolutionäre Bewegung gäbe, eine Provokation, die unbeantwortet blieb. Sie wies darauf hin, wieviele das RevolutionärInsein schon von sich geglaubt haben, sich dazu ernannten. Die Bezeichnung einer revolutionären Linken kann nur das Ziel angeben, die Richtung, in die sich organisiert und wie diskutiert wird, ob eine Linke revolutionär ist, erweist sich in der Praxis. Wäre es tatsächlich um uns selbst gegangen, wären ‘wir‘ in den Diskussionen unserer gesellschaftlichen Situation bewußter geworden.

Der Vorwurf des Autors schließlich, die Besetzerlnnengruppe wäre eine Selbsterfahrungsgruppe gewesen, ähnelt oberflächlich dem "Subjektivismus-Vorwurf" an Antiimps im "Spaltpilzepapier" (Papier von Autonomen aus dem Startbahnwiderstand zum Rausschmiß von Achim Bender aus der "Au", besetztes Haus in Frankfurt, d. Red). Doch im "Spaltpilzepapier" steht, daß es falsch und politisch gefährlich ist, "sich wechselweise einfach für bekloppt zu erklären", und das tut der Autor letztendlich: insbesondere mit der Formulierung, daß sich die Antiimps im Büro quasi selbst zusammengelegt hätten, diffamiert er ein ganz subjektives, oft existenzielles Bedürfnis nach Zusammenleben und -kämpfen und eine Kampfforderung und stellt eine scheinbar objektiv-notwendige Politik (Solidarität mit den Gefangenen) dagegen.

Im Gegensatz dazu versuchte das "Spaltpilzepapier" zu erklären, was für sie kritische Subjektivität ist, und was nicht. Der Autor widerspricht sich selbst, wenn er einerseits die Notwendigkeit konkreter Kollektivität und Vertrauen benennt, andererseits falsch polarisiert: Bürosituation gegen objektiv-notwendige Politik zum Hungerstreik. Der Vorwurf, daß in Frankfurt anderes notwendig war als Auseinandersetzungen um zwei oder drei Räume, bleibt dem tatsächlichen Problem äußerlich. Wenn dies die Konsequenz aus den Hungerstreikauseinandersetzungen wäre, sich (insgeheim) an den Schwächen einiger Antiimps zu weiden, fällt den Spötterlnnen von heute morgen der Stein auf die Füße, wenn die eigenen Unfähigkeiten zutage treten.

Eigentlich wollte ich noch andere Artikel auseinandernehmen, aber da es schon so lang wurde und noch öfters Gelegenheit besteht, Schluß für heute

Sissi Foss aus Frankfurt


Is gut die Zeitung! Gratulation! Besonders die "Schreibwerkzeugkiste" beschreibt Dimensionen, die total wichtig sind.

G. aus Basel (banal)


Zur Schreibwerkzeugkiste ein paar kritische Fragen

Ganz prima, wenn die Sprache eurer Artikel Leselust verschaffen soll. Ganz prima auch, wenn ihr Leuten in eurer Zeitung Raum geben wollt, die sich bisher nicht hervorwagten aus Angst, daß die Form ihrer Produktionen nicht den üblichen Regeln entsprechen.

Aber was meint ihr, wenn ihr von "unglücklich gewählten Worten" schreibt, oder daß es "an den Worten (liegt), an den Sätzen, ob genau ‘rüberkommt‘ nach draußen, was drinnen empfunden und gedacht wird, oder, wenn ihr Leute erwähnt, die sich Hilfe suchend an Leute wandten, die in Zeitungsprojekten mitarbeiten, "denen es wichtig ist, richtig verstanden zu werden"?

Anscheinend hegt ihr die Auffassung, die Komplexität der Kommunikation neuerdings durch den falsch-richtig Gegensatz ausdrücken zu können. Auch ist euch die Gabe verliehen, den Leuten zu zeigen, wie es verstanden wird, was sie ausdrücken wollen. Offensichtlich könnt ihr in die Leute hineinschauend objektiv ihre Gefühle und Gedanken erkennen und seid nicht wie Normalsterbliche darauf angewiesen zu INTERPRETIEREN und dadurch eine einsame, subjektive Vorstellung von dem zu bekommen, was dieser Mensch ausdrückt.

Da ist allerdings keine Gedanke "an ein Schreibseminar oder gar Belehrung" angebracht, da denke ich an Sendungsbewußtsein.

Ihr stellt Fragen, die EUCH vorm Artikelschreiben wichtig erscheinen, um "richtig" verstanden zu werden". Wie gestalte ich einen Artikel? Wie baue ich das verständlich auf? Wie kann ich meine Gedankengänge genau vermitteln? Welche Form ... ist angebracht? usw.

Dabei setzt ihr jede Menge Normen und Vorgaben, ohne sie als solche zu benennen bzw. sie zu legitimieren.

Die erste und umfassendste ist, daß es Ziel jeder Kommunikation ist, "richtig" verstanden zu werden. Wenn ihr schon an anderer Stelle in eurer Zeitung selbst der Lyrik frönt, die DaDaistlnnen (Anti-Lyrikerlnnen, d. Red.) erwähnt, solltet ihr zumindest den Raum auflassen für Beiträge, die sich verweigern, dem Prinzip des Verstehens durch Rationalität zu huldigen.

Aber angenommen jemand wollte unter der von euch gewählten Prämisse schreiben, dann wißt ihr, was verständlich, was genaue Vermittlung ist, welche Form angebracht ist??

Nicht nur, daß ihr wißt, was der Mensch ausdrücken will, als stündet ihr an seiner Stelle, nein ihr wißt auch, wie der Verstehensprozeß Hunderter (?) von LeserInnen funktioniert. Hut ab.

Merkt ihr nicht, daß die Verkrustung linker Sprache in der Form von euch lediglich erweitert wird (quasi auf höherem Niveau)? Wieder kommt jemand daher und sagt, wie es richtig ist. (Kommunikationsversuche in der Form zu bewerten, ist auch eine Art Herrschaftsausübung.)

Als würdet ihr nicht Bestehendes von eurer Position aus kritisieren, sondern so, als hättet ihr den Überblick über die verbauten und verborgenen kreativen Potentiale.

Sprache, noch mehr geschriebene Sprache, ist eine ohnehin beschränkte Angelegenheit. Nur ein paar bestimmte sprachliche Mittel herauszuheben, engt den gerade geöffneten Raum ein, setzt willkürliche Maßstäbe, Wegweiser, Grenz— pfähle.

Kein Gedanke der Authentizität von Leuten, die bisher kein Forum hatten, unmanipulierten Raum zu geben. Es riskieren, sich davon überraschen zu lassen. Dazu bedarf es allerdings der Vorstellung, daß es noch gänzlich Unbekanntes geben könnte.

Möglicherweise käme einiges, was euch nicht gefiele, was euch und mir und anderen keine Leselust verschaffen würde. Es erwartet niemand, daß ihr dann ehrfürchtig und kritiklos applaudiert.

Aber zulassen solltet ihr‘s. Bevor ihr alle den Ungeübten eure genauen Vorstellungen, wie "bessere" Schreibsprache auszusehen hat, beibringt.

Viel weiter wärt ihr auch nicht, wenn die Formelsätze bisheriger Flugblattstile unisono durch die wesentlich intelligentere Unterbrecherschreibweise ersetzt würde.

P. S. Wenn Anarchismus schon bei der Bearbeitung grundlegender menschlicher Interaktionsformen zur reformerischen Rekonstruktion verkommt, dann mag ich ihn nicht.

P. P. S. Wenn F. Teufel eure Erläuterungen seiner Äußerungen gelesen hätte, bekämmt ihr das Heft um die Ohren gehauen. Fällt euch nicht auf, daß die neunmalkluge Erklärung von sowas wie des Blödojes (wer es ohne nicht kapiert, dem/r ist an dem Punkt ohnehin nicht zu helfen) diesen flüchtigen Moment des Schmunzelns erdrückt und als trockenes Brösel zurückläßt?

U. B. Kant aus Frankfurt

 

Unsere Antwort dazu:

Anhand deiner Kritik und unserer darauffolgenden Diskussion wurde uns klar, daß die Schreibwerkzeugkiste, so wie sie auf gebaut war, zu Mißverständnissen geführt hat bzw. Interpretationen erlaubt, die nicht im Sinne des Schreibers waren. Z. B. hatte er vergessen, in einer Einleitung darauf hinzuweisen, daß die Schreibwerkzeugkiste in mehreren Folgen viele verschiedene sprachliche Ausdrucksmöglichkeiten behandeln sollte. Schließlich mißfiel ihm auch selbst die seminarhafte Aufmachung - aber jetzt soll‘s anderes werden (...).

Nun nochmal zum Ziel unserer Zeitung. Sie soll Kommunikation zwischen Menschen ermöglichen und zwar (3 x peng + peng) im anarchistischem, antipatriarchalem, antisexistischem und autonomen Sinne. Dazu müssen wir Worte benutzen, die traurig aber wahr, Inhalte einengen. Eine langsame Entwicklung der Sprache in einem möglichst offenen Prozeß kann befreiend wirken.

Weiterhin haben wir uns entschieden, in unserer Zeitung Raum für neue Ausdrucksformen zu geben, trotzdem aber auch an hergebrachten Sprachnormen festzuhalten, um ein großes LeserInnen- und Schreiberlnnenspektrum anzusprechen.

Nicht gelungen klar zu machen war, daß es eine bewußte Entscheidung sein kann, die auch Freidenklnnende dazu treiben kann, normierte Sprachmittel zu benutzen. (übrigens gefiel uns der Aufbau des Leserlnnenbriefes sowie die freundlichen Spitzen darin sehr! - Hut ab!).

Zum Schluß möchten wir noch sagen, daß wir uns über schriftliche Reaktionen auf Artikel bzw. über eigene Beiträge immer freuen, egal wie klar oder unklar sie abgefaßt sind.

die Red.


denkbrief zu nr. 1 AFAZ - anarchistisch feministisch autonom nicht und keineswegs auf dem titelbild

hallo leute - irgendwie hat‘s mich so genervt, daß ich gar nicht gratulieren kann, sondern irgendwie gleich von ignorantem und zwar schwer-patriarchalischem reden möchte.

auch das ist noch untertrieben, denn die meisten der bilder gleichen exakt denen, die ich nach besuch des KZ-Auschwitz von den folterungen durch die Boger-Schaukel gesehen habe - naja sagt ihr und meint, daß ihr nicht alle grausamkeiten kennen könnt, wenn ihr titel raussucht. aber da gäb‘s noch‘n zweiten punkt.

das ist die absolute unterdrückung von körpern durch den sport. auch viele religionen machen das mit dem anspruch auf beHERRschung des körpers und des geistes, von den gefühlen gar nicht zu reden. das allerdings sollten anarchistlnnen wissen feministlnnen sowieso, und dabei wären wir bei dem geschmack, über den manche meinen, daß es darüber keine diskussion geben könnte. es gibt für uns auch andere ansätze wie die synthese von ethik + ästhetik, und da meine ich immer noch, daß freie menschen, oder die darum kämpfen frei zu werden, wenig witz an so geknebelten menschen auf bildern finden.

unvollständig und spontan

a. aus München

übrigens gibt es auch unumgängliche analysen zu werbung - lay out - fotos usw. und kapitalismus. bilder und ihre sprache im faschismus und und und ....

 

Unsere Antwort dazu:

Uns ist nicht klar, wie du darauf kommst, daß wir das Titelbild witzig finden würden. Muß jedes Titelbild witzig sein?

Jede und jeder von uns hat auf das Titelbild der AFAZ Nr. 1 unterschiedlich reagiert, wurde von unterschiedlichen Aspekten angesprochen. Eine gewisse Faszination war bei einigen bemerkbar, Gefühle wurden ausgelöst, die Assoziation an Konzentrationslager kam auch auf. Doch ist es dann verboten‚ so ein Titelbild zu drucken?

Das Bild sollte also anregen, Denkanstöße geben, sich mit sich und seiner Umwelt auseinanderzusetzen. Es zeigt eine Variante extremen menschlichen Verhaltens, das aber unterschiedlichster Interpretation unterliegt.

Eine andere Assoziation war, daß dieser Mensch die Verrenkungen der "Szene" symbolisiert, wie jede und jeder sich vereinzelt in seinem Leben und Alltag abstrampelt, dem puren Individualismus nachhängt.

Schließlich bedeutet Körperbeherrschung nicht von sich aus etwas negatives. Solange kein äußerer Druck auf einen Menschen ausgeübt wird, kann doch jede und jeder mit seinem/ihren Körper machen, was sie will bis hin zur selbstbestimmten Wahl des Freitodes.

Wie das nun im konkreten vorliegenden Fall mit dem äußeren Druck aussieht, wissen wir nicht. Doch auf alle Fälle fanden wir den Ausdruck des Titelbildes sehr vielschichtig, eben etwas zum Nachdenken.

d. Red.


(...) Absolut spitze finde ich die Idee, die Zeitung auch außerhalb der "Szene" zu vertreiben. Das war‘s, was mir schon immer vorschwebte: Mit anarchistischen Ideen raus aus dem eigenen Saft — rein in‘s Vergnügen. Weniger politisch Bekannten oder Andersdenkenden das Blatt in die Hand drücken, sich auch darüber streiten...

(...) Auf daß die zukünftigen Leserlnnen nicht verständnislos vor der Zeitung sitzen und sich als ‘nicht-szenezugehörig", als "Nicht-DurchblickerInnen" übergangen fühlen.

Ich weiß, daß das ziemlich schwierig in die Tat umzusetzen ist, hoffe aber, daß es klappt.

Gut fände ich es, wenn in jeder Ausgabe so eine Art "Grundsatzartikel" wäre, an welchem anarchistische Grundsätze gezeigt werden. Eben mehr als die bloße Erwähnung, daß wir alle Herrschaft ablehnen.

Was ich an der ersten Nummer gut finde ist z. B., daß sich Artikel (China und Erfahrungen zum Aktionsausschuss der Frankfurter Krankenhäuser und Pflegeheime) auf Dinge aus dem gesellschaftlichen Leben beziehen oder eben auf etwas, über was viele sich Gedanken machen (China). Wahrscheinlich ist gerade das ein guter Ansatz die Zeitung in andere "Zusammenhänge" (oh dieses Wort) zu bringen.

Schöne Grüße und flottes Schaffen

M. aus Bad Pyrmont


Liebe Menschen von der AFAZ,

(...) Kurz ein paar Worte zu eurer ersten Nummer: die Bedeutung, die eure Zeitung vor Ort erlangen wird, kann ich selbstverständlich nicht beurteilen.

Gut finde ich euer Konzept, einmal vermittelbar zu sein (leicht verständliche Sprache, Inhalte derart darzustellen) und andererseits auch Gefühl, Poesie, Individuelles in die Zeitung zu nehmen. Für Letzteres werdet ihr sicherlich von einigen belächelt werden, (linke) Politik ist schließlich was ernsthaftes. Ich möchte euch aber an dem Punkt unterstützen: in der ersten Ausgabe ist euch das auch nicht in Kitsch abgerutscht. Und schließlich zerbrechen wir nicht an inhaltlichen theoretischen Diskussionen, sondern in den Auseinandersetzungen, die wir als ganze Person mit unserer jeweiligen Geschichte, Beziehungen, Gefühlen mit der herrschenden Realität führen müssen. Und dies nicht abzuspalten, sondern zu versuchen, in den Begriff von Politik und eure Zeitung aufzunehmen, finde ich gut.

Ich hoffe diese Mischung wird euch weiter gelingen.

Bei dem Versuch, Inhalte vermittelbarer darzustellen, denke ich, müßt ihr aufpassen, euch damit nicht zwischen "Szene" und potentiellen anderen Ansprechgruppen zu zerreiben. Sprich: die anderen erreicht ihr nicht, und die "Szene" kennt schon alles.

Kurz zu einigen Artikeln: der Artikel "Frankfurt 2000" enthielt nicht soviel Neues, aber das ist ja nichts Falsches, über diese Tendenzen/Entwicklungen, besser: gegen sie, kann nicht oft genug geschrieben werden. Ich hoffe, dieses Thema Umstrukturierung wird regelmäßig Platz haben bei euch. Es ist bitter notwendig.

Über Frauen-Aktionen wie diese Besetzung zu berichten, ist ebenfalls immer richtig bzw. der gesamte Komplex Sexismus und auch wie wir "linke" Männer in diese Strukturen eingebunden sind. Auch gut, daß ihr betont, daß Frauen und Männer im Befreiungsprozeß immer wieder neu Wege gemeinsam gehen können.

Die Idee mit einer "Schreibwerkzeugkiste" Leuten die Angst zu nehmen, etwas zu schreiben, ist gut, wenn auch in der letzten Nummer zu lang geraten. Das Poster, entschuldigt, ist ein wenig danebengeraten für meine Augen.

Na ja, so geht es halt weiter - besonders schön die letzte Geschichte "was machst‘n so?!‘, so richtig was für‘s Herz.

Macht es gut, Zähigkeit und frohe Stunden

T. aus Köln


Liebe Leute,

wir (...) weisen Euch (...) darauf hin, daß sehr viele Frauen massive Probleme mit dem Untertitel - ..., ..., feministisch - haben; vor allem, weil dadurch der Anschein entsteht, es würde sich um eine Frauenzeitung handeln. Wir denken nicht, daß Typen /bzw. gemischte Gruppen) das "Recht" haben, sich mit derartigen Worten zu "schmücken", und diese auch gar nicht füllen KÖNNEN, selbst wenn endlich mal eine Diskussion über das Patriarchat im allgemeinen und im besonderen geführt wird.

Soweit das, wir hoffen auf Änderung und eine konstruktive Diskussion, auch wenn wir aus wahrscheinlich bekannten Gründen derzeit nicht mehr als diesen Rüffel dazu beitragen können.

M 99 (Bücher und Poster), Berlin


AFAZ also, aha, anarchistisch feministisch autonome Zeitung, uff ... UFF!

Wozu dieses Etikett? Um's ein für allemal und von vorneherein und überhaupt klar zu machen und damit auch ja keine Unklarheiten auftreten, wer Ihr sein und was Ihr wollt? Um sich von vorneherein klaren Schubladen unterzuordnen?

Abgesehen von der Fragwürdigkeit ein gemischtes Zeitungsprojekt "feministisch" zu nennen - dazu später - meint Ihr nicht, daß es ein absolutes Paradox ist, einen inhaltlichen Anspruch der Offenheit und des Aufeinander(andere)zugehens zu verkünden und diesen "anderen" dann von vorneherein durch Etiketten klar zu machen, was und wie sie sein müssen, um sich an Eurer Zeitung zu beteiligen? Was so offen angelegt war, endet nun (vorläufig?) wieder mal in klar gestempelter Selbstbegrenzung. Wozu? Wovor habt Ihr dabei Angst, wenn Ihr Euch so festlegt? Davor, daß wirklich Leute kämen, schrieben, denen die Bezeichnungen erstmal gleichgültig oder unbekannt sind? Mir scheint, daß sich in der Rücknahme des Seiten später formulierten Ansatzes bereits auf dem Titelbild Eurer Zeitung die altbekannte Angst und Unfähigkeit der autonomen / anarchistischen Bewegung(en) ausdrückt, Menschen unvoreingenommen - das muß ja nicht positions- und kritiklos heißen -entgegentreten. Es ist die Angst, beim Wort genommen zu werden und dann damit überfordert zu sein. Das betrifft sicher nicht nur Euch, aber Ihr seid das jüngste praktische Beispiel für die Existenz dieser Ängste bei uns und ihrer seltsamen Auswüchse.

Ich vermute, daß Ihr so argumentieren werdet, daß Ihr offen sein und mit Eurer Position nicht hinter dem Berg halten wollt. Nur - die drei abgedroschenen und überstrapazierten Worte, die den "Namen" Eurer Zeitung bilden sind eben noch lange keine inhaltliche Position, aber dazu später.

Abgesehen von dem "Öffentlichkeitsanspruch" kann ich diese Art, einem Projekt keinen eigenen, sondern den Namen von Etiketten zu geben grundsätzlich nicht verstehen. Wozu ist es nötig, plakativ quer übers Titelbild die Ansprüche zu kleben, denn das sind es, nicht mehr. Wir sind doch nicht autonom, anarchistisch, wir wollen es vielleicht sein, es ist ein Kampf darum, es zu sein, gegen unsere Fesseln, an den Händen, wie im Kopp, ein Kampf um Autonomie, Selbstbestimmtheit und Anarchie, Herrschaftslosigkeit, das ist nix, wie wir (und Ihr) schon sind. Die Tatsache, daß Ihr die Zeitung als anarchistisch und autonom bezeichnet, ist doch kein Garant dafür, daß sie (und Ihr) es auch sein könnt, oder?

Die Selbstverständlichkeit, mit der Ihr Euch auch noch das Etikett "feministisch" umhängt, empfinde ich als Frau, die versucht, einen feministischen Kampf, und das kann auch heißen, einen Kampf ohne bzw. gegen Männer zu führen, als schlichte Anmaßung, zumal die Exemplare der Gattung "Feminist", denen ich bisher begegnet bin, in mir zumeist heftige Wut ausgelöst haben. Die Erfahrung lehrt, daß ein Feminist in der Praxis einer ist, der noch besser weiß als wir Frauen, wie wir uns zu befreien haben und der keine Gelegenheit ausläßt, die dazu nötige Strategie zu verkünden. Entweder dies - oder ein Männergruppenfan, der sich zusammen mit Gleichgesinnten stets befleißigt, zu allem und jedem (das Frauen äußern) möglichst seinen Senf sprich "Männerstandpunkt" dazuzugeben. Das sollte dann aber eher "Maskulinist" heißen und bekämpft werden. So weit, so polemisch.

Klar (?) gibt's auch noch Männer, die versuchen, sich ernsthaft mit Frauen und deren Positionen und vor allem mit dem eigenen Mann-Sein auseinanderzusetzen. Gerade aber weil das ein ernsthafter Prozeß ist, würde mann sich dann sicher nicht als Feminist bezeichnen. Das ist die erste Interpretationsmöglichkeit für das "feministisch in Eurem Namenszug.

Eine weitere wäre, daß es sich um einen dezenten Hinweis darauf handelt, daß es sich bei der "AFAZ" um ein "gemischtes" Projekt handelt, in dem doch tatsächlich noch Frauen beteiligt sind. Das mutet allerdings seltsam an, daß Grund genug sein sollte, eine Zeitung "feministisch" zu nennen...

Was mich interessiert, ist, wie sich all die schönen Umhängeschilder praktisch ausdrücken, in Euren Artikeln, in den Redaktionsdiskussionen, im Innern der Zeitung. Da will ich nach einer Ausgabe noch keine Kritik wagen. Wenn sich aber eine autonome oder anarchistische Zeitung (den Feminismus lassen wir mal lieber weg) als solche herausstellt, dann tut sie das in der Praxis, an der sie gemessen wird, oder gar nicht, jedenfalls sicher nicht dadurch, daß Ihr sie so benennt.

Die Bezeichnungen "anarchistisch" und "autonom" für eine Zeitung sind für mich auch keine individuell benutzbaren, sondern eine Zeitung, die sich so begreift, muß meiner Meinung nach auch in der autonomen oder anarchistischen Bewegung, oder in Bewegungen die das sind, sich aber nicht so (zu) nennen (brauchen) verankert sein, sie muß Ausdruck einer Bewegung sein und nicht der eines kleinen Redaktionskollektivs.

Eine linksradikale Zeitung sollte Ergebnis eines Prozesses sein, einer von vielen Menschen geführten Diskussion, muß einem Bedürfnis entspringen, genau wie ein linksradikales Zentrum. Das ist auch ihre wichtigste Legitimation. Denn - und wenn Ihr Euch als anarchistisch begreift, müßtet Ihr darüber auch diskutiert haben - eine Zeitung, losgelöst von einer Bewegung, ist zwar keine "richtige Zeitung" mehr, aber immer noch ein ganz schönes Machtmittel...

Ich weiß, daß an diesen Kriterien gemessen nicht nur die AFAZ auf wackeligen Füßen steht, aber sie auch, und um sie geht's ja grad.

Vielleicht noch deutlicher: Es geht doch jetzt nicht darum, eine neue AAdingsda-Zeitung aus dem Boden zu stampfen, bloß damit sie da ist (oder?), sondern um den Versuch, den von Euch formulierten Ansprüchen (und vielleicht auch den von mir formulierten?) zu versuchen gerecht zu werden. Daher der Vorschlag: Laßt Euch doch Zeit mit der 2. (Null) Nummer. Lieber eine gute Zeitung (mit eventuell langer Anlaufphase) als eine schnelle, schlechte, kurzlebige. Und noch ein Vorschlag: Überlegt Euch doch vielleicht nochmal, ob der Name wirklich so gelungen ist. Ich finde nicht, denn wie gesagt, es ist keiner, es ist ein Etikett, eine Warenbezeichnung und aus der Werbung ist ja bekannt, daß nicht überall, wo Supersoundso draufsteht auch Supersoundso drin ist. Eine Zeitung, die sich den Anspruch so vor die Brust bindet kann daran nur scheitern.

Jetzt wollt Ihr nach den vielen "negativen" Vorschlägen sicher auch noch einen "positiven" hören, einen Namen vielleicht? Das fällt mir schwer (aha, aber meckern kann sie - halt, halt, so leicht mach ich's Euch - und mir - nicht).

Aber, es fällt mir schwer, zumal ich das Kriterium, Anfangs A in A nicht akzeptieren kann, denn Anarchie ist was anderes als ein A mit Kringelchen drum. Meine Vorschläge sind zudem Euren Kriterien unterworfen, aber Namen ausdenken kann ja auch Spaß machen. Also. wie wär's denn mit "Belebungsversuch" oder "Bewegungs-versuch" oder "Bagatelle" oder "Intakt" (oder "Infarkt") oder "Gezeter" oder "Funke" - alles nicht so toll? Oder "Aufschwung" (da ist's, das A) oder "Umschwung" oder "Überschwa(u)ng" oder "Sammelstelle" (für Frankfurter oder Regionale Geschehnisse, was ja auch (oder??) Euer Anspruch ist). oder oder oder....

Ihr habt doch sicher auch Phantasie!

Mit viel Skepsis aber nichtsdestotrotz solidarischen Grüßen

eine Frau aus Ffm