Mit Schwung in die 90er Jahre

Woher bekommt Ihr Eure Kohle, wo arbeitet Ihr? Meine, vielleicht eingeschränkte Erfahrung in autonom-anarchistischen Strukturen ist, daß wir uns immer um soziale Kämpfe kümmern, selten aber um unsere Lebensgrundlage. Antifaschismus-Arbeit, Anti-AKW-Bewegung, Antiimperialismus, Antipatriarchatsdiskussionen(?) etc. sind Bezugspunkte unserer Kämpfe. Ist das unsere Identität ???

Zum einen hat diese Ablehnung wenig mit unseren Zielen zu tun, zum anderen wird da etwas vergessen. Ich kenne eine ganze Menge Autonome, welche zwar bei fast jeder Gelegenheit dabei sind, aber in der Uni, bei der Arbeit, in der Schule etc. kaum etwas tun, höchstens etwas kritisch sind.

PRIVAT GETRENNT VON POLITIK -PURER INDIVIDUALISMUS

(Wenn sie nicht immer etwas anderes wollen würden, wär's ja o.k.)

Ich mache seit 18 Monaten eine Ausbildung als Erzieher. Viele von Euch werden jetzt vielleicht schmunzeln oder stöhnen. Ist Euch bewußt, was dort gelehrt und gelernt wird?

Die patriarchale Gesellschaft hat hier eine, wenn nicht sogar die größte Machtstütze. Daran zu sägen, die Dressur offen zu machen, die Herrschaft zu verdeutlichen ist eine gar nicht so schwere Aufgabe.

Die Geschichte hat viele freiheitliche, antipädagogische und libertäre RevolutionärInnen vorzuweisen. Der Betrieb / die Berufsschule als Kampfterrain ist auch für mich neu. Darstellungen, Erklärungen, Kritik, "Alternativen" zu entwickeln, dies stößt sehr schnell auf pädagogische, politische und menschliche Grenzen. Bis zur Vorladung zum Direktor war es dann auch nicht mehr weit. Trotzdem haben wir im Rahmen der Schule ein Projekt erkämpft, welches sich mit der Institution und deren Abschaffung beschäftigen soll.

Meine Fehler in diesem Rahmen waren ab einem gewissen Punkt mein Individualismus, daß ich gleich alles bekämpft habe (Normen, LehrerInnen, Inhalte etc.). Das hat nach dem letzten Höhepunkt zu Frust und Resignation geführt - Schwäche, Tränen, Schmerzen, Einsamkeit, Mackerverhalten.

So, jetzt zu dem, was Euch betrifft.

Ihr geht jobben, zum Sozialamt, macht 'ne Ausbildung, studiert... Diese Orte sollten endlich im Vergleich zu den sozialen Brennpunkten gleichwertige Kampfgebiete sein. Hier haben wir die Möglichkeiten mehr Leute zu erreichen, ihnen zu zeigen, daß unsere/ihre Vorurteile falsch und erlogen sind, daß wir etwas positives für uns alle wollen, daß das eine Perspektive ist...

Wir können Mut machen. Wir können prüfen, ausprobieren...! Dies soll kein Abfeiern von Arbeit sein, bestimmt nicht, es ist (m)ein Ansatzpunkt.

Als die Schulzeit begann, war ich alleine - was gibt's zum Thema an revolutionären Antworten, wie wehre ich mich gegen die Scheisse, was machen die MitschülerInnen drauß... - ganz viel Fragen.

In der Klasse sind wir jetzt zu dritt, einige Lehrkräfte (!!) unterstützten uns. Wir organisieren eine breite Veranstaltung und demnächst gründen wir im Rahmen unserer anarchistischen Zusammenhänge eine Gruppe zum Thema libertäre/Anti-Pädagogik.

Kleine erste Schritte, aber es ist vieles weiter möglich. Dies ist mit Kraft verbunden. Leicht überschätze ich mich. Doch zu oft unterschätzen wir uns. Denn der Wirbel, der jetzt schon entstanden ist, zeigt, daß wir nicht nur Scheiße reden, sondern ernstgenommen werden müssen. Nicht Ablehnung, sondern Entlarvung ist angesagt, und das ist zum Teil sehr einfach.

Deshalb rufe ich Euch auf, habt Mut in Euren Lebenszusammenhängen unseren Kampf anzufangen. Sucht Leute. Beschäftigt Euch mit unserer Geschichte - es gibt vieles (neu) zu entdecken. Es bestätigt oft jenes, was wir schon in uns tragen!

Und wenn Resignation und Verzweiflung aufkommen, alleine zu sein, schaut Euch um. Schaut in andere Städte, kommt vorbei! Nix ist schöner als zu sehen, daß die Schwierigkeiten überall ähnlich sind und sich oft ähnlich lösen lassen.

ALLES GUTE UND LASST VON EUCH HÖREN!!
HABT DEN MUT ZU KÄMPFEN UND ZU SIEGEN!!

HÄGAR aus Kiel

Kontakt über die AFAZ-Redaktion