Die Sponti Macker Show

2.12.89. Benefiz-Fete für El Salvador in der Uni Frankfurt. An den Wänden hängen große Transparente, die zur Bauplatzfete am 8.12. aufrufen, Widerstand gegen Hochhausbau. Gerade hat jemand am Mikro was von Hausbesetzungen gesagt, von Protest gegen die städtische Wohnungspolitik. Die Stimmung ist gut, nicht so dumpf wie sonst oft auf den großen Feten an der Uni. Es spielen Independent-Gruppen. Die Bühnenansagen macht ein junger Typ, gestylt zur Karikatur des bundesdeutschen Showmasters; mit verknauschter Krawatte, lächerlich saloppem hellblauen Anzug und schräg in die Stirn gekämmtem Blondhaar stellt er jeweils die nächste Band vor und spielt den Pausenclown, während die Musikerlnnen auf der Bühne mit dem Umbau beschäftigt sind.

Erst finde ich ihn ganz witzig.

Er trifft den seriös-unverschämten Ton ganz gut, den mensch aus dem Fernsehen kennt.

Dann kommt die erste kleine Pausenshow. Rudi Sponti wirft Bananen in die Menge (bzw. läßt werfen: von einem anderen Typ, der mit einem großen Plastiksack voller Bananen auf der Bühne steht).

"Aber ich möchte doch darum bitten, daß diese Bananen nur von DDR-Bürgern gegessen werden", tönt seine tiefe Stimme beschwörend aus den Lautsprechern. "DDR-Bürger, die sich um Bananen balgen, ja haha meine Damen und Herren... Dahinten noch welche hin, dahinten..."

Das finde ich schon weniger witzig. Hoffe, daß S. aus Dresden noch nicht auf der Fete ist. Sie könnte wahrscheinlich auch nicht darüber lachen. Noch weniger, weil das schließlich in Wirklichkeit schon genau so passiert ist: Westlerlnnen, die Bananen in eine Menge von DDRlerlnnen werfen; noch gar nicht lange her. Lesen die Typen da oben eigentlich keine Zeitung? Oder ist das out bei den neuen Spontis?

Nach der zweiten Gruppe folgt eine längere Umbaupause. Viel Zeit für Rudi Sponti, eine größere Show abzuziehen, in Form einer Verlosung, bei der es alles gibt, was es im richtigen Fernsehen auch gibt: Nämlich Gewinn-Nummern ziehen; eine nur zu diesem Zweck auf der Bühne herumstehende Mieze; Gewinne; Gewinner; und das Wichtigste - Publikumsgeräuschkulisse vom Band. Nur daß Rudi Sponti, die Situation und ein großer Teil der ZuschauerInnen es schaffen, bei mir noch größeren Brechreiz auszulösen als alle ihre Fernsehvorbilder zusammen.

Es fängt damit an, daß Rudi Sponti eine "Glücksfee" braucht, und zwar eine aus dem Publikum. Falls zufällig Leute pfeifen sollten, Frauen etwa, als Rudi seine suchenden Blicke über die Menge zu seinen Füßen schweifen läßt, ist davon nichts zu hören - dank dem Rauschen und Stimmengewirr, das vom Band über die Boxen kommt und alles übertönt. Also nix spontanes Theater. Uns ZuschauerInnen bleibt keine Möglichkeit, uns akustisch bemerkbar zu machen. Wer das Mikro hat, hat die Macht; das ist bei Sponti-Rudi genau wie bei Carrell. Und deshalb kein bißchen lustig.

Rudi findet keine Glücksfee. Doch bevor er in Verlegenheit gerät, kommen ihm männersolidarischerweise zwei Zuschauer zu Hilfe, die ihm eine Glücksfee erst zu überreden versuchen und, als das nicht gelingt, ihm kurzentschlossen eine auf die Bühne heben.

Da steht sie nun mit ihren langen blonden Haaren und dem kurzen schwarzen Kleid. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Hastig, dafür laut, liest sie eine Gewinn-Nummer vor. "Wo ist die 257?" röhrt Sponti-Rudi. "Hier" röhrt es aus Zuschauerkehlen zurück.

"Arsch lecken"‚ Rudi durchschaut die Absahner, findet den rechtmäßigen Nummernbesitzer nicht, wirft den Gewinn, eine Schallplatte, schließlich in die Menge, die sich prächtig amüsiert, wie vorher bei den Bananen auch schon.

Nächste Nummer, nächste Platte, Arsch lecken usw. Nach viermal Nummernvorlesen will die Glücksfee endgültig nicht mehr, macht unschlüssig einen Schritt zurück, weg von der Bühne, traut sich immer noch nicht. Sie wird ihre Gründe haben. Einen kurzen Moment lang, in dem das Rauschen vom Band abreißt, höre ich eine Frau rufen, die sich durch die Menge durchgedrängt hat bis vor die Bühne:

"Geh doch! Geh doch einfach! Wenn du nicht willst!" Ich sehe nicht, ob die Frau auf der Bühne sie bemerkt. "Einfach gehen" kann sie jedenfalls nicht, sonst wäre sie schon weg.

Rudi hält den nächsten Gewinn hoch: Zwei Holzscheite, das eine mit einem Ast, das andere mit einem Loch, na, wem fällt da nix ein...?! Rudi dreht das "Objekt der Begierde"‚ wie er es liebevoll nennt, zur Veranschaulichung langsam in seinen Händen. Rein-raus, rein-raus. Es lebe der Normalverkehr. "Als Anschauungsunterricht für unsere Kleinen"‚ flötet Rudi ins Mikro. Recht hat er. Nicht daß die lieben Kleinen noch auf dumme Gedanken kommen, wie zum Beispiel, lesbische oder schwule Beziehungen einzugehen oder andere Formen von Sexualität auszuprobieren. Heteroterror, denke ich, Schwanzterror. Das auch laut hinauszuschreien, hat keinen Zweck, der Lärm vom Band übertönt alles. Und die Leute sind begeistert. Mit einigen von ihnen habe ich heute auf der Demo VIVA VIVA LA REVOLUCION gerufen - was für ne Revolution?

Im Jubel-Trubel, der um den Schwanzfick-Fetisch entstanden ist, hat die Glücksfee es endlich geschafft, sich schnell und unauffällig von der Bühne zu machen.

"Wo ist unsere Glücksfee? Unsere Glücksfee ist verschwunden! Wo steckt sie denn nur?" ruft Rudi die Menge zur Fahndungshilfe auf. Vergeblich. Die Fee ist weg.

"Dann mach du halt die Glücksfee", befiehlt Rudi einem Musiker, der gerade neben ihm steht, und der hat nix dagegen, auch nicht gegen die launischen Scherze Rudis über seine Figur ("ein bißchen dick unsere Glücksfee, aber sonst ganz prima")‚ und liest brav die nächste Nummer vor. Nachdem es zuerst eine Frau sein mußte, ist es jetzt auch nicht mehr witzig, daß nun ein Mann diese blöde Glücksfee-Rolle spielt.

Derweil zieht Rudi Spontimacker schon den nächsten Gewinn aus dem Hut: eine "Bier-Kanone". Ein Trichter mit einem Schlauch dran. Das Bier, das oben reingekippt wird, kommt aus dem Schlauchende mit Druck wieder raus. Rauf mit euch Jungs auf die Bühne! Jetzt kann jeder, der sich aus Gewissensgründen um die Bundeswehr und ihre lustigen Späße unter Kameraden gebracht hat, eben diese Späße in seiner gewohnten Umgebung nachholen. Und rein mit dem Bier! Ein halber Liter! Ja da kommt Freude auf! Vom Band rauscht und dröhnt die Begeisterung. Und nicht nur vom Band. Das sehe ich an den Gesichtern.

Dann ist‘s vorbei. Und für mich die Fete gelaufen. Jacke an, nach Hause.

In der U-Bahn frage ich mich, wie das alles so selbstverständlich laufen konnte. Warum hat niemand versucht, dem Mikro den Saft abzudrehen und zu sagen, was ihr/ihm an der Show stinkt? (Warum ich es nicht versucht habe: weil ich alleine war und deshalb Angst hatte - nicht nur davor, mich lächerlich zu machen, sondern vor allem davor, ein paar auf‘s Maul zu kriegen von den zum Teil schon ziemlich zugesoffenen Typen, die über die Show lachten.) Ging alles zu schnell oder war die Sache zu "harmlos"? Gibt es erst Reaktionen, wenn es direkt um Vergewaltigung geht? Warum reden wir dann ständig darüber, daß Gewalt gegen Frauen nicht erst bei der Vergewaltigung anfängt? Wenn das unsere Widerstandskultur ist, dann gute Nacht lieber Widerstand. Oder war das etwa gar keine "Widerstandskultur"? Hat also bei Feten der politische Feierabend anzufangen? Raus aus den schwarzen/lila Turnschuhen, rein in die Pantoffeln? Das kann doch nicht alles gewesen sein...

Frau H. U. Morlos