Das Projekt des neuen Zentrums: zwischen Lust und Frust

Da bisher vom neuen anarchistisch feministisch autonomen usw. Zentrum in Frankfurt (hat noch keinen Namen) keine Selbstdarstellung vorliegt und das Konzept vom Juli 1988 doch etwas überholt ist, bringen wir hier eine natürlich ganz subjektive Beschreibung der Entwicklung vom alten Libertären Zentrum zum neuen Zentrum. Dabei werden sicher viele Probleme und Diskussionen nur angeschnitten. Aber da die AFAZ Teil des Zentrums ist, werden wir sicher auch kontinuierlich und tiefergehend über den Gang der Dinge berichten.


Das Libertäre Zentrum

Zwischen Juli 1985 und Juni 1988 gab es in der Kriegkstr. 38 in Frankfurt das Libertäre Zentrum (LZ). Es war zu dieser Zeit Anlaufpunkt von Menschen, die sich als AnarchistInnen oder Autonome verstanden bzw. für Leute, die sich mit diesen Menschen und Ideen auf verschiedenste Weise verbunden fühlten. Es trafen sich im LZ Gruppen und Projekte wie die anarchistische Zeitung AKTION, die anarcho/a-syndikalistische Gewerkschaft "Freie ArbeiterInnen Union" (FAU) und das sogenannte Ladenplenum. Neben diesen die ganzen Jahre über aktiven Gruppen gab es mehrere kleinere oder kurzfristigere Gruppen und Diskussionszirkel. Veranstaltungen und Demos wurden von hier organisiert und Feten bis tief in die Nacht hinein gefeiert.

Als einen der Höhepunkte organisierten wir die "Libertären Tage" 1987 in der Fachhochschule Frankfurt, zu denen über 2000 Menschen aus der ganzen BRD kamen.

Was sich aber trotz aller "politischen" Erfolge als Problem herausstellte, waren die Umgangsweisen untereinander. MackerInnenverhalten, Nichtausredenlassen und Nichtzuhörenkönnens, informelle Hierarchien... waren an der Tagesordnung und widersprachen unseren heren Ansprüchen von einem anderen, HERRschaftsfreieren Umgang untereinander. Als eine Konsequenz wurde ein Kneipenabend eingerichtet, an dem wir uns jenseits von Politdates näher kennenlernen konnten. Doch auch hier gab es Schwierigkeiten u.a. den Abend kontinuierlich zu organisieren.

Als eine andere Konsequenz von unterschiedlichen Verhaltensweisen, aber auch von unterschiedlichen politische Einschätzungen wurde die Zusammenarbeit der Gruppen immer schlechter. Dies führte dann dazu, daß bei Kündigung der Räume im Frühjahr 1988 wir keine Lust mehr hatten, um das LZ zu kämpfen. Zudem sahen wir durch den schlechten Zustand der Bausubstanz der Räume keine längerfristige Perspektive in diesem LZ.

Eine neue Zentrumsidee entsteht

Nachdem bekannt wurde, daß ein neues Zentrum geplant werden sollte, waren auf einmal viel mehr Leute da, als zuletzt im Zentrum aktiv waren. Natürlich waren alte LZlerInnen dabei, ehemalige enttäuschte KritikerInnen, aber auch viele neue Leute. In der Konzeptdiskussion für ein neues Zentrum wurde als inhaltlicher Standort neben den Eckpunkten "Anarchie" und "Autonomie" nun "Feminismus" als dritte Position verstärkt von Frauen eingebracht. Die inhaltliche Diskussion um diese Punkte und deren Zusammenhang mit unserem alltäglichen Leben läßt bis jetzt allerdings zu wünschen übrig.

Als weitere Idee, wie wir jenseits von manchmal trockenen Politdates auch ein alltägliches Zusammenleben in solch einem Zentrum entwickeln könnten, entstand das Kneipenprojekt, d.h. das Zentrum sollte die Woche über auch als ein Platz zum Schwätzen, Trinken, Spielen, Feiern, Musizieren... zur Verfügung stehen.
Also Lebenslust statt Lebensfrust.

Ein anderer Umgang zwischen Männern und Frauen, zwischen Erwachsenen und Kindern, von Mann zu Mann und von Frau zu Frau sollte hier möglich sein bzw. gelernt werden können. Plumbe Anmache und MackerInnenverhalten sollte im Zentrum möglichst gleich kritisiert werden können. Doch wir wissen um die Schwierigkeiten einer solchen Idylle, aber nichtsdestotrotz, ein Anfang muß gemacht werden.

Dieses Zentrumskonzept wurde von der FAU heftig kritisiert, da nach deren Ansicht eine zu große Abhängigkeit von der Finanzierung entstehe und die Gefahr der Kommerzialisierung der Kneipe drohe. Damit würde keine sinnvolle politische Arbeit mehr möglich sein. Daher stieg die FAU nach ein/zwei Monaten Diskussion aus und entwickelte nun ein Konzept für einen kleineren Laden zusammen mit anderen Gruppen.

Zur gleichen Zeit entflammte eine heftige Diskussion in der Zentrumsvorbereitungsgruppe (ZVG) darüber, daß ein Mitarbeiter der AKTION "seine" Freundin vergewaltigt hatte, was nach über drei Jahren nun auf den Tisch kam. Dies führte nach fünfmonatiger, nervenaufreibender Diskussion zur Spaltung der AKTION. Die eine Hälfte macht nun weiter beim Zentrum mit und gründete eine neue Zeitung (AFAZ). Die Restredaktion der AKTION verabschiedete sich (bzw. wurde verabschiedet) von dem neuen Zentrumsprojekt. Seitdem (Oktober 1988 erschien die letzte AKTION zum Thema "Vergewaltigung") ist keine neue Nummer mehr aufgetaucht. Das war wohl das Ende der AKTION.

U. a. ausgehend von der Vergewaltigungsdiskussion entstand eine Frauengruppe der ZVG und danach auf Druck der Frauen, aber auch aus eigenem Interesse auf einem Wochenende im Juni 1988 eine Männergruppe. Da die Gesamtgruppe inzwischen auf fast 30 Leute angewachsen war und eine intensive Diskussion mit so vielen Menschen sich auf die Dauer als sehr schwierig herausstellte, kam es zu einem Aufnahmestop für Männer, da die Frauen eh schon in der Minderheit waren.

Nach dem Sommer ließ die Energie, mit der ein Zentrum gesucht wurde nach und es wurde viel Zeit auf interne Diskussionen, zum IWF- und Weltbankgipfel in Berlin, zur Vorbereitung des Startbahnprozesses etc. verwendet. Daraus entstand auch eine Prozeßgruppe, die das Startbahnprozeßbüro im JUZ Bockenheim mitträgt.

Anfang 1989 hielt uns dann der Hungerstreik der politischen Gefangenen in Atem, zu dem sich viele Leute auch aktiv verhalten wollten. Dazu wurden eigenständige Positionen jenseits von "Solidarität mit der RAF" und bloßes "humanitäres Engagement" entwickelt.

Durch die vielen Leute, die noch in anderen Gruppen mitarbeiten, entstand einerseits ein Netzwerk von Kontakten zu diesen Gruppen in der Region, andererseits waren wir oft überfordert, diese Kontakte zu pflegen und Diskussionen zu allem und jedem zu führen.

Neue Gruppen kommen hinzu

Nach einem einmaligen treffen im Juli 1988, an dem Gruppen und Menschen teilnahmen, die wir mit dem Zentrum ansprechen wollen, entstand nun im Frühjahr 1989 das Bedürfnis, mit diesen Gruppen näher in Kontakt zu kommen. Im Mai 1989 gab es dann ein erstes Treffen der folgenden Gruppen: Antifaschismusgruppe Frankfurt, AnarchistInnen und Autonome an der Uni Frankfurt, gemischte Gruppe gegen Gen- und Reproduktionstechnologien Rhein-Main, Arbeitskreis gegen Atomanlagen Frankfurt, Projekt "Neue Zeitung" (AFAZ) und der ZVG bestehend aus Frauengruppe, Männergruppe und Prozeßgruppe.

Auf diesem und den folgenden Treffen stellten sich die Gruppen vor und es wurde ein monatliches Zentrumsplenum eingerichtet, an dem in Arbeitsgruppen zu Organisation und Struktur des Zentrums geredet werden sollte. Die AG's kamen jedoch nicht zustande, da alles im Plenum diskutiert wurde. Gleichzeitig kam es zur Auflösung der bisherigen ZVG, da aufgrund von Diskussionsbeiträgen und Verhaltensweisen einiger Männer viele Frauen kein Bock mehr hatten, so sich mit diesen auseinanderzusetzen und die anderen Männer durch Nichtverhalten glänzten.

Nach dem Auszug der Frauen aus der ZVG (nicht aber aus dem Zentrumsplenum, da die Frauen weiterhin an dem Projekt incl. Frauen(kneipen)tag(e) und Infoladen festhielten) lösten die Männer die ZVG als solche auf und gründeten Arbeitsgruppen zu verschiedenen Themen. Trotzalledem schien alles ziemlich festgefahren und eine Lösung der verschiedenen Probleme schien nicht in Sicht.

Das neue Zentrum existiert seit 1.9.89, wie geht's weiter?

Mittenhinein in die etwas niedergeschlagene Stimmung und die anstrengenden Auseinandersetzungen, wie es weiter gehen sollte, kam dann das Raumangebot für ein Zentrum. Dadurch ging ein Ruck durch die Zentrumsgruppen. Endlich konnten wir unsere theoretischen Diskussionen in die Praxis umsetzen. Euphorie kam zwar nicht auf, doch die Faszination der Räumlichkeiten regte unsere Phantasien an, was darin alles möglich wäre. So ist uns allen gemeinsam die feste Überzeugung, daß wir dieses Zentrum brauchen, um weiter zu kommen.

Doch damit ist die Diskussion um patriarchale Verhaltensweisen sowohl im Zentrum als auch in der Gesellschaft nicht vom Tisch. Allerdings werden wir auch nicht zu einer endgültigen Lösung kommen. Wir müssen wohl ein Verhältnis zueinander finden, indem Patriarchatskritik Teil unseres Alltags, unserer Diskussionen ist, ohne uns gegenseitig zu blockieren oder uns mit Ansprüchen zu überfrachten.

Trotz aller Schwierigkeiten hat sich so bis jetzt ein Zusammenhang von Gruppen und Menschen herausgebildet, der diskussions- und handlungsfähig ist. Es haben sich viele verschiedene Leute kennen gelernt. Dies ging mühsam mit vielen Rückschlägen, Widersprüchen und Kompromissen.

Neue Leute kommen nun über die Renovierung, Anschluß an eine bestehende Zentrumsgruppe, durch Gründung einer eigenen Gruppe oder die Zentrumsvollversammlung zum Zentrum dazu und bringen so auch neue Ideen in das Zentrumsprojekt. Die (öffentliche) Zentrums-VV's findet ca. einmal im Monat statt. Die Koordination des Zentrums übernimmt das wöchentliche Zentrumsplenum.

Die Räume von 290 qm waren früher Lager, Büro und Weinkeller. In der obere Etage ist der Frauenraum, der Infoladen, der Gruppenraum, das Büro für Zentrum, AFAZ und Literaturwerkstatt, ein Fotolabor und ein Werkraum. Im Gewölbekeller befinden sich die WC's, der Musikgruppenraum, die Küche, die Kneipe und die Bühne für Veranstaltungen, Konzerte, Theater...

Inzwischen hat es schon einige kleinere Feste gegeben (Vor-Renovierungsfete, Geburtstagsfete, Silvesterfest, Frauenfete) und es gibt seit Dezember 89 jeden Freitagabend ab 19 Uhr eine Kneipe auf der Baustelle. Doch die erste große, öffentlich angekündigte Fete wird das Eröffnungsfest sein.

Finanziert wird das Zentrum vor allem über Spenden in Form von monatlichen Daueraufträgen zwischen fünf und fünfzig DM pro Person, je nach Möglichkeit (die Fixkosten betragen ca. 3.000.-DM monatlich). Ein Trägerverein stellt uns die Räume. Auf dessen Konto könnt ihr spenden bzw. Daueraufträge einrichten (ist alles steuerlich absetzbar).

Zentrumsadresse und Konto:
Fördergemeinschaft für Kultur und Kommunikation e.V.
(FKK) Hinter der schönen Aussicht 11
6000 Frankfurt Postgiroamt Frankfurt
Kontonr.: 33 59 33 - 607 BLZ 500 100 60