Das
Jahr 1808 spielt in dieser Auseinandersetzung eine gewichtige Rolle. Nach der
Absetzung Karl's IV und dem Sturz des Diktators Godoy versuchte die Bourgeoisie
die Macht zu übernehmen. Durch die Intervention Napoleons scheiterte dieser
Versuch, provozierte jedoch einen bewaffneten Aufstand in Madrid, der dann das
ganze Land und alle Volksschichten erfaßte. In einem sechs Jahre dauernden Guerillakrieg
wurde mit Hilfe der englischen Armee die Franzosen vertrieben. Während des Krieges,
im Jahr 1812, wird in Cadiz eine liberale Verfassung verabschiedet. Ihre nach
außen propagierte Idee war die Verkündung der Volkssouveränität, die Einschränkung
der Macht des Klerus und der Granden sowie unmittelbares Wahlrecht zu der Cortes
(Parlament). In Wirklichkeit wirkt sich die Verfassung jedoch eher negativ aus.
Die kommunalen und regionalen Juntas ("Räte"), die zu einem Großteil
den Guerillakrieg und das gesellschaftliche Leben während dessen organisierte,
fielen der Zentralisierung zum Opfer, des weiteren stärkte die liberale Bodenreform
die Großgrundbesitzer, indem der kommunale Grundbesitz und das traditionell
genossenschaftliche Eigentum in Privatbesitz überführt wurde. Dies verstärkte
die Abhängigkeit und Verelendung. der Bauern immer mehr. Im Zuge der Restauration
nach 1814 intervenierte Frankreich in Abstimmung mit den europäischen Großmächten
militärisch in Spanien, setzte die Verfassung außer Kraft und König Fernando
VII auf den Thron.
Um
dessen Thronfolge entsteht der erste Carlistenkrieg (1834-39) zwischen Don Carlos
(als Günstling der Kirche) und lsabella II (für die Liberalen und den Großteil
der Armee). Die Liberalen erzielten einen Teilerfolg, die Macht der Kirche wurde
eingeschränkt und ihre Güter aufgelöst. Dieser Machtverlust der Reaktion und
des Klerus hatte eine Reihe von pronunciamentos (Putsche) zur Folge, mit denen
sich Liberale und Konservative gegenseitig aus der Machtposition zu drängen
versuchten. 1847-49 fand der zweite Carlistenkrieg statt, der von regionalen
Aufständen begleitet wurde.
1868
wird lsabella II durch den liberalen General Prim abgesetzt und 1873 konstituiert
sich die Erste Spanische Republik. Pi y Margall, der Präsident, verfolgte einen
föderalistischen Kurs mit gewissen Autonomierechten für die Provinzen. Dies
rief wiederum die Carlisten und die Kirche auf den Plan, die sich in Nordspanien
gegen die Republik erhoben (dritter Carlistenkrieg 1872- 76). Als Reaktion darauf
erklären sich eine Anzahl Städte im Südosten und Süden des Landes für unabhängig.
Seit
der zweiten Hälfte des Jahrhunderts übte auch die revolutionäre Arbeiter- und
Bauernbewegung ihren Einfluß auf die Entwicklungen in Spanien aus. Diese revolutionäre
Bewegung hing stark mit der 1864 in London gegründeten IAA (Internationale Arbeiter
Assoziation) zusammen. 1868 traf der Ingenieur Fanelli im Auftrag Bakunins in
Spanien ein, um dort eine Sektion der IAA aufzubauen, was im nach kurzer Zeit
in Barcelona und Madrid gelang. Diese Sektionen waren der Ausgangspunkt der
anarchistischen und syndikalistischen Bewegung in Spanien. Nach dem Bruch innerhalb
der Internationalen zwischen freiheitlichen und autoritären Sozialisten blieben
die Spanier zum größten Teil Libertäre. Daran änderte auch Lafargue, der Schwiegersohn
von Marx, den dieser nach Spanien schickte, um den Anarchismus zurückzudrängen,
nichts. 1872 waren auf dem Kongreß von St. Imier (Schweiz) schon 20 000 Spanier
von Delegierten vertreten. In den Jahren danach bildeten sich im ganzen Land
anarchistische Gewerkschaften.
1874
fällt die Republik durch einen Putsch Canovas de Castillo und des Generals Martinez
Campos. Die Monarchie wird restauriert und König Alfons XII auf den Thron gesetzt.
Die Reaktion währte sieben Jahre, während dessen die IAA-Sektion in Spanien
verboten war. Erst nach der. Etablierung eines liberaleren Regimes, 1881, konnte
sie sich wieder etwas freier betätigen. In diese Zeit fiel auch die Gründung
der Regionalen Arbeiterföderation, die eine neue. Periode der sozialen Kämpfe
in Spanien einleiteten und die mit großer Heftigkeit geführt wurden. 1888 löste
sich die "Federacion regional" wieder auf. Noch im selben Jahr wurde
eine neue Gewerkschaftsföderation in Barcelona von Anarchisten gegründet: Die
"Federacion de resistencia al Capital - Pacto de Union y Solidaridad".
Sie erreichte jedoch nie die Bedeutung der "Federacion regional",
was vielleicht z. T. auch der Gründung der sozialdemokratischen "Union
General de Trabajadores" (UGT) zur gleichen Zeit zuzuschreiben war.
Der
Ausgang des 19. Jahrhunderts war geprägt von scharfer Verfolgung aller freiheitlichen
Regungen und die Antwort der revolutionären Bewegung fiel dementsprechend grob
aus. Attentate, Plünderungen, Sabotage und lokale bewaffnete Aufstände waren
fast alltäglich. Im Jahr 1897 erlöste der Italiener Michael Angiolillo Spanien
vom Kopf der Reaktion, dem Ministerpräsidenten Canovas de Castillo, indem er
ihn erschoß. Angiolillo wurde mit der Garotte exekutiert. Nach Canovas Tod folgte
wieder eine liberale Phase, die Verfolgungen ließen etwas nach und die anarchistischen
Organisationen restrukturierten sich. Desweiteren kamen die Exilanten und Verbannten
wieder nach Spanien zurück, aber nicht ohne die Ideen des Anarchismus vor allem
in Mittel- und Südamerika verbreitet zu haben.
In
dieser Zeit sank das Prestige und das Engagement der Militärs in Spanien immer
mehr, da es stark damit beschäftigt war, die Kolonien zu befrieden und den Krieg
mit den USA um Kuba zu führen. Nach der Niederlage gegen die Vereinigten Staaten
verlor oder verkaufte Spanien alle Kolonien bis auf die afrikanischen. Sehr
deutlich wurde die antimilitaristische Stimmung an Hand starker Proteststreiks
gegen den kolonialistischen Krieg in Marokko (1909). Ursache war die Aushebung
von Truppen in Barcelona. Die Arbeiter und Bauern wollten sich nicht für die
imperialistische Politik und die materiellen Interessen einer kleinen Gruppe
opfern lassen. Der Aufruhr dauerte eine Woche, wurde von Truppen blutig niedergeschlagen
und die anschließenden Prozesse endeten mit einer Reihe von Todesurteilen. Unter
den später Hingerichteten befand sich auch Francisco Ferrer, der Begründer der
freien Schule in Spanien.
Im
Oktober 1911 trat in Sevilla ein Kongreß aller freiheitlichen Gruppen und Gewerkschaften
zusammen und gründeten die Confederacion Nacional del Trabajo (C. N. T.). Die
programmatische Basis war der Anarchosyndikalismus.
Da
sich die Anarchisten in ihrer Mehrheit an der neuen Organisation beteiligten
blieben die nur gewerkschaftlich orientierten Reformisten in der Minderheit.
Die C. N. T. war die Fortsetzung der spanischen Organisation der 1. Internationale
und beinhaltete einige neue Konzepte des revolutionären Syndikalismus, wie den
Generalstreik und die direkte Aktion. Seit dieser Zeit wurde der Anarchismus/Anarchosyndikalismus
zur treibenden Kraft der spanischen Arbeiterbewegung.
Der
1. Weltkrieg brachte einen gewissen wirtschaftlichen Aufschwung für Spanien.
Es belieferte alle kriegführende .Länder mit Rohstoffen, Fertiggütern und landwirtschaftlichen
Produkten. Die innenpolitische Lage jedoch blieb weiterhin instabil, da Arbeiter
und Bauern einen Anteil an diesem Prozeß hatten. Nach dem Krieg setzte eine
starke Aufwärtsbewegung der C. N. T. ein. Als Antwort darauf organisierten die
Unternehmer, Polizei und Militär Killerkommandos, die in wenigen Jahren allein
in Katalonien mehr als 400 Militante der C. N. T. ermordeten. Die Anarchisten
und Syndikalisten reagierten ihrerseits mit bewaffneten Abwehrorganisationen.
1921 wurde Ministerpräsident Dato von, einem Anarchisten liquidiert, die Repression
aber ging verschärft weiter. In dasselbe Jahr fiel die vernichtende Niederlage
der spanischen Armee in Marokko. Die Riffkabylen unter ihrem Führer Abd-el-Krim
lockten sie in einen Hinterhalt und neben das gesamte Heer auf. 1923 ergriff
Primo de Rivera in Spanien die Macht. Er verbündete sich mit Frankreich gegen
die Riffkabylen, nachdem diese auch die Franzosen angegriffen hatten, bereitete
ihnen dadurch eine entscheidende Niederlage und sicherte Spanien die wertvollen
Erzgruben Marokkos.
Im
Laufe der Diktatur wurde Spanien wieder straff zentralisiert und die kommunale
Selbstverwaltung abgeschafft. Die einzige Partei, die mit Primo de Rivera zusammenarbeitete,
war die Sozialdemokratie. Beide Seiten wollten ihren Nutzen aus dieser Verbindung
ziehen. Der Diktator versuchte nach dem Verbot der syndikalistischen Organisationen
die Arbeiter zu beruhigen, indem er die U. G. T. legal beließ, und der Führer
der U. G. T. Largo Caballero hoffte seine Organisation auf Kosten der C. N.
T. zu vergrößern. Später trat Caballero als Staatsrat für Arbeitsfragen in das
Regime ein.
1927
wurde die F. A. I. (Federacion Anarquista Iberica) gegründet. Sie wurde vom
militantesten Teil der C. N. T. gebildet, um reformistischen Tendenzen innerhalb
der Gewerkschaft besser entgegentreten zu können. Aus ihren Mitgliedern setzte
sich auch hauptsächlich der illegale bewaffnete Teil der Bewegung zusammen.
Im
Jahr 1930 wurde schließlich Primo de Rivera, beschleunigt durch massive Streiks,
gestürzt. General Berenguer führte das Militärregime weiter und versuchte den
Zerfall der Monarchie zu stoppen. Da die Unzufriedenheit der Bevölkerung jedoch
anhielt, ordnete er Wahlen an, um die innenpolitische Lage zu. beruhigen. Nach
dem Wahlsieg der Republikaner ging Alfons XIII ins Exil und die zweite Republik
wurde proklamiert. Es zeigte sich aber bald, daß die republikanische Staatsmacht
die Interessen der privatkapitalistischen Unternehmer und der Großgrundbesitzer
verteidigte. Weiterhin gab es Unstimmigkeiten innerhalb der Republikaner über
die zukünftige Rolle der Kirche. Als Erzbischof Segura gegen den zaghaften Versuch
der Trennung von Staat und Kirche agitierte, erhielt er die umgehende Antwort
der Bevölkerung. An einem einzigen Tag gingen hunderte von Kirchen und Klöstern
in ganz Spanien in Flammen auf und/oder wurden geplündert.
Um
den Status Quo der Besitzverhältnisse zu zerstören, griffen C. N. T. und F.
A. I. wieder zu Mitteln der direkten Aktion. Streiks, Generalstreiks und lokale
Aufstände nahmen stetig zu. Die sozialdemokratisch-republikanische Regierung
reagierte mit blutigen Militäreinsätzen, beginnend beim Aufstand von Figols
in Katalonien bis zu den Revolten im Jahr 1933. In dieser "demokratischen"
Phase wurden hunderte Arbeiter und Bauern getötet. Im November 1933 endeten
Neuwahlen mit einem Sieg der Rechten; die wenigen Reformen wurden von ihr sofort
annulliert. Im Dezember brach daraufhin ein allgemeiner Aufstand aus, der von
der C. N. T. organisiert worden war. Für ganz Spanien wurde der Generalstreik
erklärt, der bewaffnete Aufstand beschränkte sich aber nur auf Aragon und war
deshalb zum Scheitern verurteilt. Ein weiterer Grund für die Erfolglosigkeit
dieses Versuchs war, daß sich die Sozialisten daran nicht beteiligten. Trotz
des Verrats der U. G. T. am Aufstand versuchte die C. N. T. die Schaffung einer
Einheitsfront mit den Sozialisten...zu erreichen, erklärte aber parallel dazu,
daß sie eine gemeinsame Arbeit mit politischen Parteien für indiskutabel hielte,
da diese eine Diktatur Ober die arbeitende Bevölkerung anstrebten. Die U. G.
T. antwortete aber erst gar nicht auf die Anregung von Seiten der Anarchosyndikalisten.
Anders in Asturien. Dort kämpften Anarchisten und Sozialisten, die eine Kampfgemeinschaft
unter dem Namen U. H. P. (Union de Hermanos Proletarios=proletarische Kampfbrüderschaft)
bildeten,
Im
September 1935 kam es durch einen Korruptionsskandal zu einer Regierungskrise.
Es wurden Neuwahlen ausgerufen, zu denen sich ein Rechts- block und ein Block
der Linken bildeten. Die C. N. T. führte zwar eine Kampagne gegen den Parlamentarismus
rief aber, auf die Möglichkeit einer Amnestierung ihrer ca. 20 000 inhaftierten
Genossen/innen rücksichtnehmend, weht zu einem Wahlboykott auf. Nach ihrem Wahlsieg
bildeten die Linksparteien eine Koalitionsregierung unter Casares Quiroga, einem
Linksrepublikaner.
Im
Jahr danach nahmen Arbeitslosigkeit und Massenelend, zu. Die anarchosyndikalistische
Bewegung hatte durch die Amnestierung tausender ihrer Mitglieder einen starken
Aufschwung erfahren und führte andauernd Streiks durch um die Situation immer
mehr zu revolutionieren. Am 1. Mai 36 fand in Saragossa ein Kongreß der C. N.
T. statt, bei dem weit über eine Million Arbeiter und Bauern vertreten waren.
Auf diesem Kongreß erklärten sie sich noch einmal entschieden gegen die Diktatur
des Proletariats, für eine sozial-revolutionäre Zielsetzung und einen freiheitlichen
Sozialismus. Zu dieser Zeit verdichteten sich die Anzeichen für einen Putsch
der Rechtskräfte. Zwischen Militär, Falangisten, Monarchisten und der klerikal-faschistischen
CEDA-Partei kam es zu einer konspirativen Zusammenarbeit. Die politischen Organisatoren
waren der Monarchist Calvo Sotelo, der CEDA-Führer Gil Robles sowie der Sohn
Primo de Riveras, der Gründer der Falange Espanola. Als Sotelo am 13. Juli 1936
von Mitgliedern der sozialistischen Jugendorganisation, als Vergeltung für einen
Mord an einem ihrer Anhänger erschossen· wurde, war dies das Signal für die
Faschisten loszuschlagen. Am 15. Juli verließ Franco die kanarischen Inseln
und löste den Militärputsch von Marokko her aus. Zwei Tage später wurde in ganz
Spanier gekämpft.