Die Geschichte Spaniens vom 19. Jahrhundert bis 1936

Ein einschneidendes Ereignis für Spanien war zu jener Zeit der Zerfall seines kolonialistischen Imperiums in Mittel- und Südamerika und der innenpolitische Kampf zwischen Liberalen und offen reaktionären Positionen.

Das Jahr 1808 spielt in dieser Auseinandersetzung eine gewichtige Rolle. Nach der Absetzung Karl's IV und dem Sturz des Diktators Godoy versuchte die Bourgeoisie die Macht zu übernehmen. Durch die Intervention Napoleons scheiterte dieser Versuch, provozierte jedoch einen bewaffneten Aufstand in Madrid, der dann das ganze Land und alle Volksschichten erfaßte. In einem sechs Jahre dauernden Guerillakrieg wurde mit Hilfe der englischen Armee die Franzosen vertrieben. Während des Krieges, im Jahr 1812, wird in Cadiz eine liberale Verfassung verabschiedet. Ihre nach außen propagierte Idee war die Verkündung der Volkssouveränität, die Einschränkung der Macht des Klerus und der Granden sowie unmittelbares Wahlrecht zu der Cortes (Parlament). In Wirklichkeit wirkt sich die Verfassung jedoch eher negativ aus. Die kommunalen und regionalen Juntas ("Räte"), die zu einem Großteil den Guerillakrieg und das gesellschaftliche Leben während dessen organisierte, fielen der Zentralisierung zum Opfer, des weiteren stärkte die liberale Bodenreform die Großgrundbesitzer, indem der kommunale Grundbesitz und das traditionell genossenschaftliche Eigentum in Privatbesitz überführt wurde. Dies verstärkte die Abhängigkeit und Verelendung. der Bauern immer mehr. Im Zuge der Restauration nach 1814 intervenierte Frankreich in Abstimmung mit den europäischen Großmächten militärisch in Spanien, setzte die Verfassung außer Kraft und König Fernando VII auf den Thron.

Um dessen Thronfolge entsteht der erste Carlistenkrieg (1834-39) zwischen Don Carlos (als Günstling der Kirche) und lsabella II (für die Liberalen und den Großteil der Armee). Die Liberalen erzielten einen Teilerfolg, die Macht der Kirche wurde eingeschränkt und ihre Güter aufgelöst. Dieser Machtverlust der Reaktion und des Klerus hatte eine Reihe von pronunciamentos (Putsche) zur Folge, mit denen sich Liberale und Konservative gegenseitig aus der Machtposition zu drängen versuchten. 1847-49 fand der zweite Carlistenkrieg statt, der von regionalen Aufständen begleitet wurde.

1868 wird lsabella II durch den liberalen General Prim abgesetzt und 1873 konstituiert sich die Erste Spanische Republik. Pi y Margall, der Präsident, verfolgte einen föderalistischen Kurs mit gewissen Autonomierechten für die Provinzen. Dies rief wiederum die Carlisten und die Kirche auf den Plan, die sich in Nordspanien gegen die Republik erhoben (dritter Carlistenkrieg 1872- 76). Als Reaktion darauf erklären sich eine Anzahl Städte im Südosten und Süden des Landes für unabhängig.

Seit der zweiten Hälfte des Jahrhunderts übte auch die revolutionäre Arbeiter- und Bauernbewegung ihren Einfluß auf die Entwicklungen in Spanien aus. Diese revolutionäre Bewegung hing stark mit der 1864 in London gegründeten IAA (Internationale Arbeiter Assoziation) zusammen. 1868 traf der Ingenieur Fanelli im Auftrag Bakunins in Spanien ein, um dort eine Sektion der IAA aufzubauen, was im nach kurzer Zeit in Barcelona und Madrid gelang. Diese Sektionen waren der Ausgangspunkt der anarchistischen und syndikalistischen Bewegung in Spanien. Nach dem Bruch innerhalb der Internationalen zwischen freiheitlichen und autoritären Sozialisten blieben die Spanier zum größten Teil Libertäre. Daran änderte auch Lafargue, der Schwiegersohn von Marx, den dieser nach Spanien schickte, um den Anarchismus zurückzudrängen, nichts. 1872 waren auf dem Kongreß von St. Imier (Schweiz) schon 20 000 Spanier von Delegierten vertreten. In den Jahren danach bildeten sich im ganzen Land anarchistische Gewerkschaften.

1874 fällt die Republik durch einen Putsch Canovas de Castillo und des Generals Martinez Campos. Die Monarchie wird restauriert und König Alfons XII auf den Thron gesetzt. Die Reaktion währte sieben Jahre, während dessen die IAA-Sektion in Spanien verboten war. Erst nach der. Etablierung eines liberaleren Regimes, 1881, konnte sie sich wieder etwas freier betätigen. In diese Zeit fiel auch die Gründung der Regionalen Arbeiterföderation, die eine neue. Periode der sozialen Kämpfe in Spanien einleiteten und die mit großer Heftigkeit geführt wurden. 1888 löste sich die "Federacion regional" wieder auf. Noch im selben Jahr wurde eine neue Gewerkschaftsföderation in Barcelona von Anarchisten gegründet: Die "Federacion de resistencia al Capital - Pacto de Union y Solidaridad". Sie erreichte jedoch nie die Bedeutung der "Federacion regional", was vielleicht z. T. auch der Gründung der sozialdemokratischen "Union General de Trabajadores" (UGT) zur gleichen Zeit zuzuschreiben war.

Der Ausgang des 19. Jahrhunderts war geprägt von scharfer Verfolgung aller freiheitlichen Regungen und die Antwort der revolutionären Bewegung fiel dementsprechend grob aus. Attentate, Plünderungen, Sabotage und lokale bewaffnete Aufstände waren fast alltäglich. Im Jahr 1897 erlöste der Italiener Michael Angiolillo Spanien vom Kopf der Reaktion, dem Ministerpräsidenten Canovas de Castillo, indem er ihn erschoß. Angiolillo wurde mit der Garotte exekutiert. Nach Canovas Tod folgte wieder eine liberale Phase, die Verfolgungen ließen etwas nach und die anarchistischen Organisationen restrukturierten sich. Desweiteren kamen die Exilanten und Verbannten wieder nach Spanien zurück, aber nicht ohne die Ideen des Anarchismus vor allem in Mittel- und Südamerika verbreitet zu haben.

In dieser Zeit sank das Prestige und das Engagement der Militärs in Spanien immer mehr, da es stark damit beschäftigt war, die Kolonien zu befrieden und den Krieg mit den USA um Kuba zu führen. Nach der Niederlage gegen die Vereinigten Staaten verlor oder verkaufte Spanien alle Kolonien bis auf die afrikanischen. Sehr deutlich wurde die antimilitaristische Stimmung an Hand starker Proteststreiks gegen den kolonialistischen Krieg in Marokko (1909). Ursache war die Aushebung von Truppen in Barcelona. Die Arbeiter und Bauern wollten sich nicht für die imperialistische Politik und die materiellen Interessen einer kleinen Gruppe opfern lassen. Der Aufruhr dauerte eine Woche, wurde von Truppen blutig niedergeschlagen und die anschließenden Prozesse endeten mit einer Reihe von Todesurteilen. Unter den später Hingerichteten befand sich auch Francisco Ferrer, der Begründer der freien Schule in Spanien.

Im Oktober 1911 trat in Sevilla ein Kongreß aller freiheitlichen Gruppen und Gewerkschaften zusammen und gründeten die Confederacion Nacional del Trabajo (C. N. T.). Die programmatische Basis war der Anarchosyndikalismus.

Da sich die Anarchisten in ihrer Mehrheit an der neuen Organisation beteiligten blieben die nur gewerkschaftlich orientierten Reformisten in der Minderheit. Die C. N. T. war die Fortsetzung der spanischen Organisation der 1. Internationale und beinhaltete einige neue Konzepte des revolutionären Syndikalismus, wie den Generalstreik und die direkte Aktion. Seit dieser Zeit wurde der Anarchismus/Anarchosyndikalismus zur treibenden Kraft der spanischen Arbeiterbewegung.

Der 1. Weltkrieg brachte einen gewissen wirtschaftlichen Aufschwung für Spanien. Es belieferte alle kriegführende .Länder mit Rohstoffen, Fertiggütern und landwirtschaftlichen Produkten. Die innenpolitische Lage jedoch blieb weiterhin instabil, da Arbeiter und Bauern einen Anteil an diesem Prozeß hatten. Nach dem Krieg setzte eine starke Aufwärtsbewegung der C. N. T. ein. Als Antwort darauf organisierten die Unternehmer, Polizei und Militär Killerkommandos, die in wenigen Jahren allein in Katalonien mehr als 400 Militante der C. N. T. ermordeten. Die Anarchisten und Syndikalisten reagierten ihrerseits mit bewaffneten Abwehrorganisationen. 1921 wurde Ministerpräsident Dato von, einem Anarchisten liquidiert, die Repression aber ging verschärft weiter. In dasselbe Jahr fiel die vernichtende Niederlage der spanischen Armee in Marokko. Die Riffkabylen unter ihrem Führer Abd-el-Krim lockten sie in einen Hinterhalt und neben das gesamte Heer auf. 1923 ergriff Primo de Rivera in Spanien die Macht. Er verbündete sich mit Frankreich gegen die Riffkabylen, nachdem diese auch die Franzosen angegriffen hatten, bereitete ihnen dadurch eine entscheidende Niederlage und sicherte Spanien die wertvollen Erzgruben Marokkos.

Im Laufe der Diktatur wurde Spanien wieder straff zentralisiert und die kommunale Selbstverwaltung abgeschafft. Die einzige Partei, die mit Primo de Rivera zusammenarbeitete, war die Sozialdemokratie. Beide Seiten wollten ihren Nutzen aus dieser Verbindung ziehen. Der Diktator versuchte nach dem Verbot der syndikalistischen Organisationen die Arbeiter zu beruhigen, indem er die U. G. T. legal beließ, und der Führer der U. G. T. Largo Caballero hoffte seine Organisation auf Kosten der C. N. T. zu vergrößern. Später trat Caballero als Staatsrat für Arbeitsfragen in das Regime ein.

1927 wurde die F. A. I. (Federacion Anarquista Iberica) gegründet. Sie wurde vom militantesten Teil der C. N. T. gebildet, um reformistischen Tendenzen innerhalb der Gewerkschaft besser entgegentreten zu können. Aus ihren Mitgliedern setzte sich auch hauptsächlich der illegale bewaffnete Teil der Bewegung zusammen.

Im Jahr 1930 wurde schließlich Primo de Rivera, beschleunigt durch massive Streiks, gestürzt. General Berenguer führte das Militärregime weiter und versuchte den Zerfall der Monarchie zu stoppen. Da die Unzufriedenheit der Bevölkerung jedoch anhielt, ordnete er Wahlen an, um die innenpolitische Lage zu. beruhigen. Nach dem Wahlsieg der Republikaner ging Alfons XIII ins Exil und die zweite Republik wurde proklamiert. Es zeigte sich aber bald, daß die republikanische Staatsmacht die Interessen der privatkapitalistischen Unternehmer und der Großgrundbesitzer verteidigte. Weiterhin gab es Unstimmigkeiten innerhalb der Republikaner über die zukünftige Rolle der Kirche. Als Erzbischof Segura gegen den zaghaften Versuch der Trennung von Staat und Kirche agitierte, erhielt er die umgehende Antwort der Bevölkerung. An einem einzigen Tag gingen hunderte von Kirchen und Klöstern in ganz Spanien in Flammen auf und/oder wurden geplündert.

Um den Status Quo der Besitzverhältnisse zu zerstören, griffen C. N. T. und F. A. I. wieder zu Mitteln der direkten Aktion. Streiks, Generalstreiks und lokale Aufstände nahmen stetig zu. Die sozialdemokratisch-republikanische Regierung reagierte mit blutigen Militäreinsätzen, beginnend beim Aufstand von Figols in Katalonien bis zu den Revolten im Jahr 1933. In dieser "demokratischen" Phase wurden hunderte Arbeiter und Bauern getötet. Im November 1933 endeten Neuwahlen mit einem Sieg der Rechten; die wenigen Reformen wurden von ihr sofort annulliert. Im Dezember brach daraufhin ein allgemeiner Aufstand aus, der von der C. N. T. organisiert worden war. Für ganz Spanien wurde der Generalstreik erklärt, der bewaffnete Aufstand beschränkte sich aber nur auf Aragon und war deshalb zum Scheitern verurteilt. Ein weiterer Grund für die Erfolglosigkeit dieses Versuchs war, daß sich die Sozialisten daran nicht beteiligten. Trotz des Verrats der U. G. T. am Aufstand versuchte die C. N. T. die Schaffung einer Einheitsfront mit den Sozialisten...zu erreichen, erklärte aber parallel dazu, daß sie eine gemeinsame Arbeit mit politischen Parteien für indiskutabel hielte, da diese eine Diktatur Ober die arbeitende Bevölkerung anstrebten. Die U. G. T. antwortete aber erst gar nicht auf die Anregung von Seiten der Anarchosyndikalisten. Anders in Asturien. Dort kämpften Anarchisten und Sozialisten, die eine Kampfgemeinschaft unter dem Namen U. H. P. (Union de Hermanos Proletarios=proletarische Kampfbrüderschaft) bildeten, gemeinsam gegen Polizei und Militär und bildeten Revolutionskomitees an Stelle der bürgerlichen Behörden. Nachdem die Regierung die Revolten in Katalonien und Madrid, die um die gleiche Zeit ausgebrochen waren, innerhalb des ersten Tages unterdrückt hatte, setzte sie ihren Machtapparat gegen Asturien in Bewegung. Hier wurde der Name Franco zum ersten Mal einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Zusammen mit General Ochoa eroberte er die Region für die Zentralregierung zurück und ließ, während und nach den Kämpfen, zehntausende Menschen töten oder in Gefängnisse und Konzentrationslager stecken.

Im September 1935 kam es durch einen Korruptionsskandal zu einer Regierungskrise. Es wurden Neuwahlen ausgerufen, zu denen sich ein Rechts- block und ein Block der Linken bildeten. Die C. N. T. führte zwar eine Kampagne gegen den Parlamentarismus rief aber, auf die Möglichkeit einer Amnestierung ihrer ca. 20 000 inhaftierten Genossen/innen rücksichtnehmend, weht zu einem Wahlboykott auf. Nach ihrem Wahlsieg bildeten die Linksparteien eine Koalitionsregierung unter Casares Quiroga, einem Linksrepublikaner.

Im Jahr danach nahmen Arbeitslosigkeit und Massenelend, zu. Die anarchosyndikalistische Bewegung hatte durch die Amnestierung tausender ihrer Mitglieder einen starken Aufschwung erfahren und führte andauernd Streiks durch um die Situation immer mehr zu revolutionieren. Am 1. Mai 36 fand in Saragossa ein Kongreß der C. N. T. statt, bei dem weit über eine Million Arbeiter und Bauern vertreten waren. Auf diesem Kongreß erklärten sie sich noch einmal entschieden gegen die Diktatur des Proletariats, für eine sozial-revolutionäre Zielsetzung und einen freiheitlichen Sozialismus. Zu dieser Zeit verdichteten sich die Anzeichen für einen Putsch der Rechtskräfte. Zwischen Militär, Falangisten, Monarchisten und der klerikal-faschistischen CEDA-Partei kam es zu einer konspirativen Zusammenarbeit. Die politischen Organisatoren waren der Monarchist Calvo Sotelo, der CEDA-Führer Gil Robles sowie der Sohn Primo de Riveras, der Gründer der Falange Espanola. Als Sotelo am 13. Juli 1936 von Mitgliedern der sozialistischen Jugendorganisation, als Vergeltung für einen Mord an einem ihrer Anhänger erschossen· wurde, war dies das Signal für die Faschisten loszuschlagen. Am 15. Juli verließ Franco die kanarischen Inseln und löste den Militärputsch von Marokko her aus. Zwei Tage später wurde in ganz Spanier gekämpft.