Ökonomie und Revolution

...UND DIE FABRIKEN GEHÖREN UNS

Wer wagt das heute zu denken? Die Kapitalisten sind entmachtet, der Staat zerschlagen und ... ? So sehr unser Kampf heute von der Konfrontation mit der Staatsgewalt geprägt ist, so ist dennoch die Periode des gewaltsamen Umsturzes in einer Revolution kurz, wird die Dauer der Umwälzung von der Qualität der neu gebildeten sozialen und ökonomischen Organisation bestimmt.

Im Monte Verita Verlag ist dies Jahr das Buch "Ökonomie und Revolution" erneut erschienen. Es enthält verschiedene Texte der Auseinandersetzung über Ökonomie, Organisation und Taktik in der spanischen CNT zwischen 1920 und 1936. Keine Panik, es soll im folgenden keine historisierende Vergötterung der Anarchosyndikalisten ausgebreitet werden. Wir leben heute, und die historischen Texte taugen so yiel, wie sie uns in unserem Kampf nützlich sind. Und da strahlen die CNT-Texte eine verblüffende Aktualität aus.

Als Spurensucher in der Geschichte, der sich immer auch den Kopf über das Heute zerbricht, ist zunächst das Problem zu überwinden, daß viele Begriffe heute völlig anders aufgefaßt werden als damals. Für unsere anarchistischen Ahnen war eine "Gewerkschaft" ein mögliches revolutionäres Instrument. Uns fällt bei Gewerkschaft die Versicherungsgesellschaft DGB ein, dessen Bürokratie, Filz und Klassenkumpanei.

Die sozialrevolutionäre Gewerkschaft

In der CNT gab es vor der Revolution grob zwei Strömungen, einmal die sogenannten reinen Anarchisten, die betont individualistisch von Ideen Proudhons und Kropotkins geprägt waren, und zum anderen die Kollektivisten, die mehr zu Bakunin und dessen freiheitlichen Kommunismus tendierten. Gestritten wurde sich um Formen der Organisierung, der Praxis des Kampfes, der Vorstellung für die Zeit nach der Revolution.

Die CNT als Gewerkschaft war föderativ aufgebaut, vom einzelnen Betrieb ausgehend, zur Kommune, über die Region bis hin zur nationalen Ebene. In den Betrieben wurden Sektionen nach Berufen gebildet, die wiederum in Branchen zusammengefaßt kooperieren. Die jeweils "unteren" Ebenen sandten Delegierte in die nächst höheren. Den Individualisten gingen jedoch überregionale und nationale Organisierung zu weit, da sie die Gefahr der Bürokratie und erneuter Hierarchisierung darin sahen.

Doch war die CNT nicht auf "Betriebsarbeit" beschränkt. Der sozialrevolutionäre Ansatz drückte sich darin aus, Arbeit, Konsum, Kultur; Soziales als zusammengehöriges zu organisieren.

Dazu gab es Stadtteilgruppen, Fabrikkomitees, Verbindungen zwischen Gewerkschaft im Betrieb und Wohnviertel.

Die Kollektivisten forderten neben der Autonomie der einzelnen Gruppen eine straffe nationale Organisation. Nur darin sahen sie die Chance, gegen die sich national organisierenden Kapitalisten Erfolg zu haben, der Zentralisierung der Wirtschaft, der Verflechtung der Fabriken untereinander zu umfassenden Industriekomplexen gerecht zu werden.

Die CNT sollte als Instrument des Umsturzes aufgebaut werden. Die Gewerkschaft war revolutionär, da sie im Kampf über den Kapitalismus hinaus führen sollte und ein Organ der zukünftigen Gesellschaft werden sollte. Der Kampf der Arbeiter um mehr Lohn, um Arbeitserleichterung und soziale Gerechtigkeit war verbunden mit dem Ziel der Überwindung von Ausbeutung und Herrschaft, die CNT als "Pakt universeller Solidarität gegenüber den Gruppierungen des Kapitals", als Zusammenschluß der Opposition gegen Kapital und Staat. Das war die Perspektive, daher gab es die Organisation im Wohnviertel, wurde die kapitalistisch erzeugte Trennung zwischen Ökonomie und Politik abgelehnt, der Parlamentarismus ebenso wie der Reformismus und der Staat als ganzes bekämpft.

Die Fabrikkomitees, die regionalen Sektionen und lokalen Gruppen sollten die Grundlage der zukünftigen Wirtschaftsform sein. Die Trennung zwischen Produzenten und Konsumenten sollte überwunden werden, etwa durch die Kommune als koordinierendes Organ.

"Mit der Organisation soll nicht nur eine Kraft des Widerstandes geschaffen werden, sondern auch Formen, die eine libertäre Gesellschaft antizipieren." (1)

Die Auseinandersetzung in der CNT kreiste oft um das Problem der übergreifenden Organisierung. Juan Peiro beklagte die Zersplitterung der Bewegung, die Betonung des Individuellen als Hindernis für effektiven Widerstand.

Doch welche Bedeutung haben diese Themen heute, im Jahre 1986, im Wohlstandsbunker BRD, nach Tschernobyl? Der Glaube an Fortschritt und Technik hat sieh als Mythos erwiesen. Von einer revolutionären Arbeiterbewegung ist in unserem Land nichts mehr übrig. Das Proletariat verbürgerlichte. Eine radikale Systemopposition gibt es ohne Zweifel. Die Kämpfe auf der Straße, Aktionen und ansatzweise Zusammenarbeit beweisen es. Doch die Bewegung heute ist zersplittert, tritt periodisch auf, oft nur als Militanz auf der Straße, mit geringer sozialer Verankerung.

Was sind schon die Lehren der Geschichte? Jede Gruppe sucht sich aus dem Zeitenstrom die passenden historischen Rosinen heraus und leider auch zentnerschwere Mühlsteine. Die verknöcherte Perspektive eines ewig tobenden Klassenkampfes, diese Ideenschablone mit dem glorreichen Endpunkt der sozialistischen Revolution gehört in die Klamottenkiste des vorigen Jahrhunderts.

Die CNT entstand in den Kämpfen der Fabrikarbeiter ums Überleben. Die Fabriken, die gesamte Ökonomie haben sich verändert und sind heute in einer neuerlichen Phase tiefgreifender Umwälzung. Organisierung heute muß das zum Ausgangspunkt nehmen. Lernen können wir von der CNT, daß eine radikale Opposition den ökonomischen Bereich und das gesellschaftliche Leben als Ganzes begreifen muß. Die Verbindung zwischen Bürgerinitiativen, Stadtteilgruppen, Zentren und Läden, autonomen und anarchistischen Gruppen, Jobber-Initiativen, radikalen Gewerkschaftern muß verstärkt werden. Die Radikalität der Bewegung muß sich auf den ökonomischen Bereich ausweiten.

"Die Welt erobert man nicht mit Worten, sondern mit Taten." (2)

Unsere Sehnsucht heißt Revolution

"Jede revolutionäre Tat bleibt steril, wenn nicht bereits vorher die Grundlage für das neue ökonomisch-soziale Gebäude gelegt worden ist." (3)

Die Kollektivisten der CNT waren überzeugt, daß der gewaltsame Umsturz noch die leichteste Aufgabe einer sozialen Revolution sei. Die "reinen" Anarchisten vertrauten auf die Spontaneität und die schöpferische Kraft der Massen, die in der Revolution entfesselt würde. Wieviel Planung und Ordnung ist nötig?

"Die nationale Industrieföderation dient dazu, die Initiativen und Aktionen des in der Industrie zersplitterten Proletariats auf nationaler Ebene zu konzentrieren und die Opposition gegen das Kapital zu organisieren. Sie dient gleichzeitig dazu, praktisch die Struktur des ökonomischen Apparats von morgen vorzubereiten."(4)

Dies war ein Ansatz, der dem nebulösen Mythos von der Revolution entgegengesetzt wurde, als Organisationsform, die über den Kapitalismus hinausweisen sollte. Die Fabrik- und Werkstattkomitees sollten auf lokaler Ebene die Produktion übernehmen und mit Industrieföderation die Verteilung sollte überregional der Güter und die Koordination regeln.

Was aber ist Revolution und was nur Rebellion? Nur auf die Straße zu stürzen und den Staat zu attackieren, war offenbar nicht ausreichend.

"Man vertraut dem Zufall, man wartet auf das Unvorhergesehene man glaubt an die Wunder der Revolution." (5)

Das könnte auch heute noch unverändert in jedem Strategiepapier formuliert werden. Assoziationen zu den periodischen Scheibentänzen in den Großstädten, Zaunscharmützeln und Strommastsägewerken drängen sich auf.

"Die Revolution darf nicht nur auf mehr oder minder mutige Minderheiten bauen, sondern sie muß eine Bewegung bilden, die aus den Massen kommt, aus der Arbeiterklasse, den Gewerkschaften und den Konföderationen heraus entwickelt werden." (6)

Es soll nicht Aufstand gespielt, Spektakel mit Revolution verwechselt werden. Auch heute gibt es Elemente eines Aufstandes, wachsende Militanz und Sabotage. Aber wo sind die Versuche, Vorstellungen von "unserer" Zukunft zu entwickeln, wo die Entwürfe von Formen eines befreiten Arbeitens und Lebens? Was sind für uns bewußte Methoden eines gemeinsamen Kampfes, in dem wir Bewußtsein und Befreiung verbinden? Wie ist die Herausbildung einer neuen Elite, zukünftiger Herrschaft durch Bürokratie oder einer Partei nach einem Umsturz zu verhindern?

Santillian hoffte z. B. auf ein System, in welchem Produktion und Verteilung des Reichtums durch Produzenten und Konsumenten selbst geleistet würde und der einzelne Betrieb die Basis der lokalen und überregionalen Organisation bildete und der Privatkapitalismus ohne die Zwischenperiode eines Staatskapitalismus überwunden würde. Ein Rätesystem sollte durch lokale Vernetzung und föderative Elemente erweitert werden. Die Freiheit des Einzelnen sollte mit der Verpflichtung gegenüber der ganzen Gesellschaft verbunden werden. Doch auch in einem solchen System kann es Bürokratie und Macht geben.

"Um Anarchist sein zu können, muß man ein bestimmtes kulturelles Niveau erreichen, ein Bewußtsein über die Macht haben und die Fähigkeit zur Selbstverwaltung. Idioten können nicht Anarchisten sein." (7)

Abgesehen von der Arroganz dieser Aussage, ist richtig, daß eine freie und selbstverwaltete Gesellschaft im Bewußtsein und dem Handeln der Menschen abhängt, daß Anarchismus auch Kampf um Denken und Fühlen der Menschen ist.

"Wer Freiheit anders besitzt als das zu erstrebende, der besitzt sie tot und geistlos, denn der Freiheitsbegriff hat ja gerade diese Eigenschaft, sich während der Aneignung stetig zu erweitern. Wenn deshalb einer im Kampf stehen bleibt und sagt: jetzt hab ich sie - so zeigt er eben dadurch, daß er sie verloren hat." (8)

Nachtrag

Spanien 1936 liegt weit zurück. Traditionalistische Besserwisserei oder Pathos sind unangebracht. Aber was heißt für uns heute noch "Revolution"? Bloßes Wunschdenken? Oder glauben wir an sie wie der Christ an das jüngste Gericht, an jenen Tag, wo plötzlich alles anders, besser in Ordnung ist? Oder haben wir die Hoffnung auf Befreiung längst aufgegeben?

In Teilen der Linken wird heute Gewalt und revolutionäre Aktion verwechselt oder platt gleichgesetzt. Power auf der Straße, der Körpereinsatz, die Zerstörung von Material und des "Feindes" gelten von vornherein als radikal. Doch schwingt dabei sehr viel Ohnmacht und Verzweiflung mit. Aus Phantasielosigkeit klammern wir uns an rigide Dogmen.

Sabotage und direkte Aktion - das sind nicht jene Metzeleien in Paris, ist nicht die Bombe in eine Synagoge voller Menschen, ist nicht der gezielte Todesschuß auf den "Feind". Diese mörderische Doppelmoral, die Befreiung schreit und in dessen Namen unterschiedslos Menschen niedermetzelt, hat nichts mit Revolution zu tun.

"Wer wirklich revolutionäre Erfahrung hat, weiß, daß er, um eine Situation zu verändern, mehr oder weniger eindeutig an ein moralisches Niveau appellieren muß, das dem gegenwärtig herrschenden überlegen ist, und nicht nur an materielle Interessen." (9)

Das heißt nicht, die Gesellschaft sei mit braven Reden oder Flugblättern zu verändern. Ohne Aufstand, ohne Gewalt werden die Herrschenden nicht weichen.

"Nicht Brot und Spiele noch Wahlzettel, sondern die Gewalt hat im Laufe der bisherigen Geschichte soziale Kräfte der Manipulation entzogen und Freiheit verwirklicht." (10)

Revolution wird nicht durch die Zahl der Gewehrläufe oder die. Sicherheit der Volksgefängnisse bestimmt, sondern die soziale Umwälzung wird so weitreichend sein, wie sie Angelegenheit der Mehrheit der Gesellschaft ist. Freiheit läßt sich nicht per Dekret erlassen.

Unsere Aktionen müssen jene soziale Umwälzung voranbringen. Das ist der Unterschied zwischen einem Angriff auf Herrschaft und Ausbeutung und dem Morden von Neo-Nazis oder den Fanatikern in Paris, wo die Wirkung der Tat an der Zahl der Opfer abgelesen wird. Das eine ist faschistische Taktik zur Verbreitung von Angst und Unsicherheit. Das andere ist revolutionär.

"Schon zu lange hat man die Redensart geglaubt, derzufolge die Revolution nichts anderes als eine gewalttätige Episode sei, die mit dem kapitalistischem Regime. aufräume. In Wirklichkeit aber ist die Revolution ein Phänomen, daß einem Zustand der Dinge bahnbricht, der schon seit langem im kollektiven Bewußtsein verankert war." (11)

Die CNT führte über eine lange Zeit die Auseinandersetzung über Revolution, Ökonomie, Gewalt, zukünftige Gesellschaft, Organisierung des Kampfes und Formen der Herrschaft. Einiges ist zur Geschichte geworden. Anderes ist so aktuell wie damals und wird uns selbst noch lange in Atem halten.

Anmerkungen

(1) s. 48, Ökonomie und Revolution, Wien 1986
(2) s. 40, Ökonomie und
(3) s. 42, Ökonomie und
(4) s. 52, Ökonomie und
(5) s. 78 ebda
(6) s. 79 ebda
(7) s. 134 ebda
(8) Proudhon
(9) Danilo Dolci, Die Zukunft gewinnen
(10) Agnoli/Brückner, Transformation der Demokratie, Ffm 1968, s. 29/30
(11) s. 170 Ökonomie und Revolution