(AKTION - anarchistisches Magazin Nr. 26, 2-87)
"ES REICHT!"
Fischer: Weder noch. Ich hoffe doch, ihr Anarchos macht mir
heute den Streetfighter nicht zum Vorwurf.
AKTION: Nicht im geringsten. Was nützt ein Umweltminister?
Du hast jetzt die große Chance, eingefleischte Anti-Parlamentarier von der
Wahlzetteldemokratie zu überzeugen.
Fischer: Als ihr mich gefragt habt, ob ich zu diesem Gespräch
bereit wäre, fand ich die Idee ganz amüsant. Ich halte nichts von Ausgrenzungen.
Mit Verlaub bemerkt, habt ihr mir gegenüber sicher mehr Berührungsangst als
umgekehrt. Aber lassen wir doch die Vorurteile, diese billigen Klischees beiseite
...
AKTION: Welche denn?
Fischer: Wo ein "Minister" an sich schon als teuflischer
Sündenfall gilt und ich z. B. zum “Schwein“ gestempelt und für die revolutionäre
Schlachtbank vorgemerkt werde. Setzt euch endlich mal inhaltlich auseinander!
AKTION: Joschka, du als Minister, ohne Krawatte, frech, mit
deiner Sponti-Vergangenheit, du ergänzt glänzend die große Firma Staat, förderst
die Identifikation von kritischen Leuten und oppositionellen Bewegungen mit
diesem Staat.
Fischer: Was ist daran so verwerflich? Wenn Identifikation
bedeutet, sich ganz massiv einzumischen und den konservativen Kräften auf
allen gesellschaftlichen Ebenen Paroli zu bieten, dann bin ich entschieden
für eine solche Identifikation.
AKTION: D. h., ehemalige Apo-Kämpfer kümmern sich jetzt um
die Gartenzwerge der braven Bürger, hantieren mit parlamentarischen Geschäftsordnungen
und befürworten das Gewaltmonopol des Staates. ihr entzieht der radikalen
Opposition wichtige Kräfte.
Fischer: Ach, da klingt er an, der Ladenhüter aus den good
old sixties: Revolution oder Reform. Dieser ach so unversöhnliche Gegensatz
mag sich ideologisch verhackstücken lassen, taugt aber nichts für radikale
und realistische Politik. Die Neue Linke hat sich viel zu lange aus dem täglichen
Kleinkram rausgehalten und den Rechten das ganze Feld pragmatischer Alltagspolitik
überlassen. Ich halte das für einen großen Fehler.
AKTION: Es gibt aber noch für uns die Perspektive der Überwindung
des Kapitalismus.
Fischer: So? Ihr seid nicht die Ersten. Die Neue Linke hat
diese Perspektive in unterschiedlichen Modellen durchgespielt, von der kommunistischen
Kaderpartei bis zur Militanz auf der Straße. Der Kapitalismus hat sich; so
weit ich weiß, von dieser geballten Radikalität nicht beeindrucken lassen.
AKTION: Also kämpft ihr heute lieber für ein, zwei, viele
grüne Minister.
Fischer: Ganz klar! Wir wollen Teilhabe an der Macht, und bevor
auf den Ministersesseln Technokraten wie Steger oder ergraute Reaktionäre
Platz nehmen, bin ich dafür, unsere Chance zu nutzen. Es hilft nichts, wir
müssen hinein in die gesellschaftlichen Machtzentren.
AKTION: Um dann per Amt und Würden die Menschheit zu beglücken!
Im Ernst, ihr haltet euch wohl für grüne Gorbatschovs!
Fischer: Gorbatschov ist ein Fuchs, intelligent, nach vorn
blickend, ein glänzender Taktiker! Trotz großer Skepsis finde ich die Geschichte
in Rußland sehr spannend. Unsere kalten Krieger verstehen die Welt nicht mehr.
AKTlON: Warum sägt ihr eure Fundis ab? Das sind doch eure
nützlichen Idioten, wie die Jusos in der SPD?
Fischer: Keiner sägt die Fundis ab. Die haben sich selbst da
hinein manövriert. Die Landesdelegiertenversammlung hat autonom entschieden
...
AKTION: Mit der heimlichen Regie der Fischergang.
Fischer: Das ist Quatsch! Die Mitglieder brauchen keinen Regisseur,
die sind doch nicht blöd.
AKTlON: Laßt doch die Fundis einfach mal machen. Ebermann,
der jetzt ein Bonn so radikale Sprüche klopft, hat doch als erster Grüner
mit der SPD verhandelt ...
Fischer: ... um die SPD zu entlarven.
AKTION: Ne, jeder gute Kommunist wünscht sich im Stillen die
Heimkehr zu einer geläuterten SPD. Aber zurück nach Hessen. Warum habt ihr
die Koalition an den Hanauer Atomfabriken platzen lassen?
Fischer: Steger hat eindeutig die Vereinbarungen mißachtet,
die im sogenannten Doppelvierer zwischen Grünen und SPD zur Atomfrage ausgehandelt
worden waren. Da war unser Selbstverständnis auf dem Spiel ...
AKTlON: Hör auf, du mußt hier keine grüne Landesversammlung
überzeugen. Das ist doch Schwachsinn: Biblis, eines der größten AKWs in Europa,
darf ungestört weiter arbeiten. Was macht ihr, wenn Biblis hochgeht? Den nächsten
Bundeskanzler stellen?
Fischer: Wenn es uns gelingt, daß diese Generation von AKWs
die letzte in diesem Lande gewesen ist, dann haben wir ein entscheidendes
Etappenziel erreicht, darin ist eine Zukunft ohne Atomkraft erst realisierbar
geworden!
AKTION: Alkem, das war doch nichts als Taktik. Ihr traut euch
doch nur bei guten Wahlergebnissen. Dann laßt ihr die Muskeln spielen. Wie
war das denn mit der Startbahn West? Als das Thema keine Stimmen mehr brachte,
war es vom Tisch.
Fischer: Da tut ihr uns unrecht. Wir haben mit Börner sehr
hart und zäh über die Startbahn verhandelt. Aber ...
AKTION: Seit Jahren kämpfen Startbahngegner verbissen gegen
die Betonpiste im Waldorfer Wald, bewacht eine Bürgerkriegsarmee mit eurer
Duldung das ganze Gelände. Und ihr schweigt dazu.
Fischer: Es ist uns immerhin gelungen, die Hardliner in der
Polizeiführung zurückzuhalten. Ohne Die Grünen wär das Häuflein der Aufrechten
in Mörfelden-Waldorf längst aus dem Wald geprügelt worden. Wir versuchen,
den Konflikt zu deeskalieren und zu entemotionalisieren. Das hilft doch niemanden
mehr, Die Bäume sind doch gefällt. Das muß doch selbst in ein verbohrtes Autonomenhirn
reingehen. Da spielen ein paar radikale Pfadfinder Aufruhr, was soll das?
AKTION: Deeskalation? Und deswegen finanziert ihr die Mammuts,
die neuen Hochdruckwasserwerfer und die zügige Aufrüstung des Bullenapparates,
liefert womöglich internes Wissen zur Optimierung von Polizeitaktik und Psychologie.
Fischer: Das ist übertrieben. Aber eure außerparlamentarischen
Kämpfe müßt ihr schon selbst führen, wenn das euer Weg ist.
AKTION: Einst im Revolutionären Kampf gehörtest du, Joschka,
zur Putztruppe, warst also kein universitärer Edel-Revoluzzer. Wie kriegst
du das mit deinem derzeitigen Hyperrealismus unter einen Hut?
Fischer: Erst mal, so bedeutend war diese Putztruppe nicht.
Macht daraus keine Legende, ja? Immerhin, uns ist klar geworden, daß die Straßenmilitanz
gesellschaftlich und politisch in eine Sackgasse führt. Der Staat sitzt am
längeren Gewalthebel. Ich habe Verständnis für Putz als spontane Mißfallensäußerung,
um es einmal so auszudrücken. Ehrlich, die Scherben nach Günther Sarges Tod
konnte ich emotional nachvollziehen. Aber ein politischer Weg ist das nicht.
Die gewaltsame Konfrontation mit dem Staat zu suchen führt direkt in die politische
Aussichtslosigkeit, erzeugt immer wieder Ohnmacht. Denn der Staat räumt die
paar Streetfighter, wenn er nur will, mit Leichtigkeit beiseite. Das führt
in der Konsequenz zu den Wahnsinnstaten der RAF. Gegen diese verhängnisvolle
Perspektive wurde schon der Pflasterstrand gegründet, Und ich werde immer
wieder dagegen ankämpfen, weil die Gewaltschiene nichts als Resignation erzeugt
und großen gesellschaftlichen und politischen Schaden anrichtet.
AKTION: So spricht der staatsbürgerlich geläuterte Alt-Sponti.
Warum setzt ihr Militanz und radikale Systemgegnerschaft immer wieder mit
der RAF auf eine Stufe? Die Ablehnung des parlamentarischen und reformistischen
Weges kann ebenso gut aus libertären und anarchistischen Ideen entwickelt
werden. Mal ehrlich, ihr braucht diese platte Gleichsetzung. Denn die radikalen
Atomgegner, z. B. die Sägefische, oder die Autonomen, die Anarchisten in den
Städten, Hausbesetzer und radikale Jobber, machen euch mehr zu schaffen als
die RAF.
Fischer: Macht doch eure radikale außerparlamentarische Opposition
...
AKTION: Antiparlarmentarisch, bitte!
Fischer: Auch gut. Macht eure Demos, Flugblätter, Zeitungen
und Zentren. Werdet endlich politisch! Ich wünsche mir starke gesellschaftliche
Bewegungen, die autonom agieren, eigene Ziele formulieren, Forderungen stellen,
auch an Grüne Minister. Das ist beste republikanische Tugend! Macht das, statt
mich oder andere Grüne im Guten wie im Schlechten auf einen Sockel zu stellen.
AKTION: Du verschleierst einfach die vorhandenen Widersprüche.
Ihr seid für uns kein Partner, kein Verbündeter. Ihr habt euch integrieren
lassen. Ja ihr habt euch kaufen lassen. Der Pflasterstrand kriegt Landesbürgschaften.
Das machen wohl die Skatrunden mit Holger Börner. Es gibt innige Männerfreundschaften
zwischen Rot-Grün. Jürgen Engel und Jochen Vielhauer, Ober-Realos, als gern
und oft gesehene Gäste in der Privatvilla von Winterstein. Tom Königs, der
Bankiersohn und Finanzexperte der Grünen Fraktion, mit heißem Draht zum SPD
Schatzmeister ...
Fischer: Das ist wieder die plumpe Ebene! Jetzt fehlt nur noch
der monatliche Scheck von Willi Brandt für Otto Schilly und meine Wenigkeit!
AKTION: Der Sponti-Laden benötigt doch Geld. Cohn-Bendit will
seine Zeitung als alternativen Spiegel rausgeben, investiert auch fleißig
in Kabelfernsehprojekte und ...
Fischer: Es reicht! Anarcho-Hirngespinste sind das!
AKTION: Willst du damit sagen, daß ihr die ganze Dreckarbeit
macht, ohne anständig bezahlt zu werden. Wir hätten euch für cleverer gehalten!
Aber zum Schluß noch was anderes. Was ist die
Grüne Perspektive für das Jahr 2000?
Fischer: Wenn die Fundis recht behalten, gab es bis dahin mindestens
drei Super-GAUs, zwei Weltkriege und den endgültigen Kollaps des Weltwirtschaftssystems.
Und der Gipfel der Schreckensvision ist, daß alle Grünen im Jahre 2000, außer
den Fundis natürlich, mittlerweile der SPD beigetreten sind.
AKTION: Das wär's dann wohl, oder?