Textauszug zur AKTION aus:

Bernd Drücke, Zwischen Schreibtisch und Straßenschlacht? Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland

Verlag Klemm & Oelschläger, Ulm 1998, ISBN 3-932577-05-1, 640 Seiten. Die Nummerierung der Fußnoten entspricht hier nicht der im Buch.

Die Restauflage des Buches wurde vom Verlag Graswurzelrevolution aufgekauft und ist jetzt für 12,- statt 29,- Euro erhältlich. Siehe: http://www.graswurzel.net/laden/

Wir bedanken uns beim Autor für die Bereitstellung des Textes. Die Anmerkungen sind in diesem Text nicht enthalten.


XI.6 Ersterscheinungsjahr 1981

XI.6.1 Aktion

Mit der Konzeption, ein Forum für libertäre Gruppen und Einzelpersonen im Rhein-Main-Gebiet zu bieten, erschien 1981 mit einem Umfang von vier DIN A3 Seiten die erste Ausgabe der Aktion .

Die von AnarchistInnen aus dem Rhein-Main Gebiet gegründete „Anarchistische Zeitung“ (Untertitel) sollte von wechselnden libertären Gruppen produziert werden.

Es bildete sich ein fester Redaktionskreis und die Aktion entwickelte sich sowohl vom inhaltlichen Bezug als auch vom Vertrieb zum bundesweiten, zunächst zweimonatlich und später unregelmäßig herausgegebenen „Anarchistischen Magazin“ (Untertitel) mit einer Druckauflage von bis zu 2.700 Exemplaren und einem Umfang von 36 bis 76 DIN A4 Seiten (zum Teil im Überformat). In Frankfurt und Karlsruhe entstanden im Laufe der Zeit zwei Redaktionsgruppen.

Auch Internationales fand seinen Platz in der Zeitschrift. Hierbei lag der Schwerpunkt auf der kritischen Berichterstattung über die Staaten des Warschauer Paktes, wobei die SchreiberInnen stets ihren anarchistischen, anti-staatssozialistischen Standpunkt ausdrückten. Die Aktion stand hiermit in der bis in das vergangene Jahrhundert zurückreichenden Tradition der libertären Kritik am Marxismus und Staatssozialismus.

Nach dem Ausstieg einiger Redaktionsmitglieder und Zahlungsunfähigkeit gegenüber einer Druckerei, erschien von Ende 1983 bis Anfang 1985 keine Ausgabe der Aktion mehr.

Erst mit der Reorganisation der libertären Frankfurter Szene „durch ein Anarcha/o-Plenum 1984“ entstand eine fast komplett neue Frankfurter Redaktion, mit der auch die finanzielle Gesundung voranging.

Der ehemalige Aktion Redakteur T. Schupp beschrieb im Juni 1996 in einem Brief an den Verfasser dieser Arbeit die Diskussionen der ab Anfang 1985 wieder herausgegebenen Zeitschrift:

„Inhaltlich diskutierten wir zuerst an nationalen Befreiungsbewegungen und die Position der AnarchistInnen zu diesen. Dies konkretisierte sich an unserem Verhältnis zu dem Staat Nicaragua, woraus schließlich dann ein Artikel für die neue Aktion (Nr.15/16, S.10) (…) entstand. Dieses anarchistische Magazin bot sich an, da Leute aus der alten Redaktion dabei waren, eine halbe Nummer schon seit längerem auf Eis lag (u.a. wegen finanziellen Problemen) und ein Vertrieb schon existierte. So nutzten wir diese Möglichkeit unsere Diskussionen an die Öffentlichkeit zu bringen.“

Im Winter 1984/85 hielt der Hungerstreik der Gefangenen aus der RAF das A-Plenum in Atem. Das Kollektiv versuchte in kontroversen Diskussionen eine anarchistische Position zu erarbeiten, die dann in zwei Beiträgen der Aktion erschienen.

„Mit beiden Positionen (Aktion Nr. 15/16, S.16-18 und Nr.17, S. 10-12) waren wir zu dieser Zeit ein Kuriosum in der bundesweiten (sozial-) revolutionären Szene.“

Die Redaktion zog in den Artikeln eine klare „Trennungslinie zwischen den bewaffneten Leninisten (RAF) und uns Anarchisten“.

Seitdem die RAF das „von Holger Meins geprägte Einteilungsschema 'Mensch - Schwein' (Mensch d. h. Gegner des Schweinesystems, Schwein, d. h. der Rest)“ so interpretiere, daß sämtliche KritikerInnen der RAF als Schweine gelten und der Status „Mensch“ nur ihren Epigonen zugestanden werde, sei die Diskussion mit der RAF unmöglich geworden.

„Wir Anarchisten haben den staatlichen Terror, gegen den die Bomben der RAF unbedeutende Mückenstiche sind, immer bekämpft.“

Der „Leninismus mit oder ohne Knarre“ führe zur staatssozialistischen Lüge.

Vom 1. bis 3. Februar 1985 gab es in Wuppertal ein Treffen zwischen RedakteurInnen der Aktion und der Schwarzen Anna , der „Zeitung bergischer Anarchisten und Anarcho-Syndikalisten“ (Untertitel). Die Aktion strebte einen Zusammenschluß mit der Schwarzen Anna und weiteren anarchistischen Zeitungen an.

Nach dem Wuppertaler Treffen schrieben die RedakteurInnen der Aktion , daß das Projekt vorübergehend aufgegeben worden sei, da der Aufwand (Redaktionstreffen, frühzeitiger Austausch der Artikel zur gemeinsamen Diskussion etc.) im Verhältnis, u.a. zur Auflagensteigerung, unverhältnismäßig groß gewesen sei.

Das Kernredaktionskollektiv stabilisierte sich und arbeitete zwischen 1985 und 1987 in dem von der Aktion mitbegründeten Libertären Zentrum (LZ).

T. Schupp beschrieb die Suche nach geeigneten Räumlichkeiten und die Gründung des Libertären Zentrums folgendermaßen:

„Auf die Dauer war es zu eng in unserer Wohnung.

K. antwortete auf eine Pflasterstrandanzeige, in der ein anarchistischer Literaturkreis Gleichgesinnte suchte. So kamen in dieser Phase noch W. und C. zu uns. (…) im Mai 1985 hing ein Zettel im Schaufenster des Geschäftes in der Kriegkstraße 38, daß der Laden zu vermieten sei. Nebenan (…) wohnten auch K. und R., die auf den Aushang aufmerksam geworden waren. Die drei Räume, Küche, WC und Keller sollten 860.- DM im Monat und 2.700.- DM Kaution kosten. Die Kaution wollte P. zum Großteil übernehmen. (…) nachdem fast jeder von uns zwischen 50.- und 200.- DM im Monat hinzuzulegen bereit war, beschlossen wir das Wagnis einzugehen (…). Als seriöser Buchvertrieb erhielten wir schließlich (…) die Räume. Zum 3. Jahrestag (4.6.1983) der Au-Besetzung hatten wir auf dem Au-Fest einen Bücherstand, um für unser zukünftiges 'libertäres Büchercafe' Werbung zu machen.

C. (…) trat vom Mietvertrag zurück und verließ vorerst die Gruppe. An seiner Stelle sprangen Ph. und W. aus Dieburg als Anmieter ein. Es war schon ein kleines Wunder, daß sich Vermieter Otto auf die ganze Sache einließ. Aber für seine Bruchbude hatte er auch wohl wenig Chancen, solvente Nachmieter zu finden.“

In der Aktion Nr. 18 wurde der bundesweiten Öffentlichkeit das Konzept des neuen Libertären Zentrums vorgestellt, in dem die Redaktionsgruppe ein wesentlicher Bestandteil war.

Das am 1. Juli 1985 eröffnete LZ diente fortan der Aktion , den FAU/IAA- und anderen Anarcho-Gruppen aus dem Rhein-Main-Gebiet u.a. als technisches Zentrum. Dort fanden Treffen, Veranstaltungen usw. statt, es gab die Möglichkeit Bücher und internationale Zeitungen zu lesen und zu kaufen, außerdem gab es dort eine Druckerei, in der neben der Aktion Broschüren, Flugblätter etc. produziert wurden. Die Miete von 1000.- DM pro Monat wurde durch Spenden und Beiträge abgesichert.

Die Diskussionen in und um das Libertäre Zentrum wurden oft in der Aktion zusammengefasst und veröffentlicht.

„Unser Problem liegt derzeit in der Höhe der monatlichen Beiträge, die einzelne Leute leisten und die z.B. durch Arbeitslosigkeit o.ä. ausfallen könnten. Wir würden die Unkosten daher lieber auf mehr Leute verteilen und bitten euch, (…), uns mit einem regelmäßigen monatlichen Beitrag zu unterstützen. Hilfe brauchen wir ebenso bei der Anschaffung einer (…) Druckmaschine. Im Moment arbeiten wir unter sehr schlechten Bedingungen, gerade weil die Maschine, mit der die Zeitung gedruckt wird, ein primitiver Bürodrucker ist, (…).

Wir hoffen deshalb, daß es möglich ist, ca. 2000.- DM als Spenden zu bekommen. Die Plackerei mit der alten Gurke ruft nämlich langsam zu viel Unlust hervor.“

Neben der über ein Postfach im Libertären Zentrum Frankfurt zu erreichenden Rhein-Main-Redaktion, entstanden weitere Regionalredaktionen in Göttingen, Hamburg, Moers und Darmstadt. Während das letzte Gründungsmitglied aus dem Projekt ausgestiegen war und „etliche neue Leute“ zur Frankfurter Gruppe hinzukamen, entstand eine „neue Konfliktlinie zwischen 'alten' und 'neuen' RedakteurInnen“.

Ende Januar 1986 erschien die Aktion Nr. 19/20. Dort begründeten die RedakteurInnen das späte Erscheinen der Zeitschrift damit, daß eine „Reihe von Geschehnissen“ bei ihnen „einiges durcheinander gebracht“ habe, so „daß wir die Zeitung etwas vernachlässigen mußten“.

Die Renovierung des LZ habe mehr Zeit und Energie gekostet, als erwartet. Dann sei hinzugekommen, daß die MacherInnen die Post auf ihrer Postlagerkarte nicht mehr ausgehändigt bekamen, woran auch Verhandlungen mit dem „Postamtsobermenschen“ nichts geändert hätten. Seit Juli bekam die Redaktion also keine Post mehr.

„Als dann die Zeitung in Arbeit war, fand in Frankfurt die Blockade einer NPD-Veranstaltung statt, in deren Verlauf die Bullen Günter Sare getötet haben.

Da unser Zentrum nur zwei Straßen vom Ort des Geschehens entfernt ist, haben sich wenige Minuten nach der Tat die Augenzeugen hier getroffen und Protokolle geschrieben.“

Von diesem Zeitpunkt an gab es andauernd Treffen, Demonstrationen und Pressekonferenzen. Zum Schreiben fehlte den Beteiligten die Zeit.

Als die Auseinandersetzungen „etwas abgeflaut waren“, mußte ein Teil der Artikel als überholt herausgenommen und neue geschrieben werden. So kam es, daß nur einer der Regionalteile dabei war.

„Das Titelbild (Anm. d. Verf.: eine Montage eines Wasserwerfers mit Zeitungsüberschriften zu den Ereignissen um und nach dem Tod Günter Sares, siehe Abb. 26) ist auch ein Stück mit ein Ausdruck von dem, was uns beschäftigt und was uns auch in den vergangenen Wochen von der Zeitungsarbeit abgehalten hat.“

 

 

Auf den Frankfurter „Libertären Tagen“ Ostern 1987, die von der Aktion mitinitiert worden waren, gab es viele Kontakte und Diskussionen bis hin zu Träumen von einer anarchistischen Tageszeitung. Ca. 2.500 Menschen nahmen an diesem anarchistischen Kongreß teil.

Am 2.11.1987 wurden bei einer Auseinandersetzung zwischen DemonstrantInnen und Polizei an der Startbahn West des Frankfurter Flughafens zwei Beamte erschossen.

Im Zuge der darauffolgenden Repressionswelle wurden eine angrenzende Wohnung, sowie das LZ am 2. November und 4. November durchsucht.

Die Durchsuchungen bezogen sich auch auf Unterlagen der Aktion . Beschlagnahmt wurden diverse Schriften, Protokolle und Fotos (u.a. zur Startbahn-West des Frankfurter Flughafens).

Im April 1988 kündigte der Vermieter den BetreiberInnen des Libertären Zentrums.

„(…) wir mußten uns nun überlegen, wie's weitergehen sollte mit dem LZ. Besetzung, Gericht oder was? Wir entschieden uns, ein neues Zentrum zu machen, da wir keinen Bock hatten, um die heruntergekommen Räume zu kämpfen.“

Das Ende der Aktion kam mit Erscheinen der „Vergewaltigungssondernummer“ 37. In mehreren Beiträgen ging es dort um die von einem Redakteur verübte Vergewaltigung.

Der Redakteur „M“ (M steht für Mann) schilderte seine Version der Tat. Er habe vor dreieinhalb Jahren einer Frau ein Schlafmittel verabreicht, um gegen ihren Willen mit ihr zu schlafen.

„Für mich ist dies heute eine versuchte Vergewaltigung.“

Er wolle in dieser Ausgabe keine „umfassende Selbsteinschätzung“ abgeben und vertrete die Auffassung, daß eine „effektive und ehrliche Umgehensweise“ mit ihm und seiner Tat in so großen Zusammenhängen, wie sie die Aktion erreiche, nicht möglich sei.

Mit einem vierseitigen „Gegen -Info Aktion“ wollten Ex-RedakteurInnen der Aktion im Dezember 1988 die durch die Vergewaltigungsdiskussion ausgelösten Auseinandersetzungen innerhalb der Frankfurter Redaktion darstellen. Gleichzeitig riefen sie zum „Boykott an einem Projekt“ auf, in das sie z.T. seit vier Jahren viel Energie, Kraft und Gefühle investiert hätten.

Zahlreiche Konfliktpunkte wurden benannt:

Es bestehe kein Kollektiv mehr, da das Vertrauen zueinander verloren gegangen sei;

der Diskussionsstil sei hart und patriarchalisch;

die inhaltliche Diskussion komme nicht zusammen, es gebe also keine Redaktionsartikel;

der Zeitdruck durch den sechswöchigen Erscheinungsrhythmus sei zu hoch;

wichtige Inhalte würden nicht erarbeitet, sondern übernommen;

die Aktion verkomme zur Flugblattsammlung oder zum Forum individueller „Meinungen“ der RedakteurInnen;

die verkaufte Auflage sei von 2.500 auf unter 1.700 Exemplare (Ausnahme: Startbahn-Sondernummer) gesunken;

die Verankerung in den Regionen sei trotz Regionalredaktionen schwach (im Rhein-Main-Gebiet würden kaum noch Exemplare verkauft).

Zudem sei ein Ermittlungsverfahren nach §129a StGB gegen die Aktion Nr. 34 eingeleitet worden, weil mit der dort veröffentlichten Dokumentation eines Interviews mit der militanten Frauengruppe Rote Zora für eine „terroristische Vereinigung“ geworben worden sei.

Wegen der desolaten Situation der Redaktion wollten die RedakteurInnen sich nicht auf einen politischen Prozeß einlassen.

„So wurde ein Deal mit der Staatsanwaltschaft gemacht und die Sache abgebügelt.“

Die Aktivitäten der von der Hamburger Redaktion produzierten Aktion Nr. 36 hätten die „letzten Reste der eh schon spärlichen Diskussionen um die Vergewaltigung“ verschüttet.

In die Zeit September/Oktober 1988 fielen dann die Beschlüsse, daß die neue Zentrumsgruppe mit M nicht zusammenarbeiten wolle. Als Reaktion darauf distanzierte sich fast die gesamte Redaktion von der Zentrumsgruppe.

Auf der vierten Seite des „Gegen-Info“ wurde eine zuvor in der Aktion Nr. 37 abgedruckte, aber dann von der verbliebenen Redaktion in den meisten Heften überklebte Erklärung der DruckerInnen dokumentiert, sowie ein weiterer Artikel, den die DruckerInnen, wie folgt, beendeten:

„Für uns ist nach all dem (und was drumherum läuft und hier keinen Platz hat) klar, daß wir dieses 'anarchistische' Magazin nach Jahren des kostenlos bis sehr billig Druckens hier nicht mehr sehen wollen und dazu aufrufen es zu boykottieren.“

Ende 1988 - nach 37 Ausgaben - wurde die Aktion endgültig eingestellt, nachdem die Diskussion um die Vergewaltigung

„etliche persönliche Beziehungen im Libertären Zentrum auseinanderplatzen ließ. Eine selbst beigebrachte Niederlage der AnarchistInnen im LZ.“

Nach der Schließung des gemeinsam von Autonomen und AnarchistInnen getragenen Libertären Zentrum 1988, entstand zum einen im Herbst 1989 das „Zentrum“, Hinter der Schönen Aussicht 11. Es diente der 1989 von ehemaligen Aktion MitarbeiterInnen und Menschen aus dem LZ gegründeten AFAZ und bis heute dem „autonomen rhein/main info“ Swing als Postfachadresse und entwickelte sich zu einem „autonomen Zentrum“. Zum anderen gründeten Libertäre und AnarchistInnen im Sommer 1990 den „libertären Treff“ Dezentral .

Bernd Drücke, 1998