Als der "Milleniumgipfel"
der WTO in Seattle scheiterte, feierten die AktivistInnen dies als Sieg. Viele
meinten, das Scheitern des Gipfels sei auf die Blockade zurückzuführen, und
dies wurde als die Krönung von Jahren des Protestes gegen die 'Globalisierung'
betrachtet. Andere Aktionen zu Gipfeltreffen, so wie zum Euro-Gipfel in Köln
und zum G8-Gipfel schlugen völlig fehl. 'Gipfelhüpfen' (die Teilnahme an aufeinanderfolgenden
Kampagnen zu einem Gipfel nach dem anderen) mag zwar nichts Neues sein, aber
es scheint, als würde es immer vorherrschender. Mit dem "Vierten internationalen
Tag gegen den Kapitalismus" am 26. September, dem Eröffnungstag der Konferenz
von IWF und Weltbank in Prag, erreicht die Gipfelbewegung einen neuen Höhepunkt.
Im Vorfeld von Prag finden sich bei den unabhängigen Medien viele Hallelujah-Geschichten
über Seattle und Washington. Meiner Meinung nach fehlen aber inhaltliche (und
dafür weniger spektakuläre) Artikel. Eine Diskussion über die gegenwärtige Dynamik
der Gipfel-Bewegung, z.B. darüber, was die Ziele sind und in welchem Ausmaß
sie realisiert werden, fehlt vollkommen. Das Interesse der Leute scheint sich
darauf zu beschränken, zum Gipfel fahren und Teil der Massenproteste sein, während
es andererseits genügend Gründe gibt, das Gipfelhüpfen kritisch einer kritischen
Betrachtung zu unterziehen.
Das Scheitern eines
Gipfels macht die Welt auch nicht besser
Das Scheitern eines
Gipfeltreffens bedeutet nicht die Entlarvung der kritisierten Organisation.
Es trägt auch nicht dazu bei, dass die Welt weniger kommerzialisiert wird. Das
Ziel, einen Gipfel zum Scheitern zu bringen, ist plakativ und versorgt die Medien
mit ein paar netten Fotos. Aber während internationale Massenproteste einen
großen symbolischen Wert haben, bedeuten sie auch nicht viel mehr. *Gipfel-Hüpfen
ist nur AktivistInnen aus dem Westen möglich.*
In den letzten Jahren
haben wir enorme internationale Mobilisierungsaktionen gegen Freihandelsgipfel
erlebt. Diese fanden fast ausschließlich im Westen statt. Es ist schwierig für
AktivistInnen aus ärmeren Ländern, daran teilzunehmen, und dies ist einer der
Gründe, warum die Proteste vorwiegend weiß waren, obwohl die Bewohner der westlichen
Welt weniger vom Kapitalismus betroffen sind. Das Reisen um die Welt von Gipfel
zu Gipfel ist sicherlich aufregend, aber diese Mobilität erfordert auch genügend
Geld. Außerdem bedeutet die einseitige Aufmerksamkeit, die den Gipfeln gewidmet
wird, dass die Leute aus dem Westen eine dominante Rolle dabei einnehmen, in
welche Richtung sich diese Bewegung entwickelt.
Das Gipfel-Hüpfen wird
von Nationalstaaten gesponsert
Finanzstarke Non-Governmental
Organisations (NGOs), die Geldmittel von nationalen Regierungen erhalten, gehen
davon aus, dass die Lobbyarbeit bei den nationalen Regierungen und den internationalen
Institutionen letztlich zu weitreichenden Reformen bei den kritisierten Freihandelsorganisationen
führen werden. Häufig sind diese Organisationen selbst strikt hierarchisch und
nicht gerade von revolutionärem Charakter. Weil sie ihre Aufmerksamkeit auf
Gipfeltreffen konzentrieren und dafür relativ große Geldsummen bereitstellen
können, erwecken sie den Eindruck, dass die Gipfel der hauptsächliche Anlass
für Aktionen sein sollten. Außerdem halten sich die reichen NGOs an vage Begrifflichkeiten
wie 'Globalisierung' und 'Freihandel' und die von ihnen (zu Unrecht) propagierten
Alternativen lassen die Basis des Kapitalismus unangetastet. Arme und oft lokale
Bewegungen und Initiativen, die mit basisdemokratischen Prinzipien arbeiten,
können nicht mithalten, obwohl sie die anti-autoritäre Antwort auf den Kapitalismus
darstellen.
Gipfel gehen einher
mit repressiven politischen Maßnahmen
Während eines Gipfels
ist die Repression durch den Staat besonders stark. Die ausgewählten Staaten
unternehmen alles Mögliche gegen Aktionen und Gruppen, lange bevor das Gipfeltreffen
stattfindet. Die Konferenzen selbst gehen häufig mit Massenverhaftungen einher.
Amsterdam (1997): 700, Genf (1998): 700, Köln (Frühjahr 1999): über 1000, Seattle
(1999): 600, Washington (2000): 1300; die Zahl der Festnahmen spricht für sich
selbst. Vielleicht wäre es klüger, dann etwas zu unternehmen, wenn es nicht
erwartet wird.
Gipfeltreffen gehen
einher mit Manipulationen der Medien
Die (Massen)Medien -
soviel kann mensch als allgemeines Wissen voraussetzen - haben eine dominante
Rolle beim Formen der öffentlichen Meinung. Spektakuläre Ereignisse, so wie
vermummte AnarchistInnen, schießende Polizeibeamte und kreativ gekleidete DemonstrantInnen
beherrschen die Berichterstattung der Medien, während tatsächliche Information
und Diskussion ausschließlich den politischen Kommentatoren und sogenannten
Experten in Designeranzügen überlassen wird. Die AktivistInnen werden durchgehend
auf eine Rolle als besorgte oder ängstliche, aber vor allem naive BürgerInnen
reduziert, die die Politik besser den Experten der gesellschaftlichen Eliten
überlassen sollten. Wenn BürgerInnen von den Medien beachtet werden wollen,
müssen sie sich auf immer spektakulärere Weise darstellen. Daher erhalten die
Gipfeltreffen auch von AktivistInnen so viel Aufmerksamkeit. Beachtung (durch
die Medien) wird als von vielen AktivistInnen als das Größte angesehen, und
ob das von den Medien gezeichnete Bild den Tatsachen entspricht oder nicht,
wird als zweitranging gewertet.
Der Sprung in den Abgrund?
Wir haben das langerwartete
Jahr 2000 und viele AktivistInnen meinen, dass Prag dieselbe historische Bedeutung
erhalten könnte wie Seattle. Die Frage ist aber, welches bedeutende Ergebnis
haben die AktivistInnen bei den vorherigen Gipfeln erreicht?! Diejenigen, die
ihre Hoffnung auf verstärkte radikale Reformen und Demokratisierung mittels
Aktion und Lobbyismus gesetzt hatten, haben von WTO, IWF und Weltbank nur Lippenbekenntnis
erhalten. Radikale Anti-KapitalistInnen haben wieder und wieder erlebt, wie
ihre Direkten Aktionen und Sabotageaktionen von den Medien benutzt werden, um
die Bewegung zu kriminalisieren. Am letzten Internationalen Aktionstag wurde
deutlich, wie schnell der Staat aus seinen Fehlern lernen kann. Die Zahl der
Festnahmen lag über 1300. Was erfolgreiche globale Mobilisierungen wie Seattle
und Washington vor allem erreicht haben ist, dass sie das Selbstvertrauen der
westlichen AktivistInnen gestärkt haben In den letzten Jahren wurde zahlreiche
besondere und inspirierende Koalitionen zwischen Organisationen überall in der
Welt gebildet. Durch die Koordination ihrer Aktionen erhielten ihre Anstrengungen
eindeutig mehr Wert, verglichen mit isolierten oder lokalen Aktivitäten. Das
heißt aber nicht, dass wir nun die vollkommene oder ewiggültige Erfolgsformel
gefunden haben. Es ist wichtig, das, was und bewegt und was wir erreichen wollen,
einer kritischen Würdigung zu unterziehen. Klare Ziele müssen gesetzt werden
und es muss untersucht werden, inwieweit wir diese Ziele erreichen. Ein englischer
Aktivist verglich die Bewegung mit einem Schneeball, der den Berg runterrollt
und dabei immer größer wird. Er meinte, zu viel Diskussion würde nur das Anwachsen
des Schneeballs behindern. Hoffen wir, dass der Schneeball nicht letztlich in
einen Abgrund rollt.
marco (EuroDusnie collective,
The Netherlands)