Seit letzten Mittwoch ist Andy MüIler-Maguhn
einer der mächtigsten Männer des Internet: als gewählter Europa-Direktor von
Icann ("Internet Cooperation for Assigned
Narnes and Nurnbers") entscheidet er künftig über Namen, Adressen und (Server-)Ressourcen
im Internet - ein Milliardenmarkt.
Bei seiner Wahl setzte sich Müller-Maguhn auch gegen den Repräsentanten der
Deutschen Telekorn durch. Müller-Maguhn tritt für ein dereguliertes, staatlich
unkontrolliertes Internet ein. Seine Wahl hat auch in den Vereinigten Staaten
großes Aufsehen ausgelöst. Das ehemalige Mitglied des ChaosComputerClubs ist
jetzt einer von achtzehn Direktoren und erklärt an dieser Stelle, wie er sich
seine Herrschaft im Netz vorstellt.
F.A.Z.
Also gut,
meine sehr verehrten Damen und Herren, ich bin gebeten worden, eine Regierungserklärung
zu schreiben. Und zwar für eine Zeitung, die in Regierungskreisen gern gelesen
wird. Dabei konnte ich Regierungen noch nie leiden. Überhaupt gar nicht. Nur
der Obacht meiner Mutter können Sie es verdanken, daß ich, etwa im Alter von
elf Jahren, nicht der RAF beigetreten bin. Später bin ich dann irgendwie erwachsen
geworden, obwohl Kritiker behaupten, das sei eben gerade nicht geschehen. Aber
ich bin gewählt worden, und zwar in eine Weltregierung. Das glauben Sie nicht?
Deswegen schreibe ich jetzt eine Regierungserklärung. Manche Regierungen muß
man eben erklären.
Die Wirklichkeit
in den Köpfen der Menschen wird in zunehmendem Umfang von Medieninhalten geprägt,
die durch elektronische Netze zugänglich sind. Das Internet ist nicht nur ein
solches Netz, basierend auf Protokollen, Standards, Adressierungen und Regeln.
Es ist vor allem ein Kulturraum, dessen Teilnehmer nicht festgelegt sind, ob
sie Sender oder Empfänger sind. So wird die Netzwirklichkeit von den Nutzern
gemacht.
Icann, jene
Weltregierung des Internets, zu deren Europa-Direktor ich durch die erste weltweite
Online-Wahl gewählt wurde, regelt die Vergabe von Namen und Nummern, die Einführung
der Protokolle und erstellt die Regeln dafür: Icann ist also die Architektur
des Netzes oder eben: dessen Regierung. Die Generation der Regierenden ist üblicherweise
eine, die mit dem Röhrenradio groß geworden ist, damals, als man noch klar trennen
konnte zwischen Sender und Empfänger. Das nennt man Kanalmodell, und das ist
nun vorbei. Heute bildet das Netz einen Kornmunikationsraum, man nennt dies
Netzmodell. Jeder, der sich da anschließt, kann diesen Raum betreten, sich umgucken,
etwas nehmen, etwas geben. Das nennen wir im Internet Geschenkkultur. Ein kleines
elektronisches Paradies, in dem sich lustige Dinge entwickelt haben. Das gab
es alles, weil der Planet groß ist, die Außerirdischen unter uns sind und -
weil die Juristen weit weg waren. Die waren damals noch mit Gesetzen gegen Terroristen
beschäftigt. Heute ist das anders. Irgendwann war das zwar alles ganz sicher
da draußen, aber leider auch festzementiert. Und da die Menschen nicht festzementiert
sein wollten, haben sie sich einen neuen Freiraum geschaffen: mit ohne Staaten,
mit ohne Juristen, einfach nur freier Informationsfluß, ein paar grobe Benimmregeln,
und ansonsten macht einfach jeder, was er will, rough
consensus and runfing code.
Betongefängnisse
in die Luft zu sprengen war schon okay, aber ins Internet zu ziehen einfach
der gründlichere Ansatz. Die Gedanken sind frei. Zugegeben: Auch im Netzkulturkreis
hat ein paar Leuten das mit der Gedankenfreiheit ein bißchen zugesetzt. Da kam
dann die Sache mit dem Geld ins Spiel, und wenn schon grenzenlos, dann natürlich
unendlich viel Geld. Da ich nun allerdings nicht religiöse Gefühle verletzen
möchte, sage ich nicht „E-Commerce“ und „E-Business“. Glauben Sie doch, an wen
oder was Sie wollen! Aber lassen Sie uns mit Ihren Juristen in Ruhe! Die Geschäftsleute
haben sie leider mitgebracht, die schon beim Kauf einer Packung Gummibärchen
eine Vertragshandlung sehen und die den natürlichen Akt der Vermehrung von Bits
mit so garstigen Begriffen wie „Raubkopien“ versehen. Und die jetzt, wo das
mit dem Internet gerade weltweit so richtig anfängt, geistiges Eigentum deklarieren
wollen. Und laut aufschreien, wenn sie sich überlegen, daß da geklaut wird,
den ganzen Tag in jedem Computer dieses Planeten. Und da natürlich Diebstahlsperren
einbauen wollen, Filter, Polizisten und Gefängnisse. Okay, also die Situation
ist da. Und wir, die Netzbewohner, müssen reagieren. Einige von uns haben sich
mehr auf das mit dem unendlichen Geld konzentriert, andere sich vorsorglich
schon mal Weltraumbahnhöfe, Südseeinseln und Server in Satelliten angemietet,
um für die kommende Konfrontation gerüstet zu sein. Na ja, und dann war da noch
die Sache mit der Regierung. Das Netz basierte, zwar im wesentlichen nur auf
einer gemeinsamen Sprache, die die Computer miteinander sprechen, und einem
Adreßraum, damit sie sich ansprechen konnten; bei der Entwicklung der Sprache,
der Vergabe von Adressen und der Schaffung des Namensraumes war allerdings die
amerikanische Regierung beteiligt. Und irgendwann, als dann die Regierungen
der anderen Länder und die Generation der Krawattis das "WehWehWeh“ kannten,
wollten auch sie mitreden. Aber das ist eigentlich eine andere und ziemlich
lange Geschichte, auch wenn sie letztlich Anlaß zur Gründung von Icann war.
Es gibt
jetzt also Icann, es ist eine von der amerikanischen Regierung gegründete Firma
nach kalifornischem Recht, sie regelt nicht nur die weltweite Vergabe von Namen,
Nummern und die Implementierung von Protokollen, sie betreibt auch - fast -
die entscheidenden Bestandteile des zentralistischen und hierarchischen Namensraumes.
Fast, weil die amerikanische Regierung das . Kernstück des Ganzen, den A-Root-Server,
mithin das logistische Herz des Internets, nicht aus der Kontrolle geben möchte.
Zum anderen: Icann will zwar regieren, dies aber nicht zugeben. Man hat immer
säuberlich darauf geachtet, „nur“ ein technisches Gremium zu sein, das „nur“
technische Fragen regelt und „nur“ die Vergaberichtlinien für Namen und Nummern
erstellt. Geholfen hat es nicht. Es ist das geschehen, was immer geschieht,
wenn man zentralistische Stellen aufbaut, ob sie vermeintlich „repräsentativ“
die Dinge regeln oder nicht: Die Zeit der Begehrlichkeiten begann. Und damit
kommen wir zurück zu den Juristen, den Krawattis und anderen Regierungen. Abgesehen
davon, daß Icanns understatement natürlich auch von Geschäftsinteressen
geprägt war und es die eine oder andere unerquickliche Geschichte über die mafiöse
Verbindung zwischen Icann und dem Registrator der ersten Stunde - Network Solutions - gibt,
wollten die Juristen auf einmal Eigentumsrechte an Namen deklarieren. Hier und
da gab es bereits Klagen von Markenrechts- gegen Domainnamensinhaber. Die Juristen
hatten das Internet entdeckt, und es nervte - gewaltig. Diese penetrante Habgier,
versteckt hinter Gesetzen. Eigentlich hätte die Regierung jetzt einschreiten
sollen. Sie hätte ja sagen können: Warum denn kein Extra-Namensraum, in dem
Markenrecht gilt? Aber die Regierung, Icann, hat das nicht gewollt. Weil sie
selbst aus Juristen besteht. Und sie tragen Krawatten,, die ja bekanntlich die
Sauerstoffzufuhr zum Gehirn einschränken. Und deswegen haben sie keine Phantasie
und haben das auch gar nicht verstanden, wozu man so einen öffentlichen Raum
braucht oder was ein Paralleluniversum ist.
Und weil
sie Amerikaner waren, haben sie natürlich amerikanisches Markenrecht bevorzugt,
die Wipo ("World Intellectual Property Organization") als potentielle
Schiedsgerichtsstelle (gewählt durch den Kläger) bestimmt und damit den Namensraum
den anderen Juristen zum Fraß vorgeworfen. Das nervt nicht nur, das ist ein
Verbrechen. Ein Verbrechen an der Sache, ein Verbrechen am öffentlichen Kulturraum
Internet. Was die Juristen „geistiges Eigentum“ nennen, ist - das weiß jeder
Lateiner - nichts weiter als ein Diebstahl am öffentlichen Raum. Und da wir
- die Netzbewohner - jetzt keine Lust haben, uns den öffentlichen Raum durch
diese Diebe kaputtmachen zu lassen, mußten wir ein bißchen pro-aktiv tätig werden.
Da geht so jeder seinen Weg, und alle sind vernetzt. Durch den öffentlichen
Raum, durch das kollektive Unbewußte und durch Eris, die Göttin des Streits,
der Zwietracht, der Auseinandersetzung. Aber bevor Sie das als Esoterik mißverstehen
- zurück zu den Regierungsgeschäften.
Nominell
bin ich jetzt also in der Regierung und de
jure irgendwann im November. Und auch dann will ich immer noch den öffentlichen
Raum frei von kommerziellen Spielregeln halten, den freien Informationsfluß
hüten und den Bits ihre Freiräume geben. Wir wollen lauter Datengärten, wo sie
sprießen, gedeihen und sich vermehren können - soviel zu den kulturpolitischen
Aspekten meiner Regierungstätigkeit. Dann gibt es noch organisatorische Fragen,
und da Regierungen als zentralistische, hierarchische Systeme nur dazu einladen,
mißbraucht zu werden, und entwicklungshemmend sind, würde ich das Ganze gern
so dezentral wie möglich ablaufen lassen, und dazu muß es transparent werden.
Die amerikanische Regierung sollte sich mal mehr um ihr Bildungswesen kümmern,
statt zu versuchen, den Namensraum zu beherrschen. Gucken Sie sich nur mal,
das geographische Verständnis von Icann an; die Neuaufteilung der Welt durch
die kalifornische Firma, die beispielsweise einfach Nord- von Südamerika trennt,
spricht Bände.
Die übrige
Regierungsarbeit wird darin bestehen, vernetzte Paralleluniversen durch das
Nebeneinander von verschiedenen Kulturen mit eigenen Spielregeln zu schaffen.
Und dann macht einfach jeder, was er will. Also auch den Krawattis ihre eigenen
Räume. Da dürfen sie dann Markenrecht spielen (global nicht einheitlich, aber
egal), sich gegenseitig aufgrund unterschiedlichen Verständnisses von Meinungsfreiheitsrechten
verklagen oder sich einfach in Wohlgefallen auflösen. Solange sie andere Kulturen
akzeptieren, ist das alles okay. Ich bemüh‘ mich ja auch, wirklich, damit das
funktioniert mit dem Nebeneinander. Also, ich erkläre Ihnen jetzt die Regierung,
und das heißt, ich erkläre Ihnen, daß sie in Zukunft bitte schön sich selbst
regieren. Machen sie doch einfach, was Sie wollen. Mach' ich doch auch.