Anarchie ist ORDNUNG (kein chaos) ohne gewalt/herrschaft.

Eine Antwort vom 18.8.2008 auf Gästebuchbeiträge

"mal ne frage"
Eingetragen von:Raven
Datum:28.11.2006   14.26 Uhr im Gästebuch

und:
"war etwas enttäuscht"
von Stephan Malzkorn.  23.02.2008 im Gästebuch

Versuch einer Antwort:
Auf die beiden eintragungen im Gästebuch (ich bin erst kürzlich auf diese website
aufmerksam geworden) will ich VERSUCHEN einige kurze realistische antworten zu geben
(ideologische/utopische phrasen/antworten sind nicht meine sache).
Auch in der anarchie müssen menschen vor mördern, dieben, gewalttätern, betrügern
geschützt werden. Demzufolge sind polizei, anwälte, gerichte notwendig. Da kommt
niemand drumherum. Anarchie ist ORDNUNG (kein chaos) ohne gewalt/herrschaft. Begriffe wie
z.b. polizei könnten (müssen nicht) geändert werden in schutzdienst oder sicherheits-
organisation. Wie auch immer: der name ist nicht so wichtig, der inhalt umso mehr! Und:
niemand kann "eigener richter" spielen oder sich anmaßen dies zu tun.
Diebe, einbrecher, betrüger können z.b. dazu verurteilt werden den von ihnen ange -
richteten materiellen schaden in voller höher zu erstatten und als warnung/strafe
dazu noch "schadenersatz" leisten. Schliesslich haben sie andere (erwerb, eigentum)
vorsätzlich betrogen oder ihnen private sachen entwendet.
Mörder, vergewaltiger, gewaltverbrecher gehören auch hier >zum schutze der gesell-
schaft< ins gefängnis für angemessene zeit. Diese verbrecher haben anderen mit
aggressiver gewalt das leben genommen oder ihnen mit gewalt und gegen ihren willen
grossen schaden zugefügt. Verbrecher müssen zur verantwortung gezogen werden!
Verkehrsregeln: Warum sich da schwer tun? Wir haben den rechtsverkehr und aus
gewohnheitsgründen kann man diese verkehrsregeln doch beibehalten. Nicht alles
bestehende ist "schlecht" oder unbrauchbar für den anarchismus!
Wenn z. b. du (und andere) lieber in einer demokratie (oder räte-, demokratie- kommunismus
/sprich: demokratischen gesellschaft) leben willst mit regierung, mehrheitsbeschlüssen
oder räten die beschliessen was ander tun müssen, etc.: Bitte macht das!
Voraussetzung dafür ist dass diese demokratische gemeinschaft/gesellschaft auf
freiwilliger basis gegründet wird und niemand gegen seinen willen und mit gewalt
dazu gezwungen wird ebenfalls dieser demokratie anzugehören. Sowie heute angehörige
verschiedenster interessengruppen (parteien, organisationen, religiöse gruppen usw.)
relativ friedlich und über das ganze land verstreut sind und zusammenarbeiten, kann diese
demokratische gesellschaft welche du meinst, auch funktionieren. Allerdings hier die vor-
aussetzung das diese demokratische gesellschaft keinen anspruch erhebt auf ein
bodenmonopol (sowie der staat das macht); denn dies wäre ein gewaltakt und würde
die freiheit anderer einschränken! "Freiheit ist immer die freiheit des/der anderen" (Rosa
Luxemburg/John H. Mackay).
Wer also in der An Archie (ohne herrschaft) eine demokratische lebensweise mit gleich-
gesinnten gründen will, kein problem. Wenn dies, wie erwähnt, auf strikt freiwilliger
basis geschieht! und jeder der aus der demokratischen gemeinschaft wieder austreten
will, muss das tun können! Niemand kann/muss dazu gezwungen werden einer
solchen gesellschaft (oder einer anderen) beizutreten oder als mitglied "für immer" dazu
zu gehören. Was ja auch heute bei vielen interessengruppen der fall ist.
Wer eine andere lebensweise will, z.b. untertan eines königs sein, kann dies auch tun;
auch hier wiederum: auf freiwilliger basis und ohne ein boden-, geld- gewaltmonopol zu fordern!
Die heutige demokratische staatsform basiert auf einer parlamentarischen parteidiktatur
und der staat (die regierenden und ihre anhänger) beansprucht für sich das boden-,
währungs- und gewaltmonopol. Zwar kann jemand "aus dem staat austreten", also
staatenlos werden, das hat allerdings schwerwiegende folgen u.a. deshalb weil die
ganze erde in staaten aufgeteilt ist. Anarchismus ist kein patentrezept für freiheit;
freiheit muss immer wieder verteidigt werden gegen machthungrige und herrschafts -
bessene.
Anarchist ist derjenige, der freiwillig darauf verzichtet andere beherrschen und
unterdrücken zu wollen! Und: die gleichberechtigte freiheit jedes einzelnen menschen
in allen lebensbereichen.  Anarchisten wie Tucker, Stirner, Proudhon, Mackay (um nur
einige wenige zu nennen) und auch sozialisten, libertäre kommunisten, demokraten 
haben interessante, wichtige literarische werke verfasst zum thema freiheit!
Wenn einige glauben anarchie wäre lediglich eine utopie, ein nicht zu realisierender
wunschtraum, der irrt. Demokratie war lange zeit (jahrhunderte) ebenfalls eine
utopie und sie ist ZUM TEIL realisiert worden. Übrigens: der autor (Dr.) P.C.Martin
(kein anarchist, sozialist, kommunist) kommt in seinen sach-büchern zu der unaus-
weichlischen konsequenz und bedingungslosen forderung nach der abschaffung des
staates. P.C.Martin, "Wann kommt der Staatsbankrott" und "Die Pleite" (Langen-
Muller/Herbig, München 1982-1984). Es sind also nicht NUR die anarchisten welche
die abschaffung des staates als herrschaftsinstrument fordern, nein, auch ganz
"normale bürger". Es lohnt sich für orthodoxe anarchisten wenn sie nicht nur anarchistische/
sozialistische literatur konsumieren, sonder auch oben genannte bücher von
"bürgerlichen autoren".
Soweit meine überlegungen und antworten in kürze (darin liegt bekanntlich die
würze) und ich habe mich bemüht (seit 20 jahren) das ganze realistisch zu sehen.
Anarchisten welche dem glauben verfallen der anarchismus wäre DAS freiheits-
paradies und sie könnten in der anarchie alles tun was sie wollen >"auch wenn es
anderen nicht gefällt"<, ohne rücksicht auf andere und es gäbe in der anarchie keine
(verhaltens-)regeln, sind auf dem falschen dampfer. Nämlich auf der Titanic!
Lea V.