Kleiner Leitfaden zum Anarchismus


a

 

 

A.Nonameous / N.N.

Überarbeitete Version (Mai 2009)

anarchosyndikalismus.org

 INHALTSVERZEICHNIS:

1. Einleitung

2. GESCHICHTLICHE ENTWICKLUNG DES ANARCHISMUS
Individualistischer Anarchismus
Solidarischer Anarchismus
Kollektivistischer Anarchismus
Nihilismus/Terrorismus
Kommunistischer Anarchismus
Syndikalistischer Anarchismus / Anarchosyndikalismus
Russland
- UKRAINE
Spanien
Deutschland

3. ALLGEMEINES WELTBILD DES ANARCHISMUS

Unterschiede zwischen Liberalismus, Sozialismus, Anarchismus
Demokratie und Vertretungswesen
Staat und Klasse:
- STAAT UND GESELLSCHAFT
- STAAT UND KLASSE

Organisation und Bürokratie
Besitz und Eigentum
Gott und Kirche

Krieg und Gewalt:
- GEWALT
Individuum und Gesellschaft

4. DIE UNTERSCHIEDLICHEN STRöMUNGEN DER ANARCHIE
Philosophische Anarchie

Individualismus, Egoismus, libertäres Denken:
- INDIVIDUALISMUS
- EGOISMUS
- LIBERTÄRES DENKEN
Mutualismus, Föderalismus:
- MUTUALISMUS
- FÖDERALISMUS
Kollektivismus, Kommunismus, Syndikalismus:
- KOMMUNISMUS
- SYNDIKALISMUS
SCHLUSSFOLGERUNG


5. WAS WOLLEN DIE ANARCHISTEN?

Das freie Individuum
Die freie Gesellschaft
Die Arbeit:
- Übereinstimmungen mit dem Marxismus
- Unterschied zum Marxismus
Notwendige Güter und Luxus
Wohlfahrtsgesellschaft
Kriminalität
Pluralismus
Revolution oder Reform
GEMEINSAMKEITEN

6. WAS TUN DIE ANARCHISTEN?
Erfahrungen machen, Schranken und Werte durchbrechen
Die Diskussionsrunde als Keimzelle:
- PROPAGANDA DES WORTES
- AGITATION
- DIE TAT
Die Aktion
Gefahr des Nihilismus:
- BOHEME
HEUTE

PROTEST

 

1. Einleitung

Liebe Leserinnen und Leser,
dieser Text soll Euch einen Einstieg in die Geschichte, die Strömungen und wesentliche Inhalte anarchistischer Ideen ermöglichen. Sie erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die Verfasser haben sich bemüht, nicht zuviel eigene Wertung in diese Ausarbeitung mit einfließen zu lassen. Ihr sollt Euch eigene Gedanken machen und wir hoffen, der Text gibt Euch vielleicht Anstoß zu weiteren Auseinandersetzungen mit dieser Idee. Anarchismus ist die politische Verarbeitung einer psychologischen Reaktion auf Autorität, die in allen menschlichen Gruppen auftritt. Er bedeutet das Widerstreben gegen Autorität - für eine Gesellschaft ohne Herrschaft ("an-archia").
Anarchie ist die Forderung nach einer Gesellschaft ohne Herrschaft, weil ihrer Auffassung nach Menschen Freiheit und Gleichheit auch in eigener Zuständigkeit realisieren können. In einer staatlichen Gesellschaft führt Machtkonzentration immer auch zu Korruption und somit zu einer ungerechten Verteilung des Wohlstandes. Wenn Menschen nach Meinung der Staatsbefürworter nicht selbst auf sich aufpassen können, wie kann von diesen dann eine gerechte Regierung über die anderen erwartet werden? Anarchisten [männliche, weibliche und andere] verstehen sich selbst als Denker, die über unterschiedliche Denkansätze mit anderen Anarchisten streiten, aber immer getragen von Toleranz gegenüber anderen Strömungen.
Sie sind offen und ohne geistige Barrieren; sie streben ein Denken ohne Grenzen an. Staatsbefürworter sind Anhänger von Ideologien und somit Dogmatiker, gefangen vom Absolutheitsanspruch ihrer grundlegenden Staatsdoktrin, intolerant gegenüber Andersdenkenden. Nicht zuletzt: die nachfolgend aufgezählten Strömungen und Ideen sind keine -ismen. Sie erklären sich aus der Geschichte und haben sich aus ihrer jeweiligen kulturellen Identität besonders intensiv mit Teilen des anarchistischen Weltbildes befaßt.

Viele moderne Anarchisten und libertäre Menschen begründen ihr Weltbild deshalb mit Erkenntnissen aus all diesen historischen Bewegungen und lehnen es ab, sich irgendeiner einzigen Strömung zuordnen zu lassen, obwohl staatsbefürwortende Kritiker immer wieder versuchen, Anarchisten in ideologische Schubladen zu pressen.

 

2. GESCHICHTLICHE ENTWICKLUNG DES ANARCHISMUS

Individualistischer Anarchismus
Wichtige Philosophen dieser Richtung waren William Goodwin (1793) mit seinem Buch "Über die politische Gerechtigkeit" und Anselm Bellagarrigue, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Frankreich gelebt und gewirkt hat. Nach dieser Denkrichtung ist die Gesellschaft nur eine Ansammlung unabhängiger Individuen und nur diese haben Verpflichtungen untereinander. Eine extremere Auffassung dieser Lehre vertrat Max Stirner (1806-1956). Nach seiner Meinung sind aufgrund der wesensbedingten Einzigartigkeit des Individuums Gesetze, Naturrecht, Menschen- und Grundrechte abzulehnen. Er beeinflusste u.a. Friedrich Nietzsche in seiner Idee des Über-Menschen.

Solidarischer Anarchismus
Vertreter dieser Denkart war Pierre Joseph Proudhon (1809-1865). Seine Gedankenwelt entwickelte die Idee der Gegenseitigen Hilfe, den Mutualismus. Hiernach muß das Großeigentum auf autonome Kleineigentümer und Kleinproduzenten aufgeteilt werden. Diese schließen dann auf der Basis freier Verträge gegenseitige Vereinbarungen zur Zusammenarbeit (Kooperation) ab. Proudhon, der wegen seiner geldreformerischen Volksbank-Idee auch als antisemitisch kritisiert wird, beeinflußte Bakunin, Kropotkin und Landauer.

Kollektivistischer Anarchismus
"Vater" dieser antiautoritären Strömung war Michail Bakunin (1814-1876). Nach seiner Auffassung hing die soziale Revolution von der Arbeiterklasse ab (Arbeiter, Kleinbauern, Militante, Sozialisten). Ziel dieser Revolution muss die Zerstörung des Staatsapparates sein und die Vergesellschaftung des Eigentums an Produktionsmitteln. Der Erwerb privaten Eigentums soll durch die private Arbeitsleistung möglich sein. Bakunin war mit Karl Marx heftig verfeindet. Die Feindschaft zwischen Marx und Bakunin bei der Ersten Internationale (IAA) führte 1872 zu einem Ausschluß der Bakunisten auf dem Haager Kongreß auf Betreiben von Marx.

Nihilismus/Terrorismus
Urheber dieser Denkrichtung war Turgenjew um 1850. Er verneinte Staat, Moral, Gesellschaft und Menschheit. Seiner Meinung nach waren diese Begriffe ein physiologischer Angriff auf die Gesellschaft. Als Folge dieser Strömung gab es durch seine Anhänger verursacht eine Flut von sinnlosen Attentaten auf Vertreter des herrschenden (Feudal-)Systems in Europa und Amerika im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts. Im 20. Jahrhundert wurden solche Taten benutzt, um Gewalttaten marxistischer Untergrundgruppen als anarchistisch zu verunglimpfen. Teile dieser Ideologie sind noch heute im aufständischen Insurrektionismus enthalten, der von gewaltfreien Anarchisten und Anarchosyndikalisten abgelehnt wird.

Kommunistischer Anarchismus
Vertreter dieser Denkart waren Peter Kopotkin (1842-1921), Erich Mühsam (1878-1934) und Alexander Berkmann (1870-1936). Diese philosophische Richtung fordert nicht nur die Überführung von Produktionsmitteln in Gemeinschafteigentum, sondern auch die Aufgabe des Lohnsystems und die Güterverteilung nach dem Motto: "Alle nach ihren Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen". Ab 1880 wurde der von Kropotkin propagierte Kommunistische Anarchismus zu einer der wichtigsten anarchistischen Bewegungen, besonders in den revolutionären Bewegungen in der Ukraine und in Mexiko. Daraus entstand auch der Plattformismus, einer Idee zur Organisation aller Anarchisten auf Grundlage einer gemeinsam abgegebenen Prinzipienerklärung.

Syndikalistischer Anarchismus /Anarchosyndikalismus
Seine Basis sind die unabhängigen Branchengewerkschaften und lokalen Vereinigungen der Lohnarbeiter (und Arbeitslosen). Die Ziele sind in erster Linie die Ablösung des Staates, die Übernahme der Produktionsmittel durch die Gewerkschaften und die Organisation der Güterverteilung. Er führte Ende des 19. Jahrhunderts in Frankreich zur Bildung unabhängiger Gewerkschaften, die jede Zusammenarbeit mit Parteien ablehnten. 1907 wurde in Amsterdam ein erster "Internationaler Anarchistenkongreß" abgehalten. 1910 gründete sich in Spanien die Gewerkschaft CNT mit immerhin 700.000 Mitgliedern. In ihrem Programm von 1931 formulierte sie als Ziel einen freiheitlichen Kommunismus ohne Staat und Privateigentum, basierend auf Gewerkschaften (Syndikaten) und Kommunen. Nach der Spanischen Revolution (1936-39) gab es in der bürgerlichen Republik zeitweise autonome anarchistische Provinzen - bis zur Zerschlagung durch Stalins und Francos bewaffnete Streitkräfte. 1922 wurde die Internationale Arbeiter/innen-Assoziation (IAA) in Berlin gegründet, aus Protest gegen die bolschewistische Rote Gewerkschaftsinternationale (RGI) und im libertären Geist der Ersten Internationale zu Bakunins Zeiten.

Russland
Die erste, russische Revolution von 1905 erfolgte unter der Beteiligung anarchistischer Gruppen. Sie schlug fehl, jedoch zum ersten Male erwachte dabei ein Bewußtsein in der Bevölkerung über die Fehler des feudalen Zarenregimes und die eigene Macht der Bevölkerung. In der Februar-Revolution von 1917, die vom Volk allein angezettelt wurde, ist die letzte Duma-Regierung gebildet worden. Die Bolschewiki (Mehrheitsfraktion der russischen Sozialdemokratie) blieb im Hintergrund, ihr Anführer Lenin war noch im schweizer Exil. Erst in der Oktober-Revolution 1917, in der u.a. Präsident Kerenski wegen seiner Kriegstreiber-Politik gestürzt wurde, setzten sich die Bolschewiki gegen die schwächer organisierten Sozialisten und Anarchisten durch. Die Anarchisten kämpften jedoch von Anfang an überall mit, vor allem die Matrosen von Kronstadt.
Als Folge sind die anarchistischen Gruppen sofort nach Gelingen der Revolution von Lenins und Trotzkis Geheimpolizei verfolgt und zerschlagen worden. Die Bolschewiki Leo Trotzki und Vladimir Iljich Lenin waren gegen ein wirkliches Räte-System (Sowjets). Mit Hilfe von Morden, Brandanschlägen, Verhaftungen und Verbannung der politischen Gegner etablierten sich die Bolschewiki und kontrollierten bald die gesamte Rote Armee. Mit Hilfe von Lügen und Propaganda liessen sie die anarchistischen Aufstände in Kronstadt 1921 und in der Ukraine 1922 als Konterrevolution niederschießen. Auch gegen den sozialistischen Reformversuch im Ostblock, wie in Ungarn 1956, in der ostdeutschen DDR 1957 und in der Tschecheslowakei 1969 setzte die UdSSR auf militärische Unterdrückung. Diese "Union der sozialistischen Räterepubliken" (Sowjetunion) erhielt ihren Staatskapitalismus mit Hilfe der militärischen Drohung mit Atomwaffen bis 1991.

KRONSTADT
Die Kronstädter Matrosen als Anhänger eines Räte-Systems waren bereits bei den Aufständen 1905 und 1906 Vorkämpfer der Revolution. 1921 erhoben sich die Matrosen zum Widerstand gegen die Ausschaltung der Räte-Bewegung und der neuen Linksparteien. Am 01.03.1921 riefen die Räte zum Rücktritt des totalitären Sowjet von Kronstadt. Am 04.03.1921 stellte der Kronstädter Sowjet seinerseits den Kronstädter Räten ein Ultimatum zu ihrer Auflösung und Kapitulation. Als diese nicht reagierten, zerschlug die Armee den Kronstädter Widerstand am 16./17.03.1921.

UKRAINE
"Vater" der Kommunistischen Anarchismus-Bewegung in der Ukraine war Nestor Iwanowitsch Machno (1889-1935). Er wurde 1908 zum Tode verurteilt und 1917 befreit. In der Ukraine, einem Land mit damals 450.000 qkm und 30 Mio. Einwohnern, hatte Machno in einem Gebiet von ca. 70.000 qkm und ca. 7 Mio. Einwohnern (ein traditioneller Zufluchtsort entflohener Leibeigener und Gefangener) eine autonome anarchistische Provinz ausgerufen. 1917 wurden dort bereits Sowjets gebildet, in den Jahren 1917/1918 bildete Machno dort eine Befreiungsarmee, in der er mittels Einführung des Räte-Systems in der Armee auch den Sieg davontrug.
Durch die Trennung von Schule und Staat begründete sich ein neues Erziehungssystem, Kommunen bildeten sich in dezentraler Selbstverwaltung, ebenso Kulturprojekte und Zeitungen. Ab 1919 jedoch hatte Machno einen Zwei-Fronten-Krieg gegen die bürgerlich-monarchis-tische Denikin-Armee (Weiße) einerseits und die Bolschewiki (Rote) andererseits zu bestehen. Am 10./15.10.1920 schlossen Bolschewiki und die Machno-Armee ein Waffenstillstandsabkommen zur Vertreibung der bourgeoisen, weißen Armee. Im November bereits brachen die Bolschewiki das Abkommen nach dem zerschlagenen Kronstadt-Aufstand und griffen die Ukraine an. Der Angriff auf die Ukraine führte zu einer Zerschlagung der anarchistischen Strukturen und Errichtung der kommunistischen Herrschaft, was 1922 vollendet war.

Spanien
Die CNT als syndikalistische Gewerkschaft hatte zum Ziel, nach der Zerstörung des Staates die Produktion und Verteilung der Güter neu zu organisieren. Im Jahre 1936 besaß sie ca. 1,6 Mio. Mitglieder. Im Februar 1936 siegte in Spanien bei den damaligen Wahlen eine linke/liberale Parteienbewegung. Als Folge putschte der feudal-faschistische General Franco im Juli 1936. Hierdurch kam es zu einem Bündnis zwischen Anarchisten und regierungstreuen, republikanischen Bürgern. Die anarchistische Miliz errang mit Unterstützung der linkskommunistischen Gewerkschaft UGT den militärischen Sieg, sie beteiligten sich aber vorerst nicht an der Regierungsbildung.
Dieses Nichtstun war jedoch fatal. General Franco erhielt Unterstützung durch Hitlers Nationalsozialisten (Legion Condor) und durch Mussolinis faschistische Schwarzhemden. Die Anarchisten und Regierungstreuen bekamen Unterstützung in Form von Waffenlieferungen aus Russland , die Bolschewiki nahmen jedoch immer mehr Einfluss auf die Freiwilligenverbände der Internationalen Brigaden. Angehörige dieser Freiwilligenarmee wurden bespitzelt und verhört, Waffenlieferungen später nur noch einseitig an moskautreue Kommunisten verteilt. Den Bolschewiki war der Sieg des Faschismus offenbar lieber als die erfolgreiche Revolution der Anarchisten.
In der Konsequenz verloren Anarchisten und Republikaner den Kampf gegen Franco. Wie war die Situation in den von Anarchisten befreiten spanischen Provinzen vor der Kapitulation gegenüber den Faschisten? Die Kapitalisten flüchteten und Ließen die Produktionsmittel zurück. In allen Betrieben bildeten sich Arbeiter-Räte. Die Produktion stieg an bei gleichzeitiger Arbeitszeitverkürzung und höherem Lohn. Die Versorgung der Bevölkerung mit Krankenhäusern, das Transportwesen, die öffentlichen Dienste verbesserten sich. Die Landwirtschaft und der Konsum gingen in kollektive Selbstverwaltung über. Aufgrund des allgemeinen Materialmangels kam es auch zu gelegentlichen kriminellen Übergriffen, insgesamt jedoch hat diese Entwicklung gezeigt, daß Anarchie machbar ist.
Nach den Maikämpfen in Barcelona mussten hundertausende Anarchisten ins Exil in das später von Nazideutschland besetzte Frankreich fliehen. Nach dem Sieg des Diktators Franco wurden alle Kollektive aufgelöst und viele Fabriken zerstört, um zu propagandistisch zu behaupten, dass Anarchismus nichts als Chaos hervorbringt. Nach dem Tod Francos wurde die CNT-IAA 1977 wieder legal aktiv, aber sie kämpft bis heute um Entschädigungals Opfer des Faschismus.

Deutschland
Im 19. Jahrhundert existierten vereinzelte anarchistische Kleingruppen. Der ehemalige Sozaildemokrat Johann Most gab ab 1876 "Die Arbeiterzeitung" bei der "Berliner Freien Presse" heraus, ab 1879 die "Freiheit". Hierdurch hatte er immer wieder Ärger mit der SPD und er ging schließlich in die USA ins Exil. Es kam auch gelegentlichen zu Attentaten, wie z. B. zum Versuch Kaiser Wilhelm bei der Eröffnung des Niederwalddenkmals 1883 in die Luft zu sprengen oder 1885 zur Ermordung des Frankfurter Polizeikommissars Rumpf. 1897 wurde die Freie Vereinigung Deutscher Gewerkschaften (FVDG) gegründet. Sie waren aus den sozialdemokratischen Lokalisten hervorgegangen und stellten sich als einzige Massenbewegung gegen den Ersten Weltkrieg.
Hieraus ging 1919 die anarchosyndikalistische "Freie Arbeiter-Union Deutschlands" (FAUD) hervor. Ihre "Prinzipienerklärung des Syndikalismus" wurde von Rudolf Rocker geschrieben. Die FAUD hatte 1923 - nach der sozialdemokratischen Zerschlagung der deutschen Räterevolution 1918/19 - ihren Höchststand mit 120.000 Mitgliedern. Bis zur Zerschlagung durch die Nationalsozialisten 1937 waren aber noch zehntausende Anarchosyndikalisten aktiv, vor allem im Kampf der Roten Ruhrarmee gegen den Kapp-Putsch 1920. Viele schlossen sich als Gruppe "Deutsche Anarcho-Syndikalisten (DAS)" der Spanischen Revolution an. Nach 1945 existierte die "Föderation Freiheitlicher Sozialisten (FFS) als deutsche Sektion der Internationalen Arbeiter-Assoziation (IAA), bis zur Neugründung der westdeutschen FAU im Jahr 1977.

MÜNCHNER RÄTEREPUBLIK
Am Ende des Ersten Weltkriegs wurde in München die sozialistische Bayerische Räterepublik ausgerufen. Zur Vorgeschichte: Nach der Abdankung des Kaisers wurde am 08.11.1918 Kurt Eisner als Vorsitzender der bayerischen USPD zum Vorsitzenden des Arbeiter- und Soldatenrates und der SPD-Koalition gewählt. Am 12.01.1919 erhielten die Bayerische Volkspartei (BVP), die Deutsche Demokratische Partei (DDP) und die Sozialdemokratische Partei (SPD) insgesamt 82 % aller bei den Wahlen abgegebenen Stimmen, die Unabhängige Sozialdemokratische Partei (USPD) gerade einmal 2,5 %. Somit hatten sich die Parlamentarier gegen die revolutionären Arbeiterräte durchgesetzt.
Die revolutionäre Stimmung war also im Parlament kanalisiert worden. Während der am 21.02.1919 abgehaltenen Sitzung des Landtages kam es dann zu der Ermordung Kurt Eisners durch Faschisten. Am 07.04.1919 haben dann alle Münchner Räte zur Weiterführung der Revolution die Münchner Räterepublik ausgerufen. Es bildete sich ein Zentralrat aus Mitgliedern von SPD, USPD, Kommunistischer Partei (KPD) sowie den Revolutionären Arbeiterräten (RAR). Als erste Maßnahmen wurden die Arbeiter bewaffnet, Wohnraum rationiert und verteilt, Kriegsgefangene freigelassen und die Lebensmittelversorgung sichergestellt. Hauptorganisatoren waren hierbei die Anarchisten Gustav Landauer und Erich Mühsam, sowie Ernst Toller. Am 13.04.1919 kam es dann zu einem Gegenputsch durch KPD-Rotarmisten, Reichswehr und faschistische Freikorpsleute. Im Juni 1919 scheiterte die Räterepublik endgültig militärisch. Gustav Landauer wurde ermordet, Erich Mühsam geriet in Haft und wurde später von der SS im KZ Oranienburg umgebracht (9.6.1934). Die anderen Versuche sozialistische Räterepubliken in Deutschland auszurufen (Bremen, Cuxhafen, Mannheim, Braunschweig, Berlin) wurden ebenfalls von der SPD-Führung bekämpft und schließlich militärisch niedergeschlagen.

 

3. ALLGEMEINES WELTBILD DES ANARCHISMUS

Unterschiede zwischen Liberalismus, Sozialismus, Anarchismus
Der Liberalismus beinhaltet den Begriff Freiheit, jedoch nicht die Gleichheit der Menschen. Der Sozialismus hingegen definiert die Gleichheit der Menschen, nicht jedoch ihre Freiheit. Beide Ideologien betrachten die Vergangenheit als Barbarei, die Zukunft jedoch als strahlenden Fortschritt. Im Anarchismus wird die Geschichte als Dualismus von Herrschern und Beherrschten, von Besitzenden und Besitzlosen verstanden. Das wachsende Bewußtsein/Wissen beinhaltet den wachsenden Wunsch nach Freiheit. Autorität wird abgelehnt, stattdessen Freiheit, Gleichheit und Solidarität gefordert. Insofern wird jede Regierung, jede Partei und jede Wahl als Instrument der Herrschaft abgelehnt.

Demokratie und Vertretungswesen
Viele sind gegen undemokratische Herrschaftsformen, Anarchisten lehnen aber darüber hinaus auch die parlamentarische Demokratie als Herrschaftsform ab. Natürlich lehnen auch andere die Demokratie ab. Aber weil Anarchisten glauben, daß sie keine Regierung im Sinne der Bevölkerung handelt, sondern in ihrem eigenen (Macht-)Interesse, ist die Demokratie (Volksherrschaft) nach ihrer Auffassung ein Widerspruch in sich. Basisdemokratie ist demnach nur realisierbar in kleinen, überschaubaren Gemeinschaften (Kommunen), in denen jedes Mitglied an den Entscheidungen, die es selbst betrifft, beteiligt ist. In einem solchen Falle aber ist dann eine parlamentarisch-politische Demokratie überflüssig.
Parlamentarische Demokratie wird als Oligarchie (Cliquenherrschaft) verstanden, die Herrschaft einiger Menschen über viele andere. Anarchisten verstehen Stellvertreter-Demokratie als eine Gesellschaftsordnung in der Herrschaftsgewalt mit Zwang (Militär, Polizei, Justiz) ausgeübt wird. Wenn jedoch die Herrschaftsgewalt nicht mit ihrem Willen übereinstimmt, sind die Herrschenden auch nicht mehr die Vertreter der Bevölkerung. Viele Menschen glauben, daß sie keine Verpflichtung gegenüber einer von ihnen nicht gewählten Regierung haben. Dies trifft auch auf die Anarchisten zu. Ihrer Meinung nach kann man einer gewählten Regierung gehorchen, es besteht jedoch keine Pflicht dazu.
Viele sind der Meinung, dass bei Veränderungen von wichtiger gesellschaftlicher Bedeutung alle Menschen befragt werden sollten. Nach Meinung der Anarchisten sollten die Menschen ihre Entscheidungen selbst treffen. Anarchisten sind gegen staatliche "Gesellschaftsverträge" und parlamentarische Vertretungswesen. Notwendige Maßnahmen werden ihrer Auffassung nach meist nur von ein paar Leuten durchgeführt. Dies sind in der Regel Leute mit Sachverstand und Interesse an der Problemlösung. Dies geht auch ohne Wahlen und Autorität, denn Sachverstand und Bereitschaft zur Zusammenarbeit, um ein Problem zu lösen bestehen ja bei ihnen sowieso.
DELEGIERTE, also Abgesandte mit konkreten Handlungsaufträgen, sollten nur diejenigen werden, die wirklich von einer Vollversammlung bevollmächtigt sind und jederzeit von diesem Auftrag abrufbar ist. Gewählte Herrscher als Stellvertreter auf Zeit (4 Jahre,...) sind während dieser Amtszeit nur schwer wieder abzusetzen und für Diskussionen oder Argumente nur schwer erreichbar. Anarchisten unterwerfen sich daher selten (und dann meist aus praktischen Erwägungen heraus) auf gewählte Anführer - aber nicht aufgrund moralischer Erwägungen.

Staat und Klasse
Die Anarchisten betreiben Opposition gegen den Staat, da er eine Quelle und Zentrum der Macht ist. Gemeint ist hierbei jede Staatsform, wobei natürlich zwischen einer parlamentarischen Demokratie, dem Sowjet-Kommunismus und einer klerikalen oder faschistischen Diktatur unterschieden wird. Heute bestehen weltweit fast nur noch zentrale oder föderale Nationalregierungen und überstaatliche Einrichtungen (wie EU, UNO oder G8). Sie benutzen staatliche Autorität und verteidigen mit ihren Machtmitteln ihre jeweilige Herrschaft und die kapitalistische Wirtschaftsweise, egal ob als "freier" Markt oder als Staatssozialismus. Regierungen, die aus sozialdemokratischen, sozialistischen oder kommunistischen Arbeiterparteien bestehen, tragen auf ihre Weise dazu bei, die herrschenden Re-Produktions-verhältnisse von Privat- und Staatseigentum, Lohnarbeit, Massenkonsum und Naturzerstörung beizubehalten. Revolutionäre Veränderungen können daher nur durch die totale Änderung des heutigen Systems von Lohnarbeit und Kapitalbesitz einerseits und staatlicher Stellvertreterpolitik andererseits kommen. Dazu braucht es allerdings den gemeinsamen Willen zur globalen Veränderung, die freie Vereinbarung aller Menschen. Ob das in anarchistischen Syndikaten, Kommunen, Föderationen oder anders geschehen kann, wird sich in der Praxis zeigen.

STAAT UND GESELLSCHAFT
Autorität ist heutzutage eine normale Verhaltensweise, die aber überwunden werden muss. Die Überwindung staatlicher Kontrolle erfordert, dass wir lernen ohne sie auszukommen. Deshalb werden von Anarchisten alle Institutionen wie z.B. Beamtentum und Gesetze abgelehnt, aber auch Schulen, Universitäten, Banken, kirchliche Einrichtungen. Sie sind alle auf Zwang gegründet und vom Staat gelenkt. Institutionen haben zwar auch ihre guten Seiten, wie einen nützlichen Ausgleich im Hinblick auf die Freiheit, indem sie der Machtanmaßung anderer Institutionen Grenzen setzen (durch den Freiheitlichen Rechtsstaat). Und darüber hinaus haben sie eine nützliche Funktion für die Gerechtigkeit, indem sie soziale Aktivitäten wie z.B. Bildung, Rentenprogramme, Krankenversicherung, Sozialhilfe und Arbeitslosengeld ermöglichen.
Als Negativbeispiel ist jedoch zu nennen: Die christliche Kirche kontrollierte anstelle des Staates im Mittelalter alle Lebensbereiche. Ohne ihre Einwirkung war nichts möglich. Heute haben die Menschen in Europa aber gelernt, dass die Beteiligung der Kirchen am gesellschaftlichen Leben nicht unbedingt notwendig sein muss, ihr Einfluß hat sich verringert. So ist es auch mit dem Staat. Die Anarchisten halten die Bevormundung durch den Staat für überflüssig, sie kämen ohne ihn besser zurecht. Der Staat unterdrückt die Menschen und schränkt ihre Freiheit ein. Soziale Aufgaben können jedoch auch durch freiwillige Vereinigungen, gegenseitige Hilfe und Solidarität ausgeübt werden.

STAAT UND KLASSE
Anarchisten glauben nicht, daß die Zugehörigkeit zu einer wirtschaftlichen oder politischen Klasse eine notwendige Grundeinteilung der Gesellschaft ist. Der Staat ist der ideale Vertreter der kapitalistischen Wirtschaft, ein Besitzstandsbewahrer. Er unterdrückt die Arbeiterselbstverwaltung und verhindert die gerechte Verteilung der Mittel durch direkte Aktionen, da er das militärisch-polizeiliche Gewaltmonopol besitzt. Das System der Ungerechtigkeit muss zerstört werden, jedoch nicht indem man es durch einen neuen, anderen Staat ersetzt, sondern durch keinen. Jede durch einen Staat errichtete Gesellschaft wird dadurch nämlich wieder zu einer Klassengesellschaft von Besitzenden und Regierten. Deshalb stellen Anarchisten die Utopie einer staatenlosen Weltgesellschaft auf, das heisst: Die Herrschaft ist abzuschaffen und der Besitz für eine gemeinsame Nutzung zu vergesellschaften. Die Anarchie ist der Kampf für eine Gesellschaft ohne Herrschende und Reiche.

Organisation und Bürokratie
Die Ablehnung von Autorität, Herrschaft und Regierung ist nicht die Ablehnung jeglicher Ordnung. Anarchie ist nämlich nicht Gewalt und Chaos, sondern gerechte Ordnung ohne Herrschaft. Anarchisten sind der Auffassung, dass mehr Organisation jedoch ohne Autorität besser funktioniert. Die freie Zustimmung der Einzelnen in der Gesellschaft soll hierbei den körperlich-geistigen Zwang ersetzen. Durch Diskussion und gemeinsame Planung nimmt jeder an den Entscheidungsprozessen teil, die ihn/sie betreffen. Die hierdurch gesteigerte Zahl und Vielfalt von unterschiedlichen Lebensprojekten macht zunächst den Eindruck von unüberschaubarer Unordnung. Sie versucht jedoch den konkreten Bedürfnissen aller Menschen besser gerecht zu werden. Anarchisten lehnen die Institutionalisierung ihrer Organisation ab, weil dies die Einführung neuer Unterdrückungsmechanismen bedeuten würde. Die anarchistische Organisierung ist offen und flexibel, eine verschlossene und verhärtete Organistion führt zur Bürokratie und dies bedeutet Herrschaft der Experten und Professionellen.
Aufgabe der Anarchisten ist die Bekämpfung dieser Tendenzen sowohl in den eigenen Reihen als auch in der Gesamtgesellschaft. Daher werden alle Formen der Stellvertretung durch Wahlen (Betriebsrat, Partei, Parlament) abgelehnt und für alle Vermittlungsaufträge abrufbare Delegierte mit ausdrücklichem Mandat ernannt, die sich föderal austauschen oder thematisch vernetzen. Wichtig ist dabei auch das Mittel des Konses als "kleinster gemeinsamer Nenner", der von allen vertreten werden kann. Mehrheitsentscheidungen werden meistens abgelehnt, ein Einspruch (Veto) ist letztmögliche Instanz der Mitbestimmung. Dies führt oft zu komplizierten Entscheidungsstrukturen, die eine Diskussionskultur auf Grundlage von Rücksicht und Einfühlungsvermögen voraussetzt.

Besitz und Eigentum
Beides wird von vielen Anarchisten nicht grundsätzlich abgelehnt. Einerseits ist - nach Proudhon - Eigentum (aus Miete, Pacht oder Zins) Diebstahl an der Arbeitsleitung anderer. Aber wenn jemand etwas ausschließlich nur für sich aneignet, dann leitet sich das Recht einer Person auf einen Gegenstand nach anarchistischer Weltanschauung nicht von einem gesetzlich garantierten Anspruch darauf ab wie von einem Urheberrecht oder einer Schenkung. Sondern maßgebend ist die Frage: "Benötigt die Peron den Gegenstand?".
Hierbei ist das Prinzip der menschlichen Solidarität der Maßstab: Zum Beispiel stellt der Hauseigentümer einem wohnungslosen Bedürftigen ein Zimmer gegen Mietzins zur Verfügung. Andererseits gehört zur individuellen Freiheit das private Hab und Gut in einer ausreichenden Menge als Grundlage für ein befriedigendes Leben des Einzelnen. Als persönliches Eigentum ist daher jede nicht zum Zweck der Ausbeutung bestimmte persönliche Habe von Anarchisten anerkannt. Als öffentliches Eigentum ist jedoch jedes der Unterdrückung dienende Gut (z.B. die Produktionsmittel) von Privatbedürfnissen zu unterscheiden. Hieraus folgt, dass jeder Mensch ein Recht auf das mit eigener Arbeit geschaffene Gut besitzt, aber nicht auf das, was ihm durch die Arbeit Anderer zukommt. Dies beinhaltet das Recht auf benötigte Güter.
Demnach haben also Reiche kein Recht auf ihren Besitz, dieser steht den Armen zu. In der heutigen kapitalistischen Demokratie bedeutet unselbständige Lohnarbeit die ewige Abhängigkeit von der Versorgung mit Gütern, die der jeweilige Arbeiter nicht selbst produzieren kann. Das öffentliche Eigentum steht unter der Kontrolle von staatlichen Managern als führende Ausbeuter der Besitzer. Heute kontrolliert eine Minderheit einen Großteil des öffentlichen Eigentums. Ursache hierfür ist aus anarchistischer Sicht nicht die Geldverteilung oder die Besteuerung, sondern die Tatsache dass Menschen für Menschen arbeiten, um ihr Überleben zu sichern. Würden also die abhängig Beschäftigten den Gehorsam verweigern, würden Eigentum und Autorität in unserer Gesellschaft in Frage gestellt und könnten durch gemeinsames Handeln verschwinden.
Nun stellt sich die Frage, warum dies alles nicht so geschieht? Reformen und Revolutionen sind nur kurzfristige Scheinlösungen für diese jahrtausendealten Probleme. Der SOZIALE ANARCHISMUS fordert, alles unter allen gerecht aufzuteilen. Dafür ist es nötig, die Selbstregulierung der Bedürfnisse in Form von frei produziertem Angebot und Konsumnachfrage zu organisieren, sowie die Abschaffung des Geldes, um die Macht des Kapitalbesitzes zu verhindern. Der marxistische KOMMUNISMUS hingegen fordert die staatliche Enteignung des gesamten öffentlichen Besitzes und das der Reichen, die mehr haben als alle anderen. Ausserdem wird die Kontrolle über die öffentlichen Einrichtungen der gesamten Gesellschaft in die Hand der kommunistischen oder sozialistischen Parteiführung gelegt, die "Diktatur des Proletariats" wird errichtet. Anarchismus und Kommunismus haben zwar gemeinsam das Ziel der Überwindung des gegenwärtigen Eigentumssystems und der heutigen Autoritäten, aber unterscheiden sich grundlegend in dem Ziel des Aufbaus der neuen Gesellschaftsordnung.

Gott und Kirche
Die Forderung "Weder Gott, noch Herr" wird von vielen weltanschaulichen Strömungen vertreten. Die Atheisten und Agnostiker haben genauso wie die Rationalisten und Anarchisten den Glauben an übermenschliche Schöpfer aufgegeben. Anarchisten sind gegen jede Form von Religion und Kirche (vor allem, wenn diese die Herrschenden unterstützen), aber einzelne sind spirituell interessiert. Ausserdem ist der Glaube ja eigentlich eine sehr private Sache und gehört zur Freiheit des Individuums. Noch vor 100 Jahren war in Europa ein Staat ohne Kirche fast undenkbar, aber nach vielen Reformen und Revolutionen ist das heute in einigen Staaten möglich. Eine Gesellschaft ohne Staat jedoch ist heute noch fast undenkbar...

Krieg und Gewalt
Anarchisten lehnen Krieg und Militär ab, aber nicht alle Anarchisten lehnen generell Gewalt ab. Viele verstehen sich nicht als Pazifisten. Krieg ist nach Auffassung der Anarchisten ein schlechtes Beispiel für Herrschaft und Autorität. Er stärkt zugleich den innere Zwang zur Anpassung an die Gesellschaft (Nation, Region, Klan). Die Ablehnung von Krieg ist trotzdem die größte traditionelle Gemeinsamkeit aller anarchistischen Strömungen. Krieg zwischen Staaten wird dabei jedoch unterschieden von einem Bürgerkrieg innerhalb einer Gesellschaft. Die großen bewaffneten Aufstände in Spanien, Russland und Mexiko im 20. Jahrhundert erfolgten unter aktiver Beteiligung von anarchistischen Milizen. Diese waren sich aber meist bewußt, dass gewaltsame Revolutionen gefährlich und hinderlich für den Aufbau einer neuen Gesellschaft sind. Eine Armee, ob Berufssoldaten oder Rekruten, kann der Bevölkerung niemals beim Aufbau einer neuen Ordnung helfen. Sie gehorcht ihren eigenen Regeln von Unterordnung und Macht, dabei dient sie stets den Interessen der Herrschenden.

GEWALT
Gesellschaftliche Gewalt ist keine neutrale Handlung und hat stets widerwärtige Charakterzüge. Sie zerstört häufig die mit ihr verbundenen (guten) Absichten. Es hat vor allem im 19. Jahrhundert auch eine anarchistisch-terroristische Bewegung der Attentate auf herrschende Repräsentanten gegeben. Die Anhänger der "Propaganda der Tat" waren jedoch immer eine Minderheit gegenüber den anarchistischen Gewerkschaften und Vereinen. Diese haben in ihren Arbeitskämpfen stets jede überflüssige Gewaltanwendung gegen Personen vermieden. Gewalt entsteht immer, wenn Menschen ihre Unterdrücker schnellstmöglich abschütteln wollen. Hierbei ist allerdings zu anzumerken, dass Machthaber und ihre Armeen die tatsächlichen Gewalttäter sind. Sie lassen überall Gefängnisse, Kasernen, Bomben und Gewehre bauen und gegen die (Zivil-)Bevölkerung einsetzen. Die Anarchisten hingegen unternahmen meist nur örtlich begrenzte Aktionen wie z.B. Verteidigungsmassnahmen oder Barrikadenbau, aber auch Überfälle, bewaffnete Enteignungen und Gefangenenbefreiung.

PAZIFISMUS UND ANARCHISMUS
Pazifisten und Anarchisten haben viele Gemeinsamkeiten. So ist z.B. der militante (kämpferische) Pazifismus mit dem Mittel der Gewaltlosigkeit als Form der direkten Aktion (bei Tolstoi  oder Gandhi) den anarchistischen Widerstandsformen sehr ähnlich. Während der Pazifismus jedoch die Autorität als schwächere Form der Gewalt ablehnt und ist dies nach Meinung der Anarchisten nicht konsquent genug, da Anarchisten die Gewalt als schwächere Form der Autorität ablehnen. Die anarcho-pazifistische Grawaswurzelbewegung verbindet diese Strömungen und kämpft gegen Krieg als extremste Form der Herrschaft, ebenso gegen die Ausbeutung von Mensch und Natur. Dabei wird Gewalt gegen Sachen (z.B. Sabotage) durchaus als gerechtfertigtes Mittel angesehen, ebenso wie gewaltfreie Formen des Widerstands, wie Blockaden, Streiks, Boykott und Besetzungen.

Individuum und Gesellschaft
Die kleinste Einheit der menschlcihen Gesellscahft ist aus dem anarchistischen Selbstverständnis heraus der einzelne Mensch. Die Gesellschaft ist demnach eine Ansammlung von Individuen und soll ihnen ein erfülltes Leben vermitteln. Menschen haben keine natürlichen Rechte, wir leben in einem sozialen Spannungsfeld. Individuen haben nicht das Recht, alles zu tun, was sie wollen. Daraus entsteht das Recht, ein anderes Individuum von etwas abzuhalten, was die Freiheit eines anderen Individuums beschädigt. In der Anarchie gibt es keinen allgemeinen Gemeinwillen, keine immer gültige soziale Verhaltensnorm. Individuen sind gleichwertig, aber nicht gleichförmig. Wettstreit, Hilfe, Aggression, Zärtlichkeit sind natürliche Formen sozialen Verhaltens. Einige dieser Verhaltensformen jedoch fördern ein befriedigendes Leben des Individuums, andere behindern dies.
Die gleiche Freiheit für jedes Mitglied der Gesellschaft ist der beste Weg, ein glückliches Leben zu führen. Nach Bakunin ist Freiheit ohne Gleichheit nicht möglich. Nach Meinung der Anarchisten soll die Gesellschaft jeden Menschen innerhalb seiner natürlichen Fähigkeiten gewähren lassen, dann wird dieser auch den anderen dieselben Freiheiten zugestehen. Moral und Ethik sind demnach als zwingende Norm abzulehnen. Dies betrifft alle Bereich des Lebens, also auch Sexualität, Drogen, Glaube, Ernährung,... Der Maßstab für die Zulässigkeit individueller Freiheit ist die Frage, ob jemand anderes in seinen Rechten verletzt wird. Anarchisten sind immer gegen religiöse, sexuelle, rassistische und kulturelle Unterdrückung, wenn es um die Freiheit des Einzelnen geht und nicht um Hass gegen eine bestimmte Gruppe. Der Staat, der Kapitalismus und andere Herrschaftsinstitutionen (Kirche, Patriarchat, Rassismus) werden als Hauptfeind des Individuums verstanden. Dies gilt aber auch für jede andere Form der individuellen Autorität, die die Freiheit der anderen einschränkt.

 

4. DIE UNTERSCHIEDLCHEN STRÖMUNGEN DER ANARCHIE

Philosophische Anarchie
Sie ist der Ursprung der anarchistischen Idee. Als reine Ideenlehre ist diese Strömung wunderbar, utopisch, jedoch nicht wirklich realisierbar. Diese Idee wird ebenso von Leuten vertreten, die außerhalb der Anarchie stehen, wie von Personen innerhalb der Bewegung. Für eine Akzeptanz dieser Strömung spricht der Umstand, daß es sich hierbei innerhalb der anarchistischen Bewegung um eine Minderheit handelt. Dagegen spricht, daß diese Richtung bei anderen Leuten einen Widerwillen für das Verständnis des reinen Anarchismus schafft.

Individualismus, Egoismus, libertäres Denken: INDIVIDUALISMUS
Nach dieser Idee ist die Gesellschaft eine Ansammlung unabhängiger Individuen, die keinerlei Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft als Ganzes haben, sondern nur gegenüber anderen Individuen.Voraussetzung hierfür ist, dass alle Individuen frei und gleich sind. Dies ist nur aus eigener Anstrengungen heraus möglich, nicht durch ausserhalb stehende Institutionen. Ein bedeutender Vertreter dieser Lehre war William Godwin. Seiner Meinung nach sollten unabhängige Individuen alle Formen von ständigen Zusammenschlüssen vermeiden, weil die Gesellschaft ohne Regierung und mit einem geringstmöglichen Grad an Organisierung auskommen soll. Diese Richtung wird vorwiegend von Künstlern, Intellektuellen und Individualisten vertreten und ist bis heute ein elementarer Teil der Anarchie. Problematisch ist hierbei, dass die Individualisten nur die Autorität zerstören wollen, aber nicht die freie Solidarität schaffen. Dies ist zu oberflächlich gedacht, die wirklichen Probleme der Gesellschaft bleiben unbeachtet, der Einzelne kann sich nicht selbst retten.

EGOISMUS
Hauptvertreter dieser Richtung war Max Stirner. Er lehnte Moral, Gerechtigkeit und Schuld ab. Seiner Meinung nach muss die wesensbedingte Einmaligkeit eines Wesens direkt anerkannt werden. Er lehnte daher Staat und Gesellschaft ab. Diese Haltung ist dem Nihilismus sehr nahe. Er forderte die Freiheit für Künstler und andere Menschen ohne Kompromißbereitschaft nach dem Motto: "Anarchie, jetzt oder nie!" Wenn Anarchie schon nicht in der Gesellschaft möglich sein sollte, dann doch im Privatleben der Einzelnen.

LIBERTÄRES DENKEN
Dieser Gedankenansatz begreift im weiteren Sinne die Freiheit als eine gute Sache, im engeren Sinne aber Freiheit als das wichtigste politische Ziel und als erste Station zum Anarchismus. Individualisten sind immer auch freiheitlich (libertär). Die libertären Kommunisten bzw. freiheitlichen Sozialisten erkennen den Grundwert des Individuums für die Gesellschaft an.

Mutualismus, Föderalismus:
Die Gesellschaft soll sich durch die Individuen aufgrund freiwilliger Abkommen selbst organisieren. Dies geschieht auf der Grundlage von Freiheit, Gleichheit und gegenseitiger Hilfe. Verschiedene verbündete Einzelne (Föderationen) können sich dabei zu einer Konföderation zusammenschließen.  Dadurch können alle Bereiche des öffentlichen Lebens auf Grundlage der konsensorientierten Basisdemokratie organisiert werden.

MUTUALISMUS
Es handelt sich um eine historisch wichtige Strömung. Einer der Hauptvertreter war Pierre Joseph Proudhon. Seiner Auffassung nach muß die Gesellschaft auf der Grundlage genossenschaftlicher Gruppen freier Individuen organisiert werden. Grundgüter des Lebens sollen auf der Basis von Arbeitswerten getauscht werden. Freie Kredite sollen mit Hilfe einer "Volksbank" getauscht werden können. Zielgruppe seiner Ideen waren Handwerker, Bauern, Freischaffende, Selbständige, Spezialisten - also Menschen, die beruflich auf eigenen Füßen stehen. Seine Ideen wirkten im 19. Jahrhundert in Frankreich, Großbritannien und den USA, sie waren jedoch nicht weitgehend genug, um die kapitalistische Wirtschaftsweise grundlegend zu hinterfragen. Sie ignorierten Faktoren wie die Industrie, das Kapital, das Klassensystem. Seine Ideen lieferten jedoch das Grundgerüst für die Genossenschaftsbewegung, obwohl diese Betriebe meist demokratisch geführt werden und nicht anarchistisch. In der Realisierung würde seine Lehre bedeuten, dass kommunale Aktivitäten in den Händen genossenschaftlicher Vereinigungen lägen und weder Beamte noch Räte erlaubt sein würden. Ökonomischer Mutualismus bedeutet Genossenschaftswesen ohne Bürokratie, Kapitalismus und Profit.

FÖDERALISMUS
Die Gesellschaft sollte in einem größeren Rahmen als nur einer örtlichen Gemeinde mit einem Netzwerk von Räten verknüpft sein, die aus verschiedenen Gebieten stammen. Diese sollen ihrerseits selbst wieder Räte bilden, die größere Gebiete umfassen. Die Delegierten haben hierbei keinerlei Autoritätsbefugnisse, sie sind abhängig von den Weisungen des Auftraggebers (Gemeinde) bis zum Widerruf dieses Auftrages. Die Räte haben ein Sekretariat. Dieses System soll innerhalb der Länder und zwischen den Ländern funktionieren. Es ist heute bereits bei vielen freiwilligen Organisationen, die nicht gewinnorientiert, sondern gemeinwohlorientiert sind, realisiert.

Kollektivismus, Kommunismus, Syndikalismus
Der klassenorientierte Anarchismus muss die direkte Bekämpfung des Staates zum Ziel haben, denn eine neue Gesellschaft kann nur verwirklicht werden, wenn mittels einer sozialen Revolution die Arbeiterklasse Kontrolle über die Wirtschaft erlangen kann und der Staatsapparat überwunden wird. Durch eine Neugestaltung der Produktion mittels Überführung in Gemeineigentum und dessen Kontrolle durch Vereinigungen der werktätigen Menschen (Gwerkschaften, Konsumgenossenschaften) kann eine wirklich freiheitliche Gesellschaft erreicht werden. Die bei der Produktion hergestellten Arbeitsprodukte können von jedem gemäß seiner Fähigkeiten entsprechend seiner Kaufkraft oder Arbeitsleitung erworben werden.
Dies stellt ein Gegensatz zum Marxismus dar: In der einfachen Form des revolutionären Anarchismus wird nach einem Massenaufstand der Armen gegen die Reichen ein sofortiger Übergang zu einer klassenlosen und freien Gesellschaft ohne eine Übergangsphase der "Diktatur des Proletariats" in Gestalt der Arbeiterparteien verfolgt. Zielgruppe dieser anarchistischen Strömung sind Arbeiter und Kleinbauern, ja die Arbeiterbewegung. Diese Idee grenzt sich zum reformistischen Kollektivismus dahingehend ab, als dass dieser eine staatliche Produktionsüberwachung vorsieht. Anarchistische Syndikate haben keine Gewerkschaftsbürokratie und beteiligen sich nicht an Betriebsräten oder anderen Wahlen. Ihr Ziel ist es, die gesamte Gesellschaft in allen Branchen und Betrieben in Selbstorganisation zu organisieren.

KOMMUNISMUS
Die Unterschiede zum anarchistischen Kollektivismus sind deutlich. Nach dem freiheitlichen Kommunismus sind nicht nur die Produktionsmittel in Gemeineigentum zu überführen, sondern auch die Arbeitsprodukte. Ihre Verteilung erfolgt nach dem Prinzip von jedem entsprechend seiner Fähigkeiten und für jeden entsprechend seiner Bedürfnisse. Der kommunistischer Ansatz bedeutet: Wenn Menschen Anspruch auf den vollen Gegenwert ihrer Arbeit haben, ist es unmöglich, den Wert der Arbeit des Einzelnen zu berechnen. Die Arbeit des Einzelnen ist nämlich in der Arbeit aller Menschen mit einbezogen, denn es gibt verschiedene Arten von Arbeit und somit verschiedene Bewertungsmöglichkeiten. Daher muß die gesamte Wirtschaft in den Besitz der Gesellschaft und das tauschorientierte Lohn- und Preissystem ist abzuschaffen.
Der Anarchokommunist Alexander Berkman hat eine sorgfältige Kritik der Gesellschaft erarbeitet und gleichzeitig Vorschläge für die Zukunft gemacht. Er erkennt die Notwendigkeit des Klassenkampfes an und geht mit seiner Kritik über den Kollektivismus hinaus. Im Kollektivismus wird das Problem der Arbeit behandelt und Kollektive von Arbeitern als Lösungsziel definiert. Im Kommunistischen Anarchismus sollen Kommunen die Lebens- und Arbeitsgemeinschaft der Menschen werden. Am Beispiel der spanischen Revolution läßt sich nachvollziehen, dass in der CNT zwar formell die kollektivistische Idee vorhanden war, in der Praxis aber der anarchistische Kommunismus realisiert wurde.

SYNDIKALISMUS
Die gesellschaftlichen Organisationsformen sollen im Interesse der Arbeiterklasse auf Gewerkschaften (Syndikate) begründet sein. Unter syndikalistischen Gewerkschaften werden allerdings nicht die reformistischen Tarifpartner gesehen, sondern unabhängige Zusammenschlüsse von Arbeitern an der betrieblichen Basis. Diese Institutionen greifen die Struktur- und Beschäftigungsprobleme der Gewerkschaftsmitglieder auf, versuchen eine Veränderung umzusetzen und lenken gleichzeitig die gesamte Wirtschaft nach dem Prinzip der Arbeiterselbstverwaltung. Die Arbeiter sind demnach aktivistische ("militante") und klassenbewußte Elemente einer starken Arbeiterbewegung. Problematisch ist jedoch, dass die libertären Grundsätze schnell den Sachzwängen des täglichen Arbeitskampfes gegenüberstehen. Manche Anarchisten halten auch die Bedeutung der Arbeit bzw. der Arbeiterklasse in der Gesellschaft für überbewertet. Ihrer Meinung nach ist Klassenkampf zwar ein Problem der Politik, aber nicht das einzige Betätigungsfeld im Leben der Arbeiter. Der Anarchosyndikalismus ist jedoch eine erfolgreiche Basis für die  Revolution, wie das Beispiel des Spanischen Bürgerkriegs 1936-39 gezeigt hat.

SCHLUSSFOLGERUNG
Die festen ideologischen Einteilungen in anarchistische Strömungen sind teilweise historisch überholt und beinhalten oft nur sprachliche Unterschiede. Sie zeigen einfach nur die unterschiedlichen Aspekte des Anarchismus auf. In der Idee der anarchistischen Synthese werden alle diese Strömungen sogar bewusst vereint, da sie sich in der Gesellschaft der Individuen ohnehin ergänzen.

 

5. WAS WOLLEN DIE ANARCHISTEN?

Das Endziel ist eine globale Gesellschaft ohne Herrschaft.

Das freie Individuum
Anarchisten wollen mehr Spielraum für die Einzelnen, das heisst für das persönliche Verhalten ebenso, wie auch für die gesellschaftliche Beziehung zwischen den Individuen. Die traditionelle Familie als naturbedingte Lebensform entfällt. Kinder sind keine soziale Notwendigkeit mehr. Jeder kann anders leben: zusammen oder einzeln. Da eigene Kinder keine Voraussetzung zum Überleben der Einzelnen in der Gesellschaft mehr sind und die staatlich-kirchiche Eheschließungen nicht mehr erforderlich sind, ist ein Zusammenleben auch in größeren Gruppen möglich, auch ohne feste Zweierbeziehungen und offizielle Elternschaft. Machtanwendung im Bereich der Familie entfällt. Persönliche Beziehungen ergeben sich demnach aus der natürlichen Solidarität.
Ein moralischer Druck der Öffentlichkeit ist ausreichender Regelungsfaktor für das menschliche Zusammenleben (die Idealan-forderungen sind Richtwerte). Dabei entstehen jedoch Probleme: Der moralische Druck der Gesellschaft, soziale Kontrolle oder gar die Bildung von bewaffneten Bürgerwehren. Das Ziel wäre eine Loslösung von alten Problemen der Gesellschaft und die Erlangung eines gewissen freiheitlichen Lebensstandards.

Die freie Gesellschaft
Sie setzt die Entmachtung der Autorität und die Enteignung des Eigentums voraus. Statt einer Regierung gewählter Volksvertreter ordnen auf Zeit gewählte Delegierte, die jederzeit abrufbar sind, das Zusammenleben. Es muß sich hierbei um Sachverständige handeln, die ihren Auftraggebern (Gruppen) wirklich verantwortlich sind. Diese organisieren sich in freien Vereinigungen von Räten, Syndikaten oder Kollektiven und sind zuständig für alles. Von der kleinsten Werkstatt bis zu Industriekomplexen, vom Wohnblock bis zur ganzen Stadt. Ihre Aufgabe ist die Produktion und Verteilung aller Güter, die Regelung der Arbeitsbedingungen und des Gemeinschaftslebens (Kultur, Kommunikation), die Bildung von Bezirkszusammenschlüssen. Durch die praktische Zusammenarbeit der freien Vereinigungen findet eine Dezentralisierung der Verantwortung statt.
Wichtigste Aufgabe ist hierbei die Bildung freier Vereinigungen zur Verwaltung von Wohlstand und Eigentum, um die gerechte Verteilung unter allen Mitgliedern sicherzustellen und einen gerechten Nutzen für alle Mitglieder zu schaffen. Der Güterverkehr kann auf der Basis eines reinen Tauschhandels, mit Geldverkehr als Tauschmittel oder aber auf der Grundlage freier Verfügbarkeit organisiert werden. Unter freier Verfügbarkeit ist die unentgeltliche Benutzung von Gemeingütern (Straßen, Büchereien, Wäldern) zu verstehen. Eine gleichmäßige Aufteilung bzw. uneingeschränkte Umverteilung des Wohlstandes führt zum Ende des auf Privateigentum ausgerichteten Klassensystems. Dies ist notwendig zur Beendigung des auf Kontrolle beruhenden Klassensystems. Die Räte müssen allerdings wachsam sein, um eine neue Bürokratisierung zu verhindern. Sie müssen also für eine Neugestaltung und Umorganisation der Arbeit sorgen.

Die Arbeit
Die Arbeit beinhaltet die Herstellung und Verteilung von Gütern zur Befriedigung der Grundbedürfnisse sowie von Luxusgütern. Die hierfür maßgebende planmäßige Gestaltung der Arbeit ist hierbei der wichtigste Ansatz. Grundforderung ist, dass die meiste unangenehme Arbeit  besser organisiert werden muss, um sie erträglicher zu machen. Arbeit sollte von den Menschen organisiert werden, die sie auch leisten können. Dabei steht der Schutz der körperlichen und geistigen Gesundheit an oberster Stelle, ebenso wie der Erhalt der Natur als Grundlage für eine menschenwürdige Zukunft.

Übereinstimmungen mit dem Marxismus
Der Marxismus betrachtet die Organisationsform der Arbeit in der kapitalistischen Gesellschaft als entfremdet. Die Menschen arbeiten, um leben zu können. Da eigentlich das Private das Leben ausmachen sollte, kann der Genuss nicht mit Arbeit gleichgesetzt werden. Eine Abschaffung niederer Tätigkeiten führt zum Wohlstandsabbau. Automation macht jedoch andererseits Arbeit noch eintöniger. Deshalb ist eine Neuorganisation der Arbeit erforderlich. Selbstverständlich für Anarchisten ist es, dass alle, die an der Durchführung einer Arbeit beteiligt ist, auch eine freie Wahlmöglichkeit zwischen den anfallenden Arbeiten haben und es keine Zwangsarbeit gibt.

Unterschied zum Marxismus
Auch die Organisation der Arbeit ist also Sache der Arbeiter, die dort selbst beschäftigt sind und sie durchführen und nicht als politische Arbeiterpartei. Wichtig ist hierbei die größtmögliche Freiheit über Leben und Arbeit in allen Arbeitsbereichen sowie eine möglichst weitgehende Produktionsplanung durch eine breite Basis. Im Staatskommunismus wird dies zentral von der Partei bzw. der Regierung organisiert. Dies kann jedoch zu einem Wettbewerb der Betriebe um Produktionsmittel führen. Die kapitalistische Wissenschaft war immer an einer unbegrenzten Produktionssteigerung interessiert, was zu einer zunehmenden Distanz zwischen Armen und Reichen und zum Raubbau an der Natur geführt hat. Insofern sollte sich im Anarchistismus die Produktion nur noch am Konsum orientieren, damit die tatsächlichen Bedürfnisse der gesamten Gesellschaft selbstorganisiert befriedigt werden.

Notwendige Güter und Luxus
Die wirtschaftliche Ausbeutung von menschlichen Grundbedürfnissen wird nicht zugelassen. Lebensnotwendige Dinge sind alle Güter, die gebraucht werden. Hierzu zählen u.a. Land, Nahrung, Häuser, Bekleidung, Werkzeuge, Medizin. Sind sollten für alle vorhanden sein und jeder hat das Recht zu ihrem Gebrauch. Wenn nicht genug vorhanden ist, dann muss es ein frei vereinbartes Verteilungssystem geben. Hauptaufgabe einer freien Gesellschaft ist die weltweite Beseitigung des Mangels an notwendigen Gütern. Bei unserem heutigen Stand der Technik müsste niemand mehr hungern. Luxusgüter sollen auch zur freien Verfügung gestellt werden, wenn die Versorgung mit lebensnotwendigen Gütern sichergestellt ist. Im Hinblick auf Kultur und Geistesleben ist zu sagen, dass diese in der Verantwortung der Einzelnen verbleiben, die sich dazu gesellschaftlich zusammenschließen können.

Wohlfahrtsgesellschaft
Die Fürsorgeverpflichtungen der Menschen untereinander müssen von der Gesellschaft als Ganzes übernommen werden. Dies bedeutet gegenseitige Hilfe außerhalb des Arbeitsplatzes, der Wohnung und Familie/Freunde. Durch Erziehung werden die Kenntnisse und Fähigkeiten für das Gesellschaftsleben erworben. Diese These vertraten u.a. die Sozialreformer Rousseau, Pestalozzi und Neill. Anarchisten wollen weitergehendere Reformen im Erziehungswesen: Die Abschaffung jeglicher Ordnung, Disziplin, außenstehender Autoritäten, die Befreiung der Schüler von den Lehrern und ihren Erziehungszielen. Größeres Fachwissen gibt niemandem ein Recht auf Machtausübung. Die Lehrenden sollten lediglich ihr Fachwissen erwerben, dies vermitteln und dafür gesellschaftliche Anerkennung erhalten. Das Herrschaftsverhältnis zwischen  Lehrenden und Herrschenden soll zerstört werden.
Im Hinblick auf die Gesundheit soll jeder ein Recht auf freie medizinische Versorgung besitzen, d.h. medizinische Versorgung ohne dafür zu bezahlen oder zu arbeiten. Die Erledigung aller Arbeiten soll ohne formelle Rangordnung erfolgen, d.h. alle unterstützen sich gegenseitig.

Kriminalität
Die meisten Kriminellen sind Menschen wie alle anderen auch, nur sie sind unglücklicher, schwächer, ärmer, dümmer - und geraten mit den herrschenden Gesetzen in Konflikt. Zwanghafte Wiederholungstäter gehören nicht mit Freiheitsentzug oder Geld bestraft, um sie muss sich die Gesellschaft kümmern. In der Regel werden im Kapitalismus nicht die großen Mafiabosse und Chefs krimineller Firmen bestraft, sondern die "kleinen Fische" gehen wegen Geringfügigkeiten, wie Schwarzfahren oder Drogenkonsum, ins Gefängnis. Große Verbrechen in der heutigen Gesellschaft bleiben oft unaufgeklärt, viele illegale Handlungen werden jedoch teilweise von Staatorganen selbst begangen (Militär, Geheimdienste). Eine körperlilche Bestrafung, wie Folter oder Haft, schadet der Gesellschaft mehr, als daß sie ihr hilft. Trotzdem muss auch die anarchistische Gesellschaft sich natürlich vor einigen Straftaten (Körperverletzung, sexuelle Gewalt, Nötigung, Mord) zu schützen wissen. Sie sollte jedoch mit Ächtung oder Verbannung urteilen, nicht aber mit Einsperren oder Todesstrafe.

Pluralismus
Die vielfältigen Rechte des Einzelnen werden an verschiedenen Fallbeispielen dargelegt:
- Ein Individuum weigert sich, sich der Gesellschaft anzuschließen, es will sie verlassen. Dennoch bleiben Grundbedürfnisse wie z. B. Gütertausch bzw. Rohstoffbeschaffung in der Gesellschaft unverzichtbar. Diese Art des Individualismus ist zu unterstützen.
- Ein Individuum beutet andere aus, z. B. durch ungerechte Bezahlung oder Warentausch zu unangemessenen Preisen. Dies ist unwahrscheinlich, weil genauso wie Besitzaneignung möglich ist, Besitz enteignet oder wiederangeeignet werden kann.
- Eine separate Gemeinschaft will für sich Macht, Bevorzugung und Wohlstand beibehalten. Alle Individuen können sich dieser Gruppe anschließen, denn Abweichungen von Freiheit und Gleichheit müssen erlaubt sein. Einzige Bedingung: Niemand darf gezwungen werden, gegen seinen Willen dort beizutreten oder sich ihnen zu unterwerfen.
Ein Problem gegenüber solchen Fallbeispielen liegt darin begründet, dass die Anarchisten die Massengesellschaft durch eine Vielzahl von Gesellschaften ersetzen wollen, die so frei wie das in ihnen lebende Individuum sind. Die größte Gefahr gegenüber dieser pluralistischen Gesellschaft liegt in Angriffen von außen. Es stellt sich daher die Frage, wie eine solche Gesellschaft zustande kommen kann:

Revolution oder Reform
Viele Anarchisten waren zur Durchsetzung einer freien Gesellschaft für eine gewaltsame Revolution. Andere Anarchisten lehnen Gewalt und Revolution als Mittel grundsätzlich ab, weil ihrer Meinung nach jede Gewalt eine Gegengewalt nach sich zieht. Die Ziele der Anarchisten sind zwar revolutionär, jedoch führt nicht jede Revolution unbedingt zum Ziel. Reformen bieten Handlungsmöglichkeiten innerhalb bestehender Herrschaftssysteme, aber verleiten dazu das Fernziel revolutionärer Ideen aus den Augen zu verlieren. Nur wenn Praxis und Theorie übereinstimmen, kann die Gratwanderung zwischen anarchistisch-utopischem Anspruch und täglichen Widerstandshandlungen gelingen. Dogmatisches Festhalten an starren Revolutionskonzepten oder reiner Lehre führt nicht zu gesellschaftlicher Weiterentwicklung, sondern zu Sektierertum. Gleichzeitig sollten die Beliebigkeit der (subkulturellen) Lebensstile und die Verlockungen des massenorientierten Populismus in ihrer zerstörerischen Wirkung auf den Kampf für Freiheit und Solidarität nicht unterschätzt werden.

GEMEINSAMKEITEN
Die wildeste Rebellion kann oft nur zu banalen Reformen führen. Beständiger Reformismus führt aber manchmal auch zu einer kleinen Revolution. Ziel der anarchistischen Revolution ist ein ständiger Wandel in allen Gesellschaftsbereichen, durch den sich die Menschen zu Individuen weiterentwickeln können, die Institutionen selbst umgestalten können. Aufstände und Massenstreiks können zu einer Zerstörung von Macht- und Eigentumsverhältnissen führen. Dies geschieht aber nur durch wiederholte Widerstandshandlungen von unzähligen Individuen und Gruppen, die der Herrschaft entgegentreten. Der Kampf für eine neue Gesellschaft beginnt nicht erst nach der vollständigen Zerschlagung des alten Systems, sondern beginnt bereits in der Wahl der Mittel. Die Formen des Widerstands müssen bereits die Keimzelle der Utopie, die Ideale von Freiheit, Gleichheit und Solidarität in sich tragen. Die Entstehung eines neuen Herrschatfssystem muss immer wieder verhindert werden, damit der Aufbau einer freien Gesellschaft dauerhaft ist.

 

6. WAS TUN DIE ANARCHISTEN?

Erfahrungen machen, Schranken und Werte durchbrechen
Zunächst gilt es, die Notwendigkeit der Herrschaft in Frage zu stellen. Ein neues Weltbild muss entwickelt werden, vor allem auch durch Gespräche zwischen Anarchisten und Nichtanarchisten. Diese Streitgespräche dienen auch der Festigung der eigenen Meinung. Es bedarf der Bildung von Organisation, die anarchistische Ideen propagieren und anarchistisch handeln.

Die Diskussionsrunde als Keimzelle
Zunächst muß die Lebensfähigkeit einer anarchistischen Organisation hergestellt werden. Dazu bedarf es Kontaktaufnahmen mit anderen Einzelnen oder Gruppen. Die Organisation muss überlegen, ob sie irgendwann breiter angelegte, öffentliche Aktivitäten durchführt.

PROPAGANDA DES WORTES
Es müssen öffentliche Treffen organisiert werden, wo nicht nur anarchistische Gesinnungsgenossen eingeladen sind, sondern auch andere, z. B. sonstwie persönliche Bekannte. Die Medien sollten genutzt werden, also Radio, Fernsehen, wobei die öffentlich-rechtlichen Anstalten wegen ihres Status unzureichende Adressaten sind. Eine weitere Möglichkeit der Öffentlichkeitsarbeit sind Kinos und Theater, die Veröffentlichungen in Büchern oder Zeitschriften.

AGITATION
Wenn Menschen z. B. aus bestimmten Kreisen für anarchistische Ideen offen sind, sollten ihnen für ihre Probleme realitätsbezogene und praxisnahe Vorschläge gemacht werden. Dies hat z.B. zu einem Erfolg der anarchistischen Bewegung in Russland vor 1914 und Spanien 1930 geführt.

DIE TAT
In der Geschichte des Anarchismus ist es immer wieder zu Demonstrationen, Aufruhr und Erhebungen gekommen. Insbesondere im 19. Jahrhundert überwiegte bei den Anarchisten die Gewalt als Mittel der Auseinandersetzung mit der Staatsgewalt. Heute sind die meisten Aktivitäten von Anarchisten eher gewaltloser Art, wie Demonstrationen, Mahnwachen, Streikposten, Boykottaufrufe, Sitzblockaden, Haus- und Fabrikbesetzungen, das Stören von herrschaftlichen Veranstaltungen (Gipfelproteste) oder andere Akte des zivilen Ungehorsams. Natürlich ist das Produzieren und Verteilen von eigenen Medien auch eine anarchistische Tat.

Die Aktion
In der Entwicklung von anarchistischen Gruppen beginnen viele irgendwann sich gegen eine Überwachung durch den Staat nach aussen hin abzuschotten. Gleichzeitig behält die Gruppe aber ihre nötige Beweglichkeit bei, sonst besteht die für autoritäre Strukturen. Die Hauptgefahr in dieser Entwicklung liegt in der staatlichen Verfolgung von bestimmten Aktionsformen. Die Diskussion über Sinn und Zweck der politischen Agitation durch Aktionen ist weit verbreitet. Man streitet sich darüber, ob diese oder jene Aktionsform, legal oder illegal, gewaltsam oder gewaltlos, reformistische oder revolutionär, erfolgreich oder vergebens ist. Eine heute übliche Form des Widerstandes ist die Direkte Aktion. Diese Aktionsform entspricht libertären Grundsätzen. Sie dient dem Aufbau und der Verteidigung einer freien Gesellschaft.

Gefahr des Nihilismus
Viele in der kapitalistischen Gesellschaft glauben, dass der Anarchismus zwar eine schöne, aber nicht durchsetzbare Idee ist und sind daherin ihrer Hoffnung auf eine freie Gesellschaft sehr skeptisch. In der Zarenzeit haben junge Russen (Anhänger von Turgenjew 1850) den Staat, die Moral, die Gesellschaft verneint und terroristische Anschläge als radikale Aktionsform gegen die verhassten Institutionen verübt. Dieser Versuch, die Gesellschaft physisch anzugreifen, hatte schlimme Folgen für die anarchistische Bewegung, nicht nur staatliche Verfolgung, sondern auch die Enttäuschung über unerfüllte Ideale. Im heutigen Insurrektionismus der Autonomen, der den permanenten Aufstand als Ziel hat, sind viele dieser historischen Fehler des individuellen Terrorismus noch enthalten. Gleichzeitig haben Herrschende aller Länder ein lebhaftes Interesse daran, das Zerrbild vom gewalttätigen Anarchismus als Feind jeder Zivilisation beizubehalten.

BOHEME
Diese avantgardistische Weltanschauung war eine gemäßigte Form von anarchistischer Weltanschauung. Der Bohemien hebt sich als Lebenskünstler nach seinem elitären Selbstverständnis von der spießigen Massengesellschaft ab., obwohl er in ihr und nur durch sie lebt. Er verweigert gesellschaftliche Werte und reagiert auf sie mit Amusement und Provokation. Das Negative an der Boheme ist, daß sie aktive Kräfte hemmt. Lebendige Provokation, wie in der Punkbewegung der 1970er Jahre , ist heute fester Bestandteil subkultureller Wertschöpfung geworden. Marketing und Fernsehen bedienen sich dieser Formen täglicher Skandalisierung ebenso, wie das oberflächliche Gezänk gegen eine vermeintliche Political Correctness mittlerweile von jungen Konservativen ebenso geplfegt wird, wie von Neonazis.

HEUTE
Heute, am Beginn des 21, Jahrhunderts, bilden die einige Anarchisten eigene, zwanglose Gemeinschaften, Netzwerke und Gruppen, die inmitten der kapitalistischen Gesellschaft (über)leben und arbeiten. Diese freiheitlichen Organisationsformen könnten Keimzellen einer neuen Gesellschaftsform werden. Sie sind eine Form der Zuflucht vor den totalen Ansprüchen der Herrschaft.

PROTEST
Heutige Anarchisten haben meist keine Hoffnung mehr auf das Erlangen des Zieles, d. h. der Realisierung der Anarchie innerhalb ihrer Lebenszeit. Deshalb ist auch nicht die anarchistische Utopie als reines Zukunftsprojekt  wichtig, sondern die heutige Realität freiheitlicher Praxis. Dennoch müssen Anarchisten ihre Ideen weiterverfolgen, auch wenn sie wissen, dass ihre Bemühungen nicht schnell zum gewünschten Ziel führen werden. Anarchisten waren immer in der Minderzahl, daher ist ihre Mitwirkung an größeren linken Bewegungen empfehlenswert. Damit ist in erster Linie eine Mitarbeit in der Arbeiterbewegung, in Antifaschistischen Aktionen, in der Friedens- und Anti-AKW-Bewegung, sowie beim Kampf für die sexuelle Emanzipation. Durch das Bündnis mit Nicht-Anarchisten besteht natürlich die Preisgabe anarchistischer Grundsätze. Jedoch wenn sich Anarchisten nicht an Bündnissen mit anderen freiheitlichen Gruppen beteiligen, besteht die Gefahr des Sektierertumes oder der Isolation.    Anarchisten sollten sich bei den Bündnissen mit Nicht-Anarchisten aber immer über die enge Verknüpfung der Bewahrung libertärer Methoden in der Bündnisarbeit mit der Anwendung der Methoden zur Verfolgung eines bestimmten Zieles im klaren sein. Der Zweckt heiligt nicht die Mittel!

Mehr Infos zu einzelnen Anarchist/innen und speziellen Themen findet ihr zum Beispiel auf:

Anarchopedia (http://anarchopedia.org) und bei der Datenbank des deutschsprachigen Anarchismus - DadA (http://dadaweb.de).