Konzeptionelle Überlegungen für eine anarchistische Bewegung

Um gegen den unmenschlichen Kapitalismus in die Offensive zu kommen, brauchen wir eine Fundamentalopposition, die die Utopie eines herrschaftsfreien, selbstbestimmten Lebens propagiert und praktische Schritte dahin benennt. Diese Utopie muss sich auf unseren Alltag, auf alle gesellschaftlichen Bereiche beziehen.

Bisher haben wir an vielen Stellen, in vielen Teilbereichsbewegungen gekämpft. Jetzt gilt es diese Erfahrungen in einem gesamtgesellschaftlichen Gegenentwurf zusammenzubringen. Nur so kann sich das Vertrauen in die eigenen Kraft entwickeln, sich der Konfrontation mit der eigenen Sozialisation und dem Herrschaftssystem zu stellen.

Dies bedeutet, sich in den verschiedensten Lebensbereichen zu organisieren und für unsere gemeinsame Utopien zu kämpfen. Hierbei sollte ein ausgewogenes Verhältnis zwischen der Freiheit des Individuums und der kollektiven Organisierung gefunden werden.

Ein Zentrum(szusammenhang) könnte sowohl räumlich als auch ideell ein Mittel dieser Organisierung sein. So ist Zentrum auch gleichzusetzen mit einem politisch-sozialen Zusammenhang, der auch ohne Räumlichkeiten als anarchistische Bewegung bestehen können muss.

In wahlloser Reihenfolgen und unvollständig werden im Folgenden Bereiche erwähnt, zu den wir schon Theorie und Praxis entwickelt haben oder auch noch entwickeln müssen.

Zur Befriedigung der Grundbedürfnisse wie Wohnen, Essen, Arbeiten gibt es viele Initiativen.

· Mit dem Häuserkampf wurde gegen das Privateigentum gekämpft und den Anspruch auf angemessenen Wohnraum für Alle eingefordert.
·  Zur Ernährung gibt es ausgelöst durch chemische und radioaktive Belastungen eine sehr breite Diskussion zu ökologischen Gesellschaftsgegenentwürfen.
· Zur Lohnarbeit wird sich zwangsläufig sowohl individuell als auch kollektiv verhalten. Hier gibt es zahlreiche Ansätze und Initiativen aus unserem Spektrum
· Im Bereich der Bildungspolitik werden ganz aktuell wieder alternative Konzepte als Abgrenzung gegenüber der praktizierten Ausbildung für die Warengesellschaft diskutiert.
· Im Rahmen der Anti-AKW-Bewegung entstanden Ideen von einer ökologischen und humanen Energieversorgung jenseits gefährlicher Großtechnologien.
· Die Diskussion um die Gesundheitsreform zeigt das ganze Dilemma des Systems auf, das auch hier den ganzen Sektor gewinnbringend durchstrukturieren will und für den das Wohlbefinden der Menschen nur als Kostenfaktor auftaucht.
· Eine Diskussion, die auch verstärkt auf uns zurollen wird (auch wir werden älter), ist die Frage der Altersversorgung sowohl im materiellen Bereich (Rentendiskussion) als auch im immateriellen Bereich. Wie stellen wir uns ein Leben im Alter vor - Altersheim oder Rentnerlnnen-WGs?
· Im Anbetracht dessen, dass wir auch mal Kinder waren, stellt sich die Frage, nach welchen Konzepten sollen Kinder aufwachsen jenseits von laissez-faire und autoritärem Gehabe.
· Wie stellen wir uns in Theorie und Praxis den Weg zu einem befreiten, selbstbestimmten Verhältnis von Frauen und Männern vor (Feminismus und Antipatriarchatsdiskussion)?
· Welche Kommunikationsstrukturen brauchen wir, um Manipulationen und Machtkonzentration zu verhindern?
· Hier schließt sich unsere Verhältnis zu Computern und anderen neuen Kommunikationstechnologien an.
· Wir kämpfen für die Abschaffung aller Knäste. Welche Schritte gehen wir bis dahin? Wie gehen wir mit den berechtigten Ängsten der Leuten vor Vergewaltigern und Mördern um?
· Unsere Diskussionen zur Abtreibung sollten ein positives Verhältnis zum entstehenden Leben beinhalten.
· Die Gewaltfreiheit- und Militanzdebatte sollte ein genaues Verhältnis zur Gewalt ausdrücken, so dass wir nicht aus Hass selbst unmenschlich werden.
· Alle faschistischen und reaktionären Ideologien müssen entlarvt werden und ihnen unseren antiautoritären Lebensentwurf entgegengestellt werden.
· Der Internationalisierung des Kapitals setzen wir ein antinationales Verständnis der unterdrückten Menschen in allen Ländern entgegen. Das bedeutet das Sprengen der Grenzen durch das Erkämpfen des Aufenthaltsrechts für Flüchtlinge sowie die Achtung der kulturellen Unterschiede der Menschen.
· In unseren Lebensäußerungen (Kultur) sollten Lebensfreude und Ansätze zu einem anderen Leben sichtbar werden.
· Zu Gewerkschaften, Parteien und anderen staatstragenden Institutionen sollten wir ein ablehnendes, jedoch funktionales Verhältnis entwickeln. Die dort arbeitenden Menschen sind ernst zu nehmen und es sollten Auseinandersetzungen mit ihnen geführt werden.
· Weit verbreitet auch unter uns sind religiöse Einstellungen. Diese sollten wir respektieren, soweit sie keinen autoritären Geltungsanspruch geltend machen. Gerade aber AtheistInnen sind verstärkt aufgerufen, eine Antwort auf den Sinn des Lebens zu geben. Dazu gehört eine Auseinandersetzung um philosophische Fragen und die Diskussion um Identität, Kollektivität und die Moralvorstellungen von Menschen.
· Bereiche, die meist in das “Privatleben“ abgeschoben werden, sind die Diskussionen ums Rauchen, Drogen (auch Alkohol) sowie unsere Einstellung zu Tieren (Diskussion um “totes Tier“ im Essen und bei der Bekleidung).
· Im Zusammenhang mit Stadtentwicklung muss auch das Problem des Verkehrs (Transport-, Individual- und Öffentlicher Verkehr) gelöst werden.
· Die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen wie Nahrung, Wasser, Luft hat Priorität und ist eine vorrangige Aufgabe gerade auch einer herrschaftsfreien Gesellschaft. Der Ausbeutung der Natur muss ein ökologisches Leben mit und in der Natur entgegengesetzt werden.
· Für ein herrschaftsfreies Zusammenleben brauchen wir Regeln und Normen der Konfliktlösung, um mit Menschen jenseits von Rache und Strafe um gehen zu können.

Wir sollten jeweils nach den neusten gesellschaftlichen Verhältnisse unsere Entwürfe aktualisieren, wie wir uns die Organisation einer herrschaftsfreien Gesellschaft vorstellen: Räteprinzip, dezentral, basisdemokratisch, Minderheitenschutz ...


Der Text wurde ca. 1989 erstellt im Zusammenhang mit der Diskussion um ein anarchistisch/autonomes Zentrum in Frankfurt. Kleine Änderungen fanden 2001 statt.