In seinem Pariser Exil wurde
einem betagten spanischen Anarchisten, der in der Arbeiterbewegung seines
Landes eine führende Rolle gespielt hatte, von einem jungen Genossen folgende
Frage gestellt: “Was soll man den Leuten sagen, wenn sie einwenden, die Verwirklichung
einer anarchistischen Gesellschaft wäre zwar schön, ist aber unmöglich.“ Seine
Antwort lautete: “Natürlich ist es unmöglich. Aber siehst du nicht, daß alles,
was heute möglich ist, nichts wert ist?“
(zit. aus Heiner Koechlin, Anarchismus - Gefahr, Illusion, Hoffnung? In: Unsere
Wünsche sind die Erinnerungen an die Zukunft. Anarchismus und Marxismus Bd.
3, Berlin 1976, S. 33)
“Allerdings halte ich Anarchismus
für das gemäßeste Wort für meine Lebensanschauung. Auch habe ich nicht die
anarchistische Zukunftsgesellschaft über Bord geworfen, sondern nur den Glauben,
daß sie mit den jetzt lebenden Menschenmassen in irgend absehbarer Zeit erreicht
wird. Dagegen glaube ich an ihre Vernünftigkeit und an ihre Realisierbarkeit
unter nur einigermaßen einsichtigen und gutwilligen Menschen. Allenfalls glaube
ich an kleinere anarchistische Siedlungen, die später vielleicht von den Nichtanarchisten
in Ruhe gelassen werden.“
(Gustav Landauer im Frühjahr 1900 in
einem Brief an Paul Eltzbacher. In: Gustav Landauer, Sein Lebensgang in Briefen,
Bd. 1, S. 52)
Friedrich W. Schlegel bezeichnete 1796 in seinem
‘Versuch über den Begriff des Republikaners‘ den Anarchismus als die “absolute
Freiheit“.
Immanuel Kant definierte 1798 in seiner Anthropologievorlesung
den Anarchismus als “Gesetz und Freiheit, ohne Gewalt“.
Und Ludwig Börne schrieb: “Freiheit geht nur
aus Anarchie hervor“.
“Anarchie im ursprünglichen Sinne: Ordnung
durch Bünde der Freiwilligkeit.“
(Gustav Landauer im vierten Artikel der ersten Fassung der ‘Zwölf Artikel des
Sozialistischen Bundes‘ (1908).
“Freiheit: ist kein subjektiver, sondern ein
objektiv recht exakt bestimmbarer Begriff, wenn es um Freiheit in sozialer Beziehung
geht. Entweder ist meine Freiheit größer als die eines anderen oder einer Gruppe,
indem sie auf dessen oder deren Kosten geht, dann sind jene nicht frei; oder
sie ist geringer als die eines anderen oder einer Gruppe, wobei dies auf meine
Kosten geht, dann bin ich nicht frei. In beiden Fällen besteht kein Zustand
der Freiheit. Dieser kann also nichts anderes bedeuten als die gleiche Freiheit
(nicht Gleichheit!) Aller, was im wesentlichen mit Herrschaftslosigkeit identisch
ist.“
(K. H. Z. Solneman, Das Manifest der Freiheit und des Friedens. Der Gegenpol
zum kommunistischen Manifest. Freiburg/Br. 1977, S. 5)
“Anarchie: ist ein Zustand der Herrschaftslosigkeit.
Da es einen solchen in konsequenter Form noch niemals gegeben hat, ist die Behauptung,
er sei mit Unordnung oder gar Chaos identisch, keine Erfahrungstatsache, sondern
Polemik und Demagogie solcher, die Herrschaft als notwendig propagieren.“ (Ebd.)
Anarchismus: ist ein durch willkürliche Umdeutungen
verzerrter Begriff. Der wirkliche Anarchismus sieht in der Freiheit nicht die
Tochter, sondern die Mutter der Ordnung, ist keine Ideologie, sondern geht von
beweisbaren Tatsachen aus, die zu einer unausweichbaren Alternative führen.“
(Ebd.)
"Freiheit ist das ‘einzige Gesetz‘, die
‘einzige moralische Grundlage, für die menschliche Gesellschaft, sie muß das
‘einzige bildende Prinzip ihrer politischen und ökonomischen Organisation‘ werden.
“Die Ordnung in der Gesellschaft muß die Resultante der größtmöglichen Entwicklung
aller lokalen, kollektiven und individuellen Freiheiten sein.“ Das Reich der
Freiheit = die Anarchie.
(M. Bakunin, Prinzipien und Organisation der Internationalen Revolutionären
Gesellschaft (1866). In: ders., Staatlichkeit und Anarchie, S. 4)
“Der Anarchismus ist eine Bewegung, die sich
in unaufhörlicher Entwicklung befindet und die heute wie gestern die Fähigkeit
besitzt, neue Formen anzunehmen, sich dem Marsch der Menschheit einzugliedern,
alle neuen Tatsachen zu verstehen und zu akzeptieren. Es ist daher meiner Ansicht
nach ein fundamentaler Fehler, wenn man den Anarchismus mit Hilfe der Aussagen
seiner ersten Theoretiker beschreibt.“
(Federica. Montseny, in: Erwin Oberländer
(Hrsg.), Der Anarchismus, Olten 1972, S. 13)
Anarchie bedeutet nicht nur keine Herrschaft
von Menschen, sondern auch keine Herrschaft äußerer Ziele, Zwecke oder Sinngebungen
über das Leben der Menschen. Landauer hat dies deutlich erkannt: die Revolution
ist zwecklos, sie erreicht niemals ihr Ziel - aber das tut ihr keinen Abbruch:
sie ist ein Moment “begeisterten Rausches“, Moment der Ekstase, der Freude,
der Vereinigung, der Schöpfung. (S. W.)
“Die Anarchisten müssen einsehen: ein Ziel
läßt sich nur erreichen, wenn das Mittel schon in der Farbe dieses Zieles gefärbt
ist. Nie kommt man durch Gewalt zur Gewaltlosigkeit. Die Anarchie ist da, wo
Anarchisten sind, wirkliche Anarchisten, solche Menschen, die keine Gewalt mehr
üben... Die Anarchie ist nicht eine Sache der Zukunft, sondern der Gegenwart;
nicht der Forderungen, sondern des Lebens. Nicht um die Nationalisation der
Errungenschaften der Vergangenheit kann es sich handeln, sondern um ein neues
Volk, das sich aus kleinen Anfängen heraus durch Innenkolonisation, mitten unter
den anderen Völkern, da und dort in neuen Gemeinschaften bildet. Nicht um den
Klassenkampf der Besitzlosen gegen die Besitzenden schließlich handelt es sich,
sondern darum, daß sich freie, innerlich gefestigte und in sich beherrschte
Naturen aus den Massen loslösen und zu neuen Gebilden vereinigen. Die alten
Gegensätze von Zerstören und Aufbauen fangen an, ihren Sinn zu verlieren; es
handelt sich ums Formen des nie Gewesenen... Was die Anarchisten uns als ideale
Gesellschaft aufzeichnen, ist viel zu vernünftig, viel zu sehr mit dem bloß
Gegebenen rechnend, als daß es je Wirklichkeit werden könnte und sollte. Nur
wer mit Unbekanntem rechnet, rechnet richtig. Denn das Leben und der eigentliche
Mensch in uns, sie sind uns unbenannt und unbekannt. Nicht fernerhin Krieg und
Mord, sondern Wiedergeburt.... Die Anarchie aber ist nichts Nahes, Kaltes, Deutliches,
wie die Anarchisten gewähnt hatten; wenn die Anarchie ihnen zum dunklen, tiefen
Traum wird, statt eine begrifflich erreichbare Welt zu sein, wird ihr Ethos
und ihr Handeln von einerlei Art werden.“
(Gustav Landauer‚ Anarchische Gedanken
über Anarchismus (1901)
“Die Anarchisten sind keine politische Partei,
denn sie stehen nicht auf dem Boden des heutigen Staatswesens und verschmähen
es, zu feilschen und zu markten. Wir Anarchisten wollen Prediger sein, und um
die Revolutionierung der Geister ist es uns vor allem zu tun.“
(Gustav
Landauer, Der Anarchismus in Deutschland (1895)
“Wohl wissen wir uns frei und unfrei. Wir erleben
uns frei in unserer Unfreiheit und unfrei in unserer Freiheit. Worauf es uns
ankommt, ist uns zu befreien. Wirklich ist für uns Freiheit nicht in einem Absoluten,
sondern in einem mehr oder weniger. Freiheit bedeutet uns im wesentlichen Befreiung.“
(Heiner Koechlin, 1976)
“Je größer die Zahl der Gesetze und Verbote,
(Lao Tse)