Atomwaffengegner wird ins Gefängnis gesperrt -
und 360 Menschen kaufen ihn nach 7 Tagen frei



Martin Otto (Wetzlar)
im Gefängnis
vom 29.10. bis 4.11.2007

wegen einer Aktion des Gewaltfreien Widerstands
in der US-Atomwaffen-Einsatzzentrale EUCOM in Stuttgart

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Am 9. August 2005, dem 60. Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Nagasaki, bin ich mit
zwei anderen Aktiven der "Gewaltfreien Aktion Atomwaffen Abschaffen" (GAAA) in das
Gelände des EUropean COMmand eingedrungen.
Wir haben dort drinnen unter anderem ein Transparent "EUCOM schließen - Atomwaffen
abschaffen!" hinterlassen. Zu unserer Überraschung sind wir dabei unbehelligt geblieben.
Wir haben uns erst nach Verlassen des Areals bei der
Polizei selbst angezeigt. Die Aktion bedeutete ein Fiasko für die
EUCOM-"Sicherheitskräfte" und hat - laut Aussage eines Stuttgarter Bürgermeisters -
einige Stellen bis hoch zum Pentagon in Aufruhr versetzt.

Wegen meiner Teilnahme an der Aktion bin ich zu einer Geldstrafe von 100 Euro verurteilt
worden. Aber ich will dieses Geld nicht in die Kasse des deutschen Staates zahlen, der
auf seinem Gebiet eine Atomwaffen-Einsatzzentrale und die Lagerung von US-Atombomben im
rheinland-pfälzischen Büchel gutheißt.

Einen Teil der Strafe habe ich durch gemeinnützige unentgeltliche Arbeit getilgt. Den
zweiten Teil will ich durch eine Ersatzfreiheitsstrafe tilgen, nämlich eine
* siebentägige Mahnwache im Gefängnis *
* für eine atomwaffenfreie Welt*

Um die gesamte Reststrafe zu tilgen, müsste ich neun Tage im Knast bleiben. Aber die
letzten zwei Tage werden mir durch eine
* demonstrative Freikaufaktion *
erspart bleiben. Durch Zahlung von 10 Euro werde ich nach sieben Tagen entlassen. Die 10
Euro stammen aus einem Fonds, in den 360 Menschen insgesamt 1424 Euro eingezahlt haben,
um Freikaufaktionen für meine MitstreiterInnen und mich zu ermöglichen. Die beiden, mit
denen ich ins EUCOM eingestiegen bin, haben zusammen 696 Euro aus dem Fonds benötigt;
der "Überschuss" kommt unserer Gruppe "Gewaltfreien Aktion Atomwaffen Abschaffen"
zugute.

355 der 360 SpenderInnen stehen namentlich unter einem Offenen Brief, der bereits im
Januar an die Bundesregierung, an den US-Botschafter in Berlin und an Justizbehörden
geschickt wurde. In dem Brief wird appelliert, die Nuklearwaffen abzuschaffen
("Atomwaffen abschaffen - bei uns anfangen!") und die Strafverfolgung von Menschen zu
beenden, die sich mit gewaltfreien Aktionen dafür einsetzen. Der Brief mit den 355 Namen
ist noch heute im Internet zu finden bei www.gaaa.org (dort unter dem Stichwort
"Aktuelles") und bei www.linkezeitung.de . (Ich will versuchen, vielen der 355 dieses
Knastinfo zukommen zu lassen.)

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Es ist das 23. Mal seit 1994,
dass jemand in ein deutsches Gefängnis gesperrt wird,
weil sie/er sich an Aktionen der Initiativen "EUCOMmunity"
und "Gewaltfreie Aktion Atomwaffen Abschaffen" beteiligt hat
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Vorher waren in den 1980er Jahren und zu Beginn der 1990er rund 200 Menschen in
bundesdeutschen Gefängnissen, nachdem sie an Sitzblockaden aus Protest gegen die
Aufrüstung mit Cruise Missiles und Pershing II-Atomraketen teilgenommen hatten. Für mich
ist es der siebte Aufenthalt in einem Gefängnis. Vorher bin ich im Knast gewesen wegen
mehrerer Blockaden von Atomwaffenlagern (1989), wegen Boykotts der Volkszählung (1990),
wegen Aufrufs zu einer - nicht Menschen gefährdenden - Schienendemontage vor dem
Atomkraftwerk Gundremmingen (1997) und wegen Go-In-Aktionen am EUCOM (1999) und im
Atombomben-Stützpunkt Büchel (2001 und 2004). Bei meinem letzten Knastaufenthalt haben
mich 109 Menschen freigekauft.


* Ins Gefängnis gehen als politische Aktion *

Neben dem massenhaften Streik und dem massenhaften Boykott ist das Füllen und Überfüllen
der Gefängnisse das wirksamste gewaltfreie Kampfmittel. Hier und heute erscheint der
erfolgreiche Einsatz aller drei Kampfmittel utopisch. Die gesellschaftlichen Bedingungen
sind offenbar nicht gegeben. Zu viele BürgerInnen - auch aus den Protestbewegungen -
haben es sich in unserer reichen Konsumgesellschaft allzu bequem gemacht. Der Vorteil
des
Kampfmittels "Überfüllen der Gefängnisse ist jedoch, dass für einen politischen Erfolg
wesentlich weniger Menschen benötigt würden als bei Streik oder Boykott.

Hundertausende sagen: "Was kann man denn als Einzelner schon tun?" Es mag sein, dass
eine Protestdemonstration von Hunderttausenden nicht viel bewirkt. Es mag auch sein,
dass eine Reihe von Aktionen des Gewaltfreien Widerstands, an denen Zehntausende
teilnehmen, nicht viel bewirkt. Aber wenn in unserem Staat zehntausend Leute bereit
wären, durch Zivilen Ungehorsam die Gefängnisse zu überfüllen, dann würde das einen
politischen Erfolg
herbeiführen.

Ein Beispiel für einen solchen politischen Erfolg ist die Sit-In-Bewegung in den USA
1960/61. Mit Martin Luther King als Leitfigur erlebte diese US-Bürgerrechtsbewegung
gegen die Rassentrennung ihre Höhepunkte.

An den gewaltlosen Besetzungen von "weißen" Restaurants, "weißen" Kinos, "weißen"
Supermärkten usw. nahmen 70.000 Menschen teil. 3600 ließen sich ins Gefängnis bringen
und verbüßten ungerechte Bestrafungen. Sie folgten der Devise "Jail - no bail"
(Gefängnis ja - Kaution nein), d.h. sie verzichteten absichtlich darauf, aus den Knästen
freigekauft zu werden. 191 Studenten und 58 Professoren verloren ihre Studien- bzw.
Arbeitsplätze, weil sie
sich an den Sit-Ins beteiligt hatten. Aber dieser Widerstand - vor allem die
Bereitschaft der Schwarzen, die Gefängnisse zu füllen - führte bis Ende 1961 in mehreren
hundert Städten und Kreisen zur Aufhebung von Rassenblockaden in Restaurants, Kinos usw.

Martin Luther King selbst ist rund 120 Mal verhaftet worden. Gandhi war in Indien etwa
sechs Jahre in Haft, bis die Unabhängigkeit erkämpft war. Er pflegte seinen
MitstreiterInnen, die wegen Zivilen Ungehorsams im Gefängnis waren, zu gratulieren.
Damit wollte er sagen: Du bist auf dem richtigen Weg. Nur weiter so, denn der Weg zu
Indiens Freiheit führt durch die Gefängnisse.

Heute haben wir das große Unrecht der nuklearen Abschreckungspolitik. Nach einer
gewaltfreien Aktion gegen dieses Unrecht einen Gefängnisaufenthalt auf sich zu nehmen,
hat nichts mit stiller Duldung oder gar "Märtyrertum" zu tun, sondern eher mit
zielstrebigem Erfolgsdenken auf einem Politikfeld, auf dem wir uns Spielereien nicht
erlauben sollten. Es geht um Menschenmassen-Vernichtungswaffen.

Die Ladung ins Gefängnis bietet mir die günstige Gelegenheit, den folgenden Aufruf zu
verbreiten:
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* Aufruf zur Beteiligung am Gewaltfreien Widerstand *
* gegen die Atomwaffenpolitik*

Liebe Leserin und lieber Leser dieses Knastinfos; beteilige dich an weiteren Aktionen
für die Abschaffung aller Atomwaffen. (Es muss ja nicht gleich eine Aktion sein, die
dich ins Gefängnis bringt.) Schreibe mir an meine Heimatadresse (Frankenstr. 77, 35578
Wetzlar), dass du von mir zu einem Treffen zwecks Vorbereitung von Aktionen des
Gewaltfreien Widerstands in Stuttgart und/oder in Büchel (Südeifel) eingeladen werden
willst.

Gewaltfreien Widerstand zu leisten bedeutet, sich nicht auf das Demonstrieren und
Appellieren und auf andere staatlich erlaubte Protesthandlungen zu beschränken, sondern
in besonnener Art und Weise Verbote zu übertreten. Damit soll ein stärkerer politischer
Druck auf die Verantwortlichen erzeugt werden, die sich in der Regel von Demonstrationen
wenig beeindrucken lassen, auch nicht von solchen mit großer TeilnehmerInnenzahl. ("Ihr
demonstriert - wir regieren"). Bei unseren Aktionen soll keine körperliche Gewalt gegen
Personen angewendet oder angedroht werden, auch und gerade dann nicht, wenn gegenüber
den gewaltfreien Aktiven Gewalt angewendet wird.

Informationen über die Organisation "Gewaltfreie Aktion Atomwaffen Abschaffen" kannst du
im Internet nachlesen unter www.gaaa.org . Ich kann dir solche Infos auch zusenden. In
diesem Fall schicke mir bitte zusammen mit deiner Bestellung eine Briefmarke im Wert von
1,45 Euro für das Rückporto an meine Heimatadresse Frankenstr. 77, 35578 Wetzlar.

* Briefe in den Knast *
Wer mir ins Gefängnis schreiben möchte, was sie/er von diesem Knastinfo hält, lege bitte
eine Briefmarke zu 55 Cent für Rückporto bei. Aber bitte kein Geld beilegen und keine
Pakete oder Päckchen schicken. Übrigens: Briefe, die nach dem 31.10 aufgegeben werden,
werden mich wohl nicht mehr erreichen.

Meine Anschrift im Gefängnis:
Martin Otto
JVA IV - Gustav-Radbruch-Haus
Obere Kreuzäckerstr. 8
60435 Frankfurt


* Schon gewusst? / Noch gewusst? *
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Mich kostet es in jeder Hinsicht weniger, die Strafe für Ungehorsam gegen den Staat
anzunehmen, als wenn ich gehorchen würde. Im zweiten Fall käme ich mir ärmer vor. Unter
einer Regierung, die irgend jemanden unrechtmäßig einsperrt, ist das Gefängnis der
angemessene Platz für einen gerechten Menschen.
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(Henry David Thoreau, 1817-1862, US-amerikanischer Steuerverweigerer, in seinem Essay
von 1849 "Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat")
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Ziviler Ungehorsam wird zu einer heiligen Pflicht, wenn der Staat den Boden des Rechts
verlassen hat.
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(Mahatma Gandhi, 1869-1948, indischer gewaltfreier Revolutionär)
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Wenn Ihr für Wahrheit und Gerechtigkeit Eure Stimme erhebt, werdet Ihr Spott und Hohn
erfahren. Man wird Euch weltfremde Idealisten oder gefährliche Radikale schimpfen.
Vielleicht werdet Ihr ins Gefängnis geworfen. Dann müsst Ihr Euren dortigen Aufenthalt
als eine ehrenvolle Gunst betrachten.
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(Martin Luther King, 1929-1968, US-amerikanischer Pfarrer und Bürgerrechtler, in einer
Predigt 1956)
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Der Weg zu einer Welt ohne Waffen geht durch die Gefängnisse, das ist ähnlich wie bei
Gandhi. Je mehr Menschen in den Gefängnissen sind, desto mehr wird die Aktion zum
Politikum.
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(Wolfgang Sternstein, Friedensforscher und Pflugscharaktivist, 1983)
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Für uns heißt "zivilen Ungehorsam leisten" genau dies: der Trägheit, Passivität,
Verdrängung, Resignation der Bevölkerung einschließlich ihrer Friedensbewegung direkte
gewaltfreie Aktionen entgegenzusetzen (...) Irgendwie scheint uns auch der Entschluß,
zivilen Ungehorsam leisten zu wollen, fragwürdig, wenn er zu eng von vornherein mit der
Bedingung verknüpft ist, daß millionen Gleichdenkender schon auf der Straße stehen. Wie
wollen wir denn andere Menschen von der Notwendigkeit und vom Sinn des zivilen
Ungehorsams überzeugen, wenn wir selbst nicht dazu bereit sind, ihn schon jetzt zu
leisten? Wie wollen wir an der Perspektive arbeiten, eines Tages "die Gefängnisse zu
überfüllen" (und das muß doch unsere Perspektive bleiben, welche anderen Perspektiven
haben wir denn? Podiumsdiskussionen? Leserbriefe? ...), wenn wir selber nicht bereit
sind, den ersten und zweiten Schritt in dieser Richtung zu gehen?
Radikalisierung ohne Isolierung. Glaubwürdigkeit ohne Märtyrertum. Perspektive ohne
Illusion.
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(Volker Nick und Christoph Then von der Kampagne "Ziviler Ungehorsam bis zur
Abrüstung", 1985)
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V.i.S.d.P.: Martin Otto, Frankenstr. 77, 35578 Wetzlar