Die Worte „AnarchistIn“, „Anarchie“, „anarchistisch“ haben für
viele eine große Anziehungskraft. Zum einen im negativen Sinne wie
GewalttäterIn, Unordnung, Terror - das finden wir schade -, zum anderen
im positiven Sinne wie Herrschaftsfreiheit, freiheitlich, Ordnung ohne
Herrschaft - das wollen wir fördern.
In den letzten Jahren wuchs die Einsicht der verschiedenen anarchistischen
Richtungen in der BRD, daß durch Annäherung und Kooperation
mehr Menschen für unsere Ideen zu gewinnen sind. Allerdings gab und
gibt es nur eine punktuelle Zusammenarbeit dieser Richtungen, z. B. Libertäre
Tage 1987 und 1993, Wahlboykottkampagnen etc.
Gerade weil wir ein zunehmendes Interesses an anarchistischer Theorie und Praxis in der Gesellschaft zu verspüren glauben, halten wir es für überfällig, eine kontinuierliche, bundesweite Diskussion um anarchistische Inhalte zu organisieren. Bei vielen AnarchistInnen ist dieses Bedürfnis zu spüren.
Die Gemeinsamkeiten sollten dann schriftlich festgehalten werden, um als Ansätze für weitere Diskussion erhalten zu bleiben.
In der Einleitung zu diesen Ergebnissen sollte klar gemacht werden, daß diese ein Blitzlicht der aktuellen anarchistischen Diskussion darstellen. Sie sollen in einem kontinuierlichen Diskussionsprozeß hin zu freieren Gesellschaften entwickelt werden - also einer Dynamik von Veränderung unterliegen. Die Unterschiede sollten ebenfalls schriftlich festgehalten werden. Sie stehen somit weiterhin zur Debatte. Es ist keinesfalls daran gedacht, daß sich alle Unterschiede irgendwann auflösen sollten. Dazu sind wir und unser Leben zu vielfältig.
Wir stellen uns dabei z. B. den Rahmen der Eröffnungsveranstaltung der Libertären Tage 93 vor, auf der sich die verschiedenen Richtungen (allgemeiner Anarchismus, Anarcha-Feminismus, Freie Arbeiterinnen und Arbeiter Union, Föderation gewaltfreier Aktionsgruppen, Initiative für eine anarchistische Föderation in Deutschland, Kommunebewegung, Projekt A) vorgestellt haben. Zusätzlich denken wir an überregionale und regionale Zusammenschlüsse wie Anarchist Black Cross, Anarcha-Feministinnen-Treffen, Anarchistisch Antisexistisches Netzwerk, Anarchistisches Rhein-Main Treffen, Anarchistische Föderation Hamburg, Anares sowie Zentren (z. B. A-Laden Berlin, Dezentral, Libertäres Zentrum Hamburg, Libertäres Zentrum Moers), libertäre Betriebe, anarchistische Medien und Gruppen.
Vielleicht sollte auch einmal darüber geredet werden, ob das, was es an anarchistischen Aktivitäten in der BRD gibt, überhaupt eine anarchistische Bewegung genannt werden kann bzw. wie diese aussieht.
Zum einen innerhalb der anarchistischen Bewegung:
Eine Diskussion um Gemeinsamkeiten kann den Anarchismus kontinuierlich aktualisieren. Die aktiven Gruppen haben die Möglichkeit, ihre jeweiligen Inhalte und Aktivitäten einzubringen. Dadurch erhält die anarchistische Bewegung Auftrieb. Es wird erkennbar, daß viele am gemeinsamen Strang Anarchismus ziehen. Neue Kontakte werden geknüpft. Es eröffnen sich neue Einflußnahmen und Aktionsmöglichkeiten auf gesellschaftliche Ereignisse und Debatten.
Zum anderen außerhalb der anarchistischen Bewegung, in der sog. Öffentlichkeit:
Anarchistische Inhalte werden stärker verbreitet. Sie werden ernster genommen, wenn viele organisierte Menschen, sprich Bewegung, sie gemeinsam vertreten. Anarchistische Anlaufstellen werden bekannter. Kritik und Anregungen von uns nahestehenden Menschen, aber auch von politischen GegnerInnen, erweitern unsere Möglichkeiten für ernsthafte Auseinandersetzungen. Unser Anspruch auf die Veränderung aller gesellschaftlichen Bereiche hin zu einem herrschaftsfreien Zusammenleben wird durch diese Debatte dokumentiert.
Wir vom Libertären Forum Frankfurt (LiFF) wären zunächst zur Organisation eines Rundbriefes bereit. Danach könnte die Organisation rotieren.
Soweit unsere Ideen zur Stärkung der anarchistischen Bewegung. Jetzt sind Eure Reaktionen gefragt. Wir warten auf kritische Anregungen, Terminvorschläge und UnterstützerInnen dieses Aufrufes.
im Juli 1995