Rundbrief Nr. 2 Juli 1996

Anarchistische Grundsätze

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Inhaltsverzeichnis des 2. Rundbriefs:
Liebe Leute!

Das erste bundesweite Treffen über anarchistische Grundsätze ist gelaufen. Vom 3. bis 5. Mai 1996 fanden sich auf Initiative des Libertären Forum Frankfurt ca. 25 Leute in Frankfurt/Main im libertären Treff Dezentral bzw. am Samstag in einem SchülerInnenladen ein.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen überwiegend aus dem Süddeutschen Raum. Frauen waren dabei leider unterrepräsentiert - sie stellten nur ein Drittel der TeilnehmerInnen. Die unterschiedlichsten anarchistischen Richtungen (z.B. Anarchafeminismus, Anarchosyndikalismus (FAU-IAA), Graswurzelrevolution, Initiative für eine anarchistische Föderation in Deutschland (I-AFD), ehemalige Projekt A’ler) waren, wenn auch teilweise schwach, vertreten. MedienverteterInnen und in sozialen Bewegungen Aktive waren ebenso anwesend.

Die Atmosphäre des Treffens war angenehm und entspannt, obwohl (oder weil?) sich die meisten nicht kannten. Es blieb genügend Raum zum Kennenlernen und Schwätzen. Die Arbeitsgruppen waren teilweise sehr intensiv und persönlich.

Freitagabend

Freitagabend war Anreise. Bei einer Kartoffelsuppe wurden im Dezentral die ersten Kontakte geknüpft und Info ausgetauscht. Gegen 21 Uhr setzten wir uns alle zu einer Vorstellungsrunde zusammen, damit die Neugierde, wer woher kommt und was macht, befriedigt werden konnte. Zugleich versuchten wir, die Schwerpunkte der Anwesenden zusammenzutragen, um uns für den nächsten Tag in Arbeitsgruppen unterteilen zu können. Folgende Themen wurden vorgeschlagen:

AG-Vorschläge

Ökonomie, Sozialstaatabbau, Neoliberalismus
Staatlichkeit als Okkupation, Verinnerlichung von Herrschaft
Werte
Tauschringe
Pädagogik
Leistungsprinzip
Antifa
Gewalt, Macht und Ohnmacht
Internet
Love & Rage (Zeitung und Netzwerk in den USA)
Italien
Utopien
Ökologie
Kultur
Besitz
Anarchafeminismus
formale Organisation/Wahlverwandtschaft
Beziehungen/Sexualität

Samstag

Die Arbeitsgruppen fanden am Samstag in einem SchülerInnenladen statt, dessen Infrastruktur für die AGs sowie das gemeinsame Essen sehr gut geeignet war. Wir einigten uns nach dem Frühstück auf folgende drei durchgehende AGs "Ökonomie", "Beziehungen/Sexualität" und "Beziehungen in politischen Gruppen". Die letzteren zwei AGs bildeten sich nach einem Brainstorming aus der AG "Werte". Einen kürzeren Bericht für Interessierte gab es am späten Nachmittag zu "Love & Rage".

Während der Mittagspause gab es Kartoffelsuppe und Pizza und am späten Nachmittag Kaffee & Kuchen. Angenehm auffallend war die Bereitschaft der Anwesenden wie selbstverständlich organisatorische Aufgaben mit zu übernehmen, so daß wir vom LiFF während des Treffens von organisatorischen Dingen etwas entlastet waren. Hierfür nochmals ein recht herzliches Dankeschön.

Sonntagmorgen

Am Sonntagmorgen fand das Abschlußplenum im Dezentral statt. Wir machten eine Runde, in der jede und jeder seine Einschätzung des Treffens loswerden konnte. Desweiteren ging es darum, wie wir Kontinuität in die Grundsatzdiskussion bringen können. Der Rundbrief als verbindende Klammer für alle Interessierte wurde als wichtig erachtet, da nicht jede/r auf bundesweite Treffen kommen kann bzw. will. Trotzdem wurden solchen Treffen als nicht unbedeutend für die persönlichen Kontakte gesehen. Die kann kein Rundbrief ersetzen. Der zeitliche Abstand zwischen den Treffen sollte zwischen einem halben Jahr und einem Jahr liegen. Tendenz eher jährlich.

Als die Frage eines Fahrtkostenzuschusses für Leute von weiter her mit geringen Einkommen auftauchte, wurde spontan Geld gesammelt, das gar nicht alles gebraucht wurde und somit als Topf für das nächste Treffen zur Verfügung steht. Zum Schluß gab es noch Berichte aus den Arbeitsgruppen, deren Protokolle Ihr hier im Rundbrief findet.

Da im Vorfeld bei der Bekanntmachung des Grundsatztreffes einiges schief gelaufen ist, waren wir vom LiFF bezüglich der Resonanz und des Ablaufes des Treffens im Nachhinein doch ganz zufrieden.

Nachbereitung

Bei einer Nachbereitung des Grundsatztreffens auf dem anarchistischen Rhein-Main-Treffens Anfang Juni 1996 überlegten die Anwesenden, Ostern 1997 zum nächsten Grundsatztreffen einzuladen. Falls dieser Termin Euch unrealistisch erscheint, meldet Euch bitte. Ansonsten werden wir ihn wohl im nächsten Rundbrief bestätigen.

Das Rhein-Main-Treffen ist ein seit sieben Jahren bestehender regionaler anarchistischer Zusammenhang von Leuten aus Mainz, Wiesbaden, Frankfurt und Umgebung. Die dort repräsentierten Gruppen insbesondere das Anarchistische Forum Mainz, das Anarchistische Forum Wiesbaden und das Libertäre Forum Frankfurt haben bekundet, die anarchistische Grundsatzdiskussion gemeinsam zu tragen. Hier schließt sich ein Appell an alle interessierten Gruppen und Projekte an, die Diskussion um anarchistische Grundsätze öffentlich mitzuführen und mitzutragen. Bitte gebt uns umgehend telefonisch, schriftlich oder per Email (faudeh@anarch.free.de) Bescheid, ob Ihr die anarchistische Grundsatzdiskussion unterstützen wollt.

Wichtig war uns auf dem Rhein-Main-Treffen, daß eine bundesweite und vor allem kontinuierliche Diskussion zustande kommt. Vor allem der Austausch zwischen jüngeren und älteren AnarchistInnen liegt uns am Herzen, damit das anarchistische Rad nicht immer wieder neu erfunden werden muß. Ein gegenseitiges Kennenlernen, Akzeptieren und Unterstützen von verschiedenen "anarchistischen Generationen" wurde als wichtig erachtet.

Vielleicht wäre ein jährliches Treffen zu Ostern, auf das sich alle interessierten AnarchistInnen einrichten könnten, ein gutes Mittel, Meinungen und Erfahrungen auszutauschen. Auch gab es den Vorschlag, aus solch einem Treffen heraus, Libertäre Tage, dieses Mal aber dezentral organisiert, für das Jahr 1999 oder 2000 vorzubereiten. Das alles hängt natürliche von Eurer Initiative ab. Wir denken, die Zeit ist reif, sich als AnarchistInnen verstärkt bemerkbar zu machen.

Anarchistische Vernetzung

Zwei Wochen nach der anarchistischen Grundsatzdiskussion fand im Spessart das zweite bundesweite Treffen des wiedergegründeten Forum für Libertäre Information (FLI) statt. Auf dem A-Grundsatztreffen wurde der Wunsch laut, diese beiden Treffen zu vernetzten, damit nicht bundesweite Strukturen aufgebaut werden, die von der Tendenz her eine ähnliche Ausrichtung haben. Vernetzung und Kooperation bzw. Bündelung der Kräfte wurden gewünscht. Vorschläge gingen von einem gemeinsamen Rundbrief, Terminabsprachen der Treffen bis hin zur Zusammenführung der Aktivitäten.

Leider konnte vom Grundsatztreffen niemand zum FLI-Treffen kommen, so daß unser Angebot nur über einen Dritten überbracht werden konnte. Aus verschiedenen Gründen wurde unser Angebot nicht aufgegriffen, was sich aber hoffentlich bis zum oder beim nächsten FLI-Treffen Mitte November 1996 ändert.

Auch der Ansatz des Berliner Büro für anarchistische Diskussion (BAD), inhaltliche Diskussionen schwerpunktmäßig mit einem Rundbrief zu organisieren, wurde beim A- Grundsatztreffen als gut befunden.

Auf dem Pfingstkongreß der FAU in Hürth gab es eine Arbeitsgruppe "Kooperation", die die Möglichkeiten der Zusammenarbeit verschiedener anarchistischer Richtungen - hier insbesondere der FAU und der Initiative für eine anarchistische Föderation (I-AFD) auslotete. Als erstes Ergebnis wurde eine e-mail-Adresse eingerichtet (a-verteiler@anarch.free.de), wo Termine, Kooperationen und Aktionen hinterlassen werden können und zur Verteilung gebracht werden. Die Diskussionen sollen weiterhin über die Bretter cl.anarchie.diskussion, cl.anarchie.theorie, cl.anarchie.aktionen und cl.anarchie.allgemein geführt werden. Welche/wer genaueres zu Email und Mailboxen wissen will, setze sich mit dem Libertären Forum in Verbindung (siehe Rundbrief-Titel).

Aus alledem geht hervor, daß wir das Bedürfnis nach anarchistischer Vernetzung aufgreifen und die sich bietenden Chancen nicht leichtfertig verspielen sollten.

Libertäres Forum Frankfurt/Main

PS: Der nächste Rundbrief soll fühestens im Herbst und spätestens vor Weihnachten erscheinen. Für 10.- DM wird Euch der Rundbrief solange zugeschickt, bis das Geld aufgebraucht ist. Dann bekommt Ihr von uns Bescheid.


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