Arbeitsgruppe "Werte"


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Protokoll vom 4.5.96

Ein allgemeines Brainstorming führte zunächst zu folgender einer Zweiteilung:

1. "Staatliche" Werte beeinflussen alle Bereiche (auch politische Gruppen)

2. Werte in persönlichen Beziehungen

Es wurde der Vorschlag gemacht, Familie und Staatlichkeit als separates Thema zu behandeln.

Der Artikel von Gregor Dill über M. Wilk "Staatlichkeit als Okkupation" wurde in die Diskussion eingebracht.

Schließlich bildeten sich zwei Gruppen:

1. Sexualität, Beziehungen, Familie
2. Beziehungen in politischen Gruppen


Werte-Arbeitsgruppe I: "Sexualität, Beziehungen, Familie"

Protokoll vom 04.05.96 vormittags

Um einen Einstieg zu bekommen, sammelten wir zunächst auf drei Wandplakaten zu den Themenkomplexen "Familie", "Schule" und "Beziehungen" Stichwörter bzw. Thesen, die wir gerne diskutieren würden:

1. Familie:

Entstehung der Familie
Bedeutung der Familie
Was ist die ursprüngliche Gesellschaftsform?
Was für Macht kann der Staat ausüben mit unseren Kleinfamilienstrukturen?
Wie wirkt gesellschaftskritisches Verhalten eines Mitgliedes auf die anderen Familienmitglieder (Konsequenzen/Repressalien)? => Dadurch angepaßteres Verhalten, als wenn mann/frau Single ist.
Wie schaffe ich soziale und gefühlsmäßige Strukturen ohne die traditionelle "Bluts- "Verwandtschaft (=Familie)? Kommunen als "neues Familienkonzept"?
Prägung der Sexualität in der Familie
Herrschaft der Erwachsenen über Kinder: Rechtfertigung: "Wir wollen nur dein Bestes".
Reale Arbeitsteilung: "Frau am Kochtopf"
Herrschaft des Vaters
Fragen der Kinder werden verdrängt: "Quasselstrippe/Labberkopf"
"Staatspflichten" werden zunehmend auf die Familie abgeschoben.
Rückzug vom Politischen ins Private
Flucht vor dem Staat in die Familie, dadurch aber (leider) nicht gegen Staat gerichtet.

2. Schule:

Staatlich sanktionierte Lehrerherrschaft "lerne für dich fürs Leben" (Lehrer/in besitzt den Lehrplan und bewertet die Leistung).
(BRD-)Kinder werden in Schulen aufgeteilt nach Leistung, Gefügigkeit des Verhalten, (USA-)Kinder werden in der Schule nach Sportleistung, Sozialklasse, Anpassungsfähigkeit "eingestuft".
Mädchen werden in der Klasse weniger angesprochen, melden sich deshalb weniger, Jungs führen schon die Diskussion.
Kreativität wird verdrängt.
Druckmittel Ausbildungschancen nach der Schule
Nur scheinbar flexibel, liberal. Nur darauf orientiert, was später ökonomisch verwertbar ist.
Staat bestimmt Lehrstoff. Lehrer/in muß diesen Auftrag ausführen. Was wird in verschiedenen Schulen (Realschule, Gymnasium etc.) als Lernstoff angeboten?
Alternative Schulen
Wie verhalte ich mich, wenn mein Kind Scheiße lernen muß?

3. Sexualität/Zweierbeziehungen/Singledasein:

Ist "befreite Sexualität" möglich in hierarchischer Gesellschaft?
Ist freie Sexualität Vorbedingung zur freien Gesellschaft?
Besitzdenken und Wege aus dem Besitzdenken
Zweierbeziehung ohne Machtstruktur?
Liebe ohne Sexualität/Sexualität ohne Liebe?
"Offene Beziehungen" nur für die "Schönen" und "Starken"?

Männerherrschaft/Besitz der Frau/desMannes
Mutterschaftszwang
Ausgrenzung Homosexuelle/Bisexuelle
Frauen werden in Gruppen oft ignoriert, unterbrochen.
Biozentrische Rationalisierung der Homosexuellenfeindlichkeit, Männerherrschaft
Wie wirkt Macht von außen auf Beziehung?
Freiheit von außen (alles erlaubt/möglich), gleichzeitig zunehmende "Verklemmtheit" der Individuen, fängt schon bei Kids an!
Ein Paar ist nicht ein Paar (Steuer, Erbschaft, Adoption etc.)
Bewußte Rollenwahl (Scheinfreiheit - Sanktionen für Homosexualität, lesbische Beziehungen, Single-Dasein)
Konfliktlösungsstrategien in Beziehungen ohne Macht
Wieviel Zeit habe ich für wen?

Wir begannen beim Thema "Sexualität/Liebesbeziehung"

Die "offene Beziehung" bzw. die Schaffung mehrerer gleichzeitiger Beziehungen kann, wenn sie gelingt viel bringen, stellt alleine aber nicht automatisch eine Überwindung herrschaftlicher Strukturen dar. Vielleicht sollte versucht werden, erst einmal in einer Beziehung das Problem von Herrschaftsstrukturen anzugehen und möglichst zu lösen, die insbesondere vom Patriarchat in der Gesellschaft in die Beziehungen her- eingetragen werden.

Auch tritt oft die Situation ein, daß die "Schönen", das heißt, sehr attraktiven, Personen in der Lage sind, mehrere Liebesbeziehungen zu führen, weil sie einfach "gefragter" sind, andere Menschen, die nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen (oder dem der jeweiligen Szene), dies aber nicht können, weil sie schon froh sind, wenn sie überhaupt einen Partner bzw. eine Partnerin finden.

Bei den meisten der Anwesenden wäre das Führen mehrerer Beziehungen schon aus zeitlichen und finanziellen Gründen unmöglich.

Bei der Überlegung, inwiefern und warum die traditionelle Familienstruktur vom Staat gefördert wird, kamen wir zu folgenden Schlüssen:

Der Staat kann schon über die ökonomische Abhängigkeit der Familienmitglieder (= meist der Frauen und Kinder vom erwerbstätigen Mann) Herrschaft ausüben, indem er an der Basis ansetzt, nämlich am Einkommen. Hierdurch wird diese "Keimzelle der Gesellschaft" in ihrer Entstehung unterstützt und gleichzeitig leichter beherrschbar:

Wird davon ausgegangen, daß Frau und Mann zunächst mehr oder weniger gleichberechtigt zusammenleben und auch beide arbeiten, so wird in der Regel die Frau weniger verdienen als der Mann. Bei manchen (vor allem, wenn eine/einer gut verdient) ist es dann so, daß fast dasselbe Nettoeinkommen erwirtschaftet wird, wenn sie heiraten und nur eine(r) arbeitet (= Förderung der staatlichen Regelung der Beziehung durch die Rechtsform der Ehe und Förderung der ökonomischen Abhängigkeit voneinander).

Ist frau dann erst einmal nicht mehr am Arbeiten und reicht das Geld, so liegt es nahe, dem wiederum finanziell vom Staat (Kindergeld, Steuersystem) geförderten Wunsch nachzukommen, Kinder zu zeugen.

Jeder dieser einzelnen Schritte ist nachvollziehbar, rational und entspricht oft den Bedürfnissen der beteiligten Personen im jeweiligen Augenblick. Es bleibt jedoch festzustellen, daß eine starke Prägung der Situationen und damit der Wünsche durch staatliche Lenkung geschieht.

Es wurde kurz der Weg zur heutigen Familie beleuchtet:

1. Ursprünglich: Matriarchat
2. Entstehung des Familienbegriffs aus dem Wort "famulus" (= der Sklave). Die Familienmitglieder wurden als Sklaven des Mannes (= Familienoberhaupt) angesehen.
3. Entstehung staatlicher Regelungen der Familienbeziehungen. Hier sind heute das Familienrecht und das Erbrecht am wichtigsten.

Als Gegenmodell zu den Funktionen, die die Familie heute (wenn auch nur eingeschränkt) erfüllt, wurde das Schaffen möglichst intensiver emotionaler Beziehungen zu Menschen mit ähnlicher Lebenseinstellung angesehen. Im Grunde müßte dies bei der frühesten Kindheit beginnen, da hier bereits wichtige Prägungen erfolgen.

Allgemein wurde ein Zusammenhang zwischen der für eine Beziehung zur Verfügung stehenden Zeit und der Intensität der entstehenden seelischen "Verstrickungen" gesehen ("Zeit" schafft "Verantwortlichkeit"). Es wurde allgemein bedauert, daß gewünschte Zeit nur in Ausnah- mefällen (z.B. Schule, Studium) zur Verfügung steht.

Einige waren der Ansicht, daß es nur gelingt, die oben genannten Strukturen zu schaffen, wenn die Betroffenen in der Art einer Kommune zusammenwohnen. Andere fanden, daß dies auch geht, wenn die betroffenen Menschen zwar nahe genug beieinander wohnen, daß ein häufiger Kontakt möglich ist, aber das gemeinsame Wohnen nicht unbedingt erforderlich ist.

Einige meinten, die ihnen bereits bekannten, gelebten Beispiele solcher tiefen gefühlsmäßigen Beziehungen über die klassischen "Zweierbeziehungs"- und Familienstrukturen hinweg entlarven diese als reine (bürgerliche) Ideologie.

Was die Verbreitung solcher Ideen angeht, waren die VertreterInnen dieser Meinung der Ansicht, daß solche Beispiele bei vielen Außenstehende den Wunsch erzeugen, auch so etwas auszuprobieren. Dieses "individuelle Vorleben" wurde von ihnen als so ziemlich der einzige Weg gesehen, andere zu überzeugen. 


Werte-Arbeitsgruppe II: "Beziehungen in politischen Gruppen"

Protokoll vom 4.5.96

Es wurde beklagt, daß Hierarchien in politischen Gruppen nur schwer zu kritisieren sind, weil Gruppenmentaliät oder drohende (oder auch nur befürchtete) Ausgrenzung dem entgegenstehen. Als Beispiel wurde eine Diskussion über Machtstrukturen in einer Mainzer Gruppe genannt. Es war den Frauen aufgefallen, daß sie auffallend oft unterbrochen wurden.

Das Problem der Freiheit des Individuums im Kollektiv wurde diskutiert. Es wurde hervorgehoben, daß bei Mehrheitsentscheidungen die Meinung der Minderheit oft untergeht. Eine offene Meinungsäußerung unterbleibt oft aus Furcht vor Konflikten oder davor, sich rechtfertigen zu müssen.

Es wurde die These aufgestellt, daß in einer Gruppe ein gewisses Maß an Homogenität erwartet wird, und daß eine/r, der/die in einer Gruppe mitarbeitet, dies u.a. tut, um Gleichgesinnte zu finden. Dadurch entsteht zeitweise eine Bunkermentalität in Repressionszeiten. Die These, daß in einer Gruppe Gleichgesinnte gesucht werden, wurde aber auch in Frage gestellt. Negative Erfahrungen mit Gruppenmentalität führen zu heterogenen Gruppen. Für Kritik, Nicht-Mitmachen bei Demos etc. muß Raum vorhanden sein.

Anhand eines Artikels mit dem Titel "Das Big-Mac-Syndrom" wurde die gegenwärtige Kultur als oberflächlich und nur an einzelnen Ereignissen interessiert charakterisiert. Diese gelte auch für die Widerstandskultur, die vor allem einzelne Aktionen feiert.

Angesprochen wurde auch die Bedeutung von Äußerlichkeiten wie Kleidung, das bewußte Absetzen von der Restgesellschaft durch äußere Anzeichen. Dies gelte besonders für die 68erInnen-Bewegung.

Das klassische linke Denkmuster sieht ein Aufeinanderfolgen von gesellschaftlicher Analyse und Aktion vor. Die Aktionen ergeben sich danach eindeutig aus der Analyse und sind von jedem/jeder mitzutragen. Die Tendenz zu Konformität ist auch abhängig von der Gruppe und ihren Zielen. Persönliche Sympathien und (stärker noch) Abneigungen spielen eine Rolle.

Als Gegenentwurf zu üblichen Organisationsmustern wurde ein Zeitungsprojekt vorgestellt, das von einer Person aus einer Situation politischer Isolation heraus begonnen wurde und sich vergrößert hat. Diese Zeitung könnte auch von einer Person allein gemacht werden, so daß es für jede/n möglich ist, sich zeitweise auszuklinken.

Es wurde betont, daß sich die Linke sich nicht wesentlich von anderen politischen Zusammenhängen unterscheidet und eine Diskussion über autoritäre Strukturen kaum möglich ist. Mentalitätsunterschiede zwischen verschiedenen Kulturen am Beispiel deutsche/italienische Kultur wurden diskutiert. Als "Typisch deutsch" wurde das Sicherheitsbedürfnis, wie es sich im Sozialsystem zeigt, bezeichnet.

Die Frage nach "Funktionieren" der anarchistischen Gesellschaft wird vor allem in Deutschland gestellt, die Frage nach der Durchführbarkeit einer politischen und sozialen Umwälzung tritt dem gegenüber häufig zurück.

Es wurde die These geäußert, daß die Entwicklung zum Massenmenschen auf preußisch/deutsche Wurzeln zurückführbar sei. Der Begriff "Revolution" wird von den Herrschenden vereinnahmt. Als Gegenthese wurde hervorgehoben, daß es in der deutschen Kultur einen Hang zu individuellem Freiraum gibt.

Der Begriff "Kollektiver Individualismus" wurde in die Diskussion eingeführt und als abstrakte Gemeinsamkeit charakterisiert. Der Schritt vom Individualismus zu extremem Kollektivismus kann gedanklich vollzogen werden, indem sich die Individuen zu einem "Super-Individuum" vereinigen (s. nationalsozialistische "Volksgemeinschaft").

Gute Zusammenarbeit in einer Gruppe ist auch möglich bei unterschiedlichen persönlichen Gewohnheiten. Gruppen-Auseinandersetzungen in der Szene haben Auswirkungen auf Publikationen etc. Die Toleranz in der A-Szene ist oft gering. Als Beispiel wurde die Vorbereitung der Libertären Tage genannt, wo innerhalb der Vorbereitungsgruppe Differenzen herrschten, wie groß der Spielraum sein sollte, der anderen teilnehmenden Gruppen eingeräumt wird. Toleranz erfordert Auseinandersetzungsfähigkeit und bedeutet nicht nur passives Erdulden.

"Kollektiver Individualismus" wurde charakterisiert als Spannungsfeld von Ellenbogen-Individualismus und abstraktem Kollektivismus. Als Beispiel dafür wurde die Förderstufe in der Schule diskutiert: Ihr primäres Ziel ist nicht die Wissensvermittlung, sondern die Entwicklung von individuellen Positionen und ihre Verteidigung/Durchsetzung im Team. "Teamfähigkeit" ist Ausrichtung des eigenen Arbeitsverhaltens am Team.

Die "Alt-68erInnen" hatten bürgerliche Werte in Frage gestellt und versucht, dies an ihre Kinder weiterzugeben. Dieses können sie aber nicht mehr glaubwürdig vermitteln.

Noch einige Stichworte der nachfolgenden Diskussion:

Die Bedeutung des Staates schwindet, die Macht des Kapitals wächst.

Der Anarchismus ist oft "Durchlauferhitzer", es gibt keine bleibenden Strukturen.

Auch in der A-Szene gibt es einen Generationenkonflikt.

Organisatorische Probleme, z.B. politisches Treffen kontra Arbeit/Schule wurden angesprochen.

Ist politischer Aktivismus der Jugend vorbehalten? Was ist, wenn Problem mit Kind(er) da sind?

Antirepressionsarbeit "frißt einen auf".


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