A-FrauAnarchismus

Feminismus

Anarchafeminismus
 

zu den Definitionen Anarchismus und Feminismus

zu Frauen der Anarchie: Zitat aus dem Wandkalender 1991


Anarchafeminismus

Beim Anarchafeminismus handelt es sich um eine zeitgenössische Bewegung

Doch wenngleich Frauen mit Hilfe dieser Begrifflichkeit erst seit kurzer Zeit ihre Position definieren, steht diese Bewegung in einer Tradition.

Aufgrund unserer historischen Ignoranz und unserem Hang zu westlich orientierter Geschichtsschreibung beginnt auch die Traditionslinie des Anarchafeminismus mit dem ausgehenden 18. Jahrhundert und Mary Wollstonecraft (z. B. ihr Buch "Verteidigung der Rechte der Frauen").

Mit Blick auf die französische Revolution schrieb sie: "Es ist leichter die Heiligkeit der Könige anzugreifen, als die Ungleichheit der Geschlechter zu hinterfragen."

Weitere bekannte Frauen in dieser Traditionslinie sind: Louise Michel, Flora Tristan, Charlotte Wilson, Lucy Parsons, Emma Goldman, Voltairine DeCleyre...

In den 30er Jahren formierte sich während der spanischen Revolution an der Basis eine Gruppe mit dem Namen Mujeres Libres (freie Frauen), in deren Folge seit 1990 ein internationales Netzwerk auf europäischer Ebene im Entstehen begriffen ist.

Allgemein kann behauptet werden, daß der radikale Feminismus Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre starke anarchistische Tendenzen aufwies. In ihrem Buch Sexual Politics schrieb Kate Millet:"eine ideale Politik sollte sich einfach als eine begreifen, die das menschliche Leben auf annehmbaren und vernünftigen Prinzipien begründet und die uneingeschränkte Idee von Macht über andere bannt".

Um 1975 begannen Radikal-Feministinnen bewußt den Schritt zum "Anarcha-Feminismus" zu gehen. Mit den Veröffentlichungen von Peggy Kornegger und Carol Ehrlich und anderen wurde der Anarchafeminismus als spezifische Richtung des Feminismus herausgearbeitet.

Wie viele Bewegungen (den Anarchismus eingeschlossen), wird auch der Feminismus durch eigene ungelöste Widersprüche in Theorie und Praxis daran gehindert, sein Potential auszunutzen. Der Anarcha-Feminismus ist ein Versuch, diese Widersprüche anzugehen. Anarcha-Feminismus schärft den Blick dafür, daß alle Formen der Unterdrückung gleich wichtig sind; daß deshalb keiner Bewegung über eine andere Vorherrschaft ausüben darf. Er betont, daß die Wurzeln der Unterdrückung weder ausschließlich materiell noch ausschließlich kulturell angelegt sind, und daß beide Veränderungen, die sozio-ökonomische und die geistig-kulturelle notwendig sind, um die Unterdrückung der Frau zu beenden und eine neue gleichberechtigte Gesellschaft zu schaffen. (1)

Eine allgemeine Politik "für Frauen" kann es nicht geben. Was Frauen außer ihrem biologischen Geschlecht gemeinsam ist, nämlich daß sie alle auf Grund ihres Geschlechtes unterdrückt werden, äußert sich für jede einzelne je nach dem Land, in dem sie lebt, je nach der sozialen Schicht, der sie angehört, je nach ihrer kulturellen Herkunft, je nach ihrer Arbeit anders. Noch mehr unterscheidet uns das, was wir im Kopf haben: unsere Utopie. (2)

Viele Charakteristika des Anarchismus werden von einigen radikalen Feministinnen geteilt: dezentralisierte Gruppen, Kleingruppen, die mit Konsensbeschluß arbeiten, oder auch die Einheit von Mitteln und Zielen werden innerhalb der radikal-feministischen Gruppen routinemäßig praktiziert. Die Anarchafeministin Peggy Kornegger argumentiert deshalb sogar, daß "Feministinnen seit Jahren in Theorie und Praxis unbewußt Anarchistinnen gewesen sind" (3). Nach Susan Browns Meinung, vereinfacht Korneggers Behauptung zu sehr, denn es gibt genügend radikale Feministinnen, die nichts mit anarchistischen Prinzipien im Sinn haben.

So gibt es Radikalfeministinnen, die sich allein auf das Patriarchat als Wurzel aller Herrschaft konzentrieren, sie stellen die Aufgabe der Frauenbefreiung, nicht nur für sich, über alle anderen Fragen.

Mit dieser Prioritätensetzung etablieren sie eine neue Hierarchie. Anarchafeminismus verneint solche Vorrangigkeiten. Alle Formen von Herrschaft sind gleichermaßen nicht tolerierbar und der Kampf gegen Herrschaft sollte auf vielen verschiedenen Ebenen geführt werden.

Einige radikale Feministinnen sehen es sogar als entscheidende Schwäche der Frauenbewegung, daß anarchistische Prinzipien übernommen werden. Sie argumentieren u.a., daß die führungsfeindliche Strategie der Frauenbewegung in den späten 60ern die Effektivität der ganzen Bewegung geschwächt habe. (4)

Literatur:

(1) Schwarzer Faden, Sondernummer Feminismus - Anarchismus: Ron Hayley "Eine Geschichte des Anarchafeminismus", S. 51 ff

(2) Schwarzer Faden, Sondernummer Feminismus - Anarchismus: Friederike Kamann "Macht 'Macht' Frauen mächtig?", S. 15ff

(3) Peggy Kornegger "Der Anarchismus und seine Verbindung zum Feminismus", Libertad Verlag, Berlin, 1979, S. 21

(4) Schwarzer Faden, Sondernummer Feminismus - Anarchismus: L. Susan Brown "Warum Anarcha-Feminismus?", S. 20ff


Fazit

Anarchismus ist sowohl eine Philosophie wie eine politische Strategie, die anstrebt jede Form von Herrschaft abzuschaffen. Sie basiert auf der Annahme, daß menschliche Wesen ihr Leben und ihre Welt frei gestalten können und für beide verantwortlich sein wollen. Durch die permanente Herausforderung der Herrschaft unterwandern Anarchistinnen das gegenwärtige System. Durch antiautoritäre und antihierarchische Prozesse versuchen AnarchistInnen unterdrückende Strukturen auszuhöhlen.

L. Susan Brown argumentiert, daß Anarchismus feministisch ist, daß Feminismus nicht notwendig anarchistisch ist.

(...) Während es möglich ist radikale Feministin und Anarchistin zu sein, ist es andererseits deutlich, daß nicht alle radikalen Feministinnen anarchistischen Prinzipien zustimmen. Ja, daß einige autoritäre Methoden bevorzugen, andere auf die Etablierung einer matriarchalen Gesellschaft abzielen, die nach eigener Definition hierarchisch ist. Allein Anarcha-Feministinnen stellen eine Theorie zur Verfügung, die alle Hierarchien und Formen von Herrschaft bekämpft, ob sie sexistisch, rassistisch, klassenbezogen oder staatlich sind. (1)

Literatur:

(1) Schwarzer Faden, Sondernummer Feminismus - Anarchismus: L. Susan Brown "Warum Anarcha-Feminismus?, S. 21


Aktuelle Buchempfehlung:

Silke Lohschelder u. a.

AnarchaFeminismus: Auf den Spuren einer Utopie

Unrast Verlag Münster 2000

Dieses Buch gibt im ersten Teil eine gute Einführung in die anarchistischen Theorien, das Geschlechterverhältnis und Frauenrollen in diesen Theorien. Im zweiten. Teil werden verschieden Anarchistinnen und deren Bewegungen dargestellt. Der dritte Teil beschreibt den Anarchafeminismus auch im Zusammenhang mit der feministischen Bewegung.


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