Rezension - Unser größter gemeinsamer Nenner

Lässt sich eine Lebenshaltung, zum Beispiel feministischer Anarchismus, in sieben knappen Thesen fassen? Sicher nicht, wenn man politisches Sprechen als Festzurren von Positionen versteht, als Markieren von Standpunkten oder Parteiprogrammen, was in der (männlichen) politischen Ideengeschichte leider eine lange und verhängnisvolle Tradition hat. Versteht man das Sprechen jedoch als politisches Handeln etwa im Sinne von Hannah Arendt, nämlich als Brücke und Vermittlung, die notwendig ist, weil die Menschen verschieden sind, dann können auch plakative Thesen durchaus sinnvoll sein. Sie sind dann nämlich nicht das Ende, sondern der Anfang der Politik – mit allen damit verbundenen Risiken des Missverständnisses, aber auch der Freude an der gemeinsam gewonnenen Erkenntnis.

Genau diese Qualität des politischen Sprechens hat die Broschüre „Unser größter gemeinsamer Nenner“, die eine Gruppe von Anarchafeministinnen bei mehreren mehrtägigen Treffen erarbeitet hat. Sie ist vor allem ein Gesprächsangebot hinein in die gemischtgeschlechtliche, aber doch weithin noch männlich dominierte linkslibertäre Szene. So muss zunächst einmal Selbstverständliches festgehalten werden: „Die Unterdrückung der Frau ist Bestandteil und Stützpfeiler des Patriarchats. Jede Analyse, die das nicht berücksichtigt, ist falsch.“ (These 1) Oder: „In unseren Augen ist kein Projekt revolutionär, das das Verhältnis der Geschlechter nicht radikal in Frage stellt.“ (These 6) Die Feministin staunt und wundert sich – sollte es tatsächlich noch vorkommen, dass Leute das Patriarchat (den Kapitalismus, den Rassismus) bekämpfen, ohne dabei den Sexismus und das Verhältnis der Geschlechter zu thematisieren?

Sicher nicht auf der Ebene der oberflächlichen Bekenntnisse. Doch schaut man ins Kleingedruckte – in diesem Fall die kommentierenden Anhänge, die die knappen Thesen jeweils erläutern – so zeigt sich, dass der Teufel im Detail steckt. Der Kommentar zur These sechs etwa enthält eine recht praktische Checkliste für Gruppen, denen es ein Anliegen ist, den chronischen Frauenmangel und das weibliche Desinteresse, an dem viele gemischte linke Projekte kranken, zu beheben. Sie beginnt bei so eigentlich längst banalen Fragen wie der nach den Zuständigkeiten für Abwasch und Kinderbetreuung (die trotz ihrer Banalität leider immer noch gestellt werden müssen) und endet bei weit Grundsätzlicherem wie etwa der Frage, wie offen man selbst eigentlich für unterschiedliche Lebensentwürfe, etwa kultureller, religiöser, sexueller Art wirklich ist.

Mehrfach wiederholen die Autorinnen im Text ihr Gesprächsangebot an die Männer. Ganz eindeutig geht es ihnen nicht um die Markierung von Grenzen, auch wenn sie etwa das Recht von Frauen auf eigene Räume (real und ideell) betonen oder die Wichtigkeit, Dominanz und Hierarchien konkret abzubauen. Aber diese Hinweise sind keine Standpunktmarkierungen, sondern eher Wegweiser dazu, wie eine Zusammenarbeit von Männern und Frauen möglich sein könnte, so sie denn gewünscht ist.

Wohltuend frei ist der Text von Schuldzuweisungen jeglicher Art, und zum Glück verzichten die Autorinnen auch darauf, im Namen „der“ Frauen zu sprechen und so alle Geschlechtsgenossinnen über einen Kamm zu scheren oder eine „Frauenposition“ zu bestimmen, die es aufgrund der Pluralität von Frauen gar nicht geben kann. Immer wieder machen sie auch deutlich, dass ihnen die eigene Veränderung ebenso wichtig ist wie die Veränderung der „anderen“, weil beides ja auch ohnehin nicht zu trennen ist. Oder anders gesagt: Die „Checklisten“ für eine feministisch-anarchistische Weltgestaltung sind nicht als Forderungen an die böse Männerwelt zu verstehen, sondern als Selbstverpflichtung und als Wegweiser für das eigene politische Handeln der beteiligten Frauen selbst. Sie umreißen jedoch gerade deshalb auch den Horizont möglicher Kooperationen. Jedenfalls kann nun niemand mehr sagen, er verstünde nicht, warum die Frauen bei diesem oder jenem Projekt nur so spärlich und zögerlich mitmachen. Hier ist aufgeschrieben, wie sich Abhilfe schaffen ließe.

Zu den interessantesten Aspekten der Broschüre gehört dabei gerade die Vielschichtigkeit ihrer Sprache und der immer wieder gebrochene Stil. Während manche Sätze durchaus wie dogmatische Parolen klingen, überrascht der Text immer wieder durch Kostbarkeiten, die nicht ohne weiteres verständlich sind und gerade deshalb die Phantasie anregen und zum Nach- und Weiterdenken herausfordern. So wie die These zwei: „Da für uns alles Private und alles Öffentliche politisch ist, auch das Unbekannte, ist die Trennung von Privatem und Öffentlichem aufgelöst.“ Das Unbekannte, das politisch ist, hat eine fast schon poetische Qualität. Fast als sei die Bedeutung dieses Gedankens den Autorinnen selbst noch unbekannt. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – ist es ein großer Gedanke.

Antje Schrupp

(Homepage von Antje Schrupp)