Erschienen in: Direkte Aktion 196 – Nov/Dez 2009
http://www.direkteaktion.org/196/zur-kultur-der-sexuellen-befreiung
Am Hindukusch verteidigt die Bundeswehr ja bekanntlich nicht bloß deutsche Interessen, sondern vor allem auch die Rechte von Frauen. Diese propagandistische Rechtfertigung des Afghanistan-Krieges ist das deutlichste Beispiel dafür, wie im Zuge der Assimilierung von Protest Begriffe wie „Emanzipation” und „sexuelle Revolution” in den letzten Jahrzehnten pervertiert wurden.
In fast allen europäischen Staaten war die rechtliche Gleichstellung von Frauen und Männern in der ersten Umbruchsphase 1916-1925 nur als Stückwerk verlaufen: Zwar wurden in dieser Zeit Frauen die Bürgerrechte wie etwa das Wahlrecht zugesprochen, doch blieben vor allem in juristischen und arbeitsrechtlichen Fragen Männer weiterhin klar überprivilegiert. Die Rechte auf Selbstbestimmung der Finanzen und des Haushaltes, auf Arbeit, Gleichstellung im Job, auf Abtreibung u.v.m. wurden erst im Zusammenhang mit der weltweiten Revolte von 1968 sowie ihrer Folgegeneration erkämpft. An diese Kämpfe dockte eine emanzipatorische Linke an.
In den 60er und 70er Jahren stellte der radikale Feminismus eine soziale Bewegung dar, die den westlichen Herrschenden durchaus bedrohlich wurde. Ohne den Druck dieser Radikalität wäre der bürgerliche Feminismus als Ventil womöglich weitaus weniger erfolgreich geblieben, als er ohnehin schon ist: Berufliche Chancengleichheit existiert auch heute meist nur auf dem Papier.
Libertäre Freidenkerin: Franziska zu Reventlow (1871-1918)
Dass in den Slogans und Phrasen der 68er Revolte und ihren Folgen die negative Kehrseite einer „sexuellen Befreiung der Gesellschaft“ bereits angelegt war, wird heute breit diskutiert. In der Utopie einer Welt, in der die „Triebe befreit” seien, schwang zwar immer auch das Recht auf Faulheit und Selbstbestimmung mit; in der Praxis setzten jedoch viele Männer ihre Interpretation solch einer „Befreiung” als sexuelles Druckmittel gegen Frauen durch. Dieses Umschlagen einer freiheitlichen Idee zum Unterdrückungsmechanismus stand von Anfang an im Zusammenhang mit der Vereinnahmung der Bewegungen durch den gesellschaftlichen Rahmen; vor allem jugendliche Männer erkämpften sich eine Freiheit, für die die Unterhaltungsindustrie einen reichhaltigen Markt erschuf. Der bis dato „inhaltslose” Körper der gesellschaftlich unsichtbaren Frau wurde zu einem Produktionsfaktor, der weit über Prostitution und Pornografie hinausging. Sex sells, diese Zweiwörter-Weisheit ist ein dem heutigen Diskurs um Sexualität tief zu Grunde liegendes Element.
Durch das medial verbreitete Bild einer ständig dem Schönheitsideal entsprechenden, sexuell ständig begehrenden und verfügbaren Frau werden Milliarden in Werbung, Mode, Film, Internet, Ernährungsindustrie und Pharmazie umgesetzt. Tiefe psychische und physische Verletzungen von Frauen und Mädchen sind die Folge; magersüchtige Tendenzen bei jedem dritten Schulmädchen sind nur ein Beispiel von vielen.
Die Darstellung des Afghanistan-Krieges als Befreiungsfeldzug gegen die Unterdrückung von Frauen erzeugt in diesem Zusammenhang das Bild, als ob es für Frauen weltweit nur zwei Perspektiven gäbe: entweder ein Leben in Burka und Knechtschaft oder als Magersüchtige in pornografischer Dauerselbstdarstellung, ein Bild, das dem Islamismus direkt in die Hände spielt. Religiöse und kommerzielle Frauenverachtung reproduzieren sich in diesem Krieg gegenseitig.
Martha Johannsen