"Her
mit dem Tortenstück!" Ein Gespräch zwischen dem (inzwischen ehemaligen) ersten Museumsleiter Jean-Christophe Ammann sowie Thomas Schupp und Ka. G. vom AKI - Libertäres Info Frankfurt
(Beginn der Gesprächs-Aufzeichnung)
AKI: Mir ist zu Hause aufgefallen, daß die Bleistifte, die in Armajanis Kunstwerken stecken, nicht gespitzt sind.
Ammann: Man kann sie ja mitnehmen. Es sind
zum einen reale Bleistifte. Zum anderen ist das Ganze ein Werk des Künstlers.
Es ist eine metaphorische, symbolische Ebene.
Wenn ich jetzt den Bleistift spitze, mache ich eine 1:1-Situation.
Aber wenn ich den Bleistift daheim spitzen muß, ist das ein ganz
anderer Akt, der wiederum die Verwendung des Bleistiftes in den Vordergrund
stellt. Das, was nämlich drauf steht, und nicht einfach den Bleistift,
den ich bei der nächsten Gelegenheit wieder in die Schublade lege.
AKI: Steht das irgendwo, daß man die Bleistifte mitnehmen darf?
Ammann: Nein, das wird einfach gemacht. Das ist auch richtig so. Nur habe ich meinen Aufsichten gesagt, darauf zu schauen, daß da nicht so gehamstert wird.
AKI: Die Leute machen das tatsächlich, obwohl es nirgends geschrieben steht?
Ammann: Ja.
AKI: Könnte das Kunstwerk mit den Bleistiften nicht auch ein Arbeit sein, die man nicht verändern dürfte? Insofern ist es ja interessant, daß die Leute die Bleistifte einfach mitnehmen.
Ammann: Das ist ein ganz konkreter Raum, wo man lesen, sitzen und miteinander reden kann. Gleichzeitig ist dieser Raum ein symbolischer Ort.
AKI: Und so wird er auch tatsächlich genutzt?
Ammann: Ja. Das funktioniert gut.
AKI: Ein wichtiger Aspekt dabei ist, daß
uns vorgeworfen wird, wir würden uns immer nur gegen etwas engagieren.
Wir haben lange Jahre eine anarchistische Zeitung gemacht und haben uns
in der Hauptsache mit Themen auseinandergesetzt, die von einer konkreten
Politik betroffen wurden. Wir engagierten uns gegen Projekte wie die Startbahn
West oder die Wiederaufbereitungsanlage bei Wackersdorf.
Wir haben aber gesehen, daß wir nur die Leute erreichen, die
eh schon die gleichen Ansichten haben. An andere Leute kamen wir mit diesen
Themen nicht ran, weil die Leute sich nicht mit diesen Themen beschäftigten.
Deswegen hatten wir uns überlegt, daß wir uns mehr mit diesen
Themen beschäftigen wollen, die die Leute in ihrem Alltag erleben.
Wir haben früher mehr bundesweit gearbeitet, jetzt konzentrieren
wir uns auf Frankfurt. In Frankfurt zu leben ist eine besondere Situation.
Auf dieser Grundlage wollen wir mit dem Libertären Info den Leuten
zeigen, daß die Leute, die sich Libertäre oder Anarchisten nennen,
sich auch mit anderen Themen beschäftigen, außer eben mit dieser
Anti-Politik. So schreiben wir über Alltagsprobleme und das, was wir
auch erleben, wie Kindergärten, Arbeitsstelle, Kunst, Musik etc..
Und zu dem Zeitpunkt hat das Museum für Moderne Kunst aufgemacht.
Wir wollten nun schauen, welche interessanten Aspekte gibt es für
uns. Was haben wir als Anarchisten für eine Vorstellung von Kunst.
Daher haben wir gesagt, wir beschäftigen uns jetzt mit dem Museum.
Und dann hießen ausgerechnet noch dieser Leseraum und das Cafe
nach Sacco und Vancetti. Wir haben darüber nachgedacht, was das denn
mit uns zu tun hat. Schließlich ist hier ein Stück von unsere
Geschichte mit eingearbeitet.
AKI: Und der andere Punkt ist auch ganz
interessant. In Frankfurt existiert eine ganz spezielle Situation in Bezug
auf den kulturellen Sektor, aber auch im Bereich der Politik. Schon 1968
haben sich hier viele Antiautoritäre getümmelt, neben Berlin.
In Frankfurt gab es schon eine eigenartige Mischung, von der Studentenbewegung
bis hin zu den Extremformen RAF, Kaufhausbrand.
Es konzentrierte sich da in der Stadt soviel Unterschiedliches. Und
Frankfurt war für mich auch in den letzten zwanzig Jahren von Weltoffenheit
bzw. Liberalität geprägt bis hin zu libertären Auffassungen.
Das ist schon etwas einzigartiges im Vergleich zum Ruhrgebiet, zu Hamburg,
Berlin, München. Aus der ehemals libertären Szene sind Leute
hervorgegangen wie Cohn-Bendit oder Fischer. Sie sitzen jetzt wo ganz anders.
Sie haben ihren Weg gemacht, den viele auch kritisieren.
Aber es ist ein Indiz dafür, daß hier eine ganz besondere
Offenheit da ist, bis hin in die Vorstandsetagen von Banken hinein. Yuppies,
das sind hier eher linke Yuppies, würde ich mit allen Vorbehalten
sagen. Es wird anders umgegangen mit Kultur, Leben usw. Insofern denke
ich, ist dieses Museum vielleicht auch was interessantes. Es können
sich daran Diskussionen festmachen, die Verbindungslinien ziehen zu verschiedenen
Leuten, die verschiedene Geschichten haben.
AKI: Aber das ist schon ein bißchen
anders. Ich vergleiche es mit New York, einer anderen Metropole. In Frankfurt
läuft alles viel ruhiger, offener. In New York sind die Extreme noch
viel stärker und viel bedrohlicher. Sowohl der gewaltige Reichtum
als auch die gewaltige Armut, sind eine Bedrohung. Es war zwar interessant
und eine gute Erfahrung, New York besucht zu haben, aber ich war froh,
wieder hier zu sein. Hier sind die Gegensätze noch nicht so weit entfernt,
obwohl es hier auch Tendenzen gibt in diese Richtung.
Ammann: Man muß nicht einmal bis nach New York gehen, man kann
das schon in Paris feststellen, da wohnen zweieinhalb Millionen Menschen.
10 Millionen wohnen außen herum. Ich weiß nicht wieviele Millionen
jeden Tag nach New York kommen, und was die für Wege vor sich haben,
Staus etc. Wer wohnt schon in New York. Es sind entweder die, die es sich
leisten können oder die, die dann so mies wohnen, wo sie es dann doch
wieder aushalten müssen.
In der Bundesrepublik gibt es zum Glück keine Riesenstädte.
Außer jetzt Berlin. Ich kann immer noch morgens mit dem Zug von Wiesbaden
nach Frankfurt fahren, oder von Mainz nach Frankfurt. Und das in einer
zivilen Zeit. Ich glaube nicht, daß es hier Gettostädte geben
wird. Es ist hier nicht so angelegt. Das ist immer ein riesiger Vorteil
zu solchen Ländern, in denen die Städte, wie z.B. London, eben
riesen Druck haben.
AKI: Viele haben Angst, daß Berlin
sich jetzt so entwickelt. Vor diesem Zentralismus muß man aufpassen.
Doch in der BRD sind die anderen Städte einfach zu groß. Ich
denke, die Verteilung ist anders. Frankfurt hat schon eine enorme Bedeutung,
auch München hat eine enorme Bedeutung sowie Hamburg. Diese Städte
werden es nicht zulassen, das jetzt alles so extrem nach Berlin verlagert
wird.
Das sieht man auch an der deutschen Geschichte. Die Kleinstaaterei
im letzten Jahrhundert ist ein Indiz sowie der Föderalismus, der hier
bis hin zu den Konservativen heutzutage ziemlich tief drin sitzt. Also
Deutschland war nie so zentralistisch. Insofern hoffe ich auch, daß diese Dezentralisierung mindestens so bleibt.
Ammann: Ich hoffe das auch für die Bevölkerung, einfach auch
für die Wohnqualitäten. Was die Amerikaner machen, ist einfach
furchtbar. Die Franzosen haben das jetzt sehr gut gemacht mit ihren Untergrundbahnen,
diesen Schnellbahnen, die jetzt in 10 Minuten durch ganz Paris eilen. Die
Amerikaner haben so etwas nicht. Da schreckt der Verkehrsministers derartig
davor zurück. Das Auto hat die Priorität.
Ammann: Die Idee des Museums entstand eigentlich
aus der kulturpolitischen Perspektive von Hilmar Hofmann (ehemaliger Frankfurter
Kulturdezernent, d. Red.), der eines Tages gemerkt hat, daß zwar
Frankfurt eine Stadt des Wortes ist, aber daß allein das Wort in
einer Gesellschaft, in der sich das Bild immer stärker entwickelt,
es nicht mehr schafft. Daraus entwickelte sich das Museumsufer mit den
verschiedenen Museen. Das erste Museum war das historische Museum. Und
dann kam das Filmmuseum, das Architekturmuseum usw. Und dann gibt's den
Städel. Der Städel ist keine städtische Institution, sondern
ist eine private Institution und macht gewissermaßen, zum Teil mit
städtischen Mitteln, seine eigene Politik.
Ein kunsthistorisches Museum sammelt aus der Vergangenheit in die Zukunft
bzw. in die Gegenwart und zwar so, daß es immer sporadisch in der
Gegenwart mal ankommt, aber jetzt ist die Verankerung in der Vergangenheit
gegeben. Und Hilmar Hoffmann hat gesagt, wenn wir Gegenwart denken wollen,
brauchen wir auch die Gegenwartskunst.
Und dann starb 1977 Karl Ströher aus Darmstadt. Er hatte als ganz
alter Mann eine unglaubliche Sammlung zusammengetragen, zeitgenössische
Kunst, Wahnsinn. Er hatte den Darmstädtern gesagt, wenn ihr ein Museum
baut, dann bekommt ihr sie als Stiftung. Die Prioritäten waren aber
damals anders. Die Sammlung wurde verkauft. Die Stadt Frankfurt hat 1980/81
achtzig Werke aus dieser Sammlung erworben. Schlau wie Hilmar Hoffmann
war, dachte er, man kann ja kein Museum für Gegenwartskunst bauen,
wenn man nichts hat. Also wurde diese Sammlung erworben. Dann wurde gesagt,
jetzt brauchen wir aber auch ein Museum.
Es wurde der Wettbewerb ausgeschrieben und 1986 wurde mit dem Bau angefangen.
Ich kam Ende 1987 hierher. Das ist im Prinzip etwas spät, aber es
gab ein Konflikt, weil der Städel gesagt hat, eigentlich soll das
neue Museum eine Dependance des Städels sein. Der Direktor des Städels
ist gewissermaßen der Generaldirektor und der Leiter des neuen Museums
untersteht dem Generaldirektor.
Da gab es heftige Auseinandersetzungen, die darin mündeten, daß
die Stadt der Städelorganisation eine Summe zur Verfügung stellte,
die es dem Städel ermöglichte einen Flügel anzubauen. Gebaut
hat die Firma Holzmann. Die ganze administrative Abwicklung des Unternehmens
wurde über die städelsche Administration gemacht.
In dem Moment, als die Stadt gesagt hat, wir wollen hier einen autonomen
Leiter haben, konnte sich, nachdem dies auch parlamentarisch und im Kulturausschuß
geklärt worden war, Hilmar Hoffmann nach einer Person umschauen. Ich
kannte ihn von früher her. So hat er mich im Herbst 1987 angerufen.
Ich bin dann Mitte Oktober nach Frankfurt gegangen und habe mir das
alles angeschaut. Mitte November 1987 wurde das dann festgemacht.
AKI: Gab es schon ein Konzept für das Museum?
Ammann: Es gab kein Konzept.
AKI: Das war nur die Idee? Es wurde doch
schon gebaut.
Ammann: Gebaut schon. Aber es gab kein inhaltliches Konzept. Es war
eben nur die Sammlung Ströher da und einige Dinge, die mein interimistischer
Vorgänger, Peter Iden, organisiert hatte. Man darf das nie vergessen:
Hilmar Hoffmann wurde in all diesen Operationen sehr stark von Peter Iden,
dem Feuilleton-Redakteur der Frankfurter Rundschau, unterstützt. Iden
hat ihm auch die ganzen inhaltlichen Unterlagen und Vorgaben gemacht und
noch einige Arbeiten für die Sammlung erworben.
Peter Iden hatte in diesen ganzen Geschichten eine wichtige Rolle.
Er war so etwas wie ein Gründungsdirektor. Er hat alles sehr stark
vorangetrieben. Die Konstellation im Magistrat war damals sehr günstig.
Hilmar Hoffmann verstand sich sehr gut mit dem Haverkamp und er verstand
sich sehr gut mit dem Gerhardt, dem FDP-Kämmerer. Die drei spielten
sehr gut miteinander. Das hat die Dinge vermutlich vorangebracht.
Ammann: Die Kosten betrugen alles zusammengerechnet etwa 80 Millionen.
AKI: Allein der Bau? Oder mit den Kunstwerken und allem?
Ammann: Das war hier ein historisches Grundstück.
Das sieht man an den Modellen im historischen Museum. Auf diesem Gelände
war der Fischfang. Und ich weiß nicht wer noch. Das waren langfristige
Mietverträge. Diese mußten aufgelöst werden. Der Fischfang
mußte natürlich dafür ausbezahlt werden.
Es gab einfach viele Nebenkosten und Teile der Kunstwerke sind auch
in die Kosten reingeflossen, vor allem die, die direkt auf die Räume
bezogen waren. Die wurden mit in den Bau übernommen. Also der Bau
selbst hat etwa 60 Millionen gekostet. Und dazu kommt die Teuerung usw.
Das hat dann insgesamt 80 Millionen gemacht.
AKI: Und die laufenden Kosten, was haben Sie da für einen Etat?
Ammann: Das weiß ich noch gar nicht. Das muß jetzt noch alles mit dem Kämmerer ausgehandelt werden. Es gibt eine 20%ige Haushaltssperre und die wird sehr wahrscheinlich auf das nächste und übernächste Jahr rübergezogen. Jetzt muß man mal schauen. Wir werden es auch so irgendwie schaffen. In der Not frißt der Teufel Fliegen
AKI: Die größte Kritik am Museum
in den letzten Jahren war in der Hauptsache, daß soviel Geld in den
Bau geflossen ist.
AKI: Das hört man oft.
Ammann: Es ist nicht einmal eine Stadt zum Spazierengehen. Ich komme nicht auf die Idee zu Fuß zu gehen. Obwohl ich einen Weg vielleicht in einer halben Stunde schaffen würde. Ich nehme die U-Bahn.
AKI: Der Unterschied ist mir so extrem zum erstenmal aufgefallen, als ich vor zwei Jahren in Wien war. Da bin ich wirklich gelaufen, stundenlang, ohne daß es mir überhaupt aufgefallen ist, daß ich gelaufen bin.
Ammann: Ich war letzten Sommer einen Tag in Wien. Ich bin froh, wieder in Frankfurt gewesen zu sein. Ich wurde melancholisch.
AKI: Genau so ging es mir. Ich habe es nach zwei Tagen in der Innenstadt nicht ausgehalten. Es ist erdrückend. Ich wurde richtig depressiv dort. Ich bin dann im Wienerwald spazierengegangen. Immer wieder bin ich rausgefahren.
Ammann: Es ist interessant zu sehen, wie Frankfurt es sich nicht leicht gemacht hatte. Die Schirn (Museum), die eigentlich ein unbrauchbares Gebäude darstellt, wurde Mitte der 80er Jahre gebaut. Was da rausgeholt wurde, mit einem beträchtlichen finanziellen Aufwand, um überhaupt die Ausstellungen machen zu können. Und dann der Römer (Rathaus): vorne Mittelalter und hinten modern. Ich meine, das ist immer noch Nachkriegszeit. In Frankfurt hat im Vergleich zu anderen Städten die Nachkriegszeit einfach viel länger gedauert.
AKI: Ja, das ist das Argument der Identität, die eine Stadt da haben muß, damit man drin leben kann. Aber die andere Diskussion war ja immer, inwieweit muß diese Identität auch so sein, daß die Menschen, die in dieser Stadt leben, sie annehmen können. Daß die Menschen was anfangen können mit dieser Identität.
Ammann: Jetzt kommt natürlich noch
etwas Besonderes hinzu. Dieser Ort hier war für die Architektur des
Museums für Moderne Kunst zwar extrem schwierig, aber wiederum wichtig
im Bezug auf die Berliner Straße, eine Wahnsinnsstaße.
Zusätzlich ist Frankfurt eine sehr merkwürdige Stadt. Es
ist ein winziges Los Angeles. Die sogenannte Down-Town besteht aus Bahnhof
und Banken. Die Stadt sind die Siedlungen und Quartieren darum herum, also
Bornheim, Sachsenhausen, Westend...
AKI: Und die Autostraßen, die sie verbinden.
Ammann: Ja. Und das ist etwas, was z.B. Frankfurt ganz deutlich unterscheidet von einer Stadt wie Düsseldorf oder Köln. Berlin will ich jetzt gar nicht erwähnen, denn das ist ein derartiger Sonderfall. Frankfurt ist die einzige Stadt, die ich kenne, wo z.B. die guten Lokale zum Essen in den Quartieren sind.
AKI: In der Innenstadt lebt man hier nicht. Wenn es da keine Discotheken und Kinos geben würde, wäre in der Innenstadt nachts niemand. Die wäre ausgestorben. Ich lebe in Bockenheim und ich kann es wirklich zählen, wie oft im Jahr ich in der Innenstadt bin. Im Stadtteil gibt es alles. Ich muß also nicht in die Innenstadt, wenn ich nicht z.B. ins Museum will oder an den Main will.
Ammann: Der Bornheimer geht auch nicht nach Bockenheim, und der Sachsenhäuser geht auch nicht nach Bockenheim.
AKI: Ja, das gibt es in Frankfurt auch, daß die Leute sich auf das Stadtteil hin definieren und sagen: Ich bin Bornheimer, ich bin Bockenheimer.
Ammann: Es ist eine ganz interessante Konzeption.
AKI: Und deswegen merke ich, daß die Leute sich auch relativ wenig in der Realität mit so etwas wie dem Museumsufer identifizieren können.
Ammann: Wobei ich jetzt folgendes sagen muß. Vielleicht ist das auch nur eine Ergänzung zu dem, was Sie jetzt gesagt haben. Es gibt seit einigen Jahren das Museumsuferfest. Da bin ich jetzt zwei Jahre lang in unserem kleinen Stand gestanden. Durchgehend von morgens 10 Uhr bis nachts um 12 Uhr war ich immer da. Ich habe gesehen, was für ein Besucherstrom da durchging. Das waren nicht die Biertrinker, sondern die Familien mit ihren Kindern, die wirklich interessiert sind. Das ist vielleicht auch eine Erklärung für den Erfolg dieses Museumsuferfestes. Man hatte fast das Gefühl, daß soviel Menschen dort vorbeikommen, weil die vielleicht sonst nicht hingehen.
AKI: Die Leute benutzen das Museumsufer,
als ob sie zu Besuch wären in der eigenen Stadt, auch wenn sie hier
leben. Man geht das anschauen, aber es wird von den Leuten nicht als ein
Teil von ihrer Stadt empfunden.
Doch sehe ich beim Museumsuferfest auch eine positive Tendenz. Ich
war selbst nur ganz kurz mal auf dem Fest, aber ich habe mir sagen lassen,
daß sich das Publikum auch gewandelt hat. Ich denke, man muß
hier vorsichtig sein, daß die Museen oder diese Kultur nicht für
ein spezifisches Publikum da sind, daß sich da eine Künstlerszene
etabliert, die sich selbst mit ihrer Kultur befriedigt, sondern daß
man versucht, eben auch diese Verbindung zu den ganz normalen Leuten, Familien,
Bürgern usw. zu schaffen. Dieses Museumsuferfest, das von der Ausrichtung
teilweise auf eine gewisse Schickeria zugeschnitten war, hat sich aber
verändert. Es ist jetzt positiver als vorher.
AKI: Ist das vielleicht das Wesentliche, also die Message des Museums?
Ammann: Viele Bildideen stammen nicht mehr
von Künstlern, sondern von den Werbeleuten. Die Engländer sind
da am stärksten, M-TV etc. Da gibt es Think-Tanks an Bildideen, die
da ablaufen. Dagegen denke ich, was Künstler tun können, ist
ein schöpferisches Denken auf der bildnerischen Ebene. Eine Bildidee
ist ja noch nicht ein schöpferisches Denken. Eine Bildidee ist etwas,
das von mir verbraucht und abgelöst werden muß.
Das schöpferische Denken ist eigentlich so angelegt, daß
es sich nicht verbraucht, sondern daß es ein Weg zeigt, wie man Gegenwart
denken kann. Also mir ist es unheimlich wichtig, wie man Gegenwart denken
kann. Denn eines der schwierigsten Phänomene überhaupt, heute
Gegenwart zu denken, ist, daß der stärkste Teil der Gegenwart
nicht mehr sichtbar ist. Das ist die ganze Welt der Mikroprozessoren.
Ich denke, wir befinden uns an einer unglaublichen Umwandlung. Der
stärkste Teil dieser Umwandlung ist nicht mehr sichtbar. Nur noch
sporadisch und manchmal sehr unangenehm spürbar. Von Francis Fukuyama
habe ich "The end of history", "Das Ende der Geschichte", gelesen, diesen
Artikel, der damals einen Sturm im Wasserglas in Amerika bewirkt hatte.
Er ist, glaube ich, nie übersetzt worden.
Er sagt eigentlich etwas sehr interessantes. Er sagt ja nicht, daß
die Geschichte zu Ende ist, sondern daß die Gegenwart so offen ist,
daß sie die Geschichte einholt. Und umgekehrt dehnt sich die Gegenwart
in die Zukunft aus. Die Zukunft definiert sehr unbestimmt unsere Gegenwart,
so daß man das Gefühl hat, es bewegt sich nichts. Es gab auch
die Zeit, wo soviel Energie drin war, spürbare Engergien, sichtbare
Energien, daß man jeden Morgen den Tritt in den Hintern von der Zeit
bekam, in der man lebte. Und heute muß sich jeder selbst den Tritt
in den Hintern geben, um überhaupt aufzustehen. Sie haben ein Kind,
das treibt sie aus dem Bett. Aber eigentlich ist es leichter, nichts zu
tun, als etwas zu tun.
AKI: Das ist richtig.
Ammann: Dieses Jahrhundert war durch die
Avantgarden geprägt. Und die Avantgarden waren nicht zu trennen von
der Idee und der Ideologie des Fortschritts. Und damit verbunden waren
auch die innovativen Sprachen. Die letzte Avantgarde war 1968. Da brauchte
es eine ganze Generation, um zu realisieren, daß das nun vorbei ist.
Der zweite Weg des Club of Romes, ich glaube das war 1973, hat sowieso
den Laden dichtgemacht. Dann kam noch die erste sogenannte Ölkrise.
Damit war das Ende der innovativen Sprachen besiegelt. Und wie tut man
nun etwas. Alle waren gewohnt, sich immer auf diese innovativen Sprachen
einzustellen. Und plötzlich kriegte jeder den Auftrag, du mußt
die Sprache selbst finden. Deshalb passiert etwas sehr merkwürdiges,
daß eigentlich viele Künstler sich auf bildnische Sprachzitate
berufen und die zueinanderfügen und beim Ineinander- und Aneinanderfügen
herauszufiltern versuchen, was denn an Bedeutung, Sinn usw. entsteht.
AKI: Ich habe bemerkt, daß dieses
Darstellen von etwas Bestimmten, was politisch oder gesellschaftlich sichtbar
ist, für mich gefühlsmäßig, wenn ich mir diese Sachen
anschaue, übergangen ist in eine eher philosophische Denkweise, eben
dieses Aneinanderfügen so wie das die Sprachphilosophie auch versucht.
AKI: Aber ist das nicht gerade das Spannnende, daß es nicht nur diese festgefügten Formen gibt, an denen man sich festhalten kann. Wenn da keine Vorschriften mehr sind, wenn es in dem Sinn auch keine Mode mehr gibt, weil die ganz verschiedenartigsten Moden nebeneinander existieren, trägt es ja auch bei zur Selbstfindung, zur eigenen Identität. Das gleiche gibt es auch in der Kultur. Es gibt zwei Reaktionsmöglichkeiten, entweder man verhält sich passiv oder man versucht wirklich seine eigene Identität zu finden und seine eigene Persönlichkeit auszudrücken.
Ammann: Also ich sage das ja auch nicht als Kritik oder resignativ oder pessimistisch, im Gegenteil. Ich sage, es ist eine gewaltige Herausforderung.
AKI: Eine Chance, ja.
Ammann: Eine gewaltige. Es gibt natürlich
zynische Haltungen, sehr zynische Haltungen, resignative Haltungen. Es
gibt die rückwärtsgewandte Haltung, die Veteranen, wo ich jetzt
auch schon bald reinkomme. Da sagt man mir, du denkst immer an die 68er
Zeit zurück, jetzt ist das Leben anders.
Es gilt die Sprache zu finden, um das in Begriffe fassen zu können.
Wenn ich die Begriffe nicht habe, kann ich es nicht fassen, kann ich es
nicht denken. Das ist ja das verrückte. Alles, was ich empfinde, muß
ich irgendwie mal auch denken. Man muß die sinnliche Wahrnehmung
denken können. Und das ist etwas anderes als die Theorie, die dann
wieder Konzeptionen macht, die sich verselbständigen. Dagegen die
sinnliche Wahrnehmung denken zu können, ist etwas, zu dem der Künstler
verpflichtet ist. Das ist sein Auftrag.
AKI: Da bin ich mir nicht so ganz sicher. Gibt es da nicht noch die Ebene der Intuition und der Emotionalität. Also wo, ohne daß man jetzt die Begrifflichkeit hat, man trotzdem in einer Wellenlänge schwingt mit dem Künstler, ohne daß man schon die Begriffe dafür schon hat. Die Begriffe entstehen ja auch irgendwie.
Ammann: Wir sind ja nicht die Künstler. Ohne Intuition sind wir verloren. Der Künstler muß auch diese Intuition haben, aber diese ist gewissermaßen die Voraussetzung.
AKI: Also er muß sie denkmäßig umsetzen können, damit du sie empfinden kannst.
Ammann: Deshalb sagte ja mal Erhard Eppler etwas ganz interessantes. Ich habe es in der Zeitschrift "Friedensblätter" gelesen. Er sagte, auch in der Politik muß man eine neue Sprache erfinden.
AKI: Das auf alle Fälle, ja.
Ammann: Die alten Begriffe, das geht nicht mehr.
AKI: Die geben das nicht wieder.
Ammann: Nein, die geben das nicht wieder,
und die neue Sprache kann man auch nur immer aus einer veränderten
Situation heraus schaffen.
Es ist ja falsch, wenn man nur sagt, daß der Kopf denkt und der
Bauch denkt nicht, der ganze Körper ist ein Denkinstrument.
AKI: Da hat die moderne Kunst wohl eine
wichtige Funktion, um das voranzutreiben. Das wäre nochmal ein Punkt,
um nochmal zurück auf das Museum zu kommen. Was kann das Ihrer Ansicht
nach auslösen, was soll's auslösen? Ist es nur auch ein reiner
Selbstzweck? Kann man sagen, die Bilder sollen den Leuten gefallen oder
was geht darüber hinaus an Prozessen ab? Was ist Moderne Kunst? Was
soll sie für Sie persönlich?
AKI: Das ist dann das verschiedene.
Ammann: Ja. Und dann kommt das Geschmackskriterium dazu. Aber das geht nicht in den primären Vordergrund. Eigentlich ist es dem Kunstwerk gleich. Wenn ich jetzt als Künstler das Kunstwerk nehme, ist es mir gleich, ob Sie es schön oder nicht schön oder farbig oder grau finden. Das ist dein Problem, sage ich als Künstler, mach was du willst. Dreh mir den Rücken zu, hau ab. Vielleicht kommst du ja doch wieder, weil es dich beschäftigt.
AKI: Oder man in zehn Jahren eine andere Sicht hat.
Ammann: Das Geschmackskriterium hat nichts
mit Kunst zu tun, gefällt's mir oder gefällt's mir nicht. Obwohl
ich weiß, daß es eine große Rolle spielt. Denn der Geschmack
ist das, was mich anzieht oder abstößt. Dann muß ich aber
versuchen, diese erste Geschmacksbarriere zu überwinden und fragen,
was ist denn eigentlich dahinter, oder was hat es an sich mit diesem bildnerischen
Denken. Wenn mich das eben interessiert, habe ich etwas getan.
Im Museum habe ich keine Briefmarkensammlung. Ich habe einzelne Arbeiten
nach den verschiedenen Kriterien versucht in Werkgruppen darzustellen,
also mehrere Werke von einem Künstler, damit man auch sieht, wie dieses
bildnerische Denken zirkuliert, sich bewegt.
AKI: Das kommt sehr gut rüber. Ich hab gestern abend mit einer Freundin gesprochen, die auch im Museum war. Sie hat gesagt, das würde man merken. Was sie am meisten fasziniert hat, war, daß sie seit langem das erste Mal wieder in einem Museum eine Kontinuität wahrgenommen hat, ein Gesamtgedanke, ein Gesamtgefühl zwischen den verschiedenen Werken. Am meisten erinnere ich mich, ich kann mir die Namen von den Künstlern nie merken, an den einen Raum, wo die Bilder von den Häuserfronten sind. Da kommt ein wunderschönes Gesamtgefühl. Ich denke, jedes einzelne Bild ist auch schön. Da kann ich auch sagen, das finde ich schön, das finde ich weniger schön. Aber erst dieses Gesamtwerk wirkt für mich wie ein Gedanke, der dahinter steht, eine Intention, also etwas darstellendes. In diesem Raum habe ich es am meisten empfunden.
Ammann: Natürlich haben Bernd und Hilla Becher eine Entscheidung getroffen, die ich unglaublich schätze. Sie haben nicht spektakuläre Fotos genommen, wie die Wassertürme oder die Fördertürme oder die ganzen Eisenhüttenwerke, die sie alle fotographiert haben, sondern sie haben die langweiligen, deutschen Fassaden genommen.
AKI: Das paßt auch so richtig.
Ammann: Wenn ich von da auf die Berliner Straße hinausblicke...
AKI: Da ist die Konfrontation mit dem Alltag. Das ist so ein Raum, wo ich das Gefühl habe, man kann wirklich seinen eigenen Alltag einbinden, indem man wieder mit Kunst rausgeht. Es ist die Frage, wie nehme ich denn das auf, was ich jeden Tag bildnerisch sehe. Ich will ja nicht nur bildnerisch sehen, wenn ich jetzt in die Museen gehe, sondern auch versuchen, da eine Sichtweise rauszunehmen, die ich in meiner Umwelt wieder einsetzen kann, daß man das tatsächlich alles so sehen kann. Das als Gesamtkomplex auszudrücken, ist wirklich ganz toll gemacht.
Ammann: Einer der schwierigsten Räume ist dieser Raum des Japaners On Kawara, der mit dem Datum. Eigentlich hätte ich es gerne, daß dieser Raum genau so wahrgenommen wird, wie Sie es jetzt erzählt haben.
AKI: Also ich habe mir, das muß ich ehrlich sagen, rein bewußt vorgenommen, diesen Raum so wahrzunehmen. Dieser Raum ist so gemeint. Den mußt du so wahrnehmen. Es ist sehr schwierig in diesem Raum, dieses Gefühl zu bekommen. Er ist auch so weit so groß.
Ammann: Ich mußte das alles in meinem Kopf konstruieren. Es mußte alles sehr schnell installiert werden. Das Museum hatte uns versprochen, ihr habt sechs Monate Zeit, um das einzubauen. Am Schluß waren es einige Wochen. Und dann mußten wir es immer wieder abbauen, weil die Böden nicht fertig waren.
AKI: Das sind wirklich schlechte Voraussetzungen.
Ammann: Und es war überhaupt keine
Zeit, das einmal richtig zu überdenken, ich hatte ja gar keine Erfahrung.
Es war ein gewaltiges Risiko.
Ammann: Gefährliche Räume. Ich sage immer, die Bewährung dieses Museums passiert in drei Jahren. In drei Jahren wird sich zeigen, ob wir es schaffen oder nicht. Jetzt läuft es sehr gut. Jetzt haben wir viele Besucher, aber in zwei bis drei Jahren wird sich zeigen, ob es gelingt, diesen Räumen, auch mit neuen Werkgruppen, etwas entgegen zu halten, oder ob die Leute immer das Gefühl haben, sie sehen das Gleiche, weil die Architektur so dominant ist. Das habe ich schon jetzt im Nacken drin.
AKI: Ja, die Räume mit ihren Ecken haben keine bestimmte Klarheit. Die Winkel sind immer andere. Auch die Lichtverhältnisse sind dadurch sehr eigen. Die Lichtverhältnisse, die man schaffen kann, die Schattenwirkungen, die Beleuchtung ist sehr schwierig in diesen Räumen zu finden. Und das alles ist sehr dominant.
AKI: Das Museum ist Ausdruck eines momentanen Stil. Und wenn der Architektur-Stil in drei, fünf oder zehn Jahren nicht mehr so interessant ist.
Ammann: Es gehört jetzt zu der Herausforderung, daß man das einfach schaffen muß. Aber schon zehn Tage nach der Eröffnung habe ich mir Gedanken darum gemacht. Es ist mir schon durch den Kopf gegangen. Man darf sich aber auch nicht verrückt machen lassen. Das muß sich erst einmal setzen. Aber trotzdem es beschäftigt mich sehr. Eine heikle Geschichte.
AKI: Es liegt in dem Trend, daß die Leute etwas Neues sehen wollen. Es gibt sehr viel Neues, Spannendes und Interessantes an Räumlichkeitsgefühl, an Darstellung, an Art und Weisen, wie man sich fühlt. Vielen, mit denen ich geredet habe, die im Museum waren, sagen, man muß mehrmals reingehen. Ich selbst habe gemerkt, bevor ich hier nicht mehrmals war, habe ich wahrscheinlich keinen Eindruck von dem Ganzen. Denn es fällt mir immer wieder etwas anderes auf, was mich dann so beschäftigt, daß ich auf die anderen Sachen gar nicht mehr meine Aufmerksamkeit lenken kann.
Ammann: Es gibt Räume wie der von
Bill Viola mit den Videoprojektionen. Man muß sich entschließen,
einmal nur diesen Raum zu betrachten und wenigstens einmal eine halbe Stunde
drin sein. Denn der Mann hat etwas geschafft. Ich meine, das Denken der
sinnlichen Wahrnehmung durch Bilder kommt durch die Bewegung.
AKI: Da braucht man nur in die Schulen zu gehen, da sieht man das auch kommen.
Ammann: Es in der Musik etwas vergleichbares. In den frühen siebziger Jahren habe ich Brian kennengelernt. Damals war er noch bei Roxy Music. Das ist ein wunderbarer Typ. Er kommt manchmal nach Frankfurt und arbeitet hier. Ich habe mit ihm darüber gesprochen und er sagte, weißt du, was dich da beschäftigt, ist eigentlich längst eingetroffen. Ich meine, es gibt heute Musiker, die spielen kein Instrument mehr. Die können keine Noten lesen.
AKI: Die können Computer bedienen.
Ammann: Aber das ist alles Sampling. Und die machen ganz verrückte Musik, ganz tolle Musik.
AKI: Die haben wieder eine eigene Kunst für sich entwickelt.
Ammann: Trotzdem aber habe ich gesagt, hoffe ich, daß das nicht wahr ist. Das habe ich deshalb gesagt, weil ich immer noch daran denke, daß etwas mit dem Pinsel zu malen ist, oder eine Zeichnung zu machen ist, oder mit den Händen etwas zu tun ist. Ich finde immer noch, wenn die Künstler von computergenerierten Bilder nachher in den Garten gehen müssen, um ihre Hände zu gebrauchen, ist das auch wieder nicht mehr richtig. Aber ich weiß es nicht.
AKI: Ich glaube, wir werden es unweigerlich erleben, aber ich denke eher, daß es auch eine Kombination von beiden gibt. Eben daß die zeichnerische Kunst nicht ausstirbt. Aber es wird diese Computerkunst dazukommen. Es sind ja schon Arbeiten im Museum ausgestellt.
Ammann: Ja, das ist erstaunlich, wie der
Manfred Stumpf mit der Maus zeichnet. Er gestaltet auch ein Projekt in
der U-Bahn am Parlamentsplatz. Und ich glaube, das wird traumhaft schön.
Schwarz-weiße Mosaiksteine, man sieht auch die Tiere, die Bürden
da tragen. Dort wurde etwas ganz schönes gemacht, das nicht zu sehen
ist. Er hat mir das jetzt gezeigt. Er hat zwei kopulierende Esel gemacht.
Ich denke, der Leistungsdruck kann eine Bürde sein, aber auch das
Kopulieren kann eine Bürde sein.
Wie er seine Werke macht, ist eigentlich erstaunlich. Ich habe ihm
einmal zugeschaut, wie er mit dieser Maus zeichnet. Das verrückte
ist, daß es ihm gelungen ist, die Intimität der Zeichnung zu
bewahren. Das ist nicht ein mechanisches Bild, obwohl es eines ist. Aber
es tritt nicht als mechanisches Bild in Erscheinung.
AKI: Das sieht so simpel aus, aber da steckt
viel Arbeit dahinter. Ich habe auch schon ein bißchen an solchen
Sachen geübt. Aber das ist unheimlich schwierig. Das ist nicht so
einfach. Da weiß ich auch, was dahinter steckt. Aber es wird für
die Kinder ganz selbstverständlich werden. Die lernen dann ein ganz
anderes Verständnis. Das ist für die wie das Benutzen eines Bleistiftes.
AKI: Die Denkstruktur wird verändert.
Ammann: Ich habe das nie geglaubt, weil ich immer gesagt habe, ach, seit zweitausend Jahren hat sich der Mensch nicht verändert. Aristoteles war genauso klug, offen und weitsichtig. Die Ägypter waren das genauso. Die hätten genauso die Atombombe erfinden können, nur die Religion wollte es nicht. Die machte klare Grenzen. Und heute glaube ich, daß sich der Mensch verändert.
AKI: Die Dominanz der Technik ist viel zu stark. Die Faszination der Technik macht das. Man sieht vieles eigentlich nicht mehr. Das macht die Neugierde aus, das macht die Beschäftigung damit aus und das macht den Wunsch aus, da einzudringen, es doch zu sehen, doch so ein Stückchen das Ganze zu fühlen. Das vertechnisiert den Menschen selbst ein Stück.
Ammann: Eine komische Geschichte. Wenn
ich nichts mehr sehe oder nur noch das Resultat sehe, von dem, was ich
tue, aber den Vorgang selber nicht mehr verfolgen kann, wenn man das radikal
weiterdenkt. Z. B. wenn ein Kind geboren wird, dann sagt man, die ersten
zwei Jahre sind für das Kind entscheidend, was die Mutter ihm gibt.
Die Mutterliebe, die Elternliebe ist ganz entscheidend für die ersten
zwei bis drei Jahre. Und wenn diese Liebe nun nicht mehr kommt und das
Kind wächst einfach auf. Man kann das so auf einmal denken.
Es ist nicht mehr wichtig, ob ich jetzt Bornheimer bin oder ein Einwohner
eines Landes, ich bin nirgendwo Zuhause. Aber irgendwo prägt mich
doch die Umwelt. Ich muß doch eine Erdung in mir haben. Es ist ja
auch möglich, daß das die Zukunft der Menschen ist, daß sie keine Erdung haben. Das sind alles so unglaublich schwierig vorstellbare
Dinge.
AKI: Aber das schöne an der Theorie ist, daß man damit spielen kann. Aber meistens kommt es doch anders, als wir uns das denken. Ich bin da immer vorsichtig. Es ist schön, Denksport zu betreiben. Dieser ist wichtig und kreativ. Aber es gab auch immer wieder, hauptsächlich von der Arbeiterbewegung bzw. der linken Bewegung, diese Katasrophenszenarien. Die sind nie so eingetroffen, wie sie gezeichnet wurde, weil die Wirklichkeit und die Menschen nochmal ganz anders sind. Eben nicht berechenbar, nicht mit der Theorie durchdenkbar.
Ammann: Ich begreife das ganz bewußt nicht als Katastrophenszenario. Wenn ich sage Katastrophenszenario, kann man's schon vergessen.
AKI: Da stecken auch ganz viele freiheitliche
Möglichkeiten darin. Das war so ähnlich wie die Situation jetzt
mit den marxistisch-leninistischen Staatsformen in Osteuropa. Viele Linke,
mit denen wir zu tun haben, haben das Problem, daß da doch eine politische
Heimat verloren ging. Sie haben gejammert, wie schlimm das sei. Sie haben
das Übel an die Wand gemalt: kein 4. Reich, kein neues Großdeutschland
und all die Sachen.
Wir Libertäre haben dagegen gesagt, ja, wir freuen uns, daß
diese Repression, diese autoritären Regime vom Fenster sind. Da ist
die Chance, etwas neues aufzubauen. Viele Linke mußten einfach erstmal
Trauerarbeit leisten. Es wurde nur gleich das Schlimmste gesehen, als käme
jetzt der große Zusammenbruch, der Kapitalismus überschwemmt
alles. Das wurde als Katastrophe gesehen. Wir haben da eine andere Sichtweise.
Wir sehen mehr die Chancen in Umbruchsituationen, versuchen diese zu nutzen
und versinken nicht im Jammern und in Trauerarbeit.
Ammann: Es gibt einen weiteren Faktor, der mir immer große Sorgen bereitet. Das ist die ganze Biogenetik. Da steckt der Teufel im Detail, das ist ganz klar.
AKI: Aber das Problem ist doch jeweils,
wie die Gesellschaft mit solchen Phänomenen, gerade auch mit diesen
technischen Phänomenen, umgeht, ob das jetzt die Atomenergie ist oder
die Biotechnik. Die Probleme waren doch gewesen, daß die Informationen
so abgeschottet waren, daß es keine offene Diskussion darüber
gab. Es gab ein Interesse, das aus gewissen, sagen wir ruhig, Profitgründen
durchzuziehen, ohne daß es eine offene Diskussion gab.
Man kann doch wirklich differenziert an die Sachen herangehen. Die
Leute sind ja nicht doof. Das ist doch ganz wichtig. Die Leute können
das einschätzen, wenn man die Fakten offenlegt. Und man kann sehr
viele Probleme so darstellen, daß die Menschen diese kapieren. Hierarchien
und Herrschaftswissenschaft müßten da hinterfragt werden. Und
dann kann man auch objektiver oder offener über solche Probleme diskutieren.
Durch die Offenheit kommen ganz verschiedenartige Gedanken. Und so bekommt
man Probleme auch besser in den Griff. Es ist ja klar, wenn nur eine Richtung
da ist, dann kann man auch nur eine Problemlösung anbieten.
Ammann: Muß man gegen eine Befruchtung im Reagenzglas sein?
AKI: Es ist die Angst, die da dahinter
steckt, daß es generell so sein wird. Es steckt ja in jeder Idee
die Möglichkeit autoritärer Ausnutzung. Und es gibt die progressive
Umsetzung von einer Idee. Es steckt einfach auch aus begründeten,
vielen negativen Erfahrungen, der Nationalsozialismus ist eine, die ganz
große Furcht dahinter, daß das zur Herrschaft oder zu ganz
anderen Interessen ausgenutzt wird, aber nicht nach den menschlichen Interessen.
Das ist das Problem. Und ich denke, die Angst, die ist auch berechtigt.
Es soll nun eine gesetzliche Regelung geben, weil bisher jeder machen konnte,
was er wollte.
Aber das ist jetzt ein interessanter Bereich. Weil wir jetzt bei Macht
und Herrschaft sind, würde ich gerne nochmal auf die Kunst zurückkommen.
Sie ist ja nicht rein und unschuldig. Was für eine Funktion hat Kunst
als Ware bzw. als Herrschaftsinstrument?
AKI: Ja, weil die numeriert sind. Die gibt's ja nicht mehr.
Ammann: Ich gehe, ich weiche da nicht aus, zum Telefonieren an den Bahnhof und bekomme von der Telekom ein Kärtchen. Da gibt es Auflagen von 7000, 8000 Stück. Ich will telefonieren, aber es war niemand da, da steht plötzlich jemand hinter mir und möchte mir die Karte abkaufen.
AKI: Das hat mir letzthin auch jemand erzählt. Ich habe gedacht, ich höre nicht richtig. Den Markt kannte ich noch gar nicht.
Ammann: Früher wurden die Telefonautomaten aufgebrochen, heute werden die Blechkisten aufgebrochen, weil die Leute die Karten haben wollen. Aber dort, wo Ware ist, und die Nachfrage bestimmt das, da kann man Preise natürlich steuern. In Aktionen werden ja auch Strohmänner eingesetzt, die den Preis hochtreiben.
AKI: Fühlt man sich da nicht manchmal auch als Rädchen in einer Maschinerie, gerade auch in Ihrer Position, in der Sie ja auch eine gewisse Bedeutung haben? Ihr Wort zählt vielleicht mehr als, wenn ich sage, daß etwas gut ist oder daß etwas schlecht ist. Sie haben doch auch eine gewisse Machtposition.
Ammann: Ja, als ich 1980 eine Ausstellung
von jungen Italienern gemacht habe, gingen die Preise dann wie der Teufel
hoch. Man hat mich eindeutig als einen, wie heißt das, Markttreiber
bezeichnet. Nun hatte ich das Ganze aber schon ab 1976 langsam, Stück
für Stück, vorbereitet. Ich denke, wenn man mit jungen Leuten
arbeitet, man von dem Prinzip ausgeht sollte, daß ich zu einem Künstler
gehe und sage, ich kaufe von dem nicht zwei Arbeiten, sondern gleich sechs
oder sieben, weil ich, wenn ich mich für ein Werk entscheide, mich
in einer bestimmte Periode auch für den Künstler entscheide.
Kunst kommt von Künstler und nicht von können. Ich sage immer,
es ist kein Geheimnis, aber sprich nicht davon. Häng's nicht an die
große Glocke, wie ich es auch nicht an die große Glocke hänge.
Weil es natürlich diesen Effekt hat. Und gleichzeitig stelle ich wieder
fest, man ist tatsächlich nur ein Rädchen. Man ist nur einer
von sehr vielen Machtfaktoren. Und das ist auch wieder unglaublich beruhigend.
AKI: Man ist vielleicht auch nur Katalysator von irgend etwas bestimmten. Wenn wirklich der Trend zu einer bestimmten Kunstrichtung nicht da ist, kann man noch so sehr sein Namen in die Waagschale werfen, die Leute interessiert es dann nicht. Es kommen doch wohl sehr viele Faktoren zusammen.
Ammann: Ja, so ist das.
Ammann: Ich glaube nicht, daß das
so ist. Ich denke, wenn ich eine Idee habe, dann sage ich, es ist ja alles
sehr schön, aber es kommt darauf an, was man aus der Idee macht, ob
diese Idee überhaupt eine tragende Funktion entwickelt. Wenn ein Künstler
eine Idee hat, und er braucht nicht nur eine Idee, muß er etwas daraus
machen. Und jetzt kommt es darauf an, was er daraus macht. Und ob diese
Idee ein Profil erhält, das mir die Möglichkeit gibt, die Welt,
in der ich lebe, anders wahrzunehmen. Es gibt Künstler, die haben
Ideen und die entwickeln eine Idee, aber die bestätigt die Welt, in
der ich lebe.
Man muß sich sehr darüber im klaren sein, ich unterscheide
jetzt historisch gesehen zwischen einem Kunstwerk, das ein Dokumentcharakter
hat und einem Kunstwerk, das gestern, morgen oder übermorgen entstehen
konnte. Ob das ein mittelalterliches Bild ist oder ein Bild der Renaissance
spielt überhaupt keine Rolle. Das Bild oder das Werk ist wie ein kleines
Kernkraftwerk, das strahlt. Wenn es ein Dokument ist, hält es etwas
fest. Im Städel gibt es viele kleine Bildstaffeln aus dem 19. Jahrhundert.
Sie haben ein Dokumentcharakter. Das ist natürlich jetzt einfach gesagt.
Ich bin überzeugt, daß es diesen Machtfaktor, wie sie es jetzt
formuliert haben, gibt. Aber letzten Endes ist das Leben so hart, daß
sich Macht nicht erhalten läßt. Wenn jemand glaubt, er kann
da manipulieren, dann kann er das vielleicht eine kurze Zeitspanne machen,
aber der sackt auf jeden Fall weg.
Ammann: Ich gehe zur Kunstmesse aus Höflichkeit,
weil ich die Leute begrüßen muß.
Da gibt's zwar manchmal Highlights, aber diese Highlights, wenn man
die Kunstmesse nicht ganz so gewohnt ist, nimmt man nicht mehr wahr. Ich
denke, ein Kunstmarkt ist ein Brechmittel.
AKI: Ich habe gedacht, da wird Kunst gemacht. Ich wußte nicht mehr, ist da jetzt Kunst ausgestellt, oder wird von den Leuten, die da standen und darüber geredet haben, Kunst gemacht. Ich habe jeglichen Begriff dafür verloren. Ich habe nichts mehr gesehen. Ich konnte nach dem dritten, vierten Gang nichts mehr wahrnehmen. Es war wirklich nur furchtbar und da habe ich wieder gedacht, was ist Kunst eigentlich.
Ammann: Das ist nicht der richtige Anlaß. Denn da kommt man wirklich nur auf schlechte Gedanken.
AKI: Ich habe auch überlegt, was den
Künstlern an der Kunstmesse liegt, wenn sie ihre Gedanken in ihren
Kunstwerken transportieren wollen. Die Kunstmesse ist der ungeeignetste
Ort dafür, weil ich nicht glaube, daß man überhaupt noch
fähig ist einen Gedanken wahrzunehmen, egal wie er transportiert wird.
AKI: Man nimmt die Technik und verdient Geld.
Ammann: Ich mache mir ein Programm für die nächsten fünf Jahre, mache/male im ersten Jahr, in den ersten zwei Jahren die und die interessanten Kunstwerke vielleicht so sechzig, siebzig Kunstwerke. Dann muß ich schauen, daß da auch eine Entwicklung passiert. Nach drei Jahren baue ich da eine Entwicklung ein. Und nach wiederum drei Jahren baue ich einen Bruch ein. Dann noch etwas public relation.
AKI: So bekommt man seinen Namen.
Ammann: Und dann werden einige Kataloge mit schöne Abbildungen gemacht, und dann läuft es. Ich meine, das ist eine Horrorvorstellung.
AKI: Wir danken für das Gespräch.
Das Gespräch wurde 1991 geführt. Zusammenfassungen des Gesprächs erschienen im "AKI-Libertäres Info Ffm" sowie im "Schwarzen Faden".