Anarchismus, Belagerung und 2 tote Polizisten

Artikel auf Indymedia am 27.03.2009

Interview zu den Libertären Tagen 1987 in Frankfurt/Main -
Ein Erinnerungsfragment mit persönliche Facetten des Gesamtablaufs


Aus aktuellem Anlass, dem Anarchistischen Kongress vom 10. bis 13. April 2009 in Berlin, interviewte ich einen Menschen, der 1987 die Libertären Tage in Frankfurt am Main mitorganiserte. Leider sind die Ergebnisse der Arbeitsgruppen, in einem Reader zusammengefasst, nicht online verfügbar. Und auch sonst sind die Libertären Tage, die in der Vor-Internet-Ära stattfanden noch nicht gut dokumentiert. Ich will hiermit einen kleinen Teil dazu beitragen, ein weiterer folgt bald:

A: Wie wurden die Libertären Tage 1987 in Frankfurt am Main organsiert und von wem?

L: Aus meiner Sicht war der zentrale Punkt das „Libertäre Zentrum“ in Frankfurt.

A: Und was war das „Libertäre Zentrum“?

L: Das war DIE Anlaufstelle für radikale Linke, Anarchisten und die FAU. Das war damals in der Kriegkstrasse im Gallusviertel. Von dort ging vieles aus, das war quasi die gedankliche Kaderschmiede der Szene. Die Autoritäten trafen sich dort: Wolf, Wilk und andere. Das waren die Theoretiker der Szene. Sinn und Zweck war vor allem die Vernetzung, der Austausch untereinander, mit der Hafenstrasse usw., szeneübergreifende Informationen sollten schnell verteilt werden können. Der damalige AStA der FH war 13 Jahre lang von den Marxisten besetzt. Kersten Cohrs hatte damals initiert, dass das mit dem Marxistischen Studenten Bund (MSB) nicht so bleiben muss. Wir waren der Meinung, dass es sinnvoll war als Autonome Liste für die StuPa zu kandidieren und wir schafften auf Anhieb 25%. Wir haben dann mit der Grünen Hochschulgruppe und der Bunten Liste koaliert. Und auch mit dem Cafe Kurzschlusz. Danach haben wir konsequent dafür gesorgt, dass der MSB seine Macht verlor und auch keine mehr bekam. Es ging darum ein Stück weit Politik zu machen. Der AStA war durchaus wichtig für die damalige Szene; wir hatten 250.000 D-Mark pro Semester. Wir konnten Flugis und Plakate drucken und auch bspw. die Räumlichkeiten für die Libertären Tage zur Verfügung stellen. Die Hochschulleitung war davon nicht begeistert. Ich glaube die logistische Situation war nie wieder so gut wie damals. Es ist sehr viel Geld, wo immer uns das möglich war, in die Szene geflossen. Deswegen haben wir auch oft genug Ärger bekommen. Es ging uns darum die Stühle möglichst lange zu benutzen, aber nicht auf ihnen sitzen zu bleiben. Das war der konkreteste Unterschied zwischen uns und dem MSB, die haben sich damit größtenteils selber finanziert.

A: Wieviel Geld stand für die Organisation der L-Tage zur Verfügung?

L: Das kann ich nicht so genau sagen. Es gab viele kleine Posten von 300-500 D-Mark, insgesamt hatten wir vielleicht 5000 D-Mark zur Verfügung. Aber wir hatten die Räumlichkeiten, technisches Equipment und vieles andere kostenlos bekommen.

A: Was waren die organisatorischen Probleme?

L: Die gleichen wie bei allem anderen auch. Es kamen viel mehr Leute als wir eingeplant hatten. Wir dachten einige Hundert, aber es kamen weit über 1000. Essen und Schlafplätze mussten besorgt werden, aber es gab keine wirklichen Engpässe. Viele haben spontan mitgeholfen und obwohl wir eigentlich überfordert waren, hat alles funktioniert. Aus meiner Sicht war alles sehr straff organisiert, obwohl es nach aussen hin anders wirkte. Manches widerspricht eben dem Selbstverständnis, aber ohne innere Widersprüche kannst du sowas nicht organisieren. Ohne Widerspüche machst du was falsch, denn das ist unmöglich.

A: Welche Gruppierungen nahmen daran teil?

L: Das zentrale Element der Gruppen waren die Zusammenhänge. Also die Treffpunkte waren der Zusammenhang und weniger die verschiedenen Gruppen an sich. Heute sieht das glaube ich anders aus. Es gab damals so unterschiedliche Leute, dass das andere bestimmt auch anders wahrgenommen haben.

A: Und gab es ein Plenum?

L: Ja, jeden Abend gab es ein Vollplenum, noch vor Halligalli, Konzerten, Disco usw. Und auch die Arbeitsgruppen haben pleniert, dazu gab es auch tägliche Resumes und die Darstellung der Ergebnisse am Ende.

A: Habt ihr jeden Abend gefeiert?

L: Ja, ich glaube schon. Es gab ein kulturelles Rahmenprogramm.

A: Und gab es wegen dem Feiern und dem Drogenkonsum Diskussionen?

L: Bei uns gab es eine klare Linie, wenn über politische Inhalte diskutiert wurde, hatten da Drogen nix zu suchen. Danach konnte jeder tun was er wollte. Wenn bspw. darüber gesprochen wurde wer für wen oder weswegen den Kopf riskiert, dann sind das wichtige Entscheidungen. Die Libertären Tage waren sicher nicht drogenfrei, aber während der „Arbeitszeit“ wurde viel Wert auf einen klaren Kopf gelegt, weil es um wichtige Themen ging und das wurde problemlos angenommen. Und wenn sich jemand ein Bier mitbrachte ist er deswegen nicht rausgeflogen.

A: Was waren eure Themen?

L: Schreib sie dir bitte von dem Plakat dort ab, es gab bspw. „Homosexualität und Anarchie“, „Gewalt gegen Schwule“, Gruppen zu Frauenzusammenhängen, Medienprojekte...

A: Was war die Zielvorstellung und Motivation die Libertären Tage zu organieren?

L: Es ging darum Inhalte über die Grenze derer, die sich sowieso schon auskennen, hinauszutragen. Und auch darum mitzukriegen was in anderen Zusammenhängen diskutiert wird. Und das reichte auch schon. Parties kann man auch ohne libertären Kongress machen. Es ging gerade hier in Frankfurt auch um eine inhaltliche Positionsfindung, denn eineinhalb Jahre vorher wurde Sare vom Wasserwerfer überfahren. Das hatte zu einer militanten Radikalisierung geführt. Damals in der Frankfurter Strasse ist nichts mehr heil geblieben. Da wurde heftigst rebelliert, da waren starke Emotionen und viele Menschen haben mitgemacht die sonst nicht unbedingt mit Polizisten zu tun hatten. Die brauchten ein Ventil zum Dampf ablassen und das führte zu vielen Diskussionen. Irgendwann fragten wir uns: Und jetzt? Wie weit gehen wir? Und wo wollen wir hin? Heute kann man das leichter einschätzen, denn ein halbes Jahr später fielen die Schüsse an der Startbahn.

A: Gab es früher weitere Treffen dieser Art und hast du daran teilgenommen?

L: Hier glaube ich nicht, aber ich war auch erst ab 1985 in Frankfurt. 1993 fand auch die Folgeveranstaltung hier statt. Da war ich Teilnehmer und mich haben nur bestimmte Themen interessiert. Nach den Startbahnschüssen sind viele Zusammenhänge auseinandergebrochen. Es taten sich plötzlich Gräben auf, Unterschiede die vorher nicht so wichtig waren, waren es plötzlich sehr. Nach den Schüssen war nichts mehr so wie es vorher war. Seitdem war es nicht mehr möglich Massen zu mobilisieren. Anstatt 5000 waren es, zu bestimmten Themen, nur noch 500.

A: Was waren deine Interessen an den Libertären Tagen 1987?

L: Es ging darum sich nochmal im Gesamtzusammenhang zu treffen und marginale Themen mit anderen zu besprechen für die es sonst wenig Platz gab. Im Nachinein war es auch ein bisschen Nabelschau, was man so machte und welche Arbeit man geleistet hatte. Es war auch spannend sowas durchzuziehen und zu lernen wie sowas geht. Und es war eine Demonstration von Stärke, so einen Kongress umsetzen zu können. Ich habe den Eindruck damals standen sich Polizei und Demonstranten militanter gegenüber. Wir wollten uns gegenüber der Poliezi durchsetzen und uns nicht verhindern lassen. Obwohl sich die Hochschule später hinter uns stellte, war das vorher vom Ordnungsamt nicht gewünscht: “Nein! Das genehmigen wir euch nicht.”

A: Wie seit ihr mit Grenzüberschreitungen umgegangen?

L: Ich habe nicht mitgekriegt, dass ein Einschreiten notwendig geworden wäre, aber ich kann das nicht ausschliessen. Wir nahmen uns vor mit den Betroffenen zu reden, aber wenn bspw. Eine Frau angetatscht worden wäre, dann wäre derjenige sofort geflogen. Immermal mussten Leute Abends rausgekehrt werden, das war ein bisschen nervig, aber das ist auch auf jeder Fete so.

A: Wo sind die Ergebnisse dokumentiert?

L: Es gab eine Art Reader. Die Nachbereitungsgruppe dokumentierte die Ergebnisse in schriftlicher Form und die haben auch diskutiert wie die Kohle die übrig blieb verteilt werden sollte.

A: Wo finde ich diesen Reader?

L: Das ist eine gute Frage... ich weiss es nicht. Versuch es doch mal im Infoladen des Exzess oder bei der FAU.

A: Was ist dir besonders in Erinnerung geblieben?

L: Der Gesamteindruck. Irgendwie standest du permanent unter Strom, die Arbeitsgruppen empfand ich schon als Entspannung. Es war toll sowas durchziehen zu können, ohne größere Finanzierung, dass man sowas machen kann, weil man es wirklich will.

A: Ich habe gehört es gab auch einen Polizeieinsatz, was war da passiert?

L: Es gab zwischendurch mal eine Konfrontation mit einer Jugendgang, die sich in ihrer Ruhe gestört fühlte oder sowas. Die wollten an den Baum pissen und ihre Duftmarke hinterlassen. In der Orgagruppe gab es Menschen die für die Sicherheit zuständig waren. Irgendwann standen sich die Gruppen gegenüber und es wurde ein bisschen geschubst. Angeblich haben Nachbarn dann die Bullen gerufen und die waren UNGLAUBLICH schnell, in voller Kampfmontur und mit Wasserwerfern da. Das mündete zunächst in einem Belagerungszustand und sollte als Vorwand herhalten den Kongress zu beenden. Als sie in die Schule rein wollten, wurde Hausmeister Binding zum Helden. Es war nicht so, dass er unsere Sache direkt unterstützt hätte, er trank sehr gerne und war auch rauhbeinig, aber gegenüber den Studenten loyal und wohlgesonnen und vor allem: er konnte Bullen nicht leiden. Der hat sich denen in den Weg gestellt, die Schule abgesperrt und gesagt: Bevor mein Direktor nicht da ist, kommt hier niemand rein! Und Herr Direktor Schneider kam auch sehr schnell und hat die Situation geklärt. Danach konnte die Veranstaltung weiter gehen und die Bullen rückten ab.

A: Ihr hattet damals auch erfolgreich zum Boykott der Volkszählung aufgerufen, ich erinnere mich noch daran, dass ich das Thema als kleiner Pimpf mitbekam und die Fragebögen vor meinen Eltern abfing und zerriss...

L: Ja, die Volkszählung... Wir hatten in der AStA-Zeitung zum Boykott aufgerufen. Irgendwann wurden die AStA-Vorsitzenden zum Rapport ins Rektorat bestellt. Dort hat man uns mit sehr ernster und unfreundlicher Miene empfangen und dann hiess es: “Meine Herren, wir haben sie oft genug gewarnt und obwohl wir sie ausdrücklich gewarnt hatten, haben sie erneut zum Boykott aufgerufen. Wir werden ihr Konto sperren.” Wir sahen uns an und grinsten: “Herr Schneider, auf dem Konto sind wir zeichnungsberechtigt und nicht sie.” Den Gesichtsausdruck der Präsidenten werde ich nie vergessen (Anm. d. Red. L. lacht und freut sich). Danach gab es immer wieder Rangeleien, denn sie waren sauer.

A: Was hat sich aufgrund der Libertären Tage für dich und den Rest der Welt geändert?

L: Positiv war die Erfahrung was machen zu können und das gute Gefühl ohne Konsum anzubeten viele Menschen zu erreichen. Das die Teilnehmer wegen der Inhalte und nicht wegen der “Stars” kamen. Negativ war, dass es danach viel schwieriger wurde, sowas nochmal in Frankfurt durchzuziehen. Wir mussten danach trickreicher agieren um Aktionen auf die Beine zu stellen. 1993 war das dann wieder etwas einfacher, aber das ist nur meine Wahrnehmung.

A: Kommst du zum Anarchistischen Kongress nach Berlin?

L: Nee...

A: Warum nicht?

L: Weil die letzten 10-15 Jahre meiner Lebensrealität zu weit weg davon waren. Auch die Schüsse an der Startbahn und die folgende Selbstzerfleischung der Szene... das hat mich krank gemacht. Die ganzen Grabenkämpfe, die wichserei um die Positionen und wer der bessere Kämpfer sei. Dazu kamen familiäre Probleme, die mehr Raum eingenommen haben als vorher. Seit 20 Jahren habe ich Probleme mich in größeren Gruppen einzubringen und ein Stück weit die Hoffnung verloren, dass man durch starkes Engagement auch gleichzeitig was für sich selber erreichen kann. Aber ich wünsche euch viel Erfolg und das möglichst viel bei dem Kongress herauskommt.


Epilog: die beworbene Themenliste der Libertären Tage 1987 (siehe Plakat)

1.Perspektiven sozialer Bewegungen:

Der tägliche Kampf – politische und kulturelle Ghettosituation
Bestimmung sozialer und gesellschaftlicher Bedingungen aus sozialrevolutionärer Sicht
Kritik an den Kämpfen der letzten Jahre

2.Konkrete Ansätze:

Anarcho - Syndikalismus
Anti-Pädagogik
Kinderrechte
Anarchisten und Homosexualität
Knast und Gefangenenarbeit
Kultur – anarchistisches Selbstverständnis und Kulturkritik
Situation und Perspektiven libertärer Medien
Tradition der Gewaltfreiheit

3.Zustand und Entwicklung der Warengesellschaft:

Ökonomie – Rationalisierung/Flexibilisierung etc.
Innere “Sicherheit”-Entwicklung der zukünftigen Gesellschaftsrealität
Jobber und Entgarantierung
Aktuelle ökonomische Kämpfe
Polizeiwaffen

4.Frauen:

Frauenarbeitsgruppe

5.Internationales:

Libanon
Griechenland
Osteuropa -Bulgarien, DDR, Polen
Iran – Irak
Frankreich
Eritrea
Italien
Nordirland

6.Aktuelles:

Praktische Übungen zum Selbstschutz
AIDS
1. Mai
So. 14 Uhr Startbahn