direkte aktion nr. 98

 

An Ostern fanden in Frankfurt die "Libertären Tage 1993" statt. Insgesamt über 3.000 BesucherInnen hatten sich an den vier Tagen eingefunden, um zusammen zu diskutieren und zu feiern. Wir wollen im folgenden versuchen, ein kleines Panorama dessen zu beschreiben, was wir wichtig fanden, was uns aufgefallen ist und welche Schlüsse wir daraus ziehen. Eine umfassende Darstellung können und wollen wir nicht liefern, das soll der Nachbereitungs-Broschüre vorbehalten bleiben, die in einigen Monaten erscheinen wird.

 

ANARCHIE AN DER UNI

Die Libertären Tage fanden dieses Mal in den Räumen der Frankfurter Goethe-Universität statt. Nachdem sich bis einige Tage vor Beginn rund 800 Menschen schriftlich angemeldet hatten, übertraf die Teilnehmerlnnen-Zahl mit über 3.000 alle Erwartungen. Angesichts des derzeitigen Zustandes der Linken und aufgrund der Tatsache, daß von vorneherein absehbar war, daß sich die autonomen Spektren in geringerem Maße als 1987 beteiligen würden, war diese TeilnehmerInnen-Zahl ein großer Erfolg und zeigt deutlich das gestiegene Interesse an anarchistischen Themen. Auffällig war auch, daß in den letzten sechs Jahren schon wieder eine neue Generation von Interessierten nachgewachsen ist, rund 30% der Teilnehmerlnnen dürften die "Libertären Tage 1987" höchstens vom Hörensagen kennen. So stellte sich die Szenerie denn auch als Jugendbewegung dar, Menschen über 30 bildeten fast die Ausnahme und waren eher in den organisierten libertären Organisationen, Gruppen und Projekten zu finden.

 

WEGE IN EINE ANARCHISTISCHEN GESELLSCHAFT?

So lautete das Motto dieser Libertären Tage. In fast 30 Arbeitsgruppen sollte unter diesem Motto konkrete Ansätze diskutiert und der interessierten Öffentlichkeit vorgestellt werden. Viele von uns haben damit die Idee verbunden, deutlich zu machen, daß eine freie Gesellschaft nicht vom Himmel fällt, sondern der Weg dorthin bereits heute beginnt. Um es gleich vorwegzuschicken; diesem Anspruch sind die libertären Tage unserer Meinung nach nicht gerecht geworden. Von einigen Ausnahmen abgesehen, waren die Arbeitsgruppen Mammutveranstaltungen von 150 bis 300 Teilnehmerlnnen, von denen viele eine inhaltliche Vorbereitung vermissen ließen. Entsprechend durcheinander verliefen in vielen AGs auch die Diskussionen, die Atmosphäre war teilweise sehr gereizt, in manchen Arbeitsgruppen wurden stundenlang darüber diskutiert, wie die Diskussion denn nun ablaufen solle. Die Ergebnisse waren nach unserem Eindruck insgesamt eher dürftig.

Dazu kam noch der Umstand, daß die Universitäts-Leitung sich bezüglich der Bereitstellung von Räumen ausgesprochen knauserig zeigte, so daß es oftmals keine Möglichkeit gab, Arbeitsgruppen zu teilen, da die Räume hierfür fehlten. Zu allem Überdruß wurden die Räume gegen 20.00 dann auch noch verschlossen, was eine Verlängerung der Zeit zum Diskutieren oftmals unmöglich machte.

Viele Arbeitsgruppen waren von vorneherein auf drei bis vier Stunden begrenzt, was zwar den Vorteil hatte, daß man sich im Laufe der Libertären Tage an diversen AGs beteiligen konnte, aber auf der anderen Seite dazu führte, daß Themen oftmals nur angerissen werden konnten. Wir hätten es besser gefunden, wenn die Arbeitsgruppen parallel zueinander, dafür aber über mehrere Tage angelegt gewesen wären. So wie viele Arbeitsgruppen abgelaufen ist, glauben wir, daß die Libertären Tage ihrem Anspruch, Wege in eine "anarchistische Gesellschaft" aufzeigen zu wollen, nicht gerecht geworden sind. Doch das gilt nicht nur für manche Arbeitsgruppen, wie wir gleich zeigen werden.

 

DIE DEMONSTRATION

Für Samstag war eine Demonstration von der Universität in die Frankfurter City und zurück vorgesehen. Rund 1000 Menschen setzten sich mit der üblichen Verspätung in Bewegung, viele andere TeilnehmerInnen zogen es vor, sich nicht zu beteiligen. Was als laute, bunte Demonstration gegen die herrschende Öde angelegt war und ein positives anarchistisches Lebensgefühl vermitteln sollte, geriet dann auch leider streckenweise zur üblichen martialischen Heerschau in Schwarz mit den bekannten austauschbaren Parolen. Besonders unangenehm waren einige Reihen von vermummten Nachwuchs-Rambos, die ihre Männlichkeit durch das Einschmeißen der einen oder anderen Scheibe unter Beweis stellen mußten. So zog sich denn der Lindwurm durch die Stadt, während die wenigen Flugblatt-Verteilerlnnen die übliche Mühe hatten, interessierten Passantlnnen den Sinn dieser Demonstration zu vermitteln. Alles in allem eine Demonstration mit kaum einer Spur von Lebensfreude oder positiven Alternativen, kein bißchen subversiv, mithin reichlich überflüssig.

 

DIE BUCHMESSE

Parallel zu den LT fand in einer Etage der Uni eine anarchistische Buchmesse statt. Zwar fehlten einige bekanntere Verlage aus dem libertären Lager, dafür waren andere da, die zwar nicht viel mit Anarchismus, dafür aber umso mehr Kommerz am Hut haben. Im großen und ganzen war die Messe jedoch einer der erfreulichen Punkte an den Libertären Tagen und sollte auf jeden Fall wiederholt werden, auch unabhängig von den Libertären Tagen.

 

DAS DRUMRUM

Großveranstaltungen vom Kaliber der Libertären Tage bringen in der Regel auch immer einige unerfreuliche Randerscheinungen mit sich. Was sich in dieser Beziehung jedoch während der libertären Tage abspielte, ging weit darüber hinaus: Das Klima unter vielen Besucherlnnen haben wir als extrem unsolidarisch, konsumorientiert und cool empfunden. Von Eigenverantwortung und gegenseitiger Hilfe, wie wir sie eigentlich von einem anarchistischen Treffen erwarten würden, war phasenweise wenig zu spuren. Als am Freitag eine Frau von einem angetrunkenen Psychopathen angegriffen wurde, glänzten viele der Umstehenden durch beharrliches Wegschauen. Mit steigendem Alkoholpegel in den späteren Abendstunden war bei vielen Leuten denn auch schnell die anarchistische Maskerade gefallen und zum Vorschein kam der stinknormale sexistische Kleinbürger: Anmache gegen Frauen, Eindringen in Frauenschlafräume waren keine Randerscheinungen. Dem Müllpegel auf dem Uni-Vorplatz nach zu urteilen, scheint es auch immer noch genügend Leute zu geben, die Anarchismus mit Tage "jetzt laß ich mal so richtig die Sau raus" verwechseln. Zerkloppte Bierflaschen sind eben kein Beweis einer revolutionären Gesinnung, sondern Merkmale pubertierender Kleinbürger, die gewohnt sind, daß Mammi den Mist schon wegräumt.

Wir wollen nicht groß über die Gründe spekulieren, nur soviel: Unter diesen Vorzeichen der Anonymität, der fehlenden gegenseitigen Rücksichtnahme, sexistischer und unsolidarischer Verhaltensweisen sehen wir keinen Sinn darin, noch einmal Libertäre Tage dieser Art zu veranstalten. Wer - wie wir öfters gesehen haben - mit dem Auto voll von Bier-Paletten anreist, um sich vier Tage lang zuzuschütten, hat unserer Meinung nach auf den libertären Tagen nichts verloren, trotz A-im-Kreis auf der schwarzen Lederjoppe. Bezeichnend ist auch, daß die holländischen GenossInnen vom Kochkollektiv .Rampenplan aller Voraussicht nach mit einem Minus nach Hause gefahren sind, kein Wunder angesichts von rund 300 geschnorrten Mahlzeiten täglich. Für T-Shirts mit radikalen Sprüchen fürs richtige Outfit war hingegen scheinbar immer genug Kohle da.

 

MAL WAS POSITIVES

Es ist nicht so, als hätten wir nur Negatives über die Libertären Tage (oder besser: über einen Teil ihrer BesucherInnen anzumerken). Es gab natürlich auch viele positive Dinge; viel Information, eine Menge netter Leute und guter Ideen. In einigen Arbeitsgruppen wurde sehr konstruktiv gearbeitet und es steht zu hoffen, daß das eine oder andere Ergebnis Auswirkungen für die Zukunft haben wird. Besonderer Dank gilt den Organisatorinnen, den Sanis und den Leuten von Rampenplan, die - oft am Rande ihrer psychischen und physischen Kräfte - das Chaos bewältigten.

 

WIE WEITER

Wie wir schon angedeutet haben, halten wir Libertäre Tage, so wie sie jetzt zweimal stattgefunden haben, für nicht mehr praktikabel. Zumindest so lange nicht, wie eine Reihe von Leuten, die sich von solchen Veranstaltungen scheinbar angezogen fühlen, dort erscheinen bzw. solange sie nicht von den anderen vor die Tür gesetzt werden.

Inhaltliche Arbeit in einem überschaubaren und konstruktiven Klima wäre unserer Meinung nach besser in einer Sache wie der "anarchistischen Sommerschule" in England aufgehoben. Eine Nummer kleiner als die Libertären Tage mit Sicherheit, dafür aber über einen längeren Zeitraum von zwei, drei Wochen und nicht eingepfercht in die beengten Räumlichkeiten einer Universität wie in Frankfurt. Wichtiger noch fänden wir eine verstärkte Bildungsarbeit auf lokaler und regionaler Ebene, das Bedürfnis scheint allenthalben vorhanden zu sein, und was auf lokaler oder regionaler Ebene nicht läuft, kann - wie wir gesehen haben - nicht in vier Tagen nachgeholt werden. Bildungsarbeit möchten wir nicht nur als Vermittlung von Theorien oder praktischen Ansätzen verstanden wissen, dazu gehört auch das Erlernen einer Umgehensweise miteinander die auf den anarchistischen Prinzipien von Solidarität, gegenseitiger Hilfe und Eigenverantwortung beruht.

 

Natürlich wollen wir nicht auf so etwas wie die Libertären Tage als "Schaufenster" für die libertären Bewegungen verzichten. Voraussetzung ist allerdings, daß es etwas Positives zu zeigen gibt, was wir dieses Mal über weite Strecken vermißt haben, oder besser gesagt, was in den vielen negativen Begleiterscheinungen streckenweise untergegangen ist. Bis wir das gelernt haben, sollten wir vielleicht besser auf eine Wiederholung verzichten.