AG KulturkritikEuropa, sein Denken,
seine Kultur kann sich nicht aus der historischen Verantwortung stehlen. "Eurozentristisches
Denken, die Kontinuität des kulturellen Erbes" funktioniert ungebrochen.
Die willkürliche Expansion, die zum Rassismus, zur Sklaverei, zum Kolonialismus
führt, besitzt seine Grundlage im seit Jahrhunderten existenten Zivilisationsprojekt
europäischer Ideologie. Die Beschäftigung mit neokolonialer Politik und Kolonialgeschichte
zeigt, daß auch oppositionelle Sozial-, Kultur- und Wirtschafts"systeme"
nur in Ansätzen Vorschläge hervorbringen konnten, die den Eurozentrismus verlassen.
Auch wenn der Anarchismus
eine Hoffnung auf menschliche Freiheit (oder die Utopie der Freiheit) bedeutet,
hat die Verbindung von Internationalismus und anarchistischer Kritik selten
den Rahmen eurozentristischen Denkens gesprengt. Es geht mir in dieser Arbeitsgruppe
um die Konfrontation des Anarchismus mit anderen internationalistischen Ansätzen,
gesellschaftlichen Experimenten und subversiver Revolte, die sich unserer
Kultur der Anarchie bisher entziehen.
Aus Zeitgründen war
der Veranstalter der Arbeitsgruppe nicht in der Lage, einen ausführlicheren
Text zum oben genannten Ansatz zu liefern. Dieser soll jedoch im Mittelpunkt
der Arbeitsgruppe stehen. Der nachfolgende Text versucht eine grundsätzliche
Auseinandersetzung mit Kulturkritik, die als Grundlage für die Arbeitsgruppe
ebenfalls interessant sein kann.
Europa und seine
500jährige Kolonisation
"Verlassen wir
dieses Europa, das nicht aufhört, vom Menschen zu reden, und ihn dabei niedermetzelt,
wo es ihn trifft, an allen Ecken seiner eigenen Strassen, an allen Ecken der
Welt."
Das Schlüsseldatum 1492-1992,
500 Jahre Kolonisation, ist inzwischen hinreichend bekannt. Über verschiedene
Aktivitäten im Kontext der Kampagne 1992 wurde im SCHWARZEN FADEN berichtet.
Eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit der kolonialistischen Vergangenheit
und neokolonialistischen Gegenwart wird jedoch häufig auch von der Linken
mit ihrem tief verwurzelten eurozentristischen Denken weitgehend ausgespart.
Es ist zu befürchten, daß die Akzeptanz "der Insel des Wohlstands in
einem Meer von Armut" tragender Bestandteil einer veränderten Haltung
zu den Ländern des Südens wird.
Der Zusammenbruch der
heiligen Kuh "Realer Sozialismus" hat einen Großteil dazu beigetragen,
sich dem "Gewinner Erste Welt" anzupassen. Doch gerade dabei kippen
die Menschen und die soziale, wirtschaftliche und ökologische Situation der
"3.Welt" nach hinten weg.
Die Feierlichkeiten
des 500. Jahrestags der Entdeckung der "Neuen Welt" sind nicht nur
eine Angelegenheit der Spanier und ihrer Kolonisation. Die Spanier waren in
Amerika nicht grausamer als die Deutschen in Afrika, die Engländer in Indien,
die Franzosen in Indochina, die Holländer in Indonesien.
Erst recht mit einer
gemeinsamen Gedenkfeier im EG-Parlament für die Opfer der Greueltaten, kann
sich dieses Europa und sein jetziger Reichtum nicht aus der Verantwortung
stehlen. Der 500. Jahrestag ist nicht nur eine historische Frage nach Opfern
und Tätern, noch verändert eine kulturell, exotisch, aufgesetzte Aktualisierung
der Situation der Indigenas (indianische Ureinwohner) in Lateinamerika, der
Schwarzen in Afrika, speziell der Frauen, durch einen kurzen Augenmerk auf
die Unterschiede zwischen armer "Dritter Welt" und reicher "Erster
Welt" verändert.
Die wenigen Augenblicke
als Highlight im Scheinwerferlicht der Medien: "die Weißen feiern ihre
grandiose Zivilisations- und Technologieerrungenschaften erneut" sichern
eher dem Tourismus hohe Gewinnspannen, als daß sie Rassismus oder Ökologie
thematisieren. Damit wird dieses 1492-1992 für Europa als "die größte
Feier des Jahrhunderts" ad acta gelegt.
Wenn nicht 1992 für
Europa die Verwirklichung eines alten Traums, der erste Schritt, auf dem Weg
zur Gemeinsamkeit "der europäischen Völker", der EG-Binnenmarkt-Zusammenschluß
stattfinden würde. Das europäische Haus demonstriert weltweit nicht nur seine
wirtschaftliche Überlegenheit, sondern auch seine kluge politische Voraussicht.
Während viele andere Staaten sich gegenseitig in nationalistischer Manier
die Köpfe einschlagen, streicht dieses Europa offiziell seine inneren Grenzen
von der Landkarte. Die äußeren allerdings werden dichtgemacht und zur Festung
ausgebaut.
Sie feiern sogar mit
Teilen der "Dritten Welt" in Nord- und Südamerika die "Begegnung
zweier Kulturen", wie der Titel der offiziellen spanischen Feierlichkeiten
heißt. Ironischerweise sehen sie die Ereignisse tatsächlich so, wie sie sich,
eurozentristisch gedacht, eins aus dem anderen entwickelt haben.
Das eurozentrische Denken,
ideologisch, militärisch sowie kulturell umrundet die Welt zum x-ten Mal auf
einer Reise, die nicht 80 Tage dauert sondern 600 Jahre.
Die Kontinuität des
fünfhundertjährigen Systems funktioniert ungebrochen. Das gleiche Expansionsstreben,
das zur Sklaverei, zum Rassismus, dem Kolonialismus geführt hat, führt heute
im Interesse einer "Neuen Weltordnung" zur endgültigen Zerstörung
und Ausplünderung von Mensch und Natur.
Die Weißen, die Europäer,
kamen in alle Welt, nahmen sich Land und Frauen, schickten die Männer in Minen
und Plantagen. Sie bereicherten sich durch die Arbeit anderer Völker und die
Ausbeutung der Ressourcen. Sie zerteilten die Menschen in Kategorien "Weiße
oder Farbige"; weiß oder schwarz war ihr Denken. Auch heute noch. Das
ist keine Frage. Sie handeln inzwischen mit Auslandsverschuldung anstatt mit
Glasperlen, etablieren den Tourismus bis in den "hintersten Winkel der
Erde" und eignen sich widerrechtlich fremde Kulturgüter an. Sie erzwingen
Systeme des Freihandels als einzige Lösung nach hoher Verschuldung (Mexiko
mit der USA und Kanada) und verhindern die Souveränität eigenständiger politischer
Entwicklung, ja, sie verachten alle anderen Kulturen, die nicht ihre eigenen
sind.
Die Beschäftigung mit
der neokolonialen Politik der EG und ihrer 500-jährigen Kolonialgeschichte
zeigt, daß das bestehende Sozial-, Kultur- und Wirtschaftssystem des Nordens
keinerlei Lösungsalternativen für die Probleme der überwiegenden Mehrheit
des Südens bietet und auch nicht bieten will. Utopien und Vorschläge für eine
menschenwürdige Alternative zu diesem System, einer möglichen basisdemokratischen,
antipatriarchalen, ökologischen Gesellschaft sind schon im Frühstadium zum
Scheitern verurteilt.
Statt dessen wird, im
Interesse Europas, der USA und Japans, die notwendige Subsistenzwirtschaft
(Selbstversorgung) reduziert, um eine ungebrochene Hegemonie (Vormachtstellung)
privater Gewinninteressen zu gewährleisten. Die Folge des ungehemmten
Expansionsdrangs der EG für die Länder der "Dritten Welt" zeigen
sich selbst im Umgang mit den 69 besonders "begünstigten" Staaten
Afrikas, der Karibik und des Pazifiks (abgekürzt AKP-Staaten). So ist der
Anteil der AKP-Staaten am Handel mit der EG aufgrund des Verfalls der Rohstoffpreise
weiter gesunken.
Mit dem neuen Lome IV-Abkommen
für die 90er Jahre zwang die EG den AKP-Staaten die von IWF und Weltbank entwickelten
"Strukturanpassungskonzepte" auf (Öffnung der Märkte für ausländische
Konzerne, Privatisierungen, Abbau von Sozialausgaben und Streichung staatlicher
Subventionen).
Strukturanpassungsprogramme
haben in den 80er Jahren bei den 30 davon betroffenen afrikanischen Ländern
zur weiteren Senkung der geringen Pro-Kopf-Einkommen um 20% geführt.
Allein in den letzten
vier Jahren haben die 27 ärmsten Länder Afrikas ihre Ausgaben für das Gesundheitswesen
um 25% kürzen müssen. Die Bildungssysteme der meisten strukturangepaßten Länder
stehen nach Kürzungen zwischen 30% und 50% vor dem Zusammenbruch. Der Preis,
den die "Dritte Welt" für den kapitalistischen "Frei-Handel"
auf dem Weltmarkt zu zahlen hat: täglich verhungern 40 000 Kinder. 150 Millionen
Kinder unter fünf Jahren sind unterernährt. Mehr als eine Milliarde Menschen
haben weniger als einen US-Dollar pro Tag zum Leben.
Die "Zwangsabkoppelung"
der "Dritten Welt" wird vor allem auf dem Rücken der Frauen ausgetragen.
Sie leisten über 2/3 aller Arbeitsstunden, können aber nur 1/10 des Welteinkommens
auf sich vereinen. Ihnen gehört nur 1/100 des weltweiten Reichtums. Bis heute
ist die Mehrheit der Frauen weltweit noch immer weitgehend vom Bildungssystem
ausgeschlossen, so daß 2/3 der AnalphabetInnen Frauen sind. Nur 1/3 der weltweiten
Ausgaben für Gesundheit kommt Frauen zugute.
Die selektive Bevölkerungspolitik
trifft vor allem die Frauen in der "Dritten Welt". Während Frauen
in den Industrieländern durch künstliche Befruchtung und pränatale (vorgeburtliche)
Diagnostik dazu getrieben werden sollen, mehr und mehr "qualitativ wertvollere",
unter allen Umständen "gesunde" Kinder zur Welt zu bringen, werden
die Frauen in der "Dritten Welt" als Versuchspersonen für umstrittene
Verhütungsmittel (z. B. Dreimonatsspritze) mißbraucht und massenweise zwangssterilisiert.
"Gleichzeitig
sollen mehr und mehr Frauen in der "Dritten Welt" als Leihmütter
Kinder austragen, die die Frauen in den Industrieländern nicht selber austragen
können oder wollen. Frauenkörper gehören zu den Waren, die von den Industrieländern
als billige Ressourcen gekauft werden." (Zit. nach "Gegen die
Ruhe im Land", Paper der Kölner Anti-EG-Gruppe, Kampagne 1992).
Die afrikanische Bevölkerung
ist von Anfang an mit der Kolonisation und Missionierung aus Europa konfrontiert
worden.
Durch den organisierten
Sklavenhandel wurden afrikanische Küstenvölker verschleppt oder vertrieben,
soziale, wirtschaftliche und kulturelle Strukturen zerstört. Die Plünderungen,
der Menschenraub, die Kulturzerstörung entmenschlichte die Schwarzen, um die
Voraussetzung zu schaffen, sie als Arbeitstiere, als Sklaven, einsetzen zu
können. Niemand kennt die Zahl der versklavten Menschen, die Folgen für den
afrikanischen Kontinent. Die europäische Zivilisation wurde tief in das Fleisch
der Menschen eingebrannt.
"Frankreich
hat unseren Geist modelliert, hat von der Schulzeit an von uns Besitz ergriffen,
hat uns seine Sprache, seine Welt aufgedrängt und uns aus allem herausgerissen,
was uns gemacht hat, um uns nach seinem Ebenbild zu formen. Wir müssen uns
selbst mißtrauen. Wer denkt? Wer spricht? Bin ich auch wirklich? Niemand,
kein Kolonisierter, kann dieser Entfremdung, dieser Zombifizierung entrinnen."
(Dany Bebel, karibische Autorin, taz vom 27.7.1990)
Die weiße Ideologie
von Arbeit, Geld und Naturausbeutung führte im Zuge 500jähriger Kolonisation
zur Auslöschung der Identität, neben unbeschreiblichen Greueltaten, sorgte
sie im Bewußtsein der Weißen dafür, die Schwarzen als schlechtere Menschen
zu sehen. Afrika wurde gleichgesetzt mit Barbarei. Auch heute noch. Diese
Moral bestimmt die Realität länger als wir es für möglich halten.
Die weiße Kultur siedelt
Farbige generell abseits "menschlicher Zivilisation" an, den Tieren
nahe. Umgekehrt resultiert gerade heute wieder eine Begeisterung für die Naturnähe
"der Urvölker" an ihrer faszinierenden Kultur- und natürlichen Lebensweise.
Daß es dabei mehr um eine Kritik an der eigenen weißen Kultur, als um die
Lebensverhältnisse der anderen Menschen geht, auf die sie ihre Faszination
übertragen, gehört zu diesem Ursprung.
Die Mythen vom Unbekannten
und Fremden leben fort. Multikulturell natürlich. Nicht von ungefähr hat sich
auch eine Linke, ob antiimperialistisch oder nicht, mit Vorwürfen über ihre
Arroganz und Überheblichkeit, z.B. auf Kongressen oder Tagungen, auseinanderzusetzen.
Eurozentristisch und zum Teil rassistisch ist auch diese Art. Wenn auch nicht
im Zuge kolonialer Ausbeutung!
Der schwarze Kontinent,
das schwarze Gold, Afrika schien außer Sklaven keine Schätze zu bieten, war
neben den bekannten sagenhaften Reichtümern Asiens und Lateinamerikas für
die europäische Gesellschaft eine wahre Fundgrube für neue kostenlose Arbeitstiere.
Später dann avancierten sie zum idealen Objekt kolonialer Erziehung.
Sie blieben Arbeitstiere,
wurden jedoch SchülerInnen von Weißen. "Ihr Aberglaube" ruft bis
heute Missionare in vorderster Front mit Ethnologen im Schlepptau auf den
Plan. Die Schwarzen waren und sind Objekte ihrer unstillbaren Missionsbestrebungen,
da sie als Wesen ohne kulturelle und soziale Weiterentwicklung betrachtet
werden. Der Faschismus und seine Rassentheorie betrieb mit dieser Annahme
eine grauenhafte Ausrottungspolitik.
Im Zuge unterschiedlicher
Aspekte kolonialer Gewaltverhältnisse gehört auch heute das weitverbreitete
Märchen vom gehorsamen Eingeborenen, der sich den Weißen anbiedert oder unterwirft,
und in der Hierarchie an unterster Stelle steht, zum vielzitierten europäischen
Kulturgut.
Um so verblüffter wird
die Forderung der OAU (Organisation Afrikanischer Einheit), auf ihrem letzten
Gipfeltreffen Anfang Juni 91 in Nigeria, nach Reparationen für die Versklavung
aufgenommen und als unrealistisch abgetan.
Die ehemaligen europäischen
Kolonialmächte sollen Afrika eine Wiedergutmachung für die Versklavung von
Millionen schwarzer Menschen zahlen. Europa soll wirtschaftlich und moralisch
in die Pflicht genommen werden mittels Schuldenerlaß, verstärkter Hilfe, und
einer für Afrika akzeptablen Reformierung des Weltwirtschaftssystems.
Daß diese Wiedergutmachungsforderung
an Europa auch in den Auseinandersetzungen um eine afrikanische Machtpolitik
zu suchen ist, ist eine andere Frage. Entscheidend ist vielmehr die Tatsache
eines weiteren moralischen Druckmittels der Länder der "3. Welt"
gegenüber dem reichen Norden. Der Wind des Wandels hat auch Afrika erfaßt.
Nicht zuletzt soll an
dieser Stelle eine Kampagne 1992 von medico international stehen. "Der
Brand der großen Bibliothek" ist ein Aufruf zur Rückgabe geraubter Kulturgüter.
Die Länder der Opfer 500-jähriger Kolonisation sind systematisch leergefegt
von eigenen Kunst- und Kulturobjekten.
Ob Pizarro den gesamten
Goldschmuck des Inka Atahualpa einschmelzen und nach Spanien bringen ließ,
oder die Berliner Museenverwaltung 1983 allein 6500 ethnographische Exponate
aus Britisch-Kolumbien einkassiert, oder tausende Fundstücke aus Afrika, Asien
und Lateinamerika in verschiedenen Völkerkundemuseen ihr Dasein fristen, die
gestohlene Kultur lagert außerhalb der Reichweite der "3.Welt".
Nur hier können die Menschen aus den armen Ländern ihre eigene Kulturgeschichte
mühsam zusammensuchen.
Aus den Ruinen der "verbrannten
großen Kultur" der "Primitiven" nährten sich von den Expressionisten,
den Kubisten über Picasso und den Surrealisten bis zur Aktionskunst unzählige
Ideen europäischer Kultur.
Ganz abgesehen von den
raubenden Kunstliebhabern und Touristen, die gerade heute gigantische Mengen
lateinamerikanischer, asiatischer und afrikanischer Kunst zersprengen und
zermeißeln, um ihre privaten Museen zu schmücken oder um die Gegenstände für
teures Geld an europäische Auktionshäuser oder US-amerikanische Museen zu
verkaufen.
Die materielle Ausbeutung
durch Europa, die USA, Japan usw. ist die eine Seite. Die andere, "nicht
in Geld auszudrückende ist wahrscheinlich schlimmer: Die anmaßende Geste hochzivilisierter
Herrenmenschen, die ganze Kulturen, das Gedächtnis, Erfahrung und Erinnerung,
das feinste und intimste menschliche Substrat der Armen als ihr Eigentum beschlagnahmt
haben." (aus dem Aufruf zur Rückgabe der Kulturgüter von medico international,
Rundschreiben 4/90.)
Rundbrief
des Monimbo e.V., Darmstädterstr.23, 6057 Dietzenbach zur Kampagne "emancipation
e identidad de america latina 1492-1992"
Alice
Walker: Im Tempel meines Herzens. Roman, Rowohlt, 1991
Veronika
Bennholdt-Thomsen, "El socialismo ha muerto! Viva el socialismo?"
aus der mexikanischen Zeitschrift "El Solar", Juchitan 1991
Kontaktadresse:
Schwarzer Faden, Postfach 1159, W-7043 Grafenau
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