AG
"Anarchismus, Feminismus und Staat""Die Machtergreifung
der Männer im Staat ist eine Reorganisation des 'Geschlechterverhältnisses',
die einer Reduktion des Menschlichen auf das Männliche gleichkommt (...)".
Gerda Lerner
(Die Entstehung des Patriarchats, 1991)
1. Feminismus und Staat
2. Staat und Patriarchat
3. Anarchismus und Feminismus
Nachdem die soziale
Aufbruchsstimmung der siebziger und frühen achtziger Jahre verflogen ist,
haben auch große Teile der Frauenbewegung den 'Marsch durch die Institutionen
angetreten, um sich im bundesdeutschen Staatsgehäuse einzurichten (Frauenministerium,
Frauenförderungsprogramme, Quote, usw.). Feministische Kritikerinnen einer
'Verstaatlichung der Frauenfrage' richten ihre Forderungen (z. B. Abschaffung
Paragraph 218) gleichwohl ebenfalls an den Staat. Andere Feministinnen lehnen
den Staat als "schmutziges politisches Geschäft von Männern" generell
ab und ziehen sich in - häufig wiederum von 'Staatsknete' abhängige -
Frauenprojekte und Mütterzentren zurück.
Allen drei (hier nur
äußerst verkürzt dargestellten) Tendenzen innerhalb der Frauenbewegung ist
u.E. gemeinsam, daß die Haltung zum Staat nicht klar bestimmt wird: Der Staat
erscheint nicht als eine aus der Gesellschaft heraus entstandene Institution
(= Einrichtung) mit einer konkreten Geschichte, Entwicklung und Struktur,
sondern als väterliche Autorität, frauenfreundlicher Reformer oder patriarchaler
Dämon. Wie auch innerhalb der 'Neuen Linken' und den 'Neuen Sozialen Bewegungen'
wird die 'Staatsfrage' in der Frauenbewegung zuwenig erörtert, was ihrer Integration
(= Eingliederung) in das bestehende System nach dem Vorbild von Arbeiterbewegung
und 'Grünen' Vorschub leistet. Hinsichtlich des bisher noch wenig beleuchteten
Verhältnisses zwischen Frauen und Staat bewegen uns folgende Fragen:
Vereinfacht formuliert,
umfaßt 'Patriarchat' (= Vaterherrschaft) die organisierte Herrschaft des 'weißen
Mannes' nicht nur über Frauen, sondern auch über Kinder, (besiegte) Männer,
die sog. 'Kolonien', die 'Natur'. Seine Ideologie: der 'Maskulinismus' als
Überhöhung sog. 'männlicher' Werte. Seine Struktur: der hierarchische 'Männerbund'.
Das ihm zugrundeliegende soziale Herrschaftsverhältnis: der `Paternalismus'
als Tauschbeziehung zwischen autoritär-fürsorglichem Vater (bzw. Staat) und
abhängigen Schutz befohlenen. Zeitlich ist das Patriarchat wesentlich älter
als der Kapitalismus und überdies (inzwischen) ein universales Phänomen. Dennoch
besitzt die Kritik der kapitalistischen Ausbeutung eine weitaus umfassendere
Tradition als die Patriarchatskritik, einem bisher wenig beachteten Zugang
zur Herrschaftsanalyse.
Den Staat betrachten
wir in all seinen Ausformungen bis hin zum Nationalstaat liberal-demokratischer
Ausrichtung, aber auch in seiner marxistisch-leninistischen oder maoistischen
Variante als die politische Organisationsform des Patriarchats. Geschichtlich
verdankt der Territorialstaat seine Entstehung einem Vertrag unter Männern
mit Ausschluß der Frau als politisch unmündiger 'Abart' des Menschen. Dabei
überließen die patriarchalischen Familienoberhäupter einen Teil ihrer 'Rechte',
z.B. die Bestrafung bis hin zur Tötung unbotmäßiger Ehefrauen, Kinder oder
Leibeigener, dem Staat, behielten aber die private 'Vormundschaft' über 'ihre'
Familie. Der Staat trat in die Rolle der zentralen väterlichen Schutz- und
Strafinstanz ein.
Trotz der formalen Gleichstellung
der Geschlechter und Frauenförderungsmaßnahmen in den westlichen kapitalistischen
Staaten bleibt die Frage offen, inwieweit Reformen politische Organisationsstrukturen
außer kraft setzen können, die grundlegend auf Sexismus beruhen.
Aus dem Vorhergesagten wird deutlich, daß eine Staatskritik ohne Patriarchatskritik ihren Namen nicht verdient. Was heißt jedoch Patriarchat konkret?
An dieser Stelle können
wir vorerst nur einige Merkmale und Thesen nennen:
- Bis heute gilt 'der
Mann', insbesondere der weiße, gesunde, besitzende Mann, als der wahre Mensch,
die 'Krone der Schöpfung', der Träger gesellschaftlicher (technologischer)
Entwicklung, der 'Normalfall', an dessen Maßstab alles 'Abweichende' gemessen
wird.
- Zu den maskulinen
Idealen gehören Eigenschaften, die Dominanz beinhalten, wie Durchsetzungsvermögen,
Gefühlskontrolle, rationales Kalkül, 'den inneren Schweinehund überwinden',
usw. Emotionalität, Einfühlungsvermögen oder Harmoniebedürfnis werden als
'Schwächen' eingestuft und mit dem Stempel 'weiblich' oder 'weibisch' versehen.
Diese Werteskala haben auch Frauen verinnerlicht.
- 'Patriarchat' zerreißt
das menschliche Individuum in zwei Hälften und richtet sie gegeneinander:
'männlich' und 'weiblich'. Der patriarchale Mann versucht seine 'minderwertigen'
'weiblichen' Anteile in sich abzutöten. Die Frau wird auf die sklavische Rolle
des passiven, empfangenden, verharrenden Weibchens zurechtgestutzt. Männer,
die sich patriarchalen Verhaltensformen verweigern, werden innerhalb der Männerhierarchie
auf die unterste Stufe verwiesen. Frauen in traditionellen Männerdomänen gelten
als 'Mannweiber'. 'Männlichkeit' und 'Weiblichkeit' sind nicht im biologischen
Sinne, aber in ihrer sozialen Zurichtung "historische Geschlechtskrankheiten"
(Christina Thürmer-Rohr, Vagabundinnen, 3. Aufl. 1987), die eine umfassende
Entfaltung menschlicher Individualität verhindern, wenn nicht zerstören. Die
Anpassung von Frauen an das maskuline Wertesystem bzw. im umgekehrten Falle
die Aufwertung 'weiblicher' Tugenden heben diesen Gegensatz nicht auf, sondern
vertiefen ihn.
- Patriarchatskritik
ist keine 'Frauenfrage', sondern eine Geschlechterfrage. Das Patriarchat ist
nicht nur frauen- und kinderfeindlich, sondern ganz allgemein menschen- und
lebensfeindlich. Aufrechterhalten wurde und wird es von Männern wie Frauen,
letztere allerdings bis auf Ausnahmen in untergeordneten Positionen.
Die Befreiung der Frauen
von patriarchalischer Herrschaft bleibt untrennbar mit der Abschaffung aller
Formen von Herrschaft verknüpft. Dennoch hat der Feminismus seine bedürfnisorientierten,
dezentralen und nichthierarchischen Anfänge, die sich u.a. in vielfältigen
Initiativen und Aktionen ohne Führungsstrukturen artikulierten, nicht in Richtung
einer umfassenden Herrschaftskritik fortentwickelt, die auch den Staat einbezieht.
Umgekehrt hat die anarchistische Bewegung in der BRD feministische Inhalte
bisher wenig zur Kenntnis genommen:
Der Staat ist kein über
den Köpfen der Menschen schwebender Apparat, sondern konkreter politischer
Ausdruck sozialer Herrschaftsbeziehungen zwischen den Menschen. Das wird auch
daraus deutlich, daß gesellschaftliche Emanzipationsbewegungen (Emanzipation
= e + manus + capere = aus jemandes Hand herausnehmen) stets Auswirkungen
auf den Staat zeitigen und zu institutionellen Veränderungen veranlassen.
Bei dem Versuch, Herrschaft aus patriarchatskritischer Sicht zu beschreiben,
sind wir auf den Begriff des 'Paternalismus' gestoßen:
"Paternalismus
(...) bezeichnet die Beziehung einer dominierenden Gruppe, die als überlegen
gilt, zu einer untergeordneten Gruppe, die für unterlegen gehalten wird, -
eine Beziehung, in der die Dominanz durchgesetzt und vermittelt wird durch
gegenseitige Verpflichtungen und (...) Rechtsansprüche. Die Dominierten tauschen
Unterwerfung gegen Schutz, unbezahlte Arbeit gegen Unterhalt. Seinem historischen
Ursprung nach leitet sich dieses Beziehungsgefüge ab von den Familienbeziehungen,
die unter dem Patriarchat entstanden, bei denen der Vater über alle Mitglieder
des Haushaltes die absolute Macht ausübte. Im Austausch dagegen mußte er ihren
wirtschaftlichen Unterhalt und Schutz gewährleisten."
Nach unserer These sind
die heutigen sozialen Verhältnisse vielfach von Paternalismus (Bevormundung)
geprägt, z. B. zwischen Eltern und Kindern, Männern und Frauen, 'Gesunden'
und 'Behinderten', Weißen und Schwarzen, ArbeitgeberInnen und Lohnabhängigen,
Staat und BürgerInnen, ExpertInnen und LaInnen, usw. Aufrechterhalten wird
paternalistische Dominanz (= Beherrschung) durch kulturell und psychologisch
tiefverankerte Geschlechterstereotypen (stereotyp = feststehend, in der Form
erstarrt), die auf andere unterlegene Gruppen übertragen werden. In der weiteren
Diskussion werden wir versuchen, die Wirkungen von Paternalismus näher zu
ergründen und Alternativen zu entwickeln:
Frauen-AG / Mittwochsgruppe, Ffm
Kontaktadresse:
zum Inhaltsverzeichnis LT '93-Informationsmappe
zurück zur Anfangsseite