A im KreisAG "Anarchismus, Feminismus und Staat"

"Die Machtergreifung der Männer im Staat ist eine Reorganisation des 'Geschlechterverhältnisses', die einer Reduktion des Menschlichen auf das Männliche gleichkommt (...)".
Nicolaus Sombart (Die deutschen Männer und ihre Feinde, 1991)

"Die sexuelle Unterordnung der Frauen wurde in den frühesten Rechtsordnungen institutionalisiert und mit allen dem Staat zur Verfügung stehenden Mitteln durchgesetzt. Die Kooperation der Frauen in diesem System wurde auf verschiedene Art sichergestellt: durch Anwenden von Gewalt, durch ökonomische Abhängigkeit vom männlichen Familienoberhaupt, durch das Gewähren von klassenspezifischen Privilegien für sich anpassende und abhängige Frauen der Oberschichten und durch die künstlich-willkürliche Unterteilung der Frauen in respektable und nichtrespektable Frauen."
Gerda Lerner (Die Entstehung des Patriarchats, 1991)

Die AG umfaßt inhaltlich folgende Schwerpunkte:

1. Feminismus und Staat
2. Staat und Patriarchat
3. Anarchismus und Feminismus

1. Feminismus und Staat

Nachdem die soziale Aufbruchsstimmung der siebziger und frühen achtziger Jahre verflogen ist, haben auch große Teile der Frauenbewegung den 'Marsch durch die Institutionen angetreten, um sich im bundesdeutschen Staatsgehäuse einzurichten (Frauenministerium, Frauenförderungsprogramme, Quote, usw.). Feministische Kritikerinnen einer 'Verstaatlichung der Frauenfrage' richten ihre Forderungen (z. B. Abschaffung Paragraph 218) gleichwohl ebenfalls an den Staat. Andere Feministinnen lehnen den Staat als "schmutziges politisches Geschäft von Männern" generell ab und ziehen sich in - häufig wiederum von 'Staatsknete' abhängige -  Frauenprojekte und Mütterzentren zurück.

Allen drei (hier nur äußerst verkürzt dargestellten) Tendenzen innerhalb der Frauenbewegung ist u.E. gemeinsam, daß die Haltung zum Staat nicht klar bestimmt wird: Der Staat erscheint nicht als eine aus der Gesellschaft heraus entstandene Institution (= Einrichtung) mit einer konkreten Geschichte, Entwicklung und Struktur, sondern als väterliche Autorität, frauenfreundlicher Reformer oder patriarchaler Dämon. Wie auch innerhalb der 'Neuen Linken' und den 'Neuen Sozialen Bewegungen' wird die 'Staatsfrage' in der Frauenbewegung zuwenig erörtert, was ihrer Integration (= Eingliederung) in das bestehende System nach dem Vorbild von Arbeiterbewegung und 'Grünen' Vorschub leistet. Hinsichtlich des bisher noch wenig beleuchteten Verhältnisses zwischen Frauen und Staat bewegen uns folgende Fragen:

2. Staat und Patriarchat

Vereinfacht formuliert, umfaßt 'Patriarchat' (= Vaterherrschaft) die organisierte Herrschaft des 'weißen Mannes' nicht nur über Frauen, sondern auch über Kinder, (besiegte) Männer, die sog. 'Kolonien', die 'Natur'. Seine Ideologie: der 'Maskulinismus' als Überhöhung sog. 'männlicher' Werte. Seine Struktur: der hierarchische 'Männerbund'. Das ihm zugrundeliegende soziale Herrschaftsverhältnis: der `Paternalismus' als Tauschbeziehung zwischen autoritär-fürsorglichem Vater (bzw. Staat) und abhängigen Schutz befohlenen. Zeitlich ist das Patriarchat wesentlich älter als der Kapitalismus und überdies (inzwischen) ein universales Phänomen. Dennoch besitzt die Kritik der kapitalistischen Ausbeutung eine weitaus umfassendere Tradition als die Patriarchatskritik, einem bisher wenig beachteten Zugang zur Herrschaftsanalyse.

Den Staat betrachten wir in all seinen Ausformungen bis hin zum Nationalstaat liberal-demokratischer Ausrichtung, aber auch in seiner marxistisch-leninistischen oder maoistischen Variante als die politische Organisationsform des Patriarchats. Geschichtlich verdankt der Territorialstaat seine Entstehung einem Vertrag unter Männern mit Ausschluß der Frau als politisch unmündiger 'Abart' des Menschen. Dabei überließen die patriarchalischen Familienoberhäupter einen Teil ihrer 'Rechte', z.B. die Bestrafung bis hin zur Tötung unbotmäßiger Ehefrauen, Kinder oder Leibeigener, dem Staat, behielten aber die private 'Vormundschaft' über 'ihre' Familie. Der Staat trat in die Rolle der zentralen väterlichen Schutz- und Strafinstanz ein.

Trotz der formalen Gleichstellung der Geschlechter und Frauenförderungsmaßnahmen in den westlichen kapitalistischen Staaten bleibt die Frage offen, inwieweit Reformen politische Organisationsstrukturen außer kraft setzen können, die grundlegend auf Sexismus beruhen.

Aus dem Vorhergesagten wird deutlich, daß eine Staatskritik ohne Patriarchatskritik ihren Namen nicht verdient. Was heißt jedoch Patriarchat konkret?

An dieser Stelle können wir vorerst nur einige Merkmale und Thesen nennen:

- Bis heute gilt 'der Mann', insbesondere der weiße, gesunde, besitzende Mann, als der wahre Mensch, die 'Krone der Schöpfung', der Träger gesellschaftlicher (technologischer) Entwicklung, der 'Normalfall', an dessen Maßstab alles 'Abweichende' gemessen wird.

- Zu den maskulinen Idealen gehören Eigenschaften, die Dominanz beinhalten, wie Durchsetzungsvermögen, Gefühlskontrolle, rationales Kalkül, 'den inneren Schweinehund überwinden', usw. Emotionalität, Einfühlungsvermögen oder Harmoniebedürfnis werden als 'Schwächen' eingestuft und mit dem Stempel 'weiblich' oder 'weibisch' versehen. Diese Werteskala haben auch Frauen verinnerlicht.

- 'Patriarchat' zerreißt das menschliche Individuum in zwei Hälften und richtet sie gegeneinander: 'männlich' und 'weiblich'. Der patriarchale Mann versucht seine 'minderwertigen' 'weiblichen' Anteile in sich abzutöten. Die Frau wird auf die sklavische Rolle des passiven, empfangenden, verharrenden Weibchens zurechtgestutzt. Männer, die sich patriarchalen Verhaltensformen verweigern, werden innerhalb der Männerhierarchie auf die unterste Stufe verwiesen. Frauen in traditionellen Männerdomänen gelten als 'Mannweiber'. 'Männlichkeit' und 'Weiblichkeit' sind nicht im biologischen Sinne, aber in ihrer sozialen Zurichtung "historische Geschlechtskrankheiten" (Christina Thürmer-Rohr, Vagabundinnen, 3. Aufl. 1987), die eine umfassende Entfaltung menschlicher Individualität verhindern, wenn nicht zerstören. Die Anpassung von Frauen an das maskuline Wertesystem bzw. im umgekehrten Falle die Aufwertung 'weiblicher' Tugenden heben diesen Gegensatz nicht auf, sondern vertiefen ihn.

- Patriarchatskritik ist keine 'Frauenfrage', sondern eine Geschlechterfrage. Das Patriarchat ist nicht nur frauen- und kinderfeindlich, sondern ganz allgemein menschen- und lebensfeindlich. Aufrechterhalten wurde und wird es von Männern wie Frauen, letztere allerdings bis auf Ausnahmen in untergeordneten Positionen.

3. Anarchismus und Feminismus

Die Befreiung der Frauen von patriarchalischer Herrschaft bleibt untrennbar mit der Abschaffung aller Formen von Herrschaft verknüpft. Dennoch hat der Feminismus seine bedürfnisorientierten, dezentralen und nichthierarchischen Anfänge, die sich u.a. in vielfältigen Initiativen und Aktionen ohne Führungsstrukturen artikulierten, nicht in Richtung einer umfassenden Herrschaftskritik fortentwickelt, die auch den Staat einbezieht. Umgekehrt hat die anarchistische Bewegung in der BRD feministische Inhalte bisher wenig zur Kenntnis genommen:

4. Weitere Überlegungen

Der Staat ist kein über den Köpfen der Menschen schwebender Apparat, sondern konkreter politischer Ausdruck sozialer Herrschaftsbeziehungen zwischen den Menschen. Das wird auch daraus deutlich, daß gesellschaftliche Emanzipationsbewegungen (Emanzipation = e + manus + capere = aus jemandes Hand herausnehmen) stets Auswirkungen auf den Staat zeitigen und zu institutionellen Veränderungen veranlassen. Bei dem Versuch, Herrschaft aus patriarchatskritischer Sicht zu beschreiben, sind wir auf den Begriff des 'Paternalismus' gestoßen:

"Paternalismus (...) bezeichnet die Beziehung einer dominierenden Gruppe, die als überlegen gilt, zu einer untergeordneten Gruppe, die für unterlegen gehalten wird, - eine Beziehung, in der die Dominanz durchgesetzt und vermittelt wird durch gegenseitige Verpflichtungen und (...) Rechtsansprüche. Die Dominierten tauschen Unterwerfung gegen Schutz, unbezahlte Arbeit gegen Unterhalt. Seinem historischen Ursprung nach leitet sich dieses Beziehungsgefüge ab von den Familienbeziehungen, die unter dem Patriarchat entstanden, bei denen der Vater über alle Mitglieder des Haushaltes die absolute Macht ausübte. Im Austausch dagegen mußte er ihren wirtschaftlichen Unterhalt und Schutz gewährleisten."
Gerda Lerner (Die Entstehung des Patriarchats, 1991)

Nach unserer These sind die heutigen sozialen Verhältnisse vielfach von Paternalismus (Bevormundung) geprägt, z. B. zwischen Eltern und Kindern, Männern und Frauen, 'Gesunden' und 'Behinderten', Weißen und Schwarzen, ArbeitgeberInnen und Lohnabhängigen, Staat und BürgerInnen, ExpertInnen und LaInnen, usw. Aufrechterhalten wird paternalistische Dominanz (= Beherrschung) durch kulturell und psychologisch tiefverankerte Geschlechterstereotypen (stereotyp = feststehend, in der Form erstarrt), die auf andere unterlegene Gruppen übertragen werden. In der weiteren Diskussion werden wir versuchen, die Wirkungen von Paternalismus näher zu ergründen und Alternativen zu entwickeln:

Frauen-AG / Mittwochsgruppe, Ffm

Kontaktadresse:
Frauen-AG/Mittwochsgruppe, c/o Dezentral, Sandweg 131a, W-6000 Frankfurt/M. 1



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