"Der
Antisemit macht den Juden..."1. Im Windschatten des
aufkeimenden Nationalismus bricht der Antisemitismus aus den Stammtischrevieren
aus. Offene Judenfeindschaft nimmt auch in Deutschland wieder deutlich zu.
Die nach 1945 aufgrund der Massenvernichtung des europäischen Judentums weitgehend
wirksame Tabuisierung des öffentlichen Antisemitismus mittels eines verordneten
Philosemitismus scheint zunehmend unwirksam. Die von Ausnahmen abgesehen -
z.B. periodisch wiederkehrenden Schändungen jüdischer Grabstätten zu Ostern
und am 9./10. November - bisher weitgehend im privaten, nichtöffentlichen
Bereich verharrenden antijüdischen Ressentiments (Vorurteil, Abneigung) artikulieren
sich seit den 80er Jahren wieder lautstarker und ungenierter. Nach wie vor
bezeugen 13 Prozent der Bevölkerung im wiedervereinigten Deutschland ihre
antisemitische Einstellung.
Das rasche Aufkommen
rechtsextremer Politik beschleunigt diese verhängnisvolle Entwicklung. Einher
geht dies mit einem sogenannten 'historischen Revisionismus', gewissermaßen
der gemeinsame Nenner sämtlicher judenfeindlicher Bewegungen. Dieser zielt
auf eine pseudoakademische Ableugnung der Vernichtung von sechs Millionen
jüdischer Menschen während des Zweiten Weltkrieges durch das staatsterroristische
NS-Regime ab. In Deutschland erhält dieser Befund allerdings aufgrund der
Besonderheit hiesiger Geschichte während des Nationalsozialismus ('Auschwitz')
seine besondere Brisanz.
2. Zugleich hat eine
gewisse 'Internationalisierung' des Antisemitismus insofern stattgefunden,
daß das besondere Augenmerk der 'Weltöffentlichkeit' der Politik Israels gilt.
Menschenrechtsverstöße von Israelis an PalästinenserInnen begangen, führen
vielfach zu einem höheren Maß an Betroffenheit als z.B. die fortgesetzte Vernichtungspolitik
des irakischen Staatsterroristen Hussein gegen die eigene kurdische und schiitische
Bevölkerung.
3. Die Juden/Jüdinnenfeindschaft,
also Antijudaismus, Judäophobie (Angst vor Jüdinnen und Juden) und Antisemitismus,
gilt als die älteste heute noch existierende Gruppenfeindschaft seit dem Altertum:
Christlicher, religiöser Antijudaismus, der heute im pseudochristlich-esoterischen
Gewand daherkommt, rassischer Antisemitismus, der in Deutschland zur Shoah
führte sowie aktuell ein sich antizionistisch tarnender Antisemitismus, der
Israel benennt und gleichzeitig sämtliche Jüdinnen und Juden meint. Antisemitismus
basiert "weit mehr als auf den wirklichen Eigenschaften der Juden auf
subjektiven Faktoren und der allgemeinen Situation des Antisemiten... Die
Determinanten (Bestimmungen) antisemitischer Einstellungen (sind) bei den
Personen zu suchen, die sie äußern." (Theodor W. Adorno, Studien zum
autoritären Charakter, 1973, S. 3) Der französische Philosoph Jean-Paul Sartre
hat diesen Befund in seinen 'Betrachtungen zur Judenfrage' (1945/46) ähnlich
formuliert. Darin verortete er den Antisemitismus als eine Erfindung der Nichtjuden.
In einer von Nichtjuden majorisierten Gesellschaft beeinflusse diese Tatsache
allerdings die Lebenswelt jüdischer Menschen nachhaltig. Erst sozialer Druck
seitens der christlichen Umgebung erschuf den Juden, "indem sie seine
Assimilation jäh unterbrochen haben und indem sie ihm gegen seinen Willen
eine Funktion aufgezwungen haben... Der Jude ist der Mensch, den die anderen
als solchen betrachten... Der Antisemit macht den Juden." (In: ders.,
Drei Essays, 1977, S. 143)
4. In Deutschland -
und vor allem hierauf sollte sich die Diskussion dieser Arbeitsgruppe beschränken
- gilt folgendes: Der bevölkerungsmordende Antisemitismus ('Auschwitz') ist
ein Spezifikum deutscher Geschichte. Wir gehören einem Kollektiv an, dessen
Väter und Großväter, Mütter und Großmütter, soweit nicht den Verfolgungs-
und Vernichtungsmechanismen des NS ausgesetzt, ob aktiv oder passiv, in einem
beträchtlichen Umfang an dem bisher grauenhaftesten Menschheitsverbrechen
beteiligt waren. Auschwitz steht hier als Synonym (Sinnverwandtschaft) des
auf gesellschaftlicher Arbeitsteilung beruhenden, verwaltungstechnisch-industriellen
Massenmordes an sechs Millionen Jüdinnen und Juden, denen das Lebensrecht
allein aufgrund ihrer Abstammung abgesprochen wurde. Zum erstenmal hat ein
Staat mit allen ihm zur Verfügung stehenden Machtmitteln systematische Tötungen
von Menschen geplant und ausgeführt.
Gleichwohl ist die Erfahrung
der Vernichtung des europäischen Judentums bis heute marginal (randständig)
geblieben. Noch immer wirkt ein latenter (verborgen) Antisemitismus als stereotype
und feindselige Ungleichbehandlung jüdischer Menschen fort. Auch nach Auschwitz
beruht die bürgerliche Gesellschaft auf Antisemitismus, d. h. neben der Einmaligkeit
des 'Holocaust' muß zugleich von Zivilistionsbruch und Kontinuität ausgegangen
werden. Die gesellschaftlichen Faktoren nämlich, die zu Auschwitz geführt
haben, existieren nach wie vor. So ist beispielsweise der Terror tief in die
moderne Zivilisation mit seiner industriellen, auf staatlicher Herrschaftssicherung
und Profitmaximierung angelegten Wirtschaftsorganisation zementiert. Der Antisemitismus
findet seine Grundlagen in den bestehenden Lebensverhältnissen ebenso wie
im Bewußtsein und Unbewußtsein der Menschen. Die bürgerliche Gesellschaft
kann ohne die Entstellung des Individuums mittels des Antisemitismus nicht
existieren. Antisemitismus als Bedingungsfaktor bürgerlicher Gesellschaft
lebt vom nichtreflexiven Denken, von der "Kälte des bürgerlichen Subjekts"
(Theodor W. Adorno).
5. Da Auschwitz das
sich offenbarende Wesen unserer bürgerlich-industriellen Gesellschaftsordnung
darstellt, ist gesellschaftliche Emanzipation allein über Auschwitz möglich,
nämlich Auschwitz zu gedenken. Hierbei haben wir unser Denken und Handeln
so einzurichten, "daß Auschwitz sich nicht wiederhole, nichts Ähnliches
geschehe." (Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, 1966, S. 356) Dies bedeutet, den Status quo von (staatlicher) Herrschaft, Unterdrückung
sowie obrigkeitlichem Denken und Handeln dauerhaft aufzuheben. Allein die
wiederholte Reflexion (Betrachtung) über Auschwitz und seine Folgen, das ständige
Offenlegen antisemitischer Ressentiments vermag der Utopie einer antihierarchischen,
antistaatlichen, antipatriarchalischen und von Antisemitismus freien Gesellschaft
Prägekraft zu verleihen. In den Blick bekommen müssen wir staatliche, ökonomische
und ideologische Herrschaft und das, was sie zur totalen Beherrschung macht.
Demnach ist im Phänomen der totalen Herrschaft eine Realität zu erkennen,
die bis in unsere heutige Arbeits- und Konsumgesellschaft hineinreicht - ohne
hierbei allerdings die qualitativen Unterschiede zwischen NS und parlamentarischer
Vertretungsdemokratie zu verwischen. Einzig ein antistaatlicher Gesellschaftsentwurf,
der die für eine Industriegesellschaft und damit auch bezüglich von Auschwitz
konstitutiven Ideologien und Machtstrukturen radikal in Frage stellt und nicht
durch neue Denksysteme und staatliche Machtapparate ersetzt, sondern diese
überwinden möchte, hat überhaupt eine Chance, umfassend emanzipatorisch zu
wirken.
6. Somit haben die historisch
gewonnenen Erfahrungen von Auschwitz, auch wenn wir den Geschehnissen in den
NS-Vernichtungslagern immer noch fassungslos gegenüberstehen, nicht nur als
universalistischer (umfassender) Ausgangspunkt eines Verständnisses des NS-Regimes
zu gelten, sondern auch als Grundpfeiler einer libertären Kultur hierin Einklang
zu finden. Kritisches und bewahrendes Erinnern kann deshalb nur heißen: nicht
wiederholen. Indem die Vergangenheit nicht instrumentalisiert wird, sondern
lebendig bleibt, bedeutet Erinnern kein Programm, sondern politische Praxis,
ja eine Lebensform: "Auch die Vergangenheit ist Zukunft." Dieses
Diktum des libertären Kulturphilosophen Gustav Landauer behält besonders nach
Auschwitz seine Gültigkeit und zwar dann, wenn wir der bestehenden, verdinglichten
Gesellschaft weiterhin das Bedürfnis nach Freiheit und Herrschaftslosigkeit
entgegenhalten. Nur so scheint es möglich, auf dem Weg zu libertären, Auschwitz
nicht verdrängenden und vergessenden, sondern erinnernden Lebensverhältnissen
weitere Zivilisationsbrüche zu vermeiden. Libertäre Kulturkritik kann nicht
auf eine ständige Auseinandersetzung mit den Folgen von Auschwitz verzichten,
weil sonst die Gefahr besteht, daß wir uns nicht von Hierarchie und Herrschaft,
Staat und Kapitalismus, Patriarchat, Rassismus und Antisemitismus lösen werden.
Am Schluß noch einige
Fragen, an denen sich die Diskussion entzünden könnte:
Antisemitismus-AG,
Ffm
Kontaktadresse:
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