AG
Feminismus und RassismusWir sind eine Gruppe
von Frauen, die überwiegend aus der Graswurzelbewegung kommen. Wir schreiben
dieses Papier als weiße Feministinnen in der Bundesrepublik Deutschland, eine
von uns ist eine Italienerin. Wir verstehen die Bezeichnungen 'weiß' und 'schwarz'
als politische Begriffe. In unserem Positionspapier aus dem Jahr 1987 haben
wir festgestellt, daß "gewaltfreie Politik nicht aus sich selbst heraus
frauenbefreiend ist." Das "Wir" der Gewaltfreien war uns suspekt
geworden. Spätestens seit Sommer 1990 und den Erfahrungen auf dem Kölner Kongreß
'Frauen gegen Nationalismus - Rassismus/Antisemitismus' ist (uns) klar, daß
Feminismus nicht selbstverständlich auch antirassistisch ist.
II. Unsere bisherigen
Diskussionsstränge
Zum jetzigen Zeitpunkt
können wir unsere Diskussion noch nicht in eine stringente Form bringen. Wir
stellen deshalb einzelne Punkte und Stränge z. T. unverbunden vor.
Wenn wir im folgenden
von Rassismus sprechen, beziehen wir uns auf die Definition von Nora Räthzel
und Anita Kalpaka vom Hamburger Institut für Migrations- und Rassismusforschung.
Rassismus beruht darauf,
daß Rassen konstruiert werden. Die Konstruktion hat drei Merkmale:
1. Körperliche Merkmale
werden mit Verhaltensweisen und Eigenschaften verknüpft.
3. Es bestehen Machtverhältnisse
Entscheidend ist der
Machtfaktor; es geht um strukturelle Gewalt. Philomena Esset hat in einem
Beispiel verdeutlicht, daß jedes Verhalten in seinem konkreten strukturellen
Kontext gesehen werden muß: Als ein weißer Lehrer als Treffpunkt für eine
Verabredung mit seiner schwarzen Schülerin eine dunkle Straßenecke der Stadt
vorschlägt, bewertet sie sein Verhalten als rassistisch (der weiße Herr bestellt)
und sexistisch (er behandelt sie wie eine Prostituierte). Eine Verabredung
mit ihrer schwarzen Freundin an gleicher Stelle stände in einem völlig anderen
Kontext.
Wir werden zunehmend
von Frauen konfrontiert, die sich in unserem feministischen 'Wir' nicht mitgemeint
bzw sich verletzt und ausgegrenzt fühlen. Die Feststellung, daß wir gemeinsam
Opfer des Patriarchats sind, genügt nicht mehr. Bei (uns) weißen Feministinnen
tritt, seit wir uns mit Rassismus intensiver beschäftigen, eine große Verunsicherung
auf. Stellenweise bemerken wir ähnliche Abwehrmechanismen bei uns wie bei
Männern, die wir mit (ihrem) Sexismus konfrontieren. Von unserem Föga-Selbstverständnis
her geht es uns um Herrschaftsfreiheit
und Gewaltfreiheit. Wie unsere politische Verantwortung als weiße Feministinnen
angesichts von Rassismus aussieht, muß noch genauer geklärt werden.
Es ist betrüblich festzustellen,
daß auch bei der Bewertung von feministischen Aktionen unter weißen Feministinnen
ein Minimalkonsens nicht mehr unbedingt vorauszusetzen ist: Als in einer deutschen
Universitätsstadt 1990 eine Frau von Schwarzafrikanern vergewaltigt wurde,
verbrannten Frauen innerhalb einer Protestdemo vor dem Flüchtlingsheim eine
Puppe. Rassismus und Sexismus überlagern sich, ein Reagieren wird schwieriger.
Birgit Rommelspacher
hat den Begriff der 'weißen Dominanzkultur' in die Diskussion über Rassismus
gebracht und festgestellt, daß wir weißen Frauen nicht einfach nur Opfer sind,
sondern eine "multiple Identität" haben; oft sind auch wir Mit-Täterinnen
oder Täterinnen. Leben in einer Dominanzkultur heißt nach Rommelsbacher "Internalisierung
(= Verinnerlichung, EMH) meist unbewußter Strategien, die Privilegien und
Vormachtstellung zu erhalten und auszubauen mit Hilfe ständiger Hierarchisierungen
entsprechend den hier herrschenden kulturellen Normen in allen Bereichen des
Lebens."
Als weiße Feministinnen
der Mittelschicht innerhalb der Dominanzkultur sind wir sowohl von Dominanz
als auch von Diskriminierung geprägt (multiple Identität). Charakteristisch
für die 'weiße' Frauenbewegung ist z.B. die starke Betonung des Separatismus
(= Trennung, Absonderung) und die Ablehnung der Familienstruktur sowie die
Universalisierung (= Verallgemeinerung) dieser Position. Schwarze Frauen,
die Nichtmitglieder der Dominanzkultur sind, sondern von dieser unterdrückt
werden, setzen in ihrem Befrei
Unser Papier ist eine
Momentaufnahme; folgende Fragen bewegen uns (noch immer):
- Inwiefern ist Sexismus
und Rassismus zu vergleichen? (gender-Konstruktion, Bewertung des anderen
Geschlechts als minderwertig, Machtfaktor)
- Welche Bilder von
Gewalt betreffen 'uns' am stärksten ? Wie
ist das bei Frauen anderer Herkunft ? Gibt es eine Reihenfolge und Hierarchie der Unterdrückung und Gewalt
?
- In welchen Situationen
weigern wir uns, individuelles Verhalten von Männern (weißen und schwarzen)
und Weißen (Männern und Frauen) in seiner strukturellen Dimension zu erkennen
und zu benennen (Rassismus/Sexismus) ?
- Wie kann antirassistische
Politik im privaten und öffentlichen Raum aussehen ? (kein Paternalismus)
- Gibt es geschlechtsspezifische
Widerstandsformen gegen Rassismus/Antisemitismus/Gewalt ?
- Wie ist ein politisch
verantwortlicher Umgang mit unseren Privilegien als weiße Frauen in Deutschland
denkbar ? (Beispiele für Privilegien: politische Betätigung, Arbeitslosengeld,
Kinderkriegen oder nicht, Recht auf Bildung und Ausbildung, Befriedigung der
materiellen Grundbedürfnisse, Paß, der Rechte garantiert, Entscheidung über
Konsumverhalten etc.) Welche Privilegien sind abzugeben, welche zu behalten
und zu nutzen ?
- Welches Politikverständnis
ist innerhalb der 'weißen' Frauenbewegung verbreitet und wird verallgemeinert
? Was gilt als unpolitisch und vorpolitisch ?
- Gibt es verallgemeinerbare
(universalisierbare) Prioritäten in der politischen Zielsetzung, Strategie
und Organisationsform im privaten und öffentlichen Raum ?
Davon geht die 'weiße' Frauenbewegung meist aus !
- 'Wege in eine anarchistische
Gesellschaft' heißt in diesem Zusammenhang zunächst, unser konkretes rassistisches
Dominanzverhalten (Feminismus als Herrschaftsattitüde) fortlaufend aufzudecken
und bewußt zu machen sowie Anhaltspunkte für die individuelle und organisierte
Überwindung zu suchen.
Wir werden zu Beginn
der Arbeitsgruppe schauen, an welchem Punkt die einzelnen Frauen stehen und
wo wir in der Diskussion Schwerpunkte setzen. Anregungen (auch schriftlicher
Art) sind gerne gesehen.
Föga-Frauengruppe
Michelstadt, September
1992
Kontaktadresse bis zu
den libertären Tagen:
Föga-Frauengruppe, c/o
Andrea Löther, Schloßstr. 68, W-4806 Werther
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