A im KreisAG  Frauengeschichte als Widerstand gegen Herrschaft und Unterdrückung

Das allgemein gezeichnete Geschichtsbild ist von Männern gemacht. Nur wenige von ihnen versuchten ein Bild zu zeichnen, in dem Frauen vorhanden oder sogar gleichberechtigt Handelnde waren.

Wenn wir unser Geschichtsbild tiefgreifend auf den Anteil der Frauen überprüfen und entsprechend korrigieren, wird sich unser Weltbild verändern. Wir werden feststellen, daß es andere Lebensrealitäten von Frauen gab und gibt, als alltägliche intellektuelle und körperliche Unterdrückung (körperliche Bedrohung, Mißachtung iher Person/en...).

Frauen hatten vor der Entstehung von Patriarchaten ihre unangetasten Räume in Matriarchaten und in unterschiedlichen Matriarchatsformen, die sich teilweise bis heute erhalten haben.

Es gab und gibt Frauenräume, die sie selbstbewußt auch in patriarchalen Zeiten behalten haben bzw. die sie sich wieder erkämpften und erkämpfen, wie z.B. das Wissen über Verhütung, Fortpflanzung, ihren Körper (und die Bestimmung darüber), allgemeine Gesundheit, Austausch- und Diskussionsmöglichkeiten (z. B. Salons) über Politik, Philosophie, Kunst, Kultur...

Oft wurden diese "Frei"räume, in der Regel von Männern aber auch allgemein von Herrschern oder Herrscherinnen, als Bedrohung empfunden und institutionalisiert, d.h. kontrolliert oder mit brutalsten Mitteln zerstört (z. B. Hexenverfolgung/-ermordung).Während der gesamten Errichtung des Patriarchats und damit von Herrschaft, und zwar sowohl der Herrschaft von Männern über Frauen als auch der Herrschaft Einzelner über andere, gab es Widerstand gegen jegliche dieser Formen (z. B. Beginenbewegung im Mittelalter).

Die andere Lebensrealität von Frauen und Männern sowie dieser Widerstand sind wichtige Bestandteile in der Geschichte, deren Formen und Auswirkungen wir auch heute nutzen können.

Auch der Anarchismus bezieht sich als Theorie und Praxis der Befreiung von Herrschaft auf männliche Lebenswelten, auf den patriarchalen, öffentlichen Raum.

Die Räume von Frauen werden zwar auf Herrschaftsstrukturen überprüft, nicht jedoch die Bedürfnisse, die sie befriedigen (sollen), in die anarchistische Praxis einbezogen. Teile der feministischen Frauenbewegung werden z.B. heftigst kritisiert, da Frauen nicht mehr bereit sind, mit Männern zusammenzuarbeiten, sich mit ihnen über sie auseinanderzusetzen.

Der Anarchismus bietet sich jedoch als Theorie und Praxis, die vom Anspruch her jegliche Form von Herrschaft beseitigen will, an.

In der Arbeitsgruppe möchte ich die ausgeblendete Frauengeschichte und die schon gemachten Erfahrungen im Widerstand gegen Herrschaft und Unterdrückung in Auszügen beleuchten, diesen Mangel der anarchistischen Geschichtsschreibung in die Diskussion bringen, für heute nutzbar machen, d.h. auch Perspektiven für die Gegenwart  entwickeln.

Dazu freue ich mich auf unterschiedlichste Beiträge von Frauen - möglichst auch im Vorfeld.

ERLÄUTERUNGEN:

Die Beginen
"Die Beginen bildeten eine seit der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts im gesamten mitteleuropäischen Raum nachweisbare Bewegung von Frauen, die, ohne sich einem Orden anzuschließen oder Gelübde abzulegen, ein geistliches, gottgeweihtes Leben führen wollten. Sie strebten nach sexueller Enthaltsamkeit, freiwilliger Armut und geistlicher Vollkommenheit. (...)

Sie entwickelte sich spontan Ende des 12. Jahrhunderts im belgisch-niederländischen Raum, ohne zu einheitlichen Normen, Zielsetzungen oder einer gleichartigen Lebensgestaltung zu gelangen. (...)

Lebten die ersten Beginen noch allein, im Haus der Eltern oder bei Verwandten, so schlossen sie sich jetzt zu Kleinstgemeinschaften von 2 bis 6 Frauen zusammen, die ein Haus mieteten oder erwarben, sowie zu auf Eigeninitiative oder Stiftungen beruhenden Konventen größeren Ausmaßes. (...)Die Beginen waren von Beginn an mannigfaltigen Anfeindungen, Verdächtigungen und Verfolgungen ausgesetzt. Die kirchlichen Institutionen betrieben hierbei keine einheitliche Politik. Phasen der stillschweigenden Duldung oder sogar der bewußten Förderung des Beginenwesens wurden von anderen mit Verfolgung und Unterdrückung abgelöst. (...)

Der Bezeichnung Begine haftete mit unterschiedlicher Intensität immer wieder ketzerischer Beiklang an" (...), resultierend aus "der ungewöhnlichen Lebenform der Beginen sowie in ihrer Angewohnheit über theologische Fragen zu diskutieren, wobei sie nicht mit Kritik an der Amtskirche sparten und damit die kirchliche Lehrautoriät infrage stellten. (...)

Trotz ihrer unsicheren Gesamtsituation entwickelten sich die Beginenhäuser zu einer wichtigen Einrichtung der spätmittelalterlichen Städte, die zahlreichen alleinstehenden Frauen eine gesicherte Existenz ermöglichten. (...)

Das Leben im Konvent war, was Essens-, Schlafens-, Arbeitszeiten und religiöse Verpflichtungen betrifft, meist keinen strengen Regeln unterworfen. Letztere gingen selten über das auch von Laien geforderte Ausmaß hinaus."

aus: Annette Kuhn (Hrsg.) / Peter Ketsch: 'Frauen im Mittelalter', Band 2, Verlag Schwann, Düsseldorf

"(...) Frauen, die weder als herkömmliche Nonne noch als Klosterfrau identifiziert werden können, sie lehnen auch die ihnen bis dahin eröffneten Alternativen zur Ehe ab und fügen sich nicht in ein von Männern konzipiertes und reglementiertes monastisches Gemeinschaftsleben. In den Einrichtungen der Kirche, das ihnen Klausur, Gehorsam, Keuschheitsgelübde, Gemeinschaftseigentum, Hierarchie etc. abverlangt. (...) Über drei Jahrhunderte dauert es bis die nonkonforme, kirchenrechtlich und sozial statuslose Beginenbewegung mit Unterstüzung der hochspezialisierten Inquisitoren - der Dominikaner und Franziskaner - nach ausgedehnten und langandauernden Verfolgungen schließlich zerstört bzw. institutionalisiert werden kann. (...)"

aus: Ute Weinmann: "Mittelalterliche Frauenbewegung", S. 4

LESENSWERTE BÜCHER:

- Heide Göttner-Abendroth: "Das Matriarchat I" und "Das Matriarchat II,1", je 26.-DM, Verlag Kohlhammer, 1988 und 1991

- Ute Weinmann: "Mittelalterliche Frauenbewegung", 38.- DM, Verlag Centaurus, 2. Auflage 1991

- Verena von der Heyden Rynsch: "Europäische Salons - Höhepunkte einer versunkenen weiblichen Kultur", 39,80 DM, Verlag Artemis Winkler

- Gerda Lerner: "Die Entstehung des Patriarchats", 68.- DM, Verlag Campus, 1991

- Ulrike Klausmann/Marion Meinzerin: "Piratinnen", ca. 36.- DM, Verlag Frauenoffensive, 1992 (Lesebuch)

- Honegger u.a.: "Listen der Ohnmacht", Europäische Verlagsanstalt

- Ursula Linnhof: "Zur Freiheit, oh zur einzig wahren", ca. 29.- DM, Kiepenheuer-Verlag und/oder Ullstein-Verlag, vergriffen

- Claudia von Alemann: "Das nächste Jahrhundert wird uns gehören", Fischer-Verlag, vergriffen

- Bodo von Borries: "Wendepunkte der Frauengeschichte", Verlag Centaurus, 1990

- Marie E. P. König u.a.: "Weib und Macht - Fünf Millionen Jahre Urgeschichte der Frau", 12,80 DM, Fischer-Verlag, 1980

Rike Bürmann

Kontaktadresse:
Rike Bürmann, c/o Dezentral, Sandweg 131a, W-6000 Frankfurt/M. 1



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