A im KreisThesen zur AG Bildung und Erziehung ohne Herrschaft

Es ist zunächst festzustellen, daß für den Anarchismus Pädagogik ebenso wie der Polizeiapparat, das Militär oder die Rechtsprechung Bestandteil eines Herrschafts- und Unrechtssystems im Ensemble der bürgerlichen und kapitalistischen Welt ist und entsprechend zu einer Systematik der Kritik führte, die sich immanent aus der Philosophie und Politik des Anarchismus ergibt. Diese libertäre oder anarchistische Pädagogikkritik  erlebte in den letzten 200 Jahren unterschiedliche Akzentuierungen und eine breite Vielfalt an Theorie und Praxis - programmatisch und zusammenfassend können folgende Zielrichtungen festgestellt werden:

(1) Als Institutionenkritik fordert der Anarchismus neue Formen der Organisation von Bildung und Erziehung, d. h. kleine, funktionsgerechte, zeitlich begrenzte, freiwillige und selbstbestimmte Orte des Lernens.

(2) Als Ideologiekritik wendet sich der Anarchismus gegen (Staats-) Schule, Familie und Kindheit in ihrer bürgerlichen und individualisierenden Definition als Orte tradierter Herrschaftsverhältnisse.

 (3) Als Kritik am "Pädagogischen Bezug" wendet sich der Anarchismus gegen vorhandenen Formen des pädagogischen Umgangs und fordert ganzheitliche, erfahrungsbezogene (rationale), koeduaktive, selbstbestimmte und "beiläufige" Interaktionen. In diesem Sinne finden wir eine Tradition innerhalb der anarchistischen Bewegung, die bei den "Klassikern" ebenso zum Ausdruck kommt wie bei explizit libertären Pädagogen (z. B. Francisco Ferrer) oder auch bei Außenseitern der Bewegung á la Walther Borgius.

Ab Mitte des 20. Jahrhunderts sind es dann vor allem Angelsachsen wie Herbert Read, Paul Goodman oder John Holt, die neue Impulse für eine libertäre Erneuerung von Bildung und Erziehung anbieten.

II. Fragen wir nun nach den konkreten Impulsen, die der Anarchismus der Pädagogik heute bieten kann, dann sind dies vor allem zwei Zielrichtungen, die sich aus der klassischen und aktuellen Kritik des Anarchismus an der Pädagogik ergeben :

(1) Einmal ist dies die Forderung nach einer Freien Alternativschulbewegung, die sich sowohl aus der Kritik am staatlichen Schulsystem als auch an reformpädagogischen Alternativen entwickelte. Hervorzuheben ist hier Paul Goodmans Ansatz einer "beiläufigen Bildung und Erziehung" sowie George Dennisons praktischer Versuch von 1964/65 mit seiner First Street School in New York.

Das, was in den 60er Jahren von P. Goodman theoretisch formuliert und von G. Dennsion praktisch umgesetzt wurde, gab entscheidende Impulse für die folgende (weltweite) neue Alternativschulbewegung, die auch Anfang der 70er Jahre in der BRD mit der Freien Schule Frankfurt begann.

(2) In den 70er Jahren wurde von John Holt eine Initiative in den USA mit der Bezeichnung "Growing Without Schooling" ins Leben gerufen.

Dies zeigt eine zweite Zielrichtung der Kritik an: Es geht nicht nur um die Abschaffung der Schule oder institutionalisierten Lernens und Lehrens, sondern ebenso um die grundsätzliche Neudefinition von Bildung und Erziehung, begründet durch eine multiperspektivische und gesellschaftskritische Sicht, die sowohl politische, psychologische, organisationssoziologische und kulturkritische Facetten umfaßt. Dieser Kritik geht es um die Entmystifizierung von Pädagogik, Kindheit und Familie und findet sich wieder in der Kinderrechtsbewegung oder Antipädagogik, wie sie ab etwa 1975 in der BRD auftaucht. Es geht jedoch nicht um eine pädagogische Kritik an der Pädagogik! Ziel ist eine radikale Institutionenkritik an Familie und Schule sowie eine Ideologiekritik am System der Pädagogik.

III Auch wenn der Aspekt einer anarchistischen (libertären) Pädagogik in der offiziellen  und akademischen Pädagogik- Diskussion in der BRD kaum erwähnt wird, gibt es eine ca. zweithundertjährige Tradition, die originär im Ansatz der anarchistischen Bewegung und Theorie angelegt ist. Die Tradition des Anarchismus führte vor dem Hintergrund neuer sozio- ökonomischer und politischer Bedingungen ab den 50er Jahren zu einem Bildungs- und Erziehungs-Ansatz, der sich in einer neuen Freien Alternativschulbewegung und einer Kinderrechtsbewegung manifestiert und bis heute seine Spuren hinterlassen hat, ohne jedoch derzeit aus anarchistischer Sicht eine nennenswerte Weiterentwicklung und Diskussion zu erleben bzw. in der Praxis umgesetzt worden zu sein. So finden wir momentan die Situation vor, das sowohl in der Theorie als auch in der Praxis der Anarchismus keine nennenswerte Impulse für eine Veränderung "pädagogischer Verhältnisse" bieten kann und er vielmehr aus vorhandenen progressiven Ansätzen verschiedene Elemente - gleichsam eklektizistisch - aufnimmt, sie versucht in das anarchistische Denkgebäude zu integrieren und ihnen eine libertäre Legitimation zu geben.

Angesagt ist heute mehr denn je eine scharfe, multiperspektivische Analyse postmoderner Verhältnisse im Geiste eines Egalitarismus, wie dies etwa der angelsächsische "pragmatische Anarchismus" seit den 60er Jahren versucht (z. B. Colin Ward). Erst wenn es gelingt, den Anarchismus heute neu zu definieren, sozusagen eine ideengeschichtliche Modernisierung vorzunehmen, erst dann wird es möglich sein, für die Pädagogik und Antipädagogik neue libertäre Impulse vorzubereiten. Dies wurde und konnte bislang jedoch noch nicht geleistet werden.

Ulrich Klemm

September 1992



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