Thesen
zur AG "Antipädagogik - oder die Kraft der Negation"I. Es gibt in der pädagogischen
Diskussion seit den 70er Jahren in der BRD wohl keine Ideen und Konzepte,
die die Theorie und Praxis von Bildung und Erziehung, sprich: Pädagogik, mehr
herausgefordert, provoziert und in Frage gestellt haben, wie die Antipädagogik
und Kinderrechtsbewegung.
Entgegen den späten
70er und frühen 80er Jahren, ist es derzeit jedoch eher ruhig in der Auseinandersetzung
"Antipädagogik contra Pädagogik" geworden.
Es scheint, als ob die
"Sturm und Drang-Jahre" dieser Diskussion vorüber sind und der pädagogische
Alltag mit mehr "Mut zu Erziehung" wieder die Diskussion prägt:
- Die (akademische)
Erziehungswissenschaft hat Anfang der 80er Jahre ihre Pflicht- und Panikauseinandersetzung
geführt und kann sich nun wieder der traditionellen und in gewohnten Bahnen
bewegenden (akademischen) Erziehungsdiskussion zuwenden;
- der ehemalige zentrale
Mentor der Antipädagogik, Ekkehard von Braunmühl
- teilweise aber auch
Alice Miller, was die Bedeutung der Psychoanalyse für die Antipädagogik betrifft
- hat sich seit Mitte der 80er Jahre aus der Diskussion zurückgezogen bzw.
vertritt neue Thesen;
- die Zeiten von spektakulären
Einzelaktionen wie die öffentliche Zeugnisverbrennung (1980), die medienwirksame
Proklamation des "Deutschen Kindermanifests" (1980) oder des "Kinder-Doppelbeschlusses"
(1984) scheinen vorbei zu ein;
- die antipädagogische
"Bestseller-Publizistik" von Autoren wie Ekkehard von Braunmühl
oder Alice Millers gehört der Vergangenheit an. Bestseller-Auflagen erreichen
dagegen derzeit Bücher wie die von der Kinderpsychologin Jirina Prekop mit
ihrem Elternratgeber "Der kleine Tyrann" (14 Auflagen der Hardcoverausgabe
mit einer Auflagenhöhe von weit über 100.000 Exemplaren im Zeitraum von 1988
bis 1991; seitdem als Taschenbuchausgabe mit ebenfalls mehreren Auflagen seit
1991). Und trotzdem hat die Antipädagogik einen "Stachel im Fleisch"
der Pädagogik hinterlassen, der heute spürbar ist und auch an Bedeutung gewinnt:
- Es gibt heute immer
mehr Einrichtungen der Erwachsenenbildung (z. B. Volkshochschulen), die sich
in Vorträgen und Seminaren der erziehungsfreien Lebensführung widmen und damit
einem immer größer werdenden Interesse an erziehungskritischen Fragestellungen
nachkommen;
- an Universitäten ist
ein zunehmendes Interesse seitens der Studenten am Konzept der Antipädagogik
auszumachen und zeigt sich beispielsweise in Einladungen von Antipädagogen
zu Gastvorträgen und in entsprechenden Examensarbeiten;
- die heute in Gestalt
des Münsteraner Förderkreises "Freundschaft mit Kindern" mit Hubertus
von Schoenebeck institutionalisierte Antipädagogikbewegung weitet ihr Seminar-
und Beratungsprogramm ständig aus, führt bereits im Ausland Öffentlichkeitsarbeit
für eine erziehungsfreie Lebensführung durch (z. B. in Polen, Holland, Schweiz)
und gründete die ersten erziehungsfreien Lebensgemeinschaften, in denen Antipädagogik
als umfassendes "Lebensprinzip" umgesetzt wird;
- trotz aller gegenläufiger
Tendenz sind Teile der akademischen ErziehungswissenschaftlerInnen seit der
Antipädagogikdebatte sensibel für eine neue, radikale und grundlegende Erziehungs-
und Pädagogikkritik geworden und führen bis heute eine mehr oder weniger intensive
öffentliche Diskussion darüber (z. B. Heinrich Kupffer, Hermann Giesecke,
Wolfgang Hinte, Freerk Huisken).
Diese zwei Aspekte prägen
heute, nach ca. 20 Jahren Kinderrechtsbewegung (in den USA) und Antipädagogikdebatte
(in der BRD seit 1975), den Stand der Auseinandersetzung. Das heißt: Weder
"vom Ende der Erziehung" noch vom "Ende der Antipädagogik"
kann heute gesprochen werden. Eine Tendenz wird jedoch immer deutlicher: In
dem Maße, wie die gesellschaftliche und politische Entwicklung die heutige
Wissenschaften vor neue Aufgaben, Erklärungen und Lösungen stellt und diese
einklagt, in dem Maße täte die Pädagogik gut daran, "heilige Kühe"
zu schlachten, wenn sie weiterhin daran interessiert ist, öffentliche Legitimation
zu erlangen. Pädagogik und Erziehungswissenschaft sind ein hoch subventioniertes
Konstrukt, von dem behauptet wird, das es einen wichtigen gesellschaftlichen
Nutzen erfüllt. Jedoch: Ist die Welt seit der "Erfindung der modernen
Pädagogik" vor etwa 400 Jahren besser, gerechter und lebenswerter geworden?
Das Problem der heutigen Pädagogik ist vor allem eine Legitimationskrise im
Zeitalter der "Postmoderne". Es muß heute mehr denn je die Frage
gestellt werden, ob Pädagogik in der Lage ist, die an sie gestellten Aufgaben
mit dem traditionellen Instrumentarium und den klassischen Werten lösen zu
können.
Pädagogik hat eine Verpflichtung
übernommen und trägt das Banner des Edlen, Guten und Wahren stets und gerne
vor sich her um sich zu rechtfertigen. Die Pädagogik und die PädagogInnen
legitimieren sich mit gesellschaftlicher Verantwortung und entsprechend muß
diese Verantwortung auch ständig überprüft werden. Die Pädagogik kann sich
momentan jedoch immer weniger hinter einer Ideologie (Scheintheorie) oder
einen Beamteneid zurückziehen - sie wird von der Öffentlichkeit zunehmend
in die Pflicht genommen und gerät unter Legitimationsdruck.
In diesem Sinne könnte
die Antipädagogik mehr sein als "nur" eine Herausforderung an die
Pädagogik: Sie wird zum notwendigen Bestandteil pädagogischen Denkens und
Handelns um Bildung und Erziehung vor den gröbsten Fehlern zu bewahren. Die
Pädagogik selbst - dies lehrt die Geschichte - kann dies aus eigener Kraft
nur selten erfüllen. Das heißt: Antipädagogik als kritische Instanz und Praxis
wird maßgeblich zum Überleben der Pädagogik im Zeitalter der "Postmoderne"
beitragen können, gewollt oder nicht, bewußt oder unbewußt. So stellt sich
nach "20 Jahren Antipädagogik" in erster Linie die Frage, wie der
erziehungsfreie Impuls gesellschaftlich umgesetzt werden kann, welche Praxis
aus der Theorie folgt. Der Streit um die Theorie und Semantik, der vor allem
publizistisch ausgetragen wurde, ist heute sinnlos geworden. Die Praxis muß
überzeugen - und hier tun sich sowohl PädagogInnen als auch AntipädagogInnen
nach wie vor schwer.
Ulrich Klemm
September 1992
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