A im KreisAG Nationalismus

Nicht die Erörterung nationaler Konflikte (z. B. der Krieg in Ex-Jugoslawien) ist inhaltliches Anliegen der AG, sondern eine grundsätzliche Annäherung an das Herrschaftsphänomen 'Nationalismus' aus anarchistischer Sicht. Dabei wollen wir von der BRD ausgehen, ohne die internationalen Zusammenhänge zu vernachlässigen.

In den Nationalismusdebatten sind bisher folgende Tendenzen zu beachten, die hier nur stichpunktartig vorgetragen werden:

- das Abrücken vom traditionellen Nationalismuskonzept durch neoliberale kapitalistische Modernisierungsstrategien: Angesichts der weltweiten Konzernverflechtungen unter der Regie der 'Triade' Europa, USA, Japan/Südostasien ist vom 'Internationalismus' eines mobilen, geographisch nicht verwurzelten Weltbürgertums die Rede. Weitere Schlagwörter: 'Regionalisierung' (Kampf der Regionen), 'Dezentralisierung' (Betriebe und Kommunen bleiben jedoch von den zentralen Führungsinstanzen abhängig). Sind Staat und Nationalismus damit überholt? Welche neue kollektive 'Identität' ersetzt die alte ?

- die Neuformierung eines völkisch-rassistischen Nationalismus als reaktionäre Gegenbewegung der 'Neuen Rechten' zum 'multi-kulturellen' Nationalstaat: Die Nationen sollen sich voneinander isolieren und nicht 'vermischen'. Das Zusammenleben verschiedener Ethnien erzeuge ursächlich soziale Konflikte und Gewalt.

- 'Neue Linke', 'Neue soziale Bewegungen', 'Neue Frauenbewegung': Die Schlagwörter 'Internationalismus', 'Weltproletariat', 'linker', 'guter' oder 'schlechter' Nationalismus, usw. verweisen auf 'alternative' Freund-Feind-Bilder, die zum Zerfall herrschaftskritischer Opposition beigetragen haben und zu diskutieren sind.

- Von anarchistischer Seite wurde Nationalismus als politische Religion staatlicher Herrschaft beschrieben, Nationalismuskritik daher grundsätzlich mit Staatskritik verknüpft.

Die Aufspaltung der Menschheit in Nationen geschieht über die Staatsbürgerschaft, territoriale Grenzziehung, Sprache, Geschichtsschreibung, Traditionen- und Mythenbildng, Symbole (Flagge, Hymne), Sozialisation über Erziehung, Bildung, Medien. Von den ideologisch geschaffenen Gegensätzen, z.B. den Stereotypen 'Deutsche/r' und 'AusländerIn', ist unser gesamtes Denken, 'unsere' gesamte Sprache durchsetzt.

Zu den Begriffen Nation und Nationalismus:

"Deutscher im Sinne dieses Grundgesetzes ist vorbehaltlich anderweitiger gesetzlicher Regelung, wer die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt oder als Flüchtling oder Vertriebener deutscher Volkszugehörigkeit oder als dessen Ehegatte oder Abkömmling in dem Gebiete des Deutschen Reiches nach dem Stande vom 31. Dezember 1937 Aufnahme gefunden hat." (Artikel 116 (1) GG)

"...die Nation ist nichts organisch Gewordenes, sondern etwas vom Staate künstlich Geschaffenes, mit dem sie auf das innigste verwachsen ist. (...) Nation ist daher ein rein politischer Begriff, der lediglich durch die Zugehörigkeit der Menschen zu einem bestimmten Staate zustande kommt. (...) Und wie der Stärkere heute und zu allen Zeiten über die nationale Zugehörigkeit des Schwächeren nach Belieben verfügen konnte, so war und ist er auch imstande, das Bestehen einer Nation willkürlich zu tilgen, wenn  ihm dies aus staatsmännischen Gründen geboten erscheint." (R. Rocker, Nationalismus u. Kultur, S. 367)

"... hat Nationalismus die Funktion, zur Erfüllung des menschlichen Grundbedürfnisses nach Identität beizutragen, das - so die Diagnose - vor allem durch die mit dem gesellschaftlichen Modernisierungsprozeß einhergehende Auflösung traditioneller Bindungen, wie Familie oder Religion, seine Bezugsgröße verloren hat." (Pipers Wörterbuch zur Politik, S. 591)

Es gibt keinen guten Nationalismus. Nationalismus ist irrational, Merkmale wie gemeinsame Sprache, Kultur, Religion, 'Rasse', Territorium, Geschichte, Tradition sind konstruiert. Nationales Zugehörigkeitsgefühl wird durch erlernte und konditionierte Interaktionsmuster künstlich erzeugt.

Das Konstrukt Nationalismus dient der Herrschaft; gleichzeitig entspricht es einem 'Bedürfnis' von Menschen nach Identität und Abgrenzung.

Identität sucht und braucht, wem/wer es an Individualität mangelt.

Nationalismus (Identitätssuche, Wir-Gefühl) und Rassismus (Abgrenzung und Unterwerfung von 'Fremdem') ergänzen einander, obwohl es zwischen diesen beiden Herrschaftskonstrukten Unterschiede gibt (N. ist an einen Nationalstaat gebunden, R. nicht).

Die Grundlage für rassististische Angriffe auf Flüchtlinge und EmigrantInnen in Deutschland ist ein nationalistischer, völkischer Konsens. Dieser Konsens besagt (im weitesten Sinne), daß 'Fremde' dem deutschen Volk potentiell Schaden zufügen. Dieser Konsens ist bis weit in sog. linke Kreise verbreitet.

Völkischer Konsens und Rassismus sind keine gesellschaftlichen Stimmungen, sie entsprechen vielmehr "den gesellschaftlichen Normen kapitalistischer Rationalität und patriarchaler Konfliktlösungsstrategien." (autonome l.u.p.u.s. gruppe: Geschichte, Rassismus und das Boot, S. 50)

Gedanken zur Diskussion

Da eine umfassende antinationalistische Strategie nicht zur Verfügung steht, können wir nur das Angebot einer öffentlichen Debatte machen, in der Hoffnung, daß über diese inhaltliche Auseinandersetzung die antinationalistische Theorie und Praxis weiterentwickelt wird.

Gleichzeitig wollen wir zwei Ansätze anbieten, die sich unserer Meinung nach ergänzen:

1. Grundlagen, Voraussetzungen, Entwicklungen und Auswirkungen des Nationalismus, Nationalstaates, usw. speziell in Deutschland unter dem Blickwinkel einer Patriarchatsanalyse und gleichzeitiger Staats- und Kapitalismuskritik, also einer umfassenden Kritik der bestehenden Macht- und Herrschaftsverhältnisse zu betrachten. Da Nationalismus, Staat, Kapitalismus und Patriarchat einander ergänzen, ist es notwendig, um Nationalismus zu vermeiden, stärker auf die eigene soziale Individualität zu setzen (was dies heißen kann, soll an dieser Stelle nicht vorweggenommen werden, sondern der LT-Arbeitsgruppe vorbehalten sein), weniger oder nichts vom Staat zu erwarten. Ausgangspunkt hierbei ist für uns das Individuum, nicht jedoch das 'konstruierte' Kollektiv z. B. der Deutschen, FranzosInnen, ItalienerInnen usw. Oberflächlich betrachtet sind Individuen zur Erfolglosigkeit verurteilt. Und doch ermöglicht nur die langanhaltende Wirksamkeit von Minoritäten gesellschaftlichen und kulturellen Fortschritt jenseits von Staat und Kapitalismus. Die Stärke von Minderheiten besteht darin, daß hier jede/r einzelne in seiner inneren Unabhängigkeit zählt, die 'Schwäche' von 'konstruierten' Kollektiven besteht darin, daß sich der/die einzelne in ihnen verliert.

2. Neben einer umfassenden Kritik am Nationalismus versuchen wir von unserem jeweiligen sozialen Umfeld, von unserem Alltag auszugehen. In diesem Bereich, in dem wir uns alltäglich bewegen (FreundInnen, Bekannte, Verwandte, Arbeit, Freizeit, Sport, Supermarkt, Kino, Café, Kneipe) haben wir, weil uns die Menschen hier kennen, noch die größten Chancen gehört zu werden. Wichtig ist uns hierbei eine grundsätzliche Orientierung an Individualität anstelle von Identität bzw. an Verbindendem anstelle von 'künstlichen' Gemeinsamkeiten (Sprache, Geographie, Geschichte).

Zweifelsohne ist unser Ansatz langfristig ausgerichtet und erwartet einen langen Atem. Aber allein eine grundlegende Veränderung des Bewußtseins der Menschen vermag dauerhaft Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus und Sexismus zu vermeiden.

Mittwochsgruppe, Ffm

Kontaktadresse:
Mittwochsgruppe, c/o Dezentral, Sandweg 131a, W-6000 Frankfurt/M. 1



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