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NationalismusIn den Nationalismusdebatten
sind bisher folgende Tendenzen zu beachten, die hier nur stichpunktartig vorgetragen
werden:
- das Abrücken vom traditionellen
Nationalismuskonzept durch neoliberale kapitalistische Modernisierungsstrategien:
Angesichts der weltweiten Konzernverflechtungen unter der Regie der 'Triade'
Europa, USA, Japan/Südostasien ist vom 'Internationalismus' eines mobilen,
geographisch nicht verwurzelten Weltbürgertums die Rede. Weitere Schlagwörter:
'Regionalisierung' (Kampf der Regionen), 'Dezentralisierung' (Betriebe und
Kommunen bleiben jedoch von den zentralen Führungsinstanzen abhängig). Sind
Staat und Nationalismus damit überholt? Welche neue kollektive 'Identität'
ersetzt die alte ?
- die Neuformierung
eines völkisch-rassistischen Nationalismus als reaktionäre Gegenbewegung der
'Neuen Rechten' zum 'multi-kulturellen' Nationalstaat: Die Nationen sollen
sich voneinander isolieren und nicht 'vermischen'. Das Zusammenleben verschiedener
Ethnien erzeuge ursächlich soziale Konflikte und Gewalt.
- 'Neue Linke', 'Neue
soziale Bewegungen', 'Neue Frauenbewegung': Die Schlagwörter 'Internationalismus',
'Weltproletariat', 'linker', 'guter' oder 'schlechter' Nationalismus, usw.
verweisen auf 'alternative' Freund-Feind-Bilder, die zum Zerfall herrschaftskritischer
Opposition beigetragen haben und zu diskutieren sind.
- Von anarchistischer
Seite wurde Nationalismus als politische Religion staatlicher Herrschaft beschrieben,
Nationalismuskritik daher grundsätzlich mit Staatskritik verknüpft.
Die Aufspaltung der
Menschheit in Nationen geschieht über die Staatsbürgerschaft, territoriale
Grenzziehung, Sprache, Geschichtsschreibung, Traditionen- und Mythenbildng,
Symbole (Flagge, Hymne), Sozialisation über Erziehung, Bildung, Medien. Von
den ideologisch geschaffenen Gegensätzen, z.B. den Stereotypen 'Deutsche/r'
und 'AusländerIn', ist unser gesamtes Denken, 'unsere' gesamte Sprache durchsetzt.
Zu den Begriffen Nation
und Nationalismus:
"Deutscher im
Sinne dieses Grundgesetzes ist vorbehaltlich anderweitiger gesetzlicher Regelung,
wer die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt oder als Flüchtling oder Vertriebener
deutscher Volkszugehörigkeit oder als dessen Ehegatte oder Abkömmling in dem
Gebiete des Deutschen Reiches nach dem Stande vom 31. Dezember 1937 Aufnahme
gefunden hat." (Artikel 116 (1) GG)
"...die Nation
ist nichts organisch Gewordenes, sondern etwas vom Staate künstlich Geschaffenes,
mit dem sie auf das innigste verwachsen ist. (...) Nation ist daher ein rein
politischer Begriff, der lediglich durch die Zugehörigkeit der Menschen zu
einem bestimmten Staate zustande kommt. (...) Und wie der Stärkere heute und
zu allen Zeiten über die nationale Zugehörigkeit des Schwächeren nach Belieben
verfügen konnte, so war und ist er auch imstande, das Bestehen einer Nation
willkürlich zu tilgen, wenn ihm dies
aus staatsmännischen Gründen geboten erscheint." (R. Rocker, Nationalismus
u. Kultur, S. 367)
"... hat Nationalismus
die Funktion, zur Erfüllung des menschlichen Grundbedürfnisses nach Identität
beizutragen, das - so die Diagnose - vor allem durch die mit dem gesellschaftlichen
Modernisierungsprozeß einhergehende Auflösung traditioneller Bindungen, wie
Familie oder Religion, seine Bezugsgröße verloren hat." (Pipers Wörterbuch
zur Politik, S. 591)
Es gibt keinen guten
Nationalismus. Nationalismus ist irrational, Merkmale wie gemeinsame Sprache,
Kultur, Religion, 'Rasse', Territorium, Geschichte, Tradition sind konstruiert.
Nationales Zugehörigkeitsgefühl wird durch erlernte und konditionierte Interaktionsmuster
künstlich erzeugt.
Das Konstrukt Nationalismus
dient der Herrschaft; gleichzeitig entspricht es einem 'Bedürfnis' von Menschen
nach Identität und Abgrenzung.
Identität sucht und
braucht, wem/wer es an Individualität mangelt.
Nationalismus (Identitätssuche,
Wir-Gefühl) und Rassismus (Abgrenzung und Unterwerfung von 'Fremdem') ergänzen
einander, obwohl es zwischen diesen beiden Herrschaftskonstrukten Unterschiede
gibt (N. ist an einen Nationalstaat gebunden, R. nicht).
Die Grundlage für rassististische
Angriffe auf Flüchtlinge und EmigrantInnen in Deutschland ist ein nationalistischer,
völkischer Konsens. Dieser Konsens besagt (im weitesten Sinne), daß 'Fremde'
dem deutschen Volk potentiell Schaden zufügen. Dieser Konsens ist bis weit
in sog. linke Kreise verbreitet.
Völkischer Konsens und
Rassismus sind keine gesellschaftlichen Stimmungen, sie entsprechen vielmehr
"den gesellschaftlichen Normen kapitalistischer Rationalität und patriarchaler
Konfliktlösungsstrategien." (autonome l.u.p.u.s. gruppe: Geschichte,
Rassismus und das Boot, S. 50)
Gedanken zur Diskussion
Da eine umfassende antinationalistische
Strategie nicht zur Verfügung steht, können wir nur das Angebot einer öffentlichen
Debatte machen, in der Hoffnung, daß über diese inhaltliche Auseinandersetzung
die antinationalistische Theorie und Praxis weiterentwickelt wird.
Gleichzeitig wollen
wir zwei Ansätze anbieten, die sich unserer Meinung nach ergänzen:
1. Grundlagen, Voraussetzungen,
Entwicklungen und Auswirkungen des Nationalismus, Nationalstaates, usw. speziell
in Deutschland unter dem Blickwinkel einer Patriarchatsanalyse und gleichzeitiger
Staats- und Kapitalismuskritik, also einer umfassenden Kritik der bestehenden
Macht- und Herrschaftsverhältnisse zu betrachten. Da Nationalismus, Staat,
Kapitalismus und Patriarchat einander ergänzen, ist es notwendig, um Nationalismus
zu vermeiden, stärker auf die eigene soziale Individualität zu setzen (was
dies heißen kann, soll an dieser Stelle nicht vorweggenommen werden, sondern
der LT-Arbeitsgruppe vorbehalten sein), weniger oder nichts vom Staat zu erwarten.
Ausgangspunkt hierbei ist für uns das Individuum, nicht jedoch das 'konstruierte'
Kollektiv z. B. der Deutschen, FranzosInnen, ItalienerInnen usw. Oberflächlich
betrachtet sind Individuen zur Erfolglosigkeit verurteilt. Und doch ermöglicht
nur die langanhaltende Wirksamkeit von Minoritäten gesellschaftlichen und
kulturellen Fortschritt jenseits von Staat und Kapitalismus. Die Stärke von
Minderheiten besteht darin, daß hier jede/r einzelne in seiner inneren Unabhängigkeit
zählt, die 'Schwäche' von 'konstruierten' Kollektiven besteht darin, daß sich
der/die einzelne in ihnen verliert.
2. Neben einer umfassenden
Kritik am Nationalismus versuchen wir von unserem jeweiligen sozialen Umfeld,
von unserem Alltag auszugehen. In diesem Bereich, in dem wir uns alltäglich
bewegen (FreundInnen, Bekannte, Verwandte, Arbeit, Freizeit, Sport, Supermarkt,
Kino, Café, Kneipe) haben wir, weil uns die Menschen hier kennen, noch die
größten Chancen gehört zu werden. Wichtig ist uns hierbei eine grundsätzliche
Orientierung an Individualität anstelle von Identität bzw. an Verbindendem
anstelle von 'künstlichen' Gemeinsamkeiten (Sprache, Geographie, Geschichte).
Zweifelsohne ist unser
Ansatz langfristig ausgerichtet und erwartet einen langen Atem. Aber allein
eine grundlegende Veränderung des Bewußtseins der Menschen vermag dauerhaft
Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus und Sexismus zu vermeiden.
Mittwochsgruppe,
Ffm
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