AG
Selbstverwaltete BetriebeIch habe da so meine
Schwierigkeiten über das bunte Spektrum der selbstverwalteten Betriebe einen
Text zu verfassen, in dem sich alle wiederfinden. Mir scheint gerade umgekehrt,
daß die Vielfalt ausufert von mönchisch-ökologisch-selbstverwirklichend über
neugierig-testend bis zu juppihaft-erfolgsorientiert, sich vieles alternativ
bis anarchistisch selbstverwaltet.
Meine Rolle sehe ich
dabei mehr in der Vernetzung und Ansprache verschiedener Gruppen, die sich
dann in Frankfurt auf den Libertären Tagen einbringen. Meinen eigenen Beitrag
zu praktischer Ökonomie und Vernetzung hatte ich eigentlich mehr als Sammeln
von Projekten und Entwürfen zur praktischen Verwirklichung der Anarchie gesehen
und nicht als Vorbereitung einer theoretischen Arbeitsgruppe.
Dazu werde ich an der
Vorbereitung von Ständen auf einem Jahrmarkt der Möglichkeiten, einer Vorstellungsrunde
der teilnehmenden Projekte und dann mehr einer Gesprächsrunde mit eingehenderen
Vorstellungen der beteiligten Projekte und Planungsgruppen mitwirken.
Zu meinen eigenen Vorstellungen:
Mit Anarchie zu leben,
können wir nur lernen und verwirklichen, wenn wir "befreite Bereiche"
schaffen, in denen wir begrenzt erleben können, wie es mit den Entwürfen einer
freien Gesellschaft in dem Projekt-Alltag tatsächlich zugehen könnte. Wir
sollten dabei milde miteinander umgehen und jedem das Tempo seine persönlichen
Entwicklung überlassen und nicht mit moralinsaueren aufgepfropften Forderungen
das Unmögliche verlangen. Wir leben in der falschen Gesellschaft und können
da nicht einfach das richtige tun.
Solange ein Staat besteht,
wird es nie eine heile Projektwelt geben, auch wenn sich einzelne Gruppen
noch so weit auf die Almwiesen oder ins Heidekraut verziehen. Darum müssen
wir mit den Brüchen leben, die zwischen Projektinseln, umgebender kapitalistischer
Gesellschaft und auch innerhalb der Projekte bestehen. Und die werden von
den Möglichkeiten bestimmt, die wir uns innerhalb dies Systems mit Phantasie
und guter Planung und Flexibilität schaffen und erhalten.
Die theoretischen Entwürfe
für eine andere Gesellschaft können keine Patentrezepte nach Art einer Ideologie
sein, die die Welt vollkommen erklärt, die nur noch genau umgesetzt werden
brauchen. Mit der praktischen Entwicklung der Projekte verändern sich die
Formen des Zusammenlebens und die Menschen selber. Sie lernen mit den neuen
Bedingungen umzugehen.
Und jetzt von ihnen
zu verlangen, genau weiterzumachen, was Theoretiker vorgedacht haben, die
die Erkenntnisse aus der Praxis noch nicht kannten, die am Umsetzungsprozeß
nicht teilnehmen, bedeutet ein großes Maß an Unfreiheit.
Darum kann ein Konzept
zwar weite Ziele setzen, insbesondere grundsätzliche Forderungen, die zur
Erreichung einer freien, sozialen, ökologischen Gesellschaft dezentraler Strukturen
und Abbau jeder Art von Herrschaft, Patriarchat, Sexismus und Rassismus, Abschaffung
von Gefängnissen, Staatsschulen, Zwangspsychiatrie führen. Wie weit aber in
der Praxis die Erkenntnisse immer neu umgesetzt werden müssen, können allein
die entscheiden, die das Werk in immer neuen Fortsetzungen erleben.
Auf dem Weg muß immer
neu entschieden werden, wie weit die Kraft reicht, über Veränderungen im Projektbereich
auch andere Forderungen zu verwirklichen, wie weit z.B. das Engagement bei
den Kämpfen gegen neofaschistische Umtriebe reichen kann, wie weit das auch
in anderen Bereichen gehen kann, wenn es Selbstaufgabe bedeutet, die Kraft
für unsere eigenen Möglichkeiten nicht mehr reicht.
Die anarchistische
Fabrik
In einer kapitalistischen
Fabrik arbeiten Menschen. Sie sollen mit Maschinenhilfe in möglichst kurzer
Zeit aus möglichst wenig Material möglichst viel Waren herstellen, die sich
gut zu einem hohen Preis verkaufen lassen, so daß das Geld, das in die Fabrik
gesteckt wurde, in möglichst kurzer Zeit den möglichst hohen Gewinn bringt.
Die Kapitalisten interessiert
dabei weder die Gesundheit, die die Menschen bei der Arbeit ruinieren, noch
die Umgebung, die sie mit dem Gift, Lärm und Verkehr unbewohnbar machen, noch
die Zerstörungen, die beim Abbau der Rohstoffe erfolgen, noch die Folgen,
die durch die Produkte angerichtet werden. Waffen, Gifte, Drogen, Verpackungsmüll,
Autos, Plastikspielzeug und andere schädliche Produkte verlassen die Fabrik.
Kriege werden um billige Rohstoffe geführt, Menschen in kurzer Zeit in den
Bergwerken ruiniert, Landschaften mit Monokulturen
überzogen, vergiftet, verstrahlt, abgenutzt, betoniert oder ausgebeutet
aufgegeben.
Die häufig nutzlosen
bis schädlichen Produkte werden trotzdem durch Werbefeldzüge entwurzelten
Menschen angedreht, die ihre wirklichen Bedürfnisse nicht mehr kennen, die
Folgen ihres Handelns nicht überblicken, sich nicht mehr dafür verantwortlich
fühlen.
Eine anarchistische
Fabrik dagegen dient sinnvollerweise dazu, auf möglichst angenehme Weise in
möglichst kurzer Zeit auf ökologisch unschädlichstem Wege sinnvolle, nützliche
Produkte herzustellen.
Sie müssen langlebig
sein, leicht zu reparieren, auszubauen, wiederzuverwerten, unschädlich zu
beseitigen.
Vertrieben werden sie
in vernetzen Strukturen, was immer du und ich uns darunter vorstellen. Geld
abschaffen ist das Vordergründige, Menschen und Produktionen zu vernetzen
ist der Weg, auf dem das weitgehend selbst passiert.
Anarchistische Fabriken
entstehen immer da und dann, wenn sich notwendige Produkte nicht kleinteilig
herstellen lassen ohne vernünftigen Zeitaufwand, Materialumschlag, Maschineneinsatz
und Organisation, oder weil die Herstellung sonst zu laut, zu stressig, zu
gefährlich, zu giftig ist.
Es gibt keine erhaltenswerten
Arbeitsplätze, immer nur notwendige.
Es gibt kein Recht auf
Arbeit; es gibt ein Recht auf ein freies, gesundes, selbstbestimmtes Leben,
auf die Entfaltung der Persönlichkeit.
Lebensstandard bezeichnet
alles, was ich im allgemeinen Konkurrenzkampf für meine persönliche Nutzung
zusammenraffe; Lebensqualität, was ich genießen kann, egal ob es mir allein
oder der Gemeinschaft gehört.
Ansprüche und Forderungen,
die noch aus der bürgerlich-idealistisch-erfolgsorientierten Erziehung stammen
oder ihrer Umkehrung in der Pubertät, die natürlich zu wahnwitzigen Koppelungen
führen können, sind mit äußerster Vorsicht zu genießen. Meist sind von vornherein
die Grundlagen falsch, auf denen sie basieren. Fabrikarbeit fällt da total
unter ein Tabu, wobei die gleichen Menschen aus Bequemlichkeit gerade auch
Fabrikprodukte für Musik, Kommunikation und Fortbewegung nutzen. Aus meiner
Sicht besteht das Projekt A in Neustadt (WESPE e. V., ein Zusammenschluß selbstverwalteter
Betriebe) in der Tradition der alternativen Handwerks-, Verkaufs- und Dienstleistungsbetriebe,
die schon seit etwa 15 Jahren Erfahrungen machen und durch Netzwerk im größeren
Rahmen und auch durch Großraumkommuneprojekte und regionale Vernetzungen Gemeinschaftsideen
verwirklichten.
Das wesentlich neue
an Neustadt ist die Verbindung mit Projekt A und damit die Entwicklung in
einer libertär/anarchistische Vernetzung:
Die Utopie einer Stadt,
die sich mit jedem Entwicklungsschritt, jedem neuen Produkt, jedem Menschen,
der mitmacht, weiter von der kapitalistischen, ausgrenzenden, manipulierenden
Konkurrenzgesellschaft weg zu einer solidarischen, freien, sozialen, ökologischen
Gesellschaft hinentwickelt.
In Kommunen, die gemeinsam
leben und arbeiten, unterscheiden sich die Anforderungen der einzelnen Betriebe
meist nicht wesentlich. Sie sind mehr auf die angestrebte Lebensform als auf
Effektivität angelegt.
Die unterschiedliche
Bewertung von Arbeitsstunden tritt als Problem nur am Rande auf. Die Mitarbeit
in verschiedenen Bereichen, die sich dabei ergebenden Gespräche und die allgemeine
Kommunikation ergeben zusammen einen runden Tag.
Das ist in der anarchistischen
Fabrik völlig anders. Zwar wird sie sich von den heutigen kapitalistischen
Fabriken radikal unterscheiden, z. B. durch die Aufhebung der Trennung
von Gewerbe- und Wohngebieten, durch die Nutzung der Materialien und
der technischen Einrichtungen auch außerhalb der Fabrikationszwecke. Aber
andererseits macht sie nur einen Sinn, wenn eine klare Begrenzung und Bewertung
der einzelnen Arbeiten besteht.
Hier arbeitet jede/r
nur soviel, wie er/sie zur Erhaltung seiner/ihrer Lebensqualität und gesellschaftlich
notwendiger Aufgaben braucht.
Daneben hat er/sie noch
seine Aufgaben in seinen/ihren Lebenszusammenhängen, ansonsten aber viel "Freizeit",
in der er/sie machen kann, was er/sie für richtig hält, wozu ihn/sie Bewußtsein
und Neigung treiben.
Pu Schröder
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