A im KreisEinige Überlegungen zu Gruppen- und Diskussionsstrukturen

Auch Menschen mit dem Wunsch nach einer herrschaftsfreien Gesellschaft sind nicht frei von Macht- und Herrschaftsstrukturen.

Diese "Erkenntnis" haben schon viele Gruppen und Einzelpersonen gemacht.

Daraus sind z.B. in der Werkstatt für gewaltfreie Aktion, Baden, zwei Broschüren entstanden:

I. Sexismus - in politischen Gruppen

II. Konsens - Anleitung zur herrschaftsfreien Entscheidungsfindung

In diesem Sinne wollen wir die folgenden Papiere in Auszügen zur Anregung abdrucken.

Sechs Fragen für politische Gruppen, in denen Frauen und Männer gleichberechtigt zusammenarbeiten wollen

Anzahl

1. Sind genauso viele Frauen wie Männer in unserer Gruppe?

Nein? Woran liegt das - an uns? Wie können wir mehr Frauen zur Mitarbeit gewinnen? Schließen wir durch äußere Bedingungen Frauen oder Männer mit Kindern aus?

Sprache

2. Sprechen alle eine fraueneinschließende Sprache?

Es gibt Teilnehmer und Teilnehmerinnen, Redner und Rednerinnen, Gesprächsleiter und Gesprächsleiterinnen... Statt "man" spricht jeder und jede in der Gruppe von "ich" oder von "wir" usw.

Aufgaben

3. Haben Frauen und Männer dieselben Aufgaben und Möglichkeiten in der Gruppe?

Sind z.B. die Redezeiten von Frauen und Männern etwa gleich verteilt? Haben die Frauen genaus viele "leitende" Aufgaben in der Gruppe wie die Männer? Wechselt die Gesprächsleitung? Werden Entscheidungen im Konsensverfahren getroffen? Wer vertritt die Gruppe nach außen? Wer übernimmt wichtige "Posten"? Wer übernimmt themenbezogene Aufgaben, z.B. ein Referat?

Rollen

4. Sind Frauen und Männer bereit, ihre traditionellen Rollen infrage zu stellen?

Männer arbeiten miteinander an eigener Veränderung, kritisieren sich gegenseitig konstruktiv und geben sich Unterstüzung in verändertem Verhalten. Männer lernen von Frauen genauso wie Frauen von Männern. Frauen unterstützen sich gegenseitig darin, mehr führende und themenbezogene Aufgaben zu übernehmen.

Hilfreich ist es, wenn sich die Gruppe von Zeit zu Zeit in Männer- und Frauengruppen aufteilt, besonders in kritischen, konfliktgeladenen Situationen oder auch nur auf Wunsch. Solche Kleingruppen helfen, sexistische Strukturen in der Gruppe bewußt zu machen und sie gemeinsam zu verändern.

Atmosphäre

5. Achten auch die Männer in der Gruppen auf die Atmosphäre und die Gefühle?

Oder überläßt "mann" es den Frauen, sich um das "Drum-Herum-Geschehen" zu kümmern, also um das Befinden der Einzelnen in der Gruppe, um vermittelnde Beiträge, um Pausen, ums Essenkochen und andere Haushaltsaufgaben, um Kinder zuhause und in der Gruppe? Loben und stützen nur die Frauen andere in der Gruppe oder leisten auch die Männer "Gefühlsarbeit"?

Sexismus

6. Halten alle Sexismus für ein gleichwertiges Problem wie Militarismus, Kapitalismus, Rassismus...?

Oder gilt das Thema "Frauenbefreiung" und "Männerbefreiung" als etwas Nebensächliches oder als "unpolitisch"? Wie sensibel sind wir für sexistische Strukturen und Verhaltensweisen? Bemüht sich die Gruppe um die feministischen Aspekte der jeweiligen Themen?

Die häufigsten Fallen

Wir sollten uns folgende Verhaltensweisen bewußt machen, die immer wieder auftauchen:

Die Show abziehen: Zu viel, zu lang und zu laut reden.

Der Problem-Löser: Ständig die Antwort oder die Lösung eines Problems liefern, noch bevor andere die Gelegenheit haben, sich einzubringen.

IN GROSSBUCHSTABEN REDEN: Die eigene Lösung oder Meinung als DAS letzte und abschließende Wort zum Thema einbringen (wird oft verstärkt duch den Ton in der Stimme und die Körperhaltung).

Verteidigungshaltung: Auf jede entgegengesetzte Meinung so antworten, als sei es ein persönlicher Angriff: "Offensichtlich hat keiner verstanden, was ich gesagt habe. Was ich meinte, war...".

Haarspalterei: Unbedeutender Fehler in den Stellungnahmen anderer herauspicken, Ausnahmen zu jeder Regel feststellen.

Wiederholen: Genau dasselbe wiederholen, was eine Frau (!) gerade vollkommen klar und deutlich gesagt hat.

Aufmerksamkeit suchen: Alle dramatischen Mittel einsetzen, um ins Scheinwerferlicht zu kommen.

Wichtigtun: Durch die Beobachtung von Gruppenprozessen und Formalem die Aufmerksamkeit auf sich lenken und dadurch die Verantwortlichkeit von Einzelnen und von der Gruppe verhindern.

Herabsetzen: "Ich habe das früher auch geglaubt, aber inzwischen..."; "Willst du wirklich behaupten, daß...?".

Immer kritisieren: An allem und jedem etwas Schlechtes oder Problematisches finden.

Das Gesprächsthema verändern: Die Diskussion auf die eigenen Lieblingsthemen lenken, um die eigene Lieblingsmeinung loszuwerden.

Der Pöstchen-Halter: An formalen Machtpositionen festkleben.

Nicht zuhören: Nach den ersten paar Sätzen anderer in Gedanken eine Antwort formulieren, von da an auf nichts mehr achten und in die erste Pause hineinplatzen.

Unversöhnlichkeit und Dogmatismus: Auch in den kleinsten Punkten auf der eigenen Position beharren.

Gefühle vermeiden: Intellektualisieren, sich in Passivität flüchten oder Witze machen, wenn es an der Zeit wäre, Gefühle zu äußern.

Herablassung und Paternalismus (väterliches Getue): "Na - will denn nicht mal eine von den Frauen was dazu sagen?"

Frauen anmachen: Sexualität einsetzen, um Frauen zu manipulieren.

Aufmerksamkeit und Unterstützung von Frauen suchen, und zugleich mit Männern konkurrieren.

Sich überstürzen: Ständig Aufgaben übernehmen, bevor andere die Chance haben, sich freiwillig zu melden.

Der Promovierte: Schlüsselinformationen für sich behalten und zu eigenem Nutzen und Vorteil einsetzen.

Für andere sprechen: "Viele von uns meinen, daß wir dies und jenes tun sollten..."; "Was XY wirklich meinte, war...".

aus: "Sexismus - in politischen Gruppen"

 

Anregungen zu Diskussionsstrukturen

Runde: Jede/r hat die Möglichkeit etwas zu sagen (niemand soll unterbrechen!).

Blitzlicht: Alle äußern kurz ihre Meinung zu einem bestimmten Problem.

Brainstorming: Allem möglichen Ideen werden in einem "Gedankensturm" gesammelt.

Kleingruppen: Hier kommt jede/r öfter zu Wort. Getrennte Frauen- und Männergruppen bringen oft erstaunliche Ergebnisse.

Zeit-Daumen-Regel: Multipliziere deine Redezeit mit der Anzahl der TeilnehmerInnen. So lange wird das Treffen dauern, wenn alle so langen reden wie du.

Ich-Sprache: Sprich für dich, mit "ich" nicht mit "man" und nicht für andere.

Aktives Zuhören: Ist mehr, als abwarten, bis der/die andere ausgesprochen hat. Es bedeutet, einsickern lassen, nachfragen, nicht gleich widersprechen, Pausen.

Kooperation: Suche Gemeinsamkeiten und vermeide Konkurrenz.

Feed-back: Gib den anderen Rückmeldung, wie es dir geht und wie ihr Verhalten auf dich wirkt.

Pausen: Sind wichtig, weil sie auflockern.

Selbstverantwortung: Jede/r ist selbst für das Zustandekommen einer Entscheidung verantwortlich.

DiskussionshelferIn: Hilft den Ablauf zu strukturieren, faßt die Ergebnisse zusammen, formuliert Lösungsvorschläge und achtet darauf, daß eine 'Runde' eingehalten wird.

ProtokollantIn: Macht Notizen und schreibt Lösungsvorschläge und Entscheidungen auf.

ZeitgeberIn: Fühlt sich für den Zeitplan verantwortlich und achtet auf die Zeit.

BeobachterIn: Achtet auf die Atmosphäre und die Stimmung und gibt ggf. Rückmeldung.

aus: "Arbeitsblatt: Konsens - so geht's"



zum Inhaltsverzeichnis LT '93-Informationsmappe

zurück zur Anfangsseite