AG
Soziale ÖkologieGrundlage der Arbeitsgruppe
ist das erste Kapitel aus dem Buch "Neugestaltung der Gesellschaft"
von Murray Bookchin (Trotzdem-Verlag, PF 1159, W-7043 Grafenau 1, 24.-DM;
als Auszug erschienen im Schwarzen Faden Nr. 3/92).
Der vorliegende Text
ist der "gesellschaftliche Rahmen" der Schriften von Murray Bookchin
und eignet sich ausgezeichnet für eine "Einordnung" seiner inhaltlichen
Artikel. Deshalb hat dieser Text den Vortritt bekommen. Ab Februar kann eine
vorbereitende Diskussion für die Libertären Tage geführt werden.
Libertärer Kommunalismus
(auf die Gemeinde (Kommune) bezogen) - "ein Konzept für eine konkrete
Utopie"
"Entweder wir
errichten eine ökologische Gesellschaft oder die Gesellschaft wird untergehen
und zwar für alle, ungeachtet dem Status, den ein jeder einnimmt." (Murray
Bookchin)
Eine zivile Ethik
"Libertärer Kommunalismus"
stellt einen ernsthaften ja historisch begründeten Versuch dar, die politische
Sphäre basisdemokratisch zu organisieren und ihr einen ethischen Inhalt zu
geben. Er unterscheidet sich nicht nur rhetorisch von anderen basisdemokratischen
Versuchen. Er versucht den öffentlichen Bereich für eine direkte Beteiligung
der Bevölkerung zurückzugewinnen und durchbricht somit den öden Kreislauf
von Parlamentarismus - der Mystifikation des Parteimechanismus als Ausdruck
öffentlicher Beteiligung.
In dieser Hinsicht ist
der "Libertäre Kommunalismus" mehr als eine politische Strategie.
Es ist das Bemühen von den latenten oder aufkommenden demokratischen Möglichkeiten
zu einer radikalen Umwälzung der Gesellschaft zu kommen, zu einer kommunalistischen
Gesellschaft, die an den Bedürfnissen des Menschen orientiert ist, den ökologischen
Anforderungen nachkommt und eine neue Ethik auf der Grundlage der Solidarität
entwickelt. Das bedeutet eine Abkehr von der Politik der Binsenwahrheiten.
Es bedeutet eine neue Definition des Politischen, eine Rückkehr zu der eigentlichen
griechischen Bedeutung nämlich der Verwaltung der Kommune oder polis (griechisch:
Stadtstaat) durch die Vollversammlungen,
auf denen die Richtlinien der Politik formuliert werden auf der Basis der
Gegenseitigkeit und Solidarität.
So ist der "Libertäre
Kommunalismus" nicht einer der vielen pluralistischen Techniken zur Erlangung
eines vagen undefinierten Ziels. Im Kern demokratisch und nicht hierarchisch
in seinen Strukturen ist er eine Art von menschlicher Bestimmung und nicht
ein Teil von einem Sortiment politischer Mittel und Strategien, die mit dem
Ziel die Herrschaft zu erlangen angeeignet und wieder abgestoßen werden können.
"Libertärer Kommunalismus"
versucht die institutionellen Konturen einer neuen Gesellschaft zu umreissen,
es ist die praktische Botschaft der neuen Gesellschaft.
Mittel und Zweck
Hier vereinigen sich
Ziel und Weg auf rationale Weise. Der Begriff des Politischen beinhaltet nun
die direkte öffentliche Kontrolle über die Gesellschaft durch ihre Mitglieder,
die (in Abgrenzung zum republikanischen System, indem im Vorhinein die Zustimmung
der Bevölkerung zur regionalen und kommunalen Politik eingefordert wird) in
den Versammlungen die direkte Demokratie erlangen und aufrechterhalten. Diese
Politik unterscheidet sich grundlegend vom Staat und der Staatsgewalt "der
professionellen Körperschaft aus Bürokraten, Polizei, Militär und anderen
Vollzugsbeamten, funktionierend als Zwangsapparat, deutlich abgegrenzt von
der Bevölkerung und über ihr stehend. "Libertäre Kommunalisten"
unterscheiden Staatsgewalt - die heutige Form von Politik - und Politik wie
sie einst in den vorkapitalistischen demokratischen Kommunen existierte.
"Libertärer Kommunalismus"
bedeutet eine klaren Vorstellung über den gesellschaftlichen Bereich genauso
wie über den politischen Bereich. Gesellschaftlich im Sinn des Wortes, dort
wo wir wohnen und arbeiten. Er ist deutlich etwas anderes als der politische
und staatliche Bereich. Durch die Ununterscheidbarkeit der Begriffe gesellschaftlich,
politisch und staatlich wurde großer Schaden verursacht. Tatsächlich haben
sie in unserem alltäglichen Leben und Denken eine tendenziell gleiche Bedeutung.
Aber der Staat ist ein völlig fremdes Element, ein Dorn in der menschlichen
Entwicklung, eine exogene (äußerliche) Größe, die ständig auf die gesellschaftliche
und politische Sphäre übergreift. Zumeist ist der Staat reiner Selbstzweck
wie beispielsweise die asiatischen Imperien, das alte Rom und die modernen
totalitären Staaten. Der Staat hat ständig den politischen Bereich besetzt,
hat trotz ihrer Unzulänglichkeit gesellschaftliche Gruppen oder Individuen
an die Macht gebracht.
Diese "Invasion"
des Staates blieb nicht unbeantwortet. So gab es einen jahrhundertelang andauerneden
Bürgerkrieg zwischen dem Staat und den politischen und gesellschaftlichen
Gemeinden. Des öfteren wurde dieser Konflikt auch offen ausgetragen, wie z.B.
der Aufstand der kastillischen Städte (comuneros) gegen die spanische Monarchie
1520, der Aufstand der Pariser Sektionen gegen den jakobinischen Konvent 1793
und viele andere Aufstände vorher und nachher.
Mit der steigenden Konzentration
und Zentralisation der Macht muß heute eine neue Politik - wenn sie eine grundsätzlich
neue sein will - um die Kommune (Gemeinde) organisiert werden. Das ist nicht
nur notwendig, es ist auch möglich, selbst in so großen Städten wie New York,
Montreal, Paris oder London. Diese Städte sind keine Städte im ursprünglichen
Sinn, selbst wenn Soziologen sie so nennen. Nur wenn wir sie so begreifen,
bekommen wir Schwierigkeiten mit deren Größe und der Logistik. Eine institutionelle
Dezentralisierung wird keine Probleme bereiten, selbst wenn wir sie nicht
mit ökologischen Anforderungen begründen. Als Francois Mitterand Paris mittels
lokaler Stadtparlamente vor einigen Jahren dezentralisieren wollte (die Gründe
waren taktischer Natur: er wollte den Einfluß der Rechten verringern), scheiterte
er nicht aufgrund der Unmöglichkeit sondern an den politischen Mehrheitsverhältnissen.
Sicherlich finden institutionelle
Veränderungen nicht in einem gesellschaftlichen Vakuum statt. Noch garantiert
eine dezentralisierte Stadt, selbst wenn sie demokratische Strukturen hat,
daß sie human, rational und ökologisch mit den Belangen der Öffenlichkeit
umgeht. "Libertärer Kommunalismus" setzt einen Kampf für eine ökologische
und rationale Gesellschaft voraus, einen Kampf der von Bildung und der Organisation
abhängen wird.
Er geht von dem Bedürfnis
der Bevölkerung aus, die steigende Konzentration der Macht aufzuhalten und
diese für ihre Kommune und Region zurückzugewinnen. Wenn keine Bewegung da
ist - und ich hoffe, daß sich eine effektive links-ökologische Bewegung entwickeln
wird -, die diese Ziele einfordert, kann Dezentralisation genauso gut zu Provinzialismus
führen anstatt zu einem ökologischen und humanen Kommunalismus.
Aber wann waren grundlegende
gesellschaftliche Veränderungen schon ohne Risiko? Aus der marxistischen Verpflichtung
zum Zentralstaat und zur Planwirtschaft resultiert weitaus eher der bürokratische
Totalitarismus als daß im (negativen) Vergleich der "Libertäre Kommunalismus"
zu Autoritarismus, Abgeschlossenheit und Provinzialismus führen muß. Gegenseitige
ökonomische Abhängigkeit (ein Faktum heutigen Lebens) und der Kapitalismus
haben regionale Diktaturen zu Hirngespinsten werden lassen.
Obgleich die Städte
und Regionen versuchen können, ein beträchtliches Maß an Selbstversorgung
zu erreichen, haben wir längst die Ära überschritten, in der autarke Städte
ihren Vorurteilen nachgehen könnten.
Föderalismus
Ebenso wichtig ist die
Föderation (gleichberechtigter Zusammenschluß), die Verbindung einzelner Kommunen
durch die mit imperativem Mandat von den einzelnen Vollversammlungen gewählten
Delegierten, die einzig und allein ausführende und koordinierende Funktionen
innehaben. Der Föderalismus hat eine lange Historie, die bis zur Antike zurückreicht
und als Alternative zum Nationalstaat auftaucht. Von der amerikanischen über
die französische bis hin zur spanischen Revolution 1936 stellte der Föderalismus
immer einen Bruch zum Staatszentralismus dar. Der Föderalismus ist bis heute
nicht verschwunden. Der Zusammenbruch vieler Staaten stellte wieder die Frage
nach einem aufgezwungenen Zentralstaat oder einer Föderation relativ autonomer
Staaten. "Libertärer Kommunalismus" gibt dieser Diskussion um den
Föderalismus eine radikal demokratische Dimension, indem er nicht eine Föderation
der Nationalstaaten fordert, sondern eine Föderation der Städte und Kommunen.
Im "Libertären
Kommunalismus" kann der Provinzialismus nicht nur mittels der gegenseitigen
ökonomischen Abhängigkeit gebremst werden sondern auch durch die Verpflichtung
der städtischen Minoritäten (Minderheiten), sich den Mehrheitsbeschlüssen
zu beugen. Garantiert diese Verpflichtung, daß die Mehrheitsbeschlüsse die
richtigen sind? Sicherlich nicht - aber die Möglichkeiten für die Erlangung
einer rationalen und ökologischen Gesellschaft sind weitaus besser als in
den Gesellschaften mit zentralisierten und bürokratischen Apparaten.
Ich wundere mich ständig,
daß innerhalb der Grünen kein Netzwerk von verschiedenen Städten entstand,
wo sie doch hunderte Delegierte aus allen Städten hatten, die allesamt eine
konventionelle, selbstbeschränkte Lokalpolitik betrieben haben. [Einschränkung:
es gab 1980 einen bundesweiten Kommunalpolitischen Kongreß in Bielefeld, der
mit der Zeitschrift AKP einen Diskussionszusammenhang schuf. Insgesamt blieb
diese Strömung innerhalb der Grünen jedoch recht zweitrangig und erst 1992
kam es nun im Zusammenhang mit dem Bündnis '90 zu einem 2. kommunalpolitischen
Kongreß innerhalb der Grünen, für deren AktivistInnen die Makroebene vermutlich
immer lukrativer erschien. SF-Red.]
Viele Argumente gegen
den "Libertären Kommunalismus" beruhen auf dem Mißverständnis der
Unterscheidung von Politik-machen und der Administration (Verwaltung). Diese
Unterscheidung ist für den "Libertären Kommunalismus" grundlegend
und muß von daher ständig präsent sein. Politik wird von einer Stadtversammlung
gemacht. Die Administration findet bei den föderalen Organen, die aus Delegierten
mit imperativem Mandat bestehen, statt. Wenn einzelne Kommunen oder auch eine
Minorität sich entscheiden, ihren eigenen Weg gehen und dabei die Menschenrechte
verletzen oder größeren ökologischen Schaden anrichten, so hat die Majorität
(Mehrheit) in der lokalen oder regionalen Föderation das Recht dieses zu verhindern.
Das ist nicht undemokratisch, es ist die Durchsetzung des gemeinsamen Beschlusses
aller, die Menschenrechte und die ökologische Integrität der Region zu beachten.
Diese Rechte und Bedürfnisse werden nicht durch "die Föderation"
ausgedrückt, sondern durch die Mehrheit der Versammlungen, die mit ihren Delegierten
dort vertreten sind. Solch eine Politik wird lokal bleiben, die Administration
jedoch ist in den föderalen Strukturen fest verankert. Die Föderation ist
somit eine Kommune der Kommunen, die gemäß der vereinbarten Menschenrechte
und ökologischen Anforderungen funktioniert.
Wenn der "Libertäre
Kommunalismus" in seiner Organisationsform völlig verdreht wird oder
von seinen Inhalten losgelöst wird, ist es ein Zustand, gegen den gekämpft
werden muß. Seine Notwendigkeit begründet sich aus einer Zeit, in der die
Menschen sich völlig ohnmächtig fühlen und ernsthaft versuchen ihre Angelegenheiten
selbst in die Hand zu nehmen. Er wird in zunehmendem Maße in Widerspruch zum
Nationalstaat geraten; seine Entwicklung ist ein Prozeß, es ist ein Kampf,
der geführt werden muß und keinesfalls ein Gnadenbrot der Herren unserer Staaten.
Er wird zur dualen Macht, die die Legitimation der Staatsgewalt bekämpft.
Diese Bewegung wird sich eher langsam entwickeln, vielleicht sporadisch, in
einzelnen Kommunen hier und da, die anfangs nur moralisch eine Veränderung
fordern, bis genügend Föderationen bestehen, die die völlige institutionelle
Macht des Staates ersetzen. Dieser Kampf kann nur gewonnen werden, wenn der
"Libertäre Kommunalismus" eine radikal neue Politik von sozialer
Bewegung formuliert und die Herzen und Köpfe von Millionen erobert hat.
Einige Punkte sollten
klar sein: Die Menschen, die den Kampf zwischen Föderalismus und Etatismus
beginnen, werden nicht die gleichen sein, wie die, die den "Libertären
Kommunalismus" eventuell erreichen. Die Bewegung und die Kämpfe werden
diese Menschen prägen, sie werden Aktiv-Beteiligte sein, nicht passive WählerInnen.
Niemand der/die an diesen Kämpfen teilnimmt, wird mit denselben Vorurteilen,
Gewohnheiten und Gefühlen herausgehen, wie er/sie hineingegangen ist. Es ist
zu hoffen, daß dadurch solche Phänomene wie Provinzialismus von dem Geist
der Solidarität und dem sorgfältigen Umgang mit der gegenseitigen Abhängigkeit
abgelöst wird.
Kommunalisierung
der Wirtschaft
Dies dürfte jeder/m
einsichtig sein, der/die den Bürokratismus selbst revolutionärer Gewerkschaften,
wie z.B. der CNT während des spanischen Bürgerkriegs untersucht hat. Heute
brennt der kooperativistische Kapitalismus darauf, die Arbeiter dazu zu bewegen,
sich selbst auszubeuten unter der Flagge der "Demokratisierung der Arbeit"
(oder "Selbstverwaltung"). Weder in der spanischen Revolution noch
in einem anderen Land wurde der Wettbewerb bezüglich der Rohstoffe, Märkte
und Profite unter den arbeiterkontrollierten Betrieben aufgehoben.
Ein weitaus modernerer
Fehlschlag sind die israelischen Kibbuzim, die die großen Ideale, weswegen
sie begonnen wurden, z.B. der Nicht-Ausbeutung und der Bedürfnisorientiertheit,
nicht erreicht haben.
"Libertärer Kommunalismus"
schlägt eine radikal andere Wirtschaftsform vor, eine die sich von der nationalisierten
wie von der nach syndikalistischem Muster kollektivierten Wirtschaft unterscheidet.
Er sieht vor, daß das Land und die Betriebe unter der Obhut der Kommunen oder
präziser der Bürgerversammlungen und ihrer Delegierten in der föderalen Versammlung
stehen. Wie die Arbeit geplant wird, welche Technologien verwandt werden und
wie die Güter verteilt werden, sind Fragen, die nur in der Praxis beantwortet
werden können. Die Maxime "jeder gemäß ihrer Fähigkeiten, jedem gemäß
seinen Bedürfnissen" sollte das Fundament einer rationalen Ökonomie sein.
Die Güter sollten auf den Kriterien der Haltbarkeit und Qualität orientiert
sein und die Bedürfnisse sich nach ökologischen und rationalen Standards richten.
Die antike Vorstellung der Begrenzung und des Gleichgewichts sollte die bürgerlichen
Marktgesetze des "wachse oder stirb" ablösen.
In solch einer "kommunalisierten
Ökonomie" (mit der föderalen Organisationsform, der gegenseitigen Abhängigkeit
und der ökologischen Ausrichtung) können wir davon ausgehen, daß die Einzelinteressen,
die die Menschen heute in Arbeiter, Facharbeiter, Manager und dergleichen
einteilt, aufhebbar sind, getragen von dem Interesse, sich selbst als Bürger/-in
zu betrachten und sich mehr nach den Anforderungen der Kommune und der Region
zu richten als an dem Berufsstand oder den persönlichen Neigungen. Hier können
sich die BürgerInnen wiederfinden und die rationale und ökologische Bewertung
der öffentlichen Güter werden die Klassen- und Hierarchieinteressen verdrängen.
Das sind die ethischen
Grundlagen einer Ökonomie für eine ethische Kommune. Die Arbeit für eine ethische
Kommune ist von herausragender Bedeutung und enthält eine allgemeine gesellschaftliche
Bedeutung, die sich quer über Klasse, Geschlecht, Ethnie und Wohlstand erstreckt,
wenn die Menschheit als lebensfähige Spezie weiterexistieren will. Diese Bedeutung
wurde durch die ökologische Katastrophe bewußt gemacht. Das kapitalistische
Prinzip des "wachse oder stirb" steht im radikalen Widerspruch zu
den ökologischen Anforderungen der gegenseitigen Abhängigkeit und der Begrenzung.
Diese zwei Prinzipien können nicht länger nebeneinander existieren - es kann
auch keine Gesellschaft erdacht werden, in der sich dieser Widerspruch versöhnt
und die Hoffnung besteht, überleben zu können. Entweder wir errichten eine
ökologische Gesellschaft oder die Gesellschaft wird untergehen und zwar für
alle, ungeachtet dem Status, den ein jeder einnimmt.
Die Ökologische
Gesellschaft
Wird diese ökologische
Gesellschaft eine autoritäre oder gar eine totalitäre sein, eine hierarchische,
wie sie in der Vorstellung vom "Raumschiff Erde" zum Ausdruck kommt?
Oder wird sie eine demokratische sein? Sollte die Geschichte irgendeinen Anhaltspunkt
geben, muß die demokratische Gesellschaft als klare Unterscheidung zur ökologischen
Kommandogesellschaft ihre eigene Logik entwickeln. Niemand kann einen Ausweg
aus diesem historischen Dilemma aufzeigen, ohne zu dessen Wurzeln zurückzugehen.
Ohne Analyse der ökologischen Probleme und deren gesellschaftlichen Ursachen,
werden die heutigen schädlichen Institutionen weiter zentralisiert und uns
tiefer in die ökologische Katastrophe treiben. Die Wurzeln dieser demokratischen
Gesellschaft sind die Basisbewegungen, die der "Libertäre Kommunalismus"
zu stärken versucht.
Kann es denn für die
Menschen, die richtigerweise neue Technologien, Energiequellen oder Transportmittel
fordern, eine neue Gesellschaft geben, die nicht eine Gemeinschaft der Kommunen
ist, sondern auf etatistischen Prinzipien ruht? Wir leben schon in einer Welt
in der die Ökonomie übertrieben stark globalisert, zentralisiert und bürokratisiert
ist.
Vieles was auf lokaler
Ebene getan werden kann, wird heute weitgehend (vor allem aus Profitgründen,
für militärische Zwecke und aus imperialem Anspruch) auf globaler Ebene getan.
Der Effekt ist, daß alles den Anschein von Komplexität gewinnt, eine Komplexität,
die aber ohne weiteres wieder verringert werden kann.
Wenn das in der heutigen
Zeit zu utopisch erscheint, so muß
die Flut von Literatur, die einen radikalen Wandel in der Energiepolitik,
weitreichende Verringerungen der Luft- und Wasserverschmutzung verlangt, die
Pläne zur Verhinderung des Treibhauseffekts und des Ozonlochs ebenfalls als
wirklichkeitsfremd angesehen werden.Ist es zuviel oder gar zu mittelmäßig,
diese Forderungen ein Stück weiterzubringen und einen institutionellen und
ökonomischen Wandel einzufordern, der zumindest auf den demokratischen Traditionen
fußt?
Wir müssen diesen Wandel
nicht sofort vollziehen. Die Linke hat lange Zeit mit Minimal- und Maximalkonzepten
für eine Veränderung der Gesellschaft gearbeitet, mit denen sofortige Schritte
unternommen werden konnten und die mit Übergängen und Zwischenstufen verknüpft
waren, um eventuell das große Ziel zu erreichen. Kleine Schritte können
unternommen werden, so z. B. die Initiierung einer linksökologischen kommunalistischen
Bewegung, die die Versammlungen aller propagiert (auch wenn dies zunächst
nur eine moralische Funktion hat) und Delegierte in die Stadt- und Gemeindevertretungen
wählt, die das Anliegen der Versammlungen weitertragen. Diese kleinsten Schritte
können Schritt für Schritt zu föderalen Institutionen und zur Legitimation
von wahrhaft demokratischen Körperschaften führen. Städtische Banken können
Betriebe und Land kaufen und somit Möglichkeiten eröffnen, damit neue städtische
und ökologische Betriebe entstehen; es kann ein Netzwerk von Basisgruppen
im sozialen Bereich geschaffen werden, all das kann in einem angemessenen
Tempo entwickelt werden, um das politische Leben zu verändern.
Das Kapital wird sich
von den dem "Libertären Kommunalismus" zugewandten Kommunen abwenden,
das ist ein Problem, dem jede Nation und Kommune, die ihr politisches Leben
radikalisiert hat, gegenüberstand. Normalerweise wandert das Kapital in die
Regionen, in denen es große Profite realisieren und unabhängig von politischen
Konstellationen schalten und walten kann. Aus der tiefsitzenden Angst vor
Kapitalabwanderungen könnte sich eine günstige Situation entwickeln, die das
politische Projekt stabiliseren hilft. Die im städtischen Eigentum befindlichen
Betriebe könnten neue, ökologisch wertvolle und nahrhafte Produkte liefern,
die der Bevölkerung immer mehr bewußt werden läßt, mit welchem Schund sie
jahrzehntelang eingedeckt wurde.
Anmerkungen zu einigen
Befürwortern und Kritikern des "Libertären Kommunalismus"
Dieser Zusatz ist notwendig,
weil viele Gegner des "Libertären Kommunalismus" und bedauerlicherweise
auch einige Anhänger, die Ziele des "Libertären Komunalismus" mißverstehen,
ja das Wesen überhaupt nicht begreifen.
Für einige der instrumentellen
Anhänger ist der "Libertäre Kommunalismus" ein strategisches Mittel
um Eintritt in das independant movement (unabhängige Bewegung) zu erlangen
in der Absicht, eine neue dritte Partei, die eine basisdemokratische Politik
einfordert, zu gründen, wie z.B. NOW und einige Arbeiterführer dies tun. Im
Namen des "Libertären Kommunalismus" verwischen einige radikale
Anhänger das Spannungsverhältnis, das zwischen dem Staat und dem gesellschaftlichen
Bereich besteht, wahrscheinlich einzig und allein, um eine größere öffentliche
Beachtung zu erlangen, was sich positiv in den Wahlergebnissen ausdrücken
soll. Diese Sorte von Radikalen verwandeln bedauerlicherweise den "Libertären
Kommunalismus" in eine bloße Strategie und entledigen sich dessen revolutionären
Gehalts.
Diejenigen, die sich
aus taktischen Gründen auf die Grundsätze des "Libertären Kommunalismus"
berufen, um eine neue reformistische Partei oder den linken Flügel einer solchen
Partei zu gründen, haben allerdings nur sehr wenig mit der Idee des "Libertären
Kommunalismus" gemein. "Libertärer Kommunalismus" ist nicht
Produkt der heutigen Analysen und "Strategien" eines linken Flügels,
trotz des Anspruchs vieler Radikaler, die Dialektik als ihre Methode zu begreifen.
Der Kampf für die neuen
Institutionen, die aus den alten herauswachsen oder die alten insgesamt ersetzen,
und für die Bildung von Föderationen entwickelt sich als kreative Dynamik
aus den sozialen Kämpfen. Diese Anstrengungen gleichen einem Reifeprozess,
der sich - unter all den vorhandenen Schwierigkeiten - anfangs wenig und dann
völlig vom bisher Dagewesenen unterscheidet. Dieser Kampf für eine kommunalistische
Föderation, für eine städtische Kontrolle über das Eigentum und der weltweiten
Föderation ist geleitet von dem Gedanken, eine neue Ethik der "Bürgerschaft"
und der Kommunen zu schaffen, aber nicht um einige Erfolge in reformistischen
Konflikten zu erreichen.
Der "Libertäre
Kommunalismus" ist nicht der Versuch die Stadtparlamente einzunehmen,
um umweltfreundliche Gemeinderäte zu bilden. Es geht nicht darum, diese zu
übernehmen. Der "Libertäre Kommunalismus" ist im Gegensatz dazu
darauf aus, die Stadtregierungen umzuwälzen und zu demokratisieren, sie in
den öffentlichen Versammlungen zu verwurzeln, in föderale Strukturen zusammenzubringen
und eine regionale Ökonomie zu entwickeln, die dieser Organisationsform angemessen
ist. Tatsächlich erlangt der "Libertäre Kommunalismus" seine Lebendigkeit
und Integrität aus dem dialektischen (wechselseitige) Spannungsverhältnis
zwischen dem Nationalstaat und kommunalistischen Föderationen. Sein "Lebenselexier"
bezieht er aus dem Kampf gegen den Staat. Dieses Spannungsverhältnis muß klar
und kompromißlos sein.
Besteht diese Föderation
primär als Opposition zur Staatsgewalt, kann sie nicht vom Staat korrumpiert
werden mit kommunalen oder nationalen Wahlen, bei denen nichts herauskommt.
Der "Libertäre Kommunalismus" wird durch den Kampf gegen den Staat
geformt, gestärkt und er bekommt durch diesen Kampf seine Bedeutung. Aufgrund
dieses Spannungsverhältnisses bleibt er wohl unterschieden vom Staat. Diese
duale Macht muß in den Kommunen verwirklicht werden, dann verleiht sie dem
"Libertären Kommunalismus" letztlich mehr Gewicht als einem Basissozialismus.
Viele "heroische"
Genossen, die sich auf die "Schlacht gegen die Kräfte des Kapitalismus"
vorbereiten, die eines Tages geschlagen werde, finden, daß der "Libertäre
Kommunalismus" zu mühsam, zu irrelevant sei oder zu vage bleibt. Unsere
"Sprühdosen"- oder "Alternativcafé"-Radikalen erstaunen
mich immer wieder. Diese wohlgesonnenen Radikalen, die die Abschaffung des
Kapitalismus fordern, halten es selbst für zu schwierig - sich hinzustellen
- und in ihrem sozialen Umfeld sich für eine genuine Demokratie zu engagieren.
Wenn sie noch nicht
einmal für eine verändernde Politik in ihrer unmittelbaren Umgebung sorgen
können (eine relativ bescheidene Arbeit) oder kontinuierliche Kleinarbeit
machen können, etwas was die reifere linke Bewegung auszeichnete, kann ich
mir schwer vorstellen, daß sie irgendwann einmal eine Gefahr für diese Gesellschaftsordnung
darstellen werden. Allerdings könnten sie durch die Errichtung von Kulturzentren,
Parks und (Bürger- oder Kommunikations-)häusern ebenso das System stärken,
indem sie dem Kapitalismus eine angenehmere Erscheinungsform verleihen, ohne
dabei den zugrundeliegenden Zwangscharakter der hierarchischen Klassengesellschaft
zu verringern.
Eine Anzahl von Identitätskämpfen
haben aufstrebene, radikale Bewegungen seit dem SDS (Sozialistischer Deutscher
Studentenbund) in den 60ern gespalten. Aufgrund der Popularität dieser Identitätskämpfe
heutzutage wollen einige Kritiker des "Libertären Kommunalismus"
die öffentliche Meinung gegen ihn aufbringen. Aber wann hat schon mal die
"öffentliche Meinung" Revolutionäre belastet? Noch nicht einmal
die "öffentliche Meinung" der Unterdrückten, deren Ansichten häufig
reaktionär sein können. Die Wahrheit geht ihren eigenen Weg, unabhängig davon,
ob die unterdrückten Massen sie erkennen oder übereinstimmen. Es ist auch
nicht "elitär" die Wahrheit zu beschwören, selbst wenn sie im Gegensatz
zur radikalen Öffentlichkeit steht...
Kritiker des "Libertären
Kommunalismus" bestreiten sogar die Existenz eines allgemeinen Interesses.
Wenn für diese Kritiker die direkte Demokratie, für die der "Libertäre
Kommunalismus" eintritt, und die notwendige Ausweitung der demokratischen
Grundlagen über die reine Gerechtigkeit hinaus zur Vollendung der Freiheit
nicht als allgemeines Interesse gilt, so ist doch zumindest die Notwendigkeit
unserer Beziehungen zur Natur zu verändern - wie es in dem Konzept der Sozialen
Ökologie zum Ausdruck kommt - sicherlich ein allgemeines Interesse. Gewiß
es können viele Unzufriedene gefunden werden, aber die Natur ist nicht austauschbar.
Und so beruht die einzige Möglichkeit linker Politik auf der Prämisse, daß
es ein allgemeines Interesse gibt, nämlich die Gesellschaft zu demokratisieren
und den Planeten zu erhalten. Die traditionelle Arbeiterbewegung hat sich
von der politischen Bühne verabschiedet. Es kann sicherlich gesagt werden,
daß ohne den "Libertären Kommunalismus" die Linke keine politische
Perspektive hat.
Meiner Meinung nach
ist der "Libertäre Kommunalismus" mit seiner Betonung des Föderalismus
tatsächlich die Kommune der Kommunen, für die die Anarchisten in den beiden
letzten Jahrhunderten gekämpft haben. In der heutigen Zeit muß die radikale
Bewegung in die Öffentlichkeit gepuscht werden. Dies zu unterlassen und stattdessen
zu den schlechten Angewohnheiten der Neuen Linken nach 68 zurückzukehren,
in der die Vorstellung von Macht ihrer utopischen oder imaginären (nur in
der Vorstellung bestehend) Qualität beraubt war, bedeutet den Radikalismus
zu einer anderen Subkultur zu reduzieren, die mehr von den heroischen Erinnerungen
lebt als von der Hoffnung auf eine aufgeklärte (rationale) Zukunft.
Übersetzt von Andi Ries
aus: Green Perspectives, Oktober 1991
AG Soziale Ökologie
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