AG
Staatlichkeit als Okkupation"Altbewährte"
(altbackene) Befreiungsstrategien, die sich an klassischen Unterdrückungsmechanismen
und (Klassen)verhältnissen entwickelten und die die Geschichte der anarchistischen
Kultur bestimmten, verlieren im Rahmen veränderter Herrschaftsmechanismen
ihre revolutionäre Potenz. Sie führen im Falle starren daran Festhaltens zur
Eigenparalyse (Lähmung) der jeweiligen AktivistInnen und im schlimmsten Fall
zur Entkopplung gesellschaftlicher Realität und anarchistischer Philosophie
und Politik.
Der Kollaps des realsozialistischen
Systems mit dem nachfolgenden Zersetzungsprozeß, das Phänomen der Renaissance
(Wiedergeburt ) des Nationalismus und die damit verbundene Aufsplitterung
der Länder ermöglicht großdeutsche Großraumplanungen, wenn auch mit 50jähriger
Verspätung, umzusetzen.
Die Absicherung deutscher
Interessen auf ökonomischer Ebene findet ihre Entsprechung auf militärischer
Seite in der konkreten Vorbereitung der Bundeswehr auf neue Aufgaben. Einsätze
in und außerhalb des NATO-Gebietes werden allenthalben als schon lange überfällig
diskutiert und bis in die Grünen hinein positiv beurteilt.
Die Rolle der UNO als
supranationale (übernationale) "Friedens- und Ordnungsstifterin"
wird in diesem Zusammenhang als moralische Instanz und politisches Regulationsinstrument
aufgewertet.
Die kapitalistische
Aufschlüsselung und Erschließung Osteuropas mittels auf deutsche Interessen
zugeschnittener Infrastruktur und die damit angestrebte Sicherung von "ökonomischen
Filetstücken" sowie die forcierte Eigenständigkeit einer deutsch/europäischen
Armee geben einen Vorgeschmack auf die Marschrichtung imperialer europäischer
Politik.
Unterdessen werden Menschen
in Deutschland ermordet, geprügelt und schikaniert. Der von neuem deutschen
Selbstbewußtsein aufgeblähte "deutsche Kleingeist" lebt sich aus.
Realsozialistische Erziehungsmethoden à la DDR in Sachen internationaler Solidarität
und Völkerfreundschaft haben offensichtlich eine besonders menschenfreundliche
Spezies hinterlassen. Oder anders ausgedrückt: Das staatssozialistische Korsett,
das den (ost)deutschen Untertanengeist als Leitstruktur zum Emporkriechen
diente und das die Menschen autoritär von der Wiege über die Jungen Pioniere
und die FDJ beständig schiente, fehlt. Einerseits seiner "sozialistisch-deutschen"
Identität beraubt (befreit?), andererseits noch nicht in die geistige und
emotionale Leere der betäubenden Konsumstruktur West integriert, gedeihen
Rassismus und Nationalismus besonders gut. Die Betonung liegt auf besonders,
denn das Phänomen Menschenhaß und Chauvinismus gewinnt auch in ökonomisch
stabilen Kreisen und Gegenden derartig an Boden, daß die Genese (Ursprung,
Herkunft) unzweifelhaft auch auf der immateriellen Ebene der Orientierungslosigkeit
und des Sinnverlustes kapitalistischer Realität gesucht werden muß.
Die Wut über die Aktionen
der Neonazis und die applaudierenden Spießbürger mischt sich bei vielen mit
der Enttäuschung darüber, daß die Risse im System kapitalistischen Funktionierens
mit rechten Inhalten gefüllt werden und nicht Ansatzpunkte sind für so manche
Brechstangenideologie linksrevolutionären Bewußtseins. Die Schnelligkeit,
mit der die reale Gefahr für alles "Undeutsche" tagtäglich wächst
- dies verstellt den Blick auf die eigentlichen Mechanismen staatlichen Funktionierens.
Neofaschistische Ideologien
und Aktionen sind für das nach "45" aufgestülpte und ausgebaute
kapitalistische System "demokratischer Liberalität" (z. Zt.) nicht
opportun (nicht nötig). Die Machtmechanismen des modernen Großdeuschland und
die Techniken der Verwertung von Menschen unterscheiden sich von denen des
Nationalsozialismus erheblich, auch wenn verstärkt Chauvinismus und Rassismus,
von den Hüllen bürgerlicher Liberalität entblößt, als ungebrochene Grundstrukturen
zutagetreten und die deutsche Affinität (Anhänglichkeit) zum undifferenzierten
Denken mit seinem Hang zu schnellen (End)lösungen fröhliche Urständ feiert.
II
Die Gefahr ist groß,
auf die beschriebene Lage so zu reagieren, wie wir es bisher mit Vorliebe
taten: Im Sinne eines Reflexes, der die Phänomene nicht nur zum Auslöser sondern
auch noch zum Zielpunkt hat.
Am Beispiel des Neofoschismus/Rassismus
soll dies nicht heißen, daß es falsch sei, auf die konkrete reale Bedrohung
eine "schlagende" Antwort zu finden. Vielmehr besteht neben dem
absoluten Handlungsbedarf die weitere Notwendigkeit der Auseinandersetzung
mit dem Hintergrund der entsprechenden Ereignisse. Analog kann es kaum die
alleinige Antwort auf den Supermachtstatus der BRD sein, turnusmäßig eine
Demonstration zum Weltwirtschaftsgipfel durchzuführen.
Eine "radikale
Politik", die sich mit ihren Aktionen und Organisationsbemühungen nur
an Highlights der an Punkten sozialer Konflikte orientiert (springen von einer
sozialen Bewegung zur nächsten), erschöpft sich für uns im besten Fall darin,
libertäre/r Multiplikator/in zu sein. Nach dem Niedergang der jeweiligen sozialen
Bewegung - geteilt und durch Reintegration (Wiedereingliederung) beherrschbar
gemacht oder auch kriminalisiert, aber auch nicht zuletzt durch Rituale der
Selbstbestätigung ihrer sozialen Wirkung beraubt - verbleibt meist nur wenig
Gehaltvolles. Rudimentäre (verkümmerte) Strukturen ehemals eindrucksvoller
Bewegungen (Anti-AkW) oder fast vollständige Auflösung (Startbahn-West) reduzieren
die soziale Wirkung oft nur auf die, wenn auch nicht unwichtige, Ebene persönlicher
Biographie. Die Kurzlebigkeit der meisten Gruppen und Initiativen ist geradezu
ein Charakteristikum libertärer Politik.
"Der Wandlungs-
und Auflösungsprozeß der Linken" (eine RZ) hat nicht seine Ursache in
der Wiedervereinigung und der imperialen Erstarkung Großdeutschlands, sondern
in der inneren Hohlheit ihrer selbst. Er ist vorläufiger Höhepunkt eines Prozesses,
der mit dem schrittweisen Verlust und der Aufgabe gesellschaftlicher Einflußbereiche
(Themen) begann, die sich in Abgrenzung zum kapitalistisch-staatlichen Gesellschaftssystem
entwickelt hatten und die theoretisch weit über den Status eines Phänomens
oder Symptoms hinausgingen. "Revolutionäre Versuche" mit elementaren
Bestandteilen dieses Systems wie z. B. Sexualität, patriarchalischen Strukturen
und "Autorität an sich" anders umzugehen, scheiterten nicht an der
Starrheit der Machtstrukturen, sondern an deren Flexibilität und Integrationskraft,
als auch natürlich an der Inkonsequenz und der mangelnden Risikobereitschaft
der AkteurInnen.
Gemachte emanzipative
Schritte, die sich an der emotionalen und psychischen Verelendung der Wohlstandsgesellschaft
entwickeln und die ein authentischer Kern einer Utopie sein könnten, bleiben
auf der Strecke, solange sie durch vorgegebene Dogmen, Lehren und Utopien
ersetzt werden. In Ermangelung eigenen Durchhaltevermögens und eigener Kreativität
sowie der Bereitschaft, den sogenannten "objektiven Bedingungen"
subjektive (persönliche) Ebenen entgegenzustellen, wird auf Bekanntes zurückgegriffen:
Als Libertäre sind wir stolz auf den reichhaltigen Fundus revolutionärer Requisiten
(glorreiche vergangene Zeiten), auch wenn dem einen oder der anderen die dauernde
wiederkehrende Benutzung langweilig zu werden beginnt.
III
Hehre libertäre Ideale
und Utopien - von den "Klassikern" anarchistischer Philosophie entworfen
in dem hierarchischen Sozialgefüge des vorigen Jahrhunderts - haben unter
den gegenwärtigen Machtmechanismen kaum noch Sprengkraft - und sind so für
die allermeisten Menschen kaum noch nachvollziehbar
Ökonomisch getragen
von ihrer internationalen Ausbeutungs- und Verwertungsmacht, die ihre Struktur
weitgehend immer noch mittels Hunger, Tod und Folter klassisch aufrecht erhält,
bedienen sich die Machtsysteme der Festung Europa (speziell der BRD) "moderner"
Beherrschungsmechanismen.
Herrschaft funktioniert
in diesem Sinne "ideal", wenn sie die Menschen nicht mittels offen
repressiver Methoden zu funktionskonformem Verhalten zwingen muß, sondern
es ihr gelingt, gemeinsame Identifikationsebenen herzustellen. Staatlichkeit,
die über die Herstellung des sozialen Konsens die Menschen zu durchdringen
vermag, wird konsequenterweise nicht mehr als zwanghaft empfunden. Die scheinbare
Aufhebung des von Libertären immer als natürlicher Gegensatz empfundenen "Mensch-Staat-Verhältnisses"
ist unser größtes Problem.
Die ökonomische Entsprechung
hierzu ist die bekannte relative Gewinnbeteiligung am Ergebnis internationaler
Ausbeutung abhängig gehaltener Länder (Menschen). Das Prinzip ist alt: Die
eigenen Knechte, Mägde und Knappen an der Beute imperialer Raubzüge teilhaben
zu lassen, sicherte schon früher den Frieden im Inneren der Burg. Aus diesem
Grunde wird, da die Kaufkraft deutscher MalocherInnen z. Zt. ein West/Ost-Gefälle
aufweist und entsprechende Konflikte auftreten, daran gearbeitet werden, mittelfristig
innerhalb der Grenzen Deutschlands ein einheitliches Konsumniveau herzustellen.
Konsumwünsche, die geweckt
wurden, wollen befriedigt sein, aber keinesfalls mehr: Gewerkschaftliche Lohnkämpfe
werden auch in Zukunft nicht grundsätzliche Fragen des Besitzes und der Verfügung
von Produktionsmitteln oder gar nach dem Sinn der Arbeit zum Inhalt haben,
sondern nur die Höhe der Löhne (ggf. die Arbeitszeit). (Um Mißverständnissen
vorzubeugen - der DGB ist gemeint).
Die wohl ins Haus stehende
Quotenregelung für EinwanderInnen dient genau zur Aufrechterhaltung dieses
sensiblen Status Quo: die durch nationale Grenzen (europäische Grenzen) und
nach völkischen Definitionen festgelegte "Low-Level-Ausbeutung"
(Low-Level - geringes Niveau) mit hoher Konsummöglichkeit für deutsche BürgerInnen
abzusichern, aber auch "billiges Reservepotential" gezielt und reguliert
"einströmen zu lassen. Die dadurch latent aufrecht erhaltene Drohung
des Verlustes von "Privilegien für einheimische Malocher" schützt
nicht nur vor überzogenen Forderungen ihrerseits, sondern ermöglicht über
das Prinzip "teile und herrsche" die Entsolidarisierung untereinander
und die innere Anbindung an den Mach- und Wirtschaftsapparat der BRD.
Der Spruch vom "gemeinsamen
deutschen Boot" oder auch "Säge nicht am Ast auf dem wir alle sitzen",
steht für die Stimmungslage eines Großteil der deutschen "Arbeiterklasse".
Die Strategie, Interessensgegensätze nicht aufbrechen zu lassen, ist tragende
Maxime gesellschaftlichen Funktionierens.
IV
So wie hell und dunkel
nur in der Wahrnehmbarkeit beider als Gegensatz erfahrbar ist - so ist Freiheit
als Antagonist (Gegenspieler) zur Herrschaft nur denk- und fühlbar als etwas
aus dieser Konfrontation Geborenes.
Der Ersatz dieser Auseinandersetzung
durch das Angebot, FunktionsträgerIn im Machtsystem zu sein, führt zu einer
völlig veränderten Wahrnehmung - bewirkt Herrschaftssicherung nicht durch
Unterdrückung, sondern durch Partizipierung (Teilnahme).
Ein Staat also, dessen
Charakter sich dadurch auszeichnet, daß er seine Organisierungsform dem Menschen
nicht entgegenstellt, sondern flexibel die Bedürfnisse und Wünsche aufgreift,
modelliert und verformt - ein Staat, der Integration (Bsp. Gründe) und Versöhnung
(RAF?) der dumpfen Unterdrückung vorzieht und sich so in seiner Feindseligkeit
der Wahrnehmung entzieht. Ein in diesem Sinne moduliertes Machtsystem reduziert
den Freiheitsbegriff zur kalten lebensleeren Fiktion - bis hin zum Ersatz
durch eine neue systemkonforme Wertigkeit (Freiheit und Abenteuer, frei Fahrt
für freie Bürger).
Nicht nur Herrschaft
von Menschen über Menschen, sondern vor allem durch den Menschen hindurch,
führt so zur perfekten Autoregulation (Selbstregulierung) - zum Freiheitsentzug
der subtilen Art.
Ein Staatssystem, dem
es gelingt, den gesamten sozialen Körper mit einem Funktionsgeflecht der Macht
zu überziehen und zu durchdringen, und der über die Benutzung der Identifikation
des/der Einzelnen mit dem sozialen Mainstream (Hauptstrom ) Zugang zu den
Prägungsebenen von Wertvorstellungen und Glücksgefühlen der Menschen erhält,
ist nicht mehr, wie zu früheren Zeiten harter Interessensgegensätze, auf offen
erkennbare Repression als strukturierendes Element angewiesen. Polizei, Justiz
und Knast zum einen sowie Psychiatrie zum anderen sind jedoch beileibe nicht
überflüssig geworden - als flankierende klassische Instrumentarien der Drohung,
Repression, Disziplinierung und des "Verschlusses" stehen sie zur
Verfügung, wenn die Autoregulation versagt, der Konsens gefährdet und die
Anpassungsfähigkeit an den sozialen Mainstream gestört ist.
V
Das Problem der Auseinandersetzung
mit einem System, dessen Maxime "anything goes" (es geht alles )
die Aura einer toleranten und liberalen Haltung verströmt
Es stellt sich die Frage,
was staatlich-sozialer Macht entgegengestellt werden kann, wenn am Beispiel
bestimmter "Bewegungen" auf der einen Seite positiver Weise die
Erfahrung (die Lernbarkeit von Widerstand) und auf der anderen jedoch die
"Nützlichkeit für das Funktionieren des Gesamtsystems" festgestellt
werden muß. Am Beispiel der Ökologiebewegung zeigt sich nicht nur die politische
Integrierbarkeit der Grünen, sondern darüber hinaus die Verwertungsmöglichkeit
der ideellen Ebene - im Sinne eines positiven Impulses - überdeutlich. Die
Toten und Verletzten, die Knüppelorgien sind schnell vergessen - was bleibt,
ist, daß "saubere Umwelt allen nützt".
Das gegenwärtige Machtsystem
hat nicht nur die Fähigkeit hochflexibel auf Irritationen zu reagieren, sondern
hat in weiten Bereichen die Kunst der Integration von Abweichungen in einem
Maße perfektioniert und automatisiert, daß kaum noch von Irritation im Sinne
einer Störung gesprochen werden kann. Die Gradwanderung zwischen autonomer
Organisierung des Lebens (Widerstand?) und staatlicher Verfügbarkeit zeigt
sich beispielhaft am Status alternativer Betriebe, die oft genug im Kollektiv
- im selbstausbeuterischen Arbeitsalltag - das Fähnlein selbstbestimmter Arbeit
hochhalten, aber auch die Arbeitslosenstatistik entlasten, ja sogar im Falle
größerer Professionalität strukturellen Modellcharakter erhalten können.
Die Reihe der Beispiele
systemgerechter Verwertung ursprünglich radikaler Ansätze läßt sich beliebig
fortsetzen. "Linksradikale Aktivitäten" werden so zum "Salz
in der Suppe" einer kapitalistischen Verwertungsgesellschaft, die darauf
angewiesen ist, durch Integration "anderer" Ideen und Einflüsse
im Fluß zu bleiben.
Je mehr ein Machtsystem
in der Lage ist, den Widerspruch zwischen sich und seinen "Untertanen
" scheinbar auszugleichen - je mehr es in der Lage ist, Wünsche und Sehnsüchte
zu antizipieren (vorwegzunehmen), um so größer sind die Schwierigkeiten, Konfrontationsebenen
zu entwickeln.
Chronische Unfähigkeit
adäquat mit der eigenen Korrumpiertheit umzugehen, läßt es uns leichter erscheinen,
das "revolutionäre Subjekt" eher in anderen zu sehen - als in uns
selbst. So ist die "Flüchtlingkampagne" allzuoft von frustriertem
Erwachen begleitet, wenn die "revolutionären Objekte" nicht das
ihnen von uns zugedachte revolutionäre Verhalten zeigen - ja viel schlimmer
noch einfach nur gut leben wollen, und sie ("die revolutionären Objekte")
deshalb im egoistischen Alleingang versuchen, die Normen bürgerlichen Wohlverhaltens
überzuerfüllen. Freiheit, die wir meinen, ist meist nicht der Freiheitsbegriff
der "Unterprivilegierten", die gerade nach dem Untergang realsozialistischer
Zwangssysteme darunter vielmehr die Freiheit des Konsums verstehen - als selbstbestimmtes
Leben.
Auch die perfide (bösartige)
Annahme, "daß die, die hier herkommen, um dem Kapitalismus zu huldigen,
es schon noch merken werden, auf was sie sich eingelassen haben", erweist
sich bezüglich der Herausbildung eines Widerstandspotentials als trügerisch.
Denn wer es nicht schafft, die vorgegebene "Kulturstufe" materiellen
Wohlstands zu erreichen, sucht und findet die Unzulänglichkeit eher bei sich
und nicht im kapitalistischen System. Persönliche Schuld und Gefühl individuellen
Versagens dienen offensichtlich allemal eher als Triebfeder extra adaptierten
(angepaßten) Verhaltens als zur Entwicklung solidarischen Gefühls gemeinsamer
"Klassenzugehörigkeit".
VI
Unsere Forderungen nach
Freiheit und Solidarität schweben nicht nachvollziehbar über den Köpfen der
Menschen, solange sie nicht auf eine persönlich erfahrbare Ebene heruntergeholt
werden
Die Integrationskraft
des Machtsystems hat Grenzen, die sich sowohl ökonomisch als auch durch nationalstaatliche
und rassistische Demarkationslinien (scharfe Abgrenzungen) abzeichnen.
Ob wir in den in den Bruchlinien des Funktionierens der Integration
stattfindenden Kämpfen - bzw. für diejenigen, die den Mainstream (Hauptstrom)
als sinnentleerten Strudel erfahren - als AnarchistInnen irgendeinen Einfluß
ausüben, hängt davon ab, die "Normalität" zum Gegenstand der Auseinandersetzung
zu machen. Ohne die veränderten Wirkmechanismen der staatlichen Macht zu verstehen,
wird es nicht gelingen, Strategie und Utopie zu aktualisieren und lebbar zu
machen.
Um Perspektive entwickeln
zu können, sind wir gezwungen, uns vom alten Staatsbegriff, der uns im Sinne
eines Machtapparates entgegenstand, endgültig zu verabschieden. Die beschriebenen
Formen der Herrschaft mit ihren filigranen, flexiblen Mechanismen werden durch
starre Konzepte und Strategien nicht zu durchbrechen sein. Dies muß auch heißen,
ausschließlich lineare Formen der Auseinandersetzung Realität/Utopie in Frage
zu stellen und vielmehr eine Praktik des `Versuchs und Irrtums zu akzeptieren,
Umwege in Kauf zu nehmen. Der Ruf nach "dem revolutionären Konzept"
kann (darf) nicht beantwortet werden, vielmehr wäre es wichtig, an Ebenen
anzuknüpfen, die von uns vorschnell aufgegeben wurden (Sexualität, Rollenverhalten,
Autorität etc.), und diese durch Aktionen der Unberechenbarkeit, der Spontaneität
und Provokation zu aktualisieren und umzusetzen. Die Orte der Umsetzung sind
letztendlich austauschbar - sprich ebenfalls nicht einer Strategie unterworfen.
Sie sind nur abhängig vom Standpunkt des/der AkteurIn. Jederzeitige Offenheit
zur Entscheidung/Veränderung in dem Prozeß einen eigenen Standpunkt gegenüber
Herrschaft und Macht zu entwickeln, bedarf innerer Beweglichkeit - nicht starrer
Politikrezepte.
Die "Angst vor
der Freiheit", die uns in der Vergangenheit oft genug zusetzte und daran
hinderte, konsequent weiterzugehen, ist unter Umständen der beste Leitfaden,
an dem wir uns orientieren können. Die eigene Eingebundenheit in Funktionsgeflechte
der Macht - und die eigene Korrumpierbarkeit zu begreifen - sind Voraussetzung
für die Suche nach einem von den Hüllen dieses Machtsystems befreiten, authentischen
Bedürfniskerns.
Zur Entwicklung einer
individuellen Souveränität, die in der Lage ist, eine "Freiheit des Ichs"
der "Freiheit des Systems" entgegenzustellen, bedarf es einer Vielzahl
von uns neu zu definierenden Konfrontationsebenen gegen den Gleichfluß deformierten
Menschseins.
Es geht in diesem Sinne
vor allem um die Entwicklung einer lebendigen anarchistischen Philosophie,
die sich der staatlichen Okkupation (Besetzung) von Bedürfnissen, Wünschen
und Glücksgefühlen entgegensetzt.
Die eigene eingeschränkte
Sichtweise so mancher anarchistischer Zirkel zu erweitern und über der Tellerrand
"revolutionärer" Befindlichkeit herauszublicken, hätte unkonventionellen,
kreativen Umgang unter uns - aber auch mit anderen (im schlimmsten Falle sogar
mit Nicht-AnarchistInnen) Unzufriedenen zur Voraussetzung. Insofern versteht
sich dieser Artikel als Aufforderung zum Diskurs.
M. Wilk (Anarchistisches
Forum Wiesbaden)
Kontaktadresse:
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