A im KreisAG 1

Anarchistische Bewegung heute - Stand und Perspektiven

Erster Teil der AG, Freitag, 9.4.1993, mit etwa 200 Leuten

Dadurch, daß die AG zuerst in einem kleineren Raum angesetzt und für die andrängenden Massen viel zu klein war, wurde nach einiger Diskussion in den Hörsaal VI umgezogen. Dies dauerte fast eine Stunde, so daß das Referat erheblich gekürzt werden mußte.

Das Referat wurde in sieben Blöcke eingeteilt:

1) Definition von Bewegung und Anarchie
2) Anarchistische Organisationsformen
3) Anarchistische Positionen
4) Umgangsformen
5) Präsentation und Öffentlichkeitsarbeit
6) Anarchistische Tendenzen in der Gesellschaft
7) Perspektiven der anarchistischen Bewegung

Aus dem Ende des Referats: Anarchie ist nicht nur eine Utopie sondern auch eine praktische Möglichkeit für unser Alltagsleben. Wenn wir das ökologische Desaster überwinden, können wir den neuen Weg zwischen dem zerstörerischen Kapitalismus und dem schon am Ende seienden autoritären Sozialismus gehen. Dazu Prof. Ossip K. Flechtheim, Futurologe, 1987:

"Der Sozialismus im 20. und 21. Jahrhundert wird nur dann eine Chance haben, wenn er als Global-, Human- und Ökosozialismus gewisse antimilitaristisch-pazifistische Ansätze gerade auch aus der anarchistischen Tradition aufnimmt und weiterführt."

Anarchistische Tendenzen in der BRD?

Nach der Aufforderung zur Diskussion kamen zunächst Verständnisfragen ("Was ist ein Chefkollektiv?"), dann entzündet sich an Thomas' Bemerkung von den "anarchistischen Tendenzen in der BRD" die erste Kontroverse: Kann man bei Ansätzen, die sich selbst nicht als anarchistisch definieren, von "anarchistischen Tendenzen" sprechen? Wie weit kann und soll man sich auf Bündnisse mit nicht-anarchistischen Gruppierungen einlassen angesichts der Gefahr, mit den eigenen Positionen darin unterzugehen? Bzw. wie wichtig sind klare theoretische Abgrenzungen?

Grundfragen

In der an diesen Fragen sich entwickelnden Diskussion tauchen dann auch im weiteren Verlauf immer wiederkehrende, miteinander zusammenhängende Grundfragen auf:

Wie ist das Verhältnis von Theorie und Praxis? Ist die theoretische Arbeit am Begriff "Anarchismus" verzichtbar, lenkt sie gar von der konkreten verändernden Arbeit an sich selbst ab, oder ist die theoretische Reflexion des eigenen Handelns notwendig? Beweist sich die Theorie nicht erst an der Praxis?

Wie geht man mit der immer wieder riesig aufklaffenden Diskrepanz zwischen den hehren theoretischen Ansprüchen und den frustrierenden Erfahrungen im Alltagsleben ("Kloputzen machen auch hier wieder die Frauen") um? Wie wichtig ist die Arbeit am Begriff Anarchismus für das Auftreten nach außen ("Imagepflege" bzw. Öffentlichkeitswirksamkeit)?

Wie wichtig ist welcher Ansatzpunkt für die politische Arbeit: das Bemühen um konkrete Veränderungen im persönlichen Alltag, der Aufbau von anderen Umgangsformen, von selbstverwalteten Strukturen etc. und das "Nach-außen-gehen", der Versuch, Einfluß auf die gesellschaftliche Öffentlichkeit zu gewinnen?

Sind beide Seiten politischen Handelns gleich wichtig? Können sie vereinbart und balanciert werden und wenn ja, wie? Behindern oder stärken sich beide Ansatzpunkte gegenseitig? Wie verhält sich die (sagen wir mal so) anarchistische Bewegung in und zu konkret ablaufenden gesellschaftlichen Auseinandersetzungen?

Wie wichtig ist es und ist es überhaupt möglich, die verschiedenen Ansätze und Richtungen des Anarchismus auf einen Begriff zu bringen? Kann so ein Begriff mehr sein als ein inhaltsloses "Etikett"? Braucht man/frau so einen Begriff im Wirken nach "außen", der quasi in Kurz-Form den eigenen Standpunkt kennzeichnet und ihn von anderen unterscheidet, oder überzeugt nicht vielmehr das praktische Handeln?

Sollten angesichts der Vielzahl anarchistischer Strömungen und der Individualität anarchistischer Haltungen nicht andere integrierende Konzepte einer "Bewegung" entwickelt werden, z.B. auf der Basis einiger Grundlagen (wie Ablehnung des Parlamentarismus) so etwas wie eine "Plattform"?

Anarchistische Bewegung?!

Eine weitere Kontroverse entwickelt sich an der Frage, wie der augenblickliche Stand der "Bewegung" einzuschätzen ist. Thomas' optimistischer Darlegung, nach der Phase der Selbstfindung gebe es mittlerweile so etwas wie eine Konsolidierung, es entwickle sich langsam eine übergreifende Zusammenarbeit und die Bewegung definiere sich selbst als solche, wird heftig widersprochen. Von den Älteren sei doch keineR mehr da, und von einer anarchistischen Bewegung, die sich selbst als solche begreift, sei weit und breit nichts zu sehen.

Ausgehend von der Bemerkung eines der vermißten älteren Leute, diese seien durchaus nicht verschwunden, sie säßen in Betrieben und Projekten und arbeiteten an der materiellen Grundlage, von daher hätten diese weniger Interesse an solchen Kongressen als an laufendem Austausch und Vernetzung, wendet sich die Diskussion schließlich den konkreten Möglichkeiten und Problemen von Organisation bzw. Vernetzung zu. Bei aller Ablehnung zentralisierter Hierarchien und einschränkender "Überorganisation" wird dabei deutlich ein Bedürfnis nach der Entwicklung bzw. Verbesserung eigener, dezentraler Organisationsmöglichkeiten artikuliert, um den Austausch von Erfahrungen, eine breite und schnellere Informationsweitergabe und gegebenenfalls auch gegenseitige Unterstützung zu ermöglichen.

Der erste Teil endet mit dem Vorsatz, an diesem Themenkomplex weiter zu diskutieren.

Zweiter Teil der AG am Sonntag, zwei Tage später

(In einem größeren Seminarraum, die Zahl der Leute deutlich reduziert, so daß ein großen Kreis gebildet werden kann.)

Anarchistische Plattform?

Thomas eröffnet die Sitzung mit einer Zusammenfassung des ersten Teils und stellt nochmal die Idee einer "Plattform" zur Diskussion. Die Reaktion ist zunächst skeptisch, zumal nach den Erfahrungen während der Libertären Tage (es ist tatsächlich auffällig, daß in dieser Sitzung nur noch sehr wenige Frauen da sind):

Ist das überhaupt möglich, eine Plattform als "Dach" für alle Ansätze und Strömungen?

Ist sie machbar und brauchbar z.B. als Anstoß für einen längerfristigen Diskussionszusammenhang oder als übergreifende Informationsmöglichkeit?

Vernetzung

Von hier aus wendet sich die Diskussion wieder den Ideen von "Vernetzung" zu: Das Bedürfnis danach wird wiederum deutlich ausgesprochen, die Überlegungen über Realisierungsmöglichkeiten kreisen um folgende Punkte:

Ziemliche Einigkeit herrscht, daß das Projekt einer Föderation wohl zu hoch angesetzt wäre, zumal wenn dieses nicht wirklich von einer breiten Basis getragen wird. Es erfordert viel Organisationsaufwand, der, gerade wenn nur wenige Leute engagiert sind, kaum lange durchgehalten wird. Frustrierende Erfahrungen in dieser Hinsicht gäb's bereits genug.

Betont wird immer wieder, daß es nötig sei, von den bereits vorhandenen lokalen und regionalen Initiativen auszugehen und zunächst einmal den Informationsaustausch zu verbessern. Auch hierbei sollten nicht immer neue Strukturen gegründet werden, sondern man könne vorhandene Ansätze aufnehmen (Als Beispiel wird die Initiative  für eine anarchistischen Föderation in Deutschland, I-AFD, genannt, die sich auf den Libertären Tagen vorgestellt hat.).

Anarchistische Medien

Die vorhandene anarchistisch-libertäre Medienlandschaft wird als ziemlich unüberschaubar charakterisiert ("Wenn ich Infos haben will, was läuft, muß ich 20 Zeitungen haben."). Die Frage ist, wie hiervon ausgehend ein breiter, übersichtlicher und schneller Info-Austausch geschaffen werden kann. Ist eine Zeitung mit breiterem Ansatz möglich, die auch als Medium "nach außen" wirken kann und die über häufiges Erscheinen und "Mitarbeit der LeserInnen" (= Zusenden von Papieren und Infos über lokale und regionale Aktionen) den gesuchten schnellen und breiten Info-Fluß ermöglicht (Als Beispiel aus dem autonomen Spektrum wird die Zeitschrift "Interim" genannt)?

Erwogen wird in diesem Zusammenhang auch so etwas wie ein "Info-Dienst", die Möglichkeit neuer Kommunikationstechnologie ("Mailbox") und die Frankfurter Idee eines "anarchistischen Rundbriefs" wird vorgestellt. Bedenken und Zweifel äußern sich in der grundsätzlichen Frage, ob es überhaupt möglich sei, alle divergierenden Bedürfnisse abzudecken, in der frustrierten Einschätzung, daß letztlich von den Leuten doch nichts oder wenig käme, und daß in der anarchistischen "Szene" immer wieder so ein Wechsel zwischen "Projekt-Euphorie" und Frustphasen zu beobachten sei.

Ein zweiter Diskussionsstrang dreht sich um die Frage, inwieweit solche groß angelegten Treffen wie die Libertären Tage nützlich bzw. regelmäßig machbar sind. Als Möglichkeit für direktes Kennenlernen und den Austausch im Gespräch werden sie durchaus positiv eingeschätzt. Voraussetzung wäre allerdings, daß sie dezentral von verschiedenen Städten organisiert würden. Auch die Möglichkeit, bestehende andere Bundestreffen offener zu gestalten, wird genannt.

Kritische Einschätzung der Libertären Tage

In diesem Zusammenhang werden einige Aspekte der Libertären Tage '93 kritisch diskutiert:

Eine grundsätzliche Frage ist, inwieweit auf solchen groß und breit angesetzten Treffen überhaupt eine intensivere Themenarbeit möglich ist.

Einige thematische Aspekte (z. B. Ökologie) und einige Gruppierungen/Strömungen (wieder werden "die Älteren" genannt) erscheinen unterrepräsentiert. "Kulturanarchistische Menschen" seien in's Rahmenprogramm abgeschoben worden.

Eine Demo, wie gehabt, bringe wenig. Wenn man Außenstehende ansprechen wolle, müsse man sich über andere Formen (z. B. Straßenfest o. ä. mit Projektvorstellung und Verteilung von Informationsmaterial) Gedanken machen.

Im teilnehmenden "Publikum" sei die autonome Szene stärker als die anarchistisch-libertäre vertreten.

Hieran schließt sich gegen Ende eine Diskussion über das Verhältnis Autonome/AnarchistInnen an. Die Schwierigkeiten, sich in der vorhandenen Runde auf klare Abgrenzungen und Zuordnung zu einigen, führt zu der Einschätzung, daß dieses Verhältnis in den verschiedenen, hier durch Personen repräsentierten Städten und Regionen wohl recht unterschiedlich sei. Während sich in Frankfurt eine klaren Trennung beider "Szenen" entwickelt habe, scheint es in anderen Städten viel mehr Zusammenarbeit und auch "Schnittmengen" und Übergänge in der Identität (Nenne ich mich "autonom" oder "anarchistisch" oder beides?) zu geben.

Das Treffen löst sich - nach meiner Erinnerung - zu vorgerückter Zeit nach und nach auf, ohne den Versuch, irgendwelche konkreten "Arbeitsergebnisse" festzuhalten.

(Ich persönlich bringe das Wort "Kämpfe" in diesem Zusammenhang nicht über die Lippen und nicht in den Computer.)

Karin, Frankfurt/M

Kontaktadresse:
Libertäres Forum Frankfurt, c/o Dezentral, Wittelsbacherallee 45, 60316 Frankfurt/M.


Welche Regierung die Beste sei?
Diejenige, die uns lehrt, uns selbst zu regieren.

J. W. von Goethe

(Maximen und Reflektionen)



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