AG
1 Dadurch, daß die AG
zuerst in einem kleineren Raum angesetzt und für die andrängenden Massen viel
zu klein war, wurde nach einiger Diskussion in den Hörsaal VI umgezogen. Dies
dauerte fast eine Stunde, so daß das Referat erheblich gekürzt werden mußte.
Das Referat wurde in
sieben Blöcke eingeteilt:
1) Definition von Bewegung
und Anarchie
Aus dem Ende des Referats:
Anarchie ist nicht nur eine Utopie sondern auch eine praktische Möglichkeit
für unser Alltagsleben. Wenn wir das ökologische Desaster überwinden, können
wir den neuen Weg zwischen dem zerstörerischen Kapitalismus und dem schon
am Ende seienden autoritären Sozialismus gehen. Dazu Prof. Ossip K. Flechtheim,
Futurologe, 1987:
"Der Sozialismus
im 20. und 21. Jahrhundert wird nur dann eine Chance haben, wenn er als Global-,
Human- und Ökosozialismus gewisse antimilitaristisch-pazifistische Ansätze
gerade auch aus der anarchistischen Tradition aufnimmt und weiterführt."
Anarchistische Tendenzen
in der BRD?
Nach der Aufforderung
zur Diskussion kamen zunächst Verständnisfragen ("Was ist ein Chefkollektiv?"),
dann entzündet sich an Thomas' Bemerkung von den "anarchistischen Tendenzen
in der BRD" die erste Kontroverse: Kann man bei Ansätzen, die sich selbst
nicht als anarchistisch definieren, von "anarchistischen Tendenzen"
sprechen? Wie weit kann und soll man sich auf Bündnisse mit nicht-anarchistischen
Gruppierungen einlassen angesichts der Gefahr, mit den eigenen Positionen
darin unterzugehen? Bzw. wie wichtig sind klare theoretische Abgrenzungen?
Grundfragen
In der an diesen Fragen
sich entwickelnden Diskussion tauchen dann auch im weiteren Verlauf immer
wiederkehrende, miteinander zusammenhängende Grundfragen auf:
Wie ist das Verhältnis
von Theorie und Praxis? Ist die theoretische Arbeit am Begriff "Anarchismus"
verzichtbar, lenkt sie gar von der konkreten verändernden Arbeit an sich selbst
ab, oder ist die theoretische Reflexion des eigenen Handelns notwendig? Beweist
sich die Theorie nicht erst an der Praxis?
Wie geht man mit der
immer wieder riesig aufklaffenden Diskrepanz zwischen den hehren theoretischen
Ansprüchen und den frustrierenden Erfahrungen im Alltagsleben ("Kloputzen
machen auch hier wieder die Frauen") um? Wie wichtig ist die Arbeit am
Begriff Anarchismus für das Auftreten nach außen ("Imagepflege"
bzw. Öffentlichkeitswirksamkeit)?
Wie wichtig ist welcher
Ansatzpunkt für die politische Arbeit: das Bemühen um konkrete Veränderungen
im persönlichen Alltag, der Aufbau von anderen Umgangsformen, von selbstverwalteten
Strukturen etc. und das "Nach-außen-gehen", der Versuch, Einfluß
auf die gesellschaftliche Öffentlichkeit zu gewinnen?
Sind beide Seiten politischen
Handelns gleich wichtig? Können sie vereinbart und balanciert werden und wenn
ja, wie? Behindern oder stärken sich beide Ansatzpunkte gegenseitig? Wie verhält
sich die (sagen wir mal so) anarchistische Bewegung in und zu konkret ablaufenden
gesellschaftlichen Auseinandersetzungen?
Wie wichtig ist es und
ist es überhaupt möglich, die verschiedenen Ansätze und Richtungen des Anarchismus
auf einen Begriff zu bringen? Kann so ein Begriff mehr sein als ein inhaltsloses
"Etikett"? Braucht man/frau so einen Begriff im Wirken nach "außen",
der quasi in Kurz-Form den eigenen Standpunkt kennzeichnet und ihn von anderen
unterscheidet, oder überzeugt nicht vielmehr das praktische Handeln?
Sollten angesichts der
Vielzahl anarchistischer Strömungen und der Individualität anarchistischer
Haltungen nicht andere integrierende Konzepte einer "Bewegung" entwickelt
werden, z.B. auf der Basis einiger Grundlagen (wie Ablehnung des Parlamentarismus)
so etwas wie eine "Plattform"?
Anarchistische Bewegung?!
Eine weitere Kontroverse
entwickelt sich an der Frage, wie der augenblickliche Stand der "Bewegung"
einzuschätzen ist. Thomas' optimistischer Darlegung, nach der Phase der Selbstfindung
gebe es mittlerweile so etwas wie eine Konsolidierung, es entwickle sich langsam
eine übergreifende Zusammenarbeit und die Bewegung definiere sich selbst als
solche, wird heftig widersprochen. Von den Älteren sei doch keineR mehr da,
und von einer anarchistischen Bewegung, die sich selbst als solche begreift,
sei weit und breit nichts zu sehen.
Ausgehend von der Bemerkung
eines der vermißten älteren Leute, diese seien durchaus nicht verschwunden,
sie säßen in Betrieben und Projekten und arbeiteten an der materiellen Grundlage,
von daher hätten diese weniger Interesse an solchen Kongressen als an laufendem
Austausch und Vernetzung, wendet sich die Diskussion schließlich den konkreten
Möglichkeiten und Problemen von Organisation bzw. Vernetzung zu. Bei aller
Ablehnung zentralisierter Hierarchien und einschränkender "Überorganisation"
wird dabei deutlich ein Bedürfnis nach der Entwicklung bzw. Verbesserung eigener,
dezentraler Organisationsmöglichkeiten artikuliert, um den Austausch von Erfahrungen,
eine breite und schnellere Informationsweitergabe und gegebenenfalls auch
gegenseitige Unterstützung zu ermöglichen.
Der erste Teil endet
mit dem Vorsatz, an diesem Themenkomplex weiter zu diskutieren.
Zweiter Teil der AG
am Sonntag, zwei Tage später
(In einem größeren Seminarraum,
die Zahl der Leute deutlich reduziert, so daß ein großen Kreis gebildet werden
kann.)
Anarchistische Plattform?
Thomas eröffnet die
Sitzung mit einer Zusammenfassung des ersten Teils und stellt nochmal die
Idee einer "Plattform" zur Diskussion. Die Reaktion ist zunächst
skeptisch, zumal nach den Erfahrungen während der Libertären Tage (es ist
tatsächlich auffällig, daß in dieser Sitzung nur noch sehr wenige Frauen da
sind):
Ist das überhaupt möglich,
eine Plattform als "Dach" für alle Ansätze und Strömungen?
Ist sie machbar und
brauchbar z.B. als Anstoß für einen längerfristigen Diskussionszusammenhang
oder als übergreifende Informationsmöglichkeit?
Vernetzung
Von hier aus wendet
sich die Diskussion wieder den Ideen von "Vernetzung" zu: Das Bedürfnis
danach wird wiederum deutlich ausgesprochen, die Überlegungen über Realisierungsmöglichkeiten
kreisen um folgende Punkte:
Ziemliche Einigkeit
herrscht, daß das Projekt einer Föderation wohl zu hoch angesetzt wäre, zumal
wenn dieses nicht wirklich von einer breiten Basis getragen wird. Es erfordert
viel Organisationsaufwand, der, gerade wenn nur wenige Leute engagiert sind,
kaum lange durchgehalten wird. Frustrierende Erfahrungen in dieser Hinsicht
gäb's bereits genug.
Betont wird immer wieder,
daß es nötig sei, von den bereits vorhandenen lokalen und regionalen Initiativen
auszugehen und zunächst einmal den Informationsaustausch zu verbessern. Auch
hierbei sollten nicht immer neue Strukturen gegründet werden, sondern man
könne vorhandene Ansätze aufnehmen (Als Beispiel wird die Initiative
für eine anarchistischen Föderation in Deutschland, I-AFD, genannt,
die sich auf den Libertären Tagen vorgestellt hat.).
Anarchistische Medien
Die vorhandene anarchistisch-libertäre
Medienlandschaft wird als ziemlich unüberschaubar charakterisiert ("Wenn
ich Infos haben will, was läuft, muß ich 20 Zeitungen haben."). Die Frage
ist, wie hiervon ausgehend ein breiter, übersichtlicher und schneller Info-Austausch
geschaffen werden kann. Ist eine Zeitung mit breiterem Ansatz möglich, die
auch als Medium "nach außen" wirken kann und die über häufiges Erscheinen
und "Mitarbeit der LeserInnen" (= Zusenden von Papieren und Infos
über lokale und regionale Aktionen) den gesuchten schnellen und breiten Info-Fluß
ermöglicht (Als Beispiel aus dem autonomen Spektrum wird die Zeitschrift "Interim"
genannt)?
Erwogen wird in diesem
Zusammenhang auch so etwas wie ein "Info-Dienst", die Möglichkeit
neuer Kommunikationstechnologie ("Mailbox") und die Frankfurter
Idee eines "anarchistischen Rundbriefs" wird vorgestellt. Bedenken
und Zweifel äußern sich in der grundsätzlichen Frage, ob es überhaupt möglich
sei, alle divergierenden Bedürfnisse abzudecken, in der frustrierten Einschätzung,
daß letztlich von den Leuten doch nichts oder wenig käme, und daß in der anarchistischen
"Szene" immer wieder so ein Wechsel zwischen "Projekt-Euphorie"
und Frustphasen zu beobachten sei.
Ein zweiter Diskussionsstrang
dreht sich um die Frage, inwieweit solche groß angelegten Treffen wie die
Libertären Tage nützlich bzw. regelmäßig machbar sind. Als Möglichkeit für
direktes Kennenlernen und den Austausch im Gespräch werden sie durchaus positiv
eingeschätzt. Voraussetzung wäre allerdings, daß sie dezentral von verschiedenen
Städten organisiert würden. Auch die Möglichkeit, bestehende andere Bundestreffen
offener zu gestalten, wird genannt.
Kritische Einschätzung
der Libertären Tage
In diesem Zusammenhang
werden einige Aspekte der Libertären Tage '93 kritisch diskutiert:
Eine grundsätzliche
Frage ist, inwieweit auf solchen groß und breit angesetzten Treffen überhaupt
eine intensivere Themenarbeit möglich ist.
Einige thematische Aspekte
(z. B. Ökologie) und einige Gruppierungen/Strömungen (wieder werden "die
Älteren" genannt) erscheinen unterrepräsentiert. "Kulturanarchistische
Menschen" seien in's Rahmenprogramm abgeschoben worden.
Eine Demo, wie gehabt,
bringe wenig. Wenn man Außenstehende ansprechen wolle, müsse man sich über
andere Formen (z. B. Straßenfest o. ä. mit Projektvorstellung und Verteilung
von Informationsmaterial) Gedanken machen.
Im teilnehmenden "Publikum"
sei die autonome Szene stärker als die anarchistisch-libertäre vertreten.
Hieran schließt sich
gegen Ende eine Diskussion über das Verhältnis Autonome/AnarchistInnen an.
Die Schwierigkeiten, sich in der vorhandenen Runde auf klare Abgrenzungen
und Zuordnung zu einigen, führt zu der Einschätzung, daß dieses Verhältnis
in den verschiedenen, hier durch Personen repräsentierten Städten und Regionen
wohl recht unterschiedlich sei. Während sich in Frankfurt eine klaren Trennung
beider "Szenen" entwickelt habe, scheint es in anderen Städten viel
mehr Zusammenarbeit und auch "Schnittmengen" und Übergänge in der
Identität (Nenne ich mich "autonom" oder "anarchistisch"
oder beides?) zu geben.
Das Treffen löst sich
- nach meiner Erinnerung - zu vorgerückter Zeit nach und nach auf, ohne den
Versuch, irgendwelche konkreten "Arbeitsergebnisse" festzuhalten.
(Ich
persönlich bringe das Wort "Kämpfe" in diesem Zusammenhang nicht
über die Lippen und nicht in den Computer.)
Karin, Frankfurt/M
Kontaktadresse:
Welche Regierung die
Beste sei?
J. W. von Goethe
(Maximen und Reflektionen)
zum Inhaltsverzeichnis LT '93-Dokumentation
zurück zur Anfangsseite