AG
10Am 9. 4. 93 um 15 Uhr
versammelten sich zu Frankfurt a. M. eine Unmenge von libertär gesinnten Filosofinnen
und Filosofen im Sozialgebäude der Johann Wolfgang von Goethe-Universität.
Die Schätzungen belaufen sich auf 150 - 200 Personen. Was war geschehen?
Matthias und ich, vom
freien filosofischen Forum Frankfurt (ffFF), hatten angekündigt, mit Interessierten
zu filosofieren. Dabei hatten wir an einen Kreis von ca. 2 mal 10 Personen
gedacht.
Unsere Überlegungen
waren dahin gegangen, daß wir dem hektischen Treiben der Libertären Tage einen
Ruhepunkt zum Gedankenaustausch und eben filosofieren entgegensetzen wollten.
Und nun der Massenansturm. Das war einerseits erfreulich, andererseits brachte
es unser Konzept ganz schön durcheinander.

Foto: Thomas K.
Wir zogen also zunächst
mit den Interessierten vor unseren Raum ins Foyer und unser Einstiegsreferat
wurde zum Frontalvortrag (was wir sonst grundsätzlich zu vermeiden suchen).
Damit es bei mehr Menschen ankommt, ist es hier in Auszügen nochmals abgedruckt:
"Filosofie braucht
eigentlich keine Einführung - in diesem Sinne sind wir eigentlich jetzt schon
mitten drin im Filosofieren. Trotzdem haben wir uns eine Art Fahrplan gemacht,
wie wir unsere Ansätze von libertärer Filosofie hier vorstellen könnten -
wenn wir uns darauf einigen wollen.
Kurzdarstellung des
ffFF
Das ffFF ist ein Treffen
von Leuten, die filosofische Probleme aus libertärer Perspektive betrachten.
Das Konzept dieser Zusammenkünfte ist nun schon 3 Jahre alt. Die jeweils Anwesenden
reden dabei über vorher verabredete Themen. Oft geht es bei den Treffen um
Texte, die eine oder einer aus der Runde selbst verfaßt hat, um aktuelle politische
Diskussionen oder um andere filosofische Probleme der Anwesenden.
Was aber ist libertäre
Filosofie?
Zunächst ist sie keinesfalls
mit der traditionellen Philosophie zu verwechseln. Im Gegensatz zu der traditionellen
Philosophie ist libertäre Filosofie (die übrigens mit F geschrieben wird)
entschieden subjektiv und tendenziell.
Libertäres Filosofieren
ist der Versuch, sich zu orientieren; es ist gerichtetes Nachdenken - Denken
in Richtung auf Herrschaftsfreiheit und Anarchie in einem radikalen Sinne.
Es versucht, Modelle zu entwickeln, die im Leben der anwesenden Leute verwurzelt
sind und nicht abgehoben im akademischen Raum schweben.
Filosofie, wie sie sich
uns darstellt, beginnt im hier und jetzt und hat Tendenz zur libertären U-topie.
Filosofie in diesem Sinne ist immer auch Lebenspraxis - sie läßt sich am konkreten
Verhalten derjenigen erkennen, die miteinander filosofieren. Idealerweise
wird darin bereits ein Stück anarchistische Lebensform sichtbar, die geprägt
sein sollte von gegenseitiger Hilfe und solidarischem, einfühlsamem Umgang
miteinander - aber auch von ehrlicher, klarer und (wo möglich) konstruktiver
Kritik...
Uns - den ständigen
Teilnehmerinnen des ffFF - würde auf den libertären Tagen '93 ohne ein Forum
für freiheitliches Filosofieren etwas fehlen. Dieses soll Raum bieten für
ernsthaftes Nachdenken und filosofieren ohne Leistungsdruck, ohne Mackertum
und Uni-Aufsteiger-Atmosphäre.
Bei ähnlichen Veranstaltungen
im Rahmen des ffFF haben sich einige Grundregeln des Umgangs miteinander bewährt.
Bewährte Regeln des Filosofierens:
1. Einander ausreden
lassen - aufeinander beziehen (wir wollen doch was voneinander haben!)
2. Solidarische Kritik
- darauf achten, einander nicht unnötig zu verletzen.
3. Vorsicht mit Zitaten
von sogenannten Autoritäten - sie können hilfreich sein, aber auch verwirren
und ablenken. Zitate geben Hinweise, mit welchen AutorInnen man/frau sich
näher beschäftigen kann - oder auch nicht. Wichtiger ist, ob das Gesagte die
Diskussion weiterbringt. Ein Zitat von einer "Autorität" ist genau
so zu betrachten, wie ein Gedanke irgend eines/einer "Unbekannten".
4. Die Redezeit muß
in einem konsensfähigen Rahmen sein - es geht nicht um Selbstdarstellung der
Redner oder Rednerinnen sondern um das filosofische Problem.
5. Vorsicht beim Festlegen
von Definitionen - es entsteht dadurch leicht ein autoritärer Diskussionsstil.
6. Quellen der Filosofie
sind Texte, alltägliche Lebenserfahrung, Politik etc. - Zugelassen ist eigentlich
jedes Argument...
7. Gegenstand der Betrachtung
sind filosofische Probleme der Anwesenden.
8. Die Gruppengröße
sollte so sein, daß jeder und jede zu Wort kommen kann (10 - 12 - 15 Menschen),
und ein einander Kennenlernen möglich ist. Bewährt hat sich am Anfang eine
kurze Vorstellrunde. Geschlechterparität (und bei einigen Themen getrenntgeschlechtliche
Vordiskussion) ist erfahrungsgemäß von Vorteil.
9. Protokollieren liefert
die Möglichkeit, an Themen weiterzuarbeiten und Denkfehler oder Mißverständnisse
aufzudecken.
10. Filosofie wehrt
sich gegen jede totalitäre Logik - auch eine Dialektik, die ständig polarisiert
("entweder - oder").Diese klassische Logik hat eigentlich monologischen
Ursprung. - Der klassische Philosoph denkt allein nach (Dialoge sind meist
getarnte Monologe).
Libertäre Filosofie
ist demgegenüber eher "polylektisch", bunt, vieldimensional - eben
ein Ergebnis des Austauschs der jeweils Anwesenden. Das Leben läßt sich nicht
in totalitäre Denksysteme zwingen...
11. Eine zeitliche Begrenzung
ist oft anzuraten, da die Konzentration doch mit der Zeit nachläßt - ca. 3
Stunden haben sich bewährt.
Der weitere Verlauf
der AG
Wir haben dann vorgeschlagen,
Kleingruppen zu bilden und mit dem Filosofieren zu beginnen. Als Anregung
zum Filosofieren wurde noch das interne Konzept des freien filosofischen Forum
Frankfurt verteilt.
Leider sollte sich herausstellen,
daß einiges von dem, was hier gesagt wurde, nicht richtig ankam. Das mag an
der chaotischen Einführungssituation gelegen haben oder am Frontalvortragsstil,
der Rückfragen nur in einem geringen Maß zuläßt. Auf jeden Fall gab es eine
von den etwa 18 sich aus der Versammlung bildenden Kleingruppen, die das Konzept
von Filosofie sicher nicht in unserem Sinne verstanden hat und eine Art Textanalyse
und Kritik des Konzeptes vom ffFF erstellten.
Gedacht war das Papier
aber keinesfalls als Gegenstand philosophischer Kritik. Es sollte Anregung
geben, um selbst zu filosofieren. Glücklicherweise war es nur eine Gruppe,
die uns so mißverstanden hat.
Die anderen Gruppen,
von denen uns Protokolle vorliegen, haben die Zeit genutzt, um zu filosofieren
- und ihnen war der Unterschied zwischen traditioneller Philosophie und libertärer
Filosofie klar geworden.
Hier das auszugsweise
Protokoll einer Kleingruppe von 12 Männern:
Es trafen zusammen Männer
zwischen 19 und 48 Jahren, Arbeiter, Azubis, Angestellte und Arbeitslose.
Schulbildung und Herkunftsland gemischt.
"Die Diskussion
drehte sich um die Themen "Anarchismus im persönlichen Alltag und den
daraus folgenden Kommunikationsproblemen mit Mitmenschen". Sie ist von
mir stichpunktartig und subjektiv gewichtet verfolgt worden.
Filosofie wird als tiefere
Art der Kommunikation verstanden und sollte mit einer kritischen Selbstreflexion
verbunden sein. Diese Form des Lernens wird dem Lesen von Büchern als überlegen
eingeschätzt. Das Filosofieren wird als Gegensatz zum Agitieren verstanden.
Als Kommunikations- (Filosofier-) Hemmnisse gegenüber den Mitmenschen werden
hierarchische Strukturen, Desinformation, Obrigkeitsdenken und Expertentum
genannt.
In der Türkei ist der
Anarchismus noch sehr jung (ca. 2 Jahre) - laut Redner -, wird in der breiten
Gesellschaft stark abgelehnt und vom Staat militant verfolgt. In Deutschland
ist das Leben als bekennende/r AnarchistIn weniger folgenschwer. Trotzdem
sprechen einige von einer innerlichen Teilung in Arbeits- und Freizeitwelt
(Freizeitrevoluzzer). Als bekennende/r AnarchistIn würden sie ausgegrenzt
werden. Daher versuchen sie über andere Themen ins Gespräch zu kommen, ohne
Begriffe wie Anarchie zu benutzen...
Wie sollen AnarchistInnen
aus ihrem Doppelleben rauskommen? Die Zeit der Agitation, die K-Gruppen-Zeit
wird als unangenehme Vergangenheit geschildert. Es ist wichtiger, im nahen
Umfeld libertär zu leben - Vorbild - und nicht nur von radikalen libertären
Utopien zu reden. Anarchismus ist keine Heilslehre, die wie eine Religion
vermittelt - verkauft - werden kann.
Einer fühlt sich von
den vielen Ansprüchen in anarchistischen (Arbeits-) Gruppen überfordert (nicht
im Stehen pinkeln, bewußt einkaufen, kein "Playboy" lesen). Es bereitet
ihm ständig ein schlechtes Gewissen und stößt ihn ab. Die Anderen sind der
Meinung, daß individuelles Verhalten auch kritisiert werden muß, aber in Abhängigkeit
von der zu ergründenden Wichtigkeit.
Anarchistische Gruppen
sollten mehr auf die Entwicklung der Gruppe, als auf ihr Wachstum achten.
Die gesellschaftliche Revolution wird im Moment als peripheres Ziel gesehen...
Es gibt insgesamt zu
wenig gleichberechtigte Kommunikationsmöglichkeiten (immer wieder entwickeln
sich hierarchische Beziehungen). Um Strukturen ändern zu können, wird aber
von allen die Organisation in Gruppen für notwendig erklärt."
In einer anderen
gemischten Gruppe mit sehr unterschiedlichem Ausbildungs- und Arbeitsleben
kamen folgende Themen zur Sprache:
Zunächst die Gruppengröße
beim Filosofieren. Es wurde festgestellt, daß sich mit 20 Leuten nur schlecht
tiefergehend diskutieren läßt. Die Folge war eine erneute Teilung der Gruppe.
Das miteinander Reden wurde problematisiert. Filosofie versuche, die Einsamkeit
von Menschen zu überwinden, indem sie zum herrschaftsfreien Gespräch ermuntert.
Es sei sehr bereichernd, miteinander zu reden, obwohl auch das Alleinsein
wichtig sein kann, um Klarheit über bestimmte Dinge zu erlangen.
Ein weiteres Thema war
die Frage, ob anarchistische Utopien angesichts der "Bodyguard-Realität"
nicht lächerlich seien. Wir seien selber imperialisiert und kolonialisiert
und könnten uns nicht verändern. Für andere ist Veränderung möglich, indem
sich im täglichen Leben miteinander an eine Utopie angenähert wird. Utopische
(Tag-)Träume als Handlungsmotiv seien nicht zu unterschätzen.
Da Tendenzbehauptungen
nicht widerlegbar sind, sind viele politische Diskussionen über die weitere
Entwicklung der Menschheit mit unterschiedlicher Perspektive zu führen: Die
einen glauben an den Untergang, die anderen sehen Ansätze zu menschenwürdigen
Lebensformen in Freiheit und Frieden.
In Gesprächen sei die
Vielfalt menschlicher Lebensformen erlebbar, wenn mensch sich nicht von althergebrachten
Denkmustern dazu verleiten läßt, den anderen in einfache Schubladen zu stecken.
Als Filosofin oder Filosof habe man selbst die Verantwortung für das, was
mensch tut, übernommen...
Mark Astral und Matthias
vom freien filosofischen
Forum Frankfurt
Kontaktadresse:
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