AG
12Zusammenfassende Überlegungen
zu Anarchismus und Feminismus:
* Wie auch die anderen
in unserem patriarchalen Kulturkreis entwickelten Herrschaftskritiken - bis
auf den Feminismus - wurde der Anarchismus, soweit bekannt, inhaltlich und
praktisch weitgehend von (weißen) Männern bestimmt.
Das bedeutet, daß die
in keiner anderen Weltanschauung so radikal formulierte Forderung nach der
generellen Abschaffung der Herrschaft aller Menschen über alle
Menschen überwiegend aus männlich-weißen Blickwinkeln dargestellt worden ist
und wird.
Dabei lag und liegt
der anarchistische und anarchosyndikalistische Schwerpunkt bisher weitgehend
auf den öffentlichen Machtverhältnissen (z. B. Staat, Betrieb, Militär, Erziehungs-
und Bildungswesen, Kultur).

Einige Frauen besetzten zu Beginn der Abschlußveranstaltung das Podium
- aus Protest gegen die sexistischen Vorfälle während der Libertären
Tage
Foto: Klaus Malorny
Politik, hier verstanden
als gesellschaftsveränderndes Handeln, wird nach wie vor mit öffentlichen
Aktivitäten gleichgesetzt. Was mensch im sogenannten Privatbereich tut, gilt
als politisch unwichtig, d. h. als nicht-relevant für den Erhalt oder den
Abbau von Herrschaft.
* Ausgehend von der
Gewalt in den 'eigenen vier Wänden' (Vergewaltigen und Schlagen von Frauen
sowie von Kindern, ökonomische Erpressung, unbezahlte SklavInnenarbeit, Eingepferchtsein
in der heterosexuellen Zwangsehe, usw.), formte sich vor 25 Jahren das Leitmotiv
der Neuen Frauenbewegung: Das Persönliche bzw. das Private ist politisch.
Die Revolutionierung
der eigenen Person und der zwischenmenschlichen Beziehungen im sog. Privatbereich
sollte auf die gesamtgesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse übergreifen.
Vernachlässigt wurde
und wird dabei wiederum die Frage, inwieweit die patriarchalischen öffentlichen
Einrichtungen wie Staat, Betrieb, Kirche oder Medien unser Denken und Handeln
formen, unsere 'privaten' Emanzipationsprozesse steuern, behindern oder nutzen,
ideologisch wie materiell, mit 'Zuckerbrot' (Reformprogramme, Staatsknete)
oder 'Peitsche' (Paragraph 218).
* Das hiesige Naserümpfen
(nicht aller!) AnarchistInnen und AnarchosyndikalistInnen über den feministischen
'Separatismus' (Absonderung) einerseits, zum anderen die auch von staatsfernen
Feministinnen verinnerlichte Abwertung von Anarchie zu Chaos, Terror oder
weltfremder Spinnerei sind einer Gesamtschau beider Widerstandsformen gewiß
wenig förderlich. Die nähere Bestimmung von Anarchismus-Feminismus ist daher
(vorerst) ein spannendes, aber auch mühsames Unterfangen.
Eine der ungelösten
Fragen lautet, was eigentlich Frauen mit Anarchie verbinden. Von jüngeren
wie älteren Frauen erhielt ich hierzu in der AG spannende Anregungen. Augenfällig
war, daß sie den häufig zu Aktion oder Organisation verkürzten Anarchiebegriff
als umfassende Lebensform auffaßten.
Widerstand, Revolution,
Solidarität, Freiheit - wie sieht frau diese Begriffe?
Die Diskussion steht
erst ganz am Anfang.
Bea, Frankfurt/M.
Kontaktadresse:
Frauen-AG/Mittwochsgruppe,
c/o Dezentral, Wittelsbacherallee 45, 60316 Frankfurt/M.
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