AG
14 Die AG fand am Freitag
in zwei Teilen zu je 1,5 Stunden, statt.
Es gab zwei Referate
mit Diskussion:
1. Die Beginen von Sylvia
Schliebe, Christine Preiß, Karin Fleischmann.
Anwesend waren unerwartet
viele Frauen und einige Männer (etwa 150 Frauen und 7 Männer). Die Anwesenheit
der Männer war problematisch und nach mehreren zum Teil unglücklich verlaufenden
Ansätzen, dies zu thematisieren, gingen diese Männer und einige Frauen.

Während der Libertären Tage '93-Demonstration
Foto: Thomas K.
Die Beginen
Die referierenden Frauen
begannen mit ihrem persönlichen Zugang zum Thema:
Sie lebten zu derzeit
mit ihren Kindern zusammen in einem kleinen Bauernhof im Vogelsberg. Zwei
dieser Kinder waren von ihrem Vater jahrelang sexuell ausgebeutet und vergewaltigt
worden. Die Aufdeckung und Beendigung dieser Gewalt sowie der Schutz der Kinder
und ihnen selber bestimmen seitdem noch mehr als vorher ihr Leben.
Im Rahmen dieses Hintergrundes
und der Befassung mit den Ursachen dieser gewalttätigen Gesellschaft mit dem
Blick auf das Ausmaß und die Auswirkungen sexueller Gewalt stießen sie auf
Aussagen der Begine Marguerie Porete, die im 14. Jhd. die wesentlichen Lebensgedanken
und -realitäten der Beginenbewegung in einem Buch aufgeschrieben hatte ("Der
Spiegel der einfachen Seele").
Schon damals wurde von
vielen Frauen und einigen wenigen Männern die Bedeutung "privater"
sexueller Gewalt und das Ausmaß und die damit verbundene Gesellschaftsform
erkannt und benannt. Marguerite umriß in ihrem Buch praktisch die gesamte
Philosophie der sogenannten Aufklärung, nur daß sie Humanismus und Freiheit,
seelische und körperliche Unversehrtheit für alle forderte - nicht nur für
weiße, europäische Männer.
Dieses Buch wurde über
die Diskussion darüber weitergegeben und vermittelt. Es war eines der meistgelesenen
und -gehörten seiner Zeit.
Da Marguerite die Thesen
von der Gleichheit und Freiheit und Integrität der Menschen nicht zurücknahm,
wurde zunächst ihr Buch und später sie selbst von kirchlich und weltlich Herrschenden
verbrannt.
Die Beginenbewegung
Diese war eine große
Bewegung, die im Kern freiheitlich und hierarchiefrei Leben und Gesellschaft
entwickelte. Ständig stand sie zwischen der Integration in die herrschenden
Strukturen einerseits - so war eine gesellschaftskritische Debatte außerhalb
der kirchlichen Lehrmeinung kaum möglich, ohne Verfolgung und Tod durch die
gerade eingeführte Inquisition zu erleiden -, andererseits war das Gedankengut
und das Leben der meisten in der Bewegung nicht mit dem Herrschaftsanspruch
von Staat und Kirche, also mit dem männlichen Herrschaftsanspruch schlechthin,
zu vereinbaren.
In dieser Balance entwickelte
die Bewegung viele Ansätze zur Integration, wie auch im Austritt aus bestehende(n)
Machtverhältnissen, um ein möglichst freiheitliches, antimilitaristisches
und hierarchiefreies Leben möglichst lange für viele zu ermöglichen.
Es hat 300 Jahre gedauert,
die Bewegung zu zerstören und erst die anschließend millionenfache Verfolgung
von Frauen als Hexen konnte den Traum von Freiheit und Würde zunächst einmal
für eine Bewegung von vielen Tausenden beenden.
Die Bewegung der Beginen
hatte keine "reinen Formen", sondern war der vielfache erfolgreiche
Versuch von Frauen, durch ihr Leben der Gewaltherrschaft des Patriarchats
vielfältig und differenziert Widerstand entgegenzusetzen. Heute geht es uns
darum, mit Hilfe der Geschichte und auch der Gegenwart solche Spuren des Widerstands
zu finden, neu zu benennen und damit den Widerstand fortzusetzen.
Als
sehr empfehlenswerte Literaturangabe sei hier genannt: Ute Weinmann, "Mittelalterliche
Frauenbewegungen", Verlag Centaurus
Hexen - Hexenverfolgung
Nach einer halbstündigen
Pause begann Barbara Köster ihren Vortrag zum Thema "Hexen". Barbara
Köster arbeitet in der Frankfurter Frauenschule, deren Inhalte autonom gestaltet
werden, obwohl sie von der Stadt und dem Land Hessen finanziert wird.
Verschiedene Punkte
des Referates:
Vorbemerkung:
Es gab den Glauben an
die Hexen, an die Möglichkeit von Magie.
Das hing sicher auch
damit zusammen, daß der Glaube an die Allmacht der Kirche schwand. Die Kirche
merkte, daß sie sich nicht durchsetzen würde, daß sie an Terrain verlor. Dies
wurde vor allem durch die Krankheitsepidemien (Pest), durch die aufkommende
Aufklärung und Reformation und dadurch, daß die Welt "immer größer"
wurde (1492 Columbus), verursacht.
Durch diese Verunsicherung
fühlten sich viele nicht mehr im christlichen Kosmos geborgen. Dafür mußte
es einen Grund geben, der in der Regel nicht bei sich selbst gesucht wurde,
sondern es mußten dunkle Kräfte im Spiel sein.
Es ist kein Zufall,
daß parallel zur Hexenverfolgung die Judenpogrome auftreten. Auch diesen wurden
ja dunkle Kräfte zugeschrieben.
Nachdem die Kirche ihren
Kampf gegen die Außenfeinde (Kreuzzüge) großteils geführt hatte, begann sie
den Kampf gegen die inneren Feinde (Sekten, KetzerInnen).
KetzerIn: lehnten die
Kirche als Vermittlungsinstanz zum Göttlichen ab, hatten eigene PredigerInnen
und direkten Zugang zur Bevölkerung, da die Predigten in Landessprache statt
Latein gehalten wurden. Die Frauen waren häufig gleichberechtigt und häufig
hatten sie ein freieres Verhältnis zur Sexualität (d.h. diese galt nicht als
Sünde).
Neben der Kirche gab
es gleichzeitig einen anderen Pol, der die Verfolgung organisierte: der aufkommende
moderne Staat; die Vertreter der sich formierenden modernen Rationalität;
die modernen Wissenschaften, die der Vernunft zum Durchbruch verhelfen wollten.
Für sie gab es nur eine
Art mit der Natur umzugehen, nämlich sie zu beherrschen und in einen Kausalzusammenhang
zu pressen und sich ihr nicht mehr anzupassen wie die Hexen. Diese behandelten
in ihrer Heilkunde gleiches mit gleichem wie etwa in der Homöopathie.
Es sollte nur noch eine
Weise geben, Frau zu sein, nämlich als das andere des Mannes. Eben nicht das
Mittelalter ist das dunkle Zeitalter der Verfolgung, sondern die Renaissance,
der Humanismus, die Reformation, die beginnende Naturwissenschaft, die beginnende
Moderne, das Zeitalter der Rationalität. (Bacon wollte die Natur auf die Folter
spannen wie die Hexen, damit sie ihre Geheimnisse ausplaudere.)
Im Grunde wäre, in dem
sich damals neu bildenden Diskurs des Subjekts ein neues Geschlechterverhältnis
denkbar gewesen, z.B. nicht mehr auf feudalistischem Zwang beruhende Ehen,
sondern freie Beziehungen freier Subjekte. Das sollte anscheinend auf jeden
Fall verhindert werden. Die Frauen sollten das ganz Andere bleiben, die Natur
repräsentieren, die zu beherrschen war, auf keinen Fall auch ein Subjekt sein.
Weder in der Kirchenlehre gab es eine weibliche Seele oder Heilsgestalt noch
gab und gibt es in der Moderne ein weibliches Subjekt. Das ist bis heute unser
Problem geblieben.
In welchen Kategorien
sich selbst definieren, wie vom Objekt zum Subjekt werden?
Verfolgt wurde in den
Hexen immer nur das Eigene, daß mann als das Eigene nicht wahrhaben wollte,
dessen mann sich selbst entledigen wollte. Gefühle, Abweichungen, Naturverhaftetsein,
Tod, Unglück, Armut, aber auch Überschwang, Rausch, Glück. Alles was darauf
verwies, daß es noch etwas Anderes geben könnte als den einen Gott, die eine
Wahrheit, das männliche Modell.
Getötet wurde der eigene
Zweifel. Diese Verlagerung von Unerwünschtem in andere Völker, in das andere
Geschlecht ist ein Grundmechanismus der modernen Persönlichkeit und natürlich
noch immer wirksam. Nur die Methoden haben sich geändert, was nicht heißt,
das sie weniger grausam wären.
Die Hexe gibt es nicht
mehr. Sie wurde zur Melancholikerin und lebt heute in der Psychiatrie, vollgestopft
mit Valium. Der Fortschritt ist gering.
Rike Bürmann
in Zusammenarbeit mit den Referentinnen
Kontaktadresse:
Die Perspektiven"diskussion"
fand am Sonntag von 17.00 bis 19.00 Uhr statt. Zur Verdeutlichung von konkreten
Perspektiven wurden zwei Projekte vorgestellt. Aufgrund des Zeitmangels hat
sich die Diskussion vor allem an den beiden Projekten und deren Alltag festgemacht
bzw. wurden Fragen beantwortet.
1. Das Projekt "El
Locco"
Vier Frauen aus Berlin
stellten das El Locco mit Dias vor. Die Ideen und Vorstellungen des El Locco-Projektes
entstanden anfang der 80er Jahre. Im Herbst 1987 wurde Cafe/Kneipe offiziell
eröffnet. Eine Gruppe von 12 Personen machte das Cafe und Veranstaltungen
mit Videos aus den Medienwerkstätten, thematische Filmreihen, organisierten
Infoausstellungen, politisches Theater, Lesungen und verschiedenes anderes.
Die Zusammensetzung wechselte über die Jahre. Eine Konzeption von Öffentlichkeitsarbeit
und politischer Kultur waren die hauptsächlichen Inhalte.
Sie setzen sich ein
für eine "andere Kultur und Öffentlichkeit", für und mit Menschen
von anarchistischen-feministischen Vorstellungen.
Nach April '93 hat sich
das Frauenkollektiv des El Loccos (aus mir unbekannten Gründen) aufgelöst.
Elisabeth arbeitet jetzt sowohl mit Frauen als auch mit Männern zusammen.
Programm und nähere Infos:
2. Das Projekt "Marguerite
Porete"
Drei Frauen aus dem
Vogelsberg stellten ihr Projekt vor. Sie haben inzwischen ein Haus gekauft,
wo sie zu viert mit ihren Kindern gemeinsam leben, wohnen und arbeiten.
Sie befassen sich mit
den Ursachen und den Auswirkungen von sogenannter "Privater" und
"Öffentlicher" Gewalt in der Gesellschaft. Der wesentliche Blick
gilt dabei der sexuellen Gewalt denen Menschen, insbesondere Frauen und Kinder
ausgesetzt sind. Sie wollen mit ihrem Projekt alle Bereiche des Lebens und
der Wahrnehmung erschließen.
Das Projekt beinhaltet
daher gleichwohl die Bereiche Kommunikation, Kultur, Forschung, Gästehaus-
und Sommercamps, Bildungsarbeit, Publizierung, Salons und Arbeit mit jungen
Mädchen und Frauen.
Eine Grundlage der Arbeit
der Frauen des Projektes bildet die Aufarbeitung von Geschichte, als einer
Geschichte der Unterdrückung aber auch des Widerstandes dagegen.
Ein Bezug dazu ist die
Beginenbewegung des 12. bis 14. Jahrhunderts. Allerdings liegt den Frauen
nichts an einer mystischen Verklärung von Abläufen und Fakten, sondern an
einer sehr handfest greifbaren Analyse von Geschichte und Gegenwart mit dem
Ziel, gewalttätige patriarchale Strukturen jetzt zu überwinden.
(...)
(Anmerkung der Red.:
Das Projekt hat sich 1995 aufgelöst.)
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